Rekonstruktion der Herzogstraße

rd | 23. Januar 2020, 11:53 | 2 Kommentare
Blick auf die freigelegte (und nun wieder verdeckte) Fassade des Hauses Herzogstr. 2
Blick in die Herzogstraße Anfang des 20. Jahrhunderts: Bis zur Einmündung Grabenstraße stehen noch keine Häuser
Hochzeitsfoto auf der Straße: Maria und Johannes Bossmann im Mai 1953 (der Knirps links im Bild ist der Gastwirt Manni Royen)
Kramt in Erinnerungen: Maria Bossmann, die ihre Kindheit und Jugend in dem Haus Nr. 2 verbrachte

(Dieser Artikel wurde im Sommer vergangenen Jahres angekündigt und ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins Der KLEVER erschienen.)

Als Handwerker im August die Fassade des Wohn- und Geschäftshauses an der Herzogstraße 3 – heute eine Gaststätte – freigelegten, kam unter der Holzverkleidung ein überraschendes Stück Klever Einzelhandelsgeschichte zum Vorschein. Die Fassade war mit zwei Geschäftsnamen bemalt: Die linke Hälfte des Gebäudes war einst der Sitz der „Kauf-Stätte Pfennig“, wie in roten Frakturbuchstaben auf der Wand zu lesen war. In der rechten Hälfte bot der Aufschrift nach C. Rauch Schreibwaren feil. 

Als kleveblog das Foto veröffentlichte (Nicht mehr ganz so neu in der Klever Geschäftswelt) und fragte, ob jemand mehr zu dieser weithin unbekannten Vergangenheit des Hauses wisse, meldete sich ein Leser und sagte, der Buchstabe C stehe für Cilly, und bei der im Februar verstorbenen Cilly Rauch handele es sich um eine geborene Hübecker. Sie habe eine Schwester, die Maria Bossmann heiße, die noch lebe und die sicher gerne über die Geschichte des Hauses berichte.

„Das stimmt“, sagt Maria Bossmann. „Ich bin in dem Haus geboren.“ Sie ist heute 91 Jahre alt und lebt in einer Seniorenwohnung an der Hagschen Poort. Beim Besuch hat sie Fotoalben, Familienbücher und alte Dokumente vor sich ausgebreitet, die das Kleve wieder erstehen lassen, das unter der Fassadenverkleidung verborgen war.

Die Großeltern mütterlicherseits von Maria Bossmann hatten das Haus 1914 in der Baulücke eingangs der Herzogstraße errichten lassen. Streng genommen, ist es dem Hausbau sogar zu verdanken, dass Maria Bossmann überhaupt das Licht der Welt erblickte. Denn ihr Großvater hatte damals seine Tochter zu einem Besuch der Schreinerei Hübecker an der Spyckstraße mitgenommen, um Holzarbeiten in Auftrag zu geben. Johanna Loock, genannt Hanneke,  erblickte in dem Betrieb, an einem Klavier übend, einen feschen jungen Mann namens Arnold Hübecker und verliebte sich in ihn. Die beiden heirateten, 1928 kam Maria Bossmann zur Welt.

In den Kindheitstagen von Maria Bossmann betrieb der Großvater im Erdgeschoss links einen Friseursalon, ihre Mutter wiederum hatte ein Hutmachergeschäft, das im Erdgeschoss rechts seinen Platz hatte. Die Großmutter war als Zahnärztin tätig und unterhielt im Haus eine Praxis. „Da stand noch ein Zahnarztstuhl mit einem Bohrer mit Fußantrieb bei uns im Haus“, erinnert sich Bossmann. „Das fanden wir als Kinder immer ganz toll.“

Zu den Kindheitsfreundinnen von Maria Bossmann gehörte eine Hannelore Rütter, deren Eltern als Mieter im dritten Stock wohnten. Der Vater war Katholik, die Mutter Jüdin. Nach der Machtergreifung der Nazis zog die Familie, die Mutter landete im KZ und überlebte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte die Familie noch einmal in die Herzogstraße zurück – um Abschied zu nehmen. „Wir wandern nach Amerika aus“, sagte Hannelore Rütter. 

Aus der Zeit des Nationalsozialismus ist Maria Bossmann noch vieles in Erinnerung, und es ist ihr wichtig, die Erinnerung daran zu bewahren. Als Maria etwa zehn Jahre alt war, hatte das Regime die Menschen jüdischen Glaubens bereits gezwungen, einen gelben Stern an der Kleidung zu tragen. Einmal sah sie einen Träger eines solchen Sterns und wollte ihren Vater darauf aufmerksam machen: „Da läuft ein Jude!“ Es war das einzige Mal, dass sie ihren Vater richtig zornig erlebte: „Das sind genauso Menschen wie du und ich.“ Ihr Vater fiel im Februar 1945 im Krieg. 

Die Herzogstraße 3 war auch das Elternhaus des Klever Künstlers Jupp Brüx. Die Familie lebte in dem Haus in einer Wohnung in der zweiten Etage. Doch an den Maler und Bildhauer, der 1944 in Kleve an Malaria verstarb, hat Maria Bossmann nur eine, ganz spezielle Erinnerungen.

