2 Hochschul-Professoren wollen halbe Landesklinik kaufen

rd | 05. September 2019, 17:30 | 98 Kommentare
Provincial- Heil- u. Pflege-Anstalt Bedburg-Cleve (Lageplan 1912), kurz auch schlicht „Anstalt“ genannt
The art of the deal? Prof. Untiedt, Prof. Brandt

All-in! In Bedburg-Hau bahnt sich das größte Grundstücksgeschäft in der Geschichte des Ortes an: Die Hälfte des Geländes der LVR-Klinik soll offenbar schon in den nächsten Wochen den Besitzer wechseln. Als Käufer im Gespräch sind zwei Professoren der Hochschule Rhein-Waal, die auf dem Areal schon jetzt geschäftlich aktiv sind – eine Nebentätigkeit, die ihnen ein beträchtliches Vermögen beschert hat.

Seit wenigen Tagen ist die Tagesordnung für die anstehende Sitzung des Krankenhausausschusses 4, ein Gremium des Landschaftsverbandes Rheinland, im Internet abrufbar. Die Sitzung beginnt am Mittwoch, 11. September, um 10 Uhr im Gesellschaftshaus der LVR-Klinik, und zwar wie üblich mit dem nicht-öffentlichen Teil, in dem Jahresabschlüsse und Lageberichte besprochen werden. Und unter Punkt 6 der Tagesordnung das Grundstücksgeschäft historischen Ausmaßes.

Die Vorlage mit der Nummer 14/3479 E trägt den Titel „Veräußerung des nördlichen Teils der LVR-Klinik Bedburg-Hau“, dazu trägt vor das LVR-Dezernat Gebäude- und Liegenschaftsmanagement, Umwelt, Energie, Rheinische Beamten-Baugesellschaft mbH. Da die Vorlage im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung besprochen wird (was bei Grundstücksangelegenheiten normal ist), fallen die Informationen, die der Landschaftsverband Rheinland zu dem Vorgang im Vorfeld herausgibt, naturgemäß spärlich aus.

Eine Sprecherin teilte kleveblog mit: „Das unter Denkmalschutz stehende Klinikgelände der LVR-Klinik Bedburg-Hau wird nicht mehr in Gänze für die dienstlichen Aufgaben des LVR benötigt. Aus diesem Grund wird die Veräußerung einer Teilfläche angestrebt. Die zuständigen politischen Gremien werden über den Stand der Verhandlungen informiert und um Zustimmung für die Fortführung und Konkretisierungen der Vertragsverhandlungen gebeten. Im Zentrum der Verhandlungen stehen die Vereinbarkeit der Nachnutzung des Geländes mit den Zielen der LVR Klinik Bedburg-Hau, die möglichst umfängliche Erhaltung der denkmalgeschützten Gebäude und die Qualität des Areals als parkähnliche Fläche.“

Dass die pittoresken Backsteinbauten mit den heutigen Standards der psychiatrischen Betreuung nicht mehr in Einklang zu bringen sind, steht seit vielen Jahren außer Zweifel. Die LVR-Klinik, die früher auch mal Landesklinik und Landeskrankenhaus hieß, wurde im Jahre 1912 nach vierjähriger Bauzeit als 8. Provinzial Heil- und Pflegeanstalt eröffnet und war mit 90 Gebäuden auf rund 80 Hektar Gelände eine der größten Kliniken in Europa. Mittlerweile hat sich die Klinik auf die Betreuung gerichtspsychiatrischer Patienten spezialisiert, die Versorgung selbst findet zum größten Teil in Neubauten am südlichen Rand des Geländes statt.

Doch das Vorhaben, in dem parkähnlichen Gelände für die denkmalgeschützten Gebäude eine neue Nutzung aufzutun, gestaltete sich schwierig. Der Minigolfplatz verrottet. Das Kunstprojekt ArToll belegt einmal jährlich ein Gebäude für eine Ausstellung. Ein freies Theater fand in einem ehemaligen Wohnheim für Krankenschwestern ein Zuhause.

