Nur noch 16 Latte macchiato! Café No. 3 (ehemals Koffie Kompanie) schließt Ende März

Schluss mit Siebträger: Jule Pannen, Shirley Gander und Anna-Lea Koßbu

Wer je das Vergnügen hatte, in Lissabon in der Confeitaria Nacional von Balthazar Castanheiro am Rossio einzukehren und mit eigenen Sinnen zu erleben, welcher Genuss damit verbunden sein kann, außerhalb der eigenen vier Wände in Gesellschaft vieler anderer Menschen, manche mögen bekannt sein, andere wildfremd, einen Kaffee zu trinken, der muss an dieser Stelle in tiefe Trauer ausbrechen, denn das, was das Café in der iberischen Metropole für alle Portugiesen war, dahin war im Begriff sich zu entwickeln das Café No. 3 (ehemals Koffie Kompanie) in der Kavarinerstraße in Kleve.

Wer je an einem lazy Samstagmittag dort gesessen hatte, erlebte in den vergangenen Monaten ein inspirierendes Panorama aus vielen Zungen, in vielen Altern und mit vielen Geschmäckern, sodass mitunter ein fröhliches Miteinander aus Deutsch, Niederländisch und Englisch herrschte, eines aus Zimtschnecken und deftigen Broten, oder aber eines aus feinstem Latte macchiato und äußerst wirkungsvollem Caipirinha. Man ging gerne dahin, nicht, weil es preisgünstig war, sondern weil es Erleichterung versprach.

Das angezogene Publikum changierte auf eine angenehme Weise zwischen Menschen, wie man sie vorher im St. Oberholz in Berlin kennengelernt hatte (Typ: prekärer Projekte-Hipster) und solchen, an die man sich noch aus dem Café Mölders an der Stechbahn zu erinnern glaubte oder aus dem nicht minder legendären Café Tesch (Typ: Klever Personal, das auch in eine Derrick-Folge gepasst hätte).

Dass all sich dies am Ende so wunderbar mischte, war das Verdienst von drei jungen Frauen, die am 1. April 2023 das Lokal übernommen hatten, als es nach verschiedenen Aufs und Abs im Grunde am Boden lag, und die mit einem vermutlich übermenschlichen Einsatz dem Laden eine Seele einhauchten, die leuchtete und nicht nur nach Dollarzeichen in den Augen aussah.

Doch diese wunderbare Entwicklung findet nun, nach exakt zwölf Monaten, schon überraschend schnell ein Ende: Am 30. März wird der letzte Latte über den Tresen wandern. Die drei Betreiberinnen, Anna-Lea Koßbu, Jule Pannen und Shirley Gander kündigten an, sich wieder ihrem Studium zuwenden zu wollen – das mit so viel Einsatz neu aufgestellte Café wird geschlossen.

Stand heute gibt es also noch exakt 16 Geschäftstage. Wie es weitergeht, ist noch nicht bekannt, die Sache es kompliziert, da in den Räumen zudem bekanntlich auch noch eine Kaffeeröstetei betrieben wird, und hinter allem bekanntlich zwei Mediziner aus Goch stehen, deren Intentionen natürlich auch noch erfragt werden müssen.

Es wäre traurig, wenn all dies am Ende in einer großen Implosion kulminieren würde, andererseits sind die Zeiten für Gastronomie gerade nicht die allerbesten. „Es fällt mir sehr schwer darüber zu reden“, sagt Shirley Gander, eine der drei Betreiberinnen. „Es tut ganz doll weh.“ Einige Sätze sagt sie dann doch, in denen sie von dem immensen Arbeitseinsatz spricht, der für den Betrieb des Cafés nötig war. 80 bis 90 Stunden hätten sie pro Woche gearbeitet, und zu viele andere Dinge seien deshalb auf der Strecke geblieben.

„Wir hatten keine Zeit mehr für die Menschen, die uns lieb waren“, sagt Shirley Gander. „Wir blicken dankbar zurück auf eine tolle Zeit, die wir nicht missen möchten.“ Nun aber sei die richtige Zeit für einen klaren Schnitt gekommen. Am 1. April fängt das Semester wieder an, Anna-Lea Koßbu und Jule Pannen widmen sich ihren Bachelor-Arbeiten, Shirley Gander studiert weiter an der Hochschule Rhein-Waal Bioscience. „Die Reise geht weiter“, so Gander.

Das gilt für die drei Gründerinnen, fraglich aber ist, ob es eine gastronomische Zukunft für den Standort geben wird. Ein weiterer Leerstand droht. Oder findet sich womöglich doch noch jemand, der mit neuem Enthusiasmus ein Café No. 4 startet? Erst einmal herrscht auf jeden Fall Saudade.

Deine Meinung zählt:

15 Kommentare

  1. 15

    Bei der Studenten-innen, gehen bei mir als Vermieter, alle Alarmglocken hoch. Meine Meinung.

     
  2. 14

    Dennoch, jenseits eines von kundiger Hand gefertigten Filterkaffees offenbart sich ein Missverständnis.