Dann aber kam die Scientific Freshers GmbH der beiden Professoren Dr. Thorsten Brandt und Dr. Dirk Untiedt, die an der Hochschule Rhein-Waal Maschinenbau unterrichten und von der damaligen Präsidentin Professor Dr. Marie-Louise Klotz mit einem Nebenjob versorgt wurden: Ihr Unternehmen sollte jungen Menschen aus aller Welt (am Anfang vor allem China) eine Hochschulzugangsberechtigung verschaffen. Der einjährige Intensivkurs kostete die Teilnehmer rund 15.000 Euro pro Person – bei rund hundert Teilnehmern pro Jahr ein lukratives Business.

Untergebracht wurden die jungen Menschen in einem Schwesternwohnheim auf dem Gelände der LVR-Klinik, auch Lehrgänge fanden dort statt. Als die Scientific Freshers GmbH als weiteres Betätigungsfeld auch die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge entdeckte, kam die Nutzung weiterer Gebäude hinzu.

Damals kamen die beiden Unternehmer offenbar auf den Geschmack. Schon im Jahre 2016 vermeldete Andreas Gebbink in der NRZ, dass seitens des Instituts (als solches fungierte die GmbH damals noch) Interesse daran bestehe, den weitgehend ungenutzten Teil der Klinik zu kaufen. In dem Artikel hieß es: „In vier Teilabschnitten sollen nun der gesamte Nordteil erworben werden. Auf dem Gelände sollen weitere Studierende und qualifizierte Asylbewerber studienreif gemacht werden.“

Doch die Verhandlungen zogen sich über Jahre hin. Mittlerweile aber ist ein Architekt hinzugezogen worden, und es geht wohl auch darum, dort zwischen Uedemer Straße und Bahnlinie gewissermaßen einen neuen Ortsteil für die Gemeinde zu etablieren. So ist wohl die Formulierung „möglichst umfängliche Erhaltung der denkmalgeschützten Gebäude“ zu deuten. Manches muss dann vermutlich auch weichen.

Über die mögliche Kaufsumme verlautete naturgemäß nichts, der Preis dürfte aber angesichts vieler Unwägbarkeiten (Umwidmung zu Bauland, Infrastruktur) ohnehin mit einigen Variablen versehen sein. Klar ist aber auch, dass die Kasse der Scientific Freshers GmbH gut gefüllt ist. Ausweislich der zuletzt beim Bundesanzeiger veröffentlichten Bilanz hat das Unternehmen unter dem Punkt „Kassenbestand, Bundesbankguthaben, Guthaben bei Kreditinstituten und Schecks“ zum 31.12.2017 einen Betrag von 1.494.120,37 Euro aufgelistet.



Ab sofort im Handel: der neue KLEVER!

rd | 02. September 2019, 12:37 | 12 Kommentare
Kleves beste Seiten, wie immer im Zeitschriftenhandel käuflich zu erwerben

… mit Berichten über Walter Gieseler (wäre am 3. Oktober 100 Jahre alt geworden), Radfahrerträume, eine ungewöhnlichen Hausgemeinschaft an der Heldstraße, einem ganz besonderen Yogakurs, dem Wettstreit der beiden Investoren Bernd Zevens und Clemens Wilmsen, das Bahnhofspflaster, die größte Attraktion Hollands, Störche, den (ehemals) bekanntesten Kiosk der Stadt, den bevorstehenden Umbau im Museum B.C. Koekkoek Haus, neue Restaurants und über das schönste Jubiläum des Jahres – 100 Jahre Volkshochschule. Prädikat: Lesenswert!



Fall Boxnick: Kreis lässt prüfen

rd | 02. September 2019, 12:12 | 37 Kommentare
Eine Art historisches Dokument der Zukunft: Die Spitze der Kreisverwaltung empfängt Anfang Juli zwei Vertreter der Hochschule. Auf dem Bild von rechts: Zandra Boxnick (Allgemeine Vertreterin des Landrats), Wilfried Suerick (Berater des Landrats), Michael Strotkemper, Kanzler, Dr. Oliver Locker-Grütjen, Präsident, beide Hochschule Rhein-Waal, Wolfgang Spreen (Landrat)

Die Kommentare auf kleveblog sind nicht nach jedermanns Geschmack, und, zugegeben, das Niveau der Beiträge changiert. Doch wie wertvoll die Funktion ist, damit  Vorgänge transparent werden, die sonst vielleicht heimlich in Hinterzimmern geregelt worden wären, haben in der vergangenen Woche die Wortmeldungen eines unbekannten Lesers mit dem Nickname Bert gezeigt, der den Fall Zandra Boxnick öffentlich machte.

Wie kleveblog nun aus den Reihen der Kreisverwaltung erfuhr, hat die Behörde zu der pikanten Personalie ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Geklärt werden soll, wie die Zukunft der 48 Jahre alten Verwaltungsmitarbeiterin aussehen könnte. Boxnick fungiert seit dem 1. Januar 2014 als Allgemeine Vertreterin von Landrat Wolfgang Spreen – aber einer Verlängerung ihrer Beschäftigung über das Jahr 2022 hinaus stehen wohl erhebliche rechtliche Hürden entgegen.

In einer Serie von Kommentaren hatte sich Bert angesichts der jüngsten Nachrichten aus dem Kreishaus mit der Zukunft der Vertreterin befasst. Zunächst hieß es: „Wer wohl nach dem Niedergang des ‚Systems Suerick‘ ganz im Regen stehen dürfte, ist die jetzige allgemeine Vertreterin, die nie eigene Akzente setzen durfte – vielleicht auch gar nicht konnte, da der Kreis Kleve ja im Ruf steht, alle Entscheidungen einem älteren Herren im Alter von ca. 85 🙂 zu überlassen. Bin mal gespannt, wie die von ihrem Wahlamt ,Allgemeiner Vertreter des Landrats‘ noch vor Ende der Amtsperiode Spreen in eine als sicherer angesehene Stellung beim Kreis Kleve gerettet wird. Ansonsten stünde ja ab 2022 die Neuwahl eines Allgemeinen Vertreters an.“

In einem zweiten Kommentar erläuterte er, warum Zandra Boxnick wahrscheinlich als „größte Verliererin“ aus dem bevorstehenden Revirement hervorgehen werde. Ihr fehle, so Bert, schlichtweg die Qualifikation, die nötig sei um als Wahlbeamtin erneut in dieses Amt gewählt zu werden. Wörtlich hieß es: „Das ist so interessant, auch vor dem Hintergrund der Personalbesetzungspraxis beim Kreis Kleve, weil § 47 Abs. Kreisordnung NRW vorschreibt, dass allgemeine Vertreter entweder die Befähigung zum Richteramt oder zur Laufbahngruppe 2, 2. Einstiegsamt (ehemals höherer Dienst genannt) haben. Wann man die Befähigung zum ehemals höheren Dienst hat, war, ich glaube 2016, Gegenstand einer Reform des Beamtenrechts. Früher konnte man einfach mit besonders guten Beurteilungen und einer kleinen Schulung befördert werden. Heute darf man in den höheren Dienst nur, wenn man zusätzlich zu den guten Beurteilungen entweder ein Masterstudium oder eine sog. mehrjährige modulare Qualifizierung hinter sich gebracht hat (§§ 24,25,26 LVO NRW und Qualifizierungsverordnung des höheren allg. Verwaltungsdienstes NRW). Frau Boxnick hat, wie man so erfahren kann, weder die modulare Qualifizierung noch ein Masterstudium absolviert. Zum Zeitpunkt Ihrer ersten Wahl galt noch das lockere, alte Beamtenrecht.“

Sodann schlug Bert in einem dritten Kommentar auch gleich vor, wie der Kreis Kleve vorgehen könnte, um Frau Boxnick doch noch in der gewünschten Position halten zu können: „Wenn ich der Kreis Kleve wäre, würde ich behaupten, Frau Boxnick habe die Qualifikation zu einer Zeit erlangt, zu der es noch nicht nötig war, zusätzlich zu studieren. Daher könne ihr das auch heute nicht entgegengehalten werden. Dann würde ich einen Vermerk für die Akten schreiben und die Ernennung im nächsten Jahr vornehmen und hoffen, das Ganze gehe an der Öffentlichkeit vorbei. Letzteres liegt ja auch nahe, weil Frau Boxnick eh nicht wahrgenommen wird, da jeder weiß, die Entscheidungen beim Kreis Kleve haben Herr Suerick und dann vielleicht auch Herr Spreen getroffen. Sie erschien da immer als notwendig, damit Herr Suerick weiter ungehindert als Berater regieren konnte.“