     
  3. 13

    Tja, ich verweise auf meinen zahlreich gedissten Kommentar vor einem Jahr:

    https://www.kleveblog.de/traeume-sind-milch-schaeume-drei-studentinnen-uebernehmen-koffie-kompanie/#comment-440540

    Wenn das Ding eine Goldgrube wäre würde man nicht an die Weiterführung des Studiums denken sondern selbiges schmeissen. Von daher denke ich, haben die Bilanzen da -leider- letzen Endes eine relativ klare Sprache gesprochen. Das Konzept war gewagt, ich sagte es schon vor 1 Jahr.

    Tröstlich vielleicht dass es andere ähnlich getroffen hat, z.B. Suppenschwärmerei, dass es also nicht an mangelender Liebe und Einsatz für die Sache gelegen hat.

    Bitter, ärgerlich und eine Untersuchtung wert ist warum hingegen solche Konzepte wie die Automatenkioske -scheinbar- eine Goldgrube sind. Und welche Bevölkerungsgruppe da für gnadenlos überteuerte Ware ihr Geld lässt.

     
  4. 12

    Sehr sehr schade! Das Café ist für mich eine riesige Bereicherung für Kleve gewesen und konnte am ein oder anderen Tag die Sehnsucht nach der Großstadt stillen. Hoffentlich ergibt sich – hier oder an anderer Stelle – eine schöne Alternative.
    Den drei Betreiberinnen wünsche ich alles Gute für die Zukunft und: Chapeau für den Mut eine solche Aufgabe in jungen Jahren zu übernehmen.

     
  5. 11

    @ 10. Steve Bay 2025

    Ja, wenn man manche Kommentare in der Nachlese liest, könnte es unter „freiwilliges, soziales Jahr“ fallen, das nun endet, und mit Abschiedstränen in den Augen, Heimatlose, zurücklässt. 😉

     
  6. 10

    @ 8 Frage der Zeit

    Ein freiwilliges, soziales Jahr, oder was meinen sie mit „freiwilligem Jahr“ ? 🙂 War nur ’ne Frage!

     
  7. 9

    Wenn die Inhaberinnen einen 18-Stunden-Tag hatten, dann lief das Café offenbar nicht so gut, dass entsprechendes Personal eingestellt werden konnte. Oder es fehlte das Wissen, dass es vielen erstmal so geht, wenn sie sich selbstständig machen und Personalkosten sparen (müssen).

    Und es gab vorher wohl keine realistische Einschätzung des Aufwands.

    Das Café lief nur zu bestimmten Zeiten gut. Viele Getränke sind zu teuer, das Speisenangebot nicht das richtige. Wer möchte 10.90 Euro für belegte Brote zahlen, auch wenn die Belegung gut ist? Es bleibt nun mal Brot mit was drauf/dabei. Eine Zimtschnecke für 3,50 Euro geht einfach nicht. Bei Wanders gibt es dafür ein Stück aufwändig hergestellte Torte vom Konditormeister.

    Das eingestellte Service-Personal wirkte oft etwas überfordert.

    Und wer ein Café eröffnet und sich über Laufwege beklagt, steht kurz vor der Schließung. (Wie macht Café Solo das eigentlich mit der großen Terrasse?)

     
  8. 8

    Es war eben eine Art „Freiwilligenjahr“ oder „Auswärtsstudium“ ………… so habe ich es von Anfang an gesehen. Deswegen bin ich nicht überrascht ……..

     
  9. 7

    Es ist ja auch noch, eine andere, weitere Gastronomie, die bis zum 31.03.24, schliesst. Was ich nicht verstehe: Das man erst als Studenten-innen, ein Cafe übernimmt, und dann auf einmal, nach fast genau einem Jahr nach Eröffnung, einem entscheidet, doch seinen Fokus auf das weitere Studium zu legen. Da kann ich mich nur wundern?! Meine Meinung.

     
  10. 5

    Naja, da ist doch klar was passiert: Ingo Marks eröffnet dort demnächst – unter Beachtung der Gestaltungssatzung -„Coffee & More“.

     
  11. 3

    Sehr, sehr schade ! 😢 Top Bistro mit angenehmer Atmosphäre auch für die Nachbarschaft .Hoffe
    da mal auf ein „glückliches Händchen“ des Vermieters . 👍🏼😁

     
  12. 2

    Der Frühling kommt, mein Lieblingscafe macht dicht (weil es zu gut läuft…). Ich war noch nie ein Fan von „Bauchentscheidungen“, aber diese trifft mich ins Mark. – Ich wünsche dem Trio alles Gute, obwohl die drei mich und andere in Kleve heimatlos gemacht haben!

     
  13. 1

    Schwanke zwischen Saudade und Ärger… was kein Widerspruch ist.

    Der Bericht oben ist nur die halbe Wahrheit, dem Weltschmerz geschuldet wohl.

    Als ich am Montag nach ein paar Wochen Pause am Café vorbei kam, es hatte Ruhetag, rief es mir förmlich entgegen: bald schließe ich. Keine Ahnung, warum.

    Es ist der Endpunkt einer Entwicklung, für die es mehrere Gründe gibt.