Süffisant merkte der offensichtlich gut informierte Diskutant an, dass er an dieser Stelle verschweigen würde, dass Frau Boxnick ganz neu ernannt werden müsste, da sie eine Wahlbeamtin sei. Sie sei zwar zuvor auch schon bei der Kreisverwaltung tätig gewesen, aber man könne niemals zwei Beamtenverhältnisse gleichzeitig innehaben. Nach § 14 Landesbeamtengesetz Abs. 3 und 4 sei zudem eine Neueinstellung in ein Beamtenverhältnis bei Menschen über dem 42. Lebensjahr ausgeschlossen. Bert weiter: „Wenn sie also jemand halten will, dann wird es so geschehen und alle drücken ein Auge zu. Wenn sie jemand loswerden will, dann wird’s auf dem anderen beschriebenen Weg geschehen.“

Zandra Boxnick begann ihre Laufbahn beim Kreis Kleve vor nunmehr gut drei Jahrzehnten. Damals war sie 16 Jahre alt. Als sie vor fünf Jahren zur Allgemeinen Vertreterin befördert wurde, hieß es in der dazu versandten Pressemitteilung: „[Zandra Boxnick] hat in den 27 Jahren Berufstätigkeit viele Aufgabengebiete kennengelernt. Begonnen hat sie in der Straßenverkehrsabteilung im Zulassungs-/Führerscheinbereich. Danach wechselte sie ins Hauptamt. Der damalige Oberkreisdirektor Rudolf Kerstin setzte sie kurze Zeit später als seine persönliche Referentin ein.“ Seit 2002 sei sie in Leitungsfunktionen tätig, Anfang des Jahres 2011 habe sie die Führung des Fachbereichs Zentrale Verwaltung übernommen. Zandra Boxnick stammt aus Kevelaer und lebt in Bedburg-Hau.


Verhafteter Filmemacher: Staatsanwaltschaft fördert weitere Vorwürfe zutage

rd | 27. August 2019, 10:45 | 2 Kommentare
Verstörende Nähe: Bild von einem Ferienlager, dass der Filmemacher aus Kevelaer mit Kindern abhielt

Seit dem 24. Juli sitzt der Filmemacher und Sozialpädagoge aus Kevelaer in Untersuchungshaft – nachdem er in einer Selbstanzeige zugegeben hatte, in den Jahren 1998 bis 2002 in 40 Fällen sexuelle Handlungen zum Nachteil eines Kindes aus seiner Verwandtschaft vorgenommen zu haben. Zudem gelangten die Fahnder in den Besitz einer Fallakte aus Norddeutschland, wo es in Ratzeburg im Rahmen einer Ferienfahrt mehrerer Schüler ebenfalls einen sexuellen Vorfall in Gegenwart eines Teilnehmers gegeben hatte. DNA-Spuren konnten dem Mann vom Niederrhein, der eine Filmdokumentation über die Reise erstellen wollte, zugeordnet werden.

Als die ermittelnden Polizisten dann erfuhren, dass der Kevelaer von 2002 an Ferienfreizeiten mit Kindern organisiert hatte, ahnten sie nichts Gutes. Jetzt, so hat es den Anschein, haben sich diese Befürchtungen bewahrheitet. Wie die Rheinische Post heute berichtet (Neue Missbrauchsvorwürfe gegen Sozialpädagogen), geht die Staatsanwaltschaft Kleve Vorwürfen nach, die mit eben diesen Ferienlagern, die der 49-Jährige über einen eigenen Verein durchführte, in Verbindung stehen. 2016 und 2018 soll es bei zwei Ferienfreizeiten zu jeweils einem sexuellen Missbrauch gekommen sein. Zudem berichtete Günter Neifer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kleve, dass es im Februar 2019 bei einer Übernachtung in einer Turnhalle ebenfalls einen Vorfall gegeben haben soll.

An den Jugendreisen, die der von dem Filmemacher begründete und geführte Verein durchführte, nahmen insgesamt 456 Kinder teil. Die Kinder waren zum Zeitpunkt der Reise zwischen zehn und 14 Jahren alt, die Gruppen wurde jeweils von acht Betreuern begleitet. Die letzte Tour führte die Teilnehmer im vergangenen Jahr vom Niederrhein zur Nordseeinsel Langeoog.

Die bisherigen Berichte zu dem Fall:

Nach Selbstanzeige: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Filmemacher wegen „sexuellen Missbrauchs“

Verhafteter Filmemacher: Was offenbart ein ausgezeichnetes Gespräch?