Schon zu Lebzeiten hatte sich der lebensfrohe Künstler mit seinem Tod befasst – und vorhergesagt, dass der Leichenzug es nicht bis zum Klever Friedhof schaffen werde, weil die Gesellschaft zuvor im Lokal „Zu den vier Winden“ einkehre und dort versacke. So ähnlich kam es: Als der Sarg des Künstlers zum Friedhof getragen wurde, erinnert sich Maria Bossmann, gab es einen Fliegeralarm und die Trauergesellschaft musste tatsächlich in der Gaststätte Schutz suchen. 

Marias beste Freundin aus Kindertagen wohnte in einem Haus schräg gegenüber. Sie hieß Hilde Kreikamp; ihre Eltern betrieben ein Spielwarengeschäft, das den meisten Klevern (zumindest etwa bis Jahrgang 1970) noch ein Begriff sein dürfte. Als Maria Bossmann am 1. Mai 1953 kirchlich heiratete, machte ein Mitglied der Familie auf der Herzogstraße ein Foto der Hochzeitsgesellschaft. Der Bräutigam Johannes Bossmann trägt Zylinder, im Hintergrund ist der Schriftzug Kreikamp noch zu erkennen – und bei dem ungelenk wirkenden Knirps links im Bild handelt es sich um den späteren Gastwirt Manni Royen.

Anfang der fünfzige Jahre endete auch Maria Bossmanns Zeit in der Herzogstraße. Zunächst zog das junge Ehepaar in eine Wohnung am Opschlag, Anfang der sechziger Jahre – in ein neu gebautes Haus am Kieferneck in Bedburg-Hau.

Bossmanns Schwester Cilly hingegen betrieb in ihrem Elternhaus noch den Schreibwarenhandel, dessen Schriftzug bei den Bauarbeiten im Sommer zutage trat. Ende der fünfziger Jahre gab sie das Geschäft auf, die Immobilie ging an einen auswärtigen Interessenten, der mit der Familie bekannt war. An die benachbarte „Kauf-Stätte Pfennig“ hat Maria Bossmann keine Erinnerung.

Von vielen anderen Geschäften in der Straße ist nicht einmal mehr ein Schriftzug erhalten. Die Straße hatte zwar das Glück, die Bombardements des Zweiten Weltkriegs weitgehend unversehrt zu überstehen, und verströmt immer noch viel architektonischen Charme – auch wenn in einigen der Häuser mittlerweile Daddelhallen und Wettbüros darin heimisch geworden sind.

Als die Herzogstraße noch die Eintrittspforte in die Stadt war, präsentierte sich die Häuserzeile als quirliges Geschäfts- und Vergnügungszentrum: Gleich das erste Haus, heute ein Spielsalon, war etwa Anfang der sechziger Jahre die Blumenhandlung Nizza. Deren Nachbar Siegfried Hebben, der dort eine Imbissbude betrieb. Die Familie ist dem Gewerbe bis heute treu geblieben.

Links im Erdgeschoss von Nummer 3 befand sich in dieser Zeit das Malergeschäft Brunn, dessen Schild „PVC Belag“ links am Eingang ebenfalls noch erhalten geblieben ist. An der Einmündung Grabenstraße kam die Metzgerei Adler, gefolgt vom Lebensmittelgeschäft Korgel, einer Zigarrenhandlung und dem Café Baumann, in welchem gerade einmal für drei Tische Platz war.

In Richtung Ecke Opschlag gab es dann noch den Fahrradhändler Hemsen, den Friseur Ferdi Jansen und das Süßwarengeschäft Hitbrink. Die Hintbrink-Tochter Maria wurde später die Ehefrau des Unternehmers Karl Kisters.  An der Ecke selbst, damals strategisch günstig am Klever Hafen gelegen, firmierte die Spedition Heeck, deren Schriftzug an der Fassade noch zu erkennen ist.

Auf der gegenüberliegenden Seite, so erinnert sich Maria Bossmann, praktizierte ein Tierarzt, außerdem waren dort die Bäckerei Oster, das Lebensmittelgeschäft Uyl, der Zigarrenhändler Vierboom und ein Friseur ansässig. Glamour verströmte das Hotel Europäischer Hof, dessen Verglasung sich zum Teil bis heute erhalten hat.

Am Opschlag betrieb eine resolute Frau van der Steen eine Fahrradwache. Sie sprach mit westfälischem Akzent und ermöglichte es den Klevern für kleines Geld, dort ihre Räder sicher bewacht abzustellen. Wie so viele gute Ideen verschwand auch diese irgendwann in der Versenkung, um heute in den Großstädten wiederbelebt zu werden.

„Wenn ich mal nicht mehr bin“, sagt Maria Bossmann, „gehen all diese Erinnerungen verloren.“ Bis auf den hier niedergeschriebenen, sehr kleinen Ausschnitt eines reichen Lebens, der dann vermutlich in ferner Zukunft zurate gezogen wird, wenn bei der nächsten Renovierung des Hauses die Wärmedämmplatten entfernt werden und eine neue Generation auf die alten Fassadenbeschriftungen stoßen wird.



HSRW: „Rund ein halbes Dutzend“ duale Studenten

rd | 23. Januar 2020, 11:36 | 2 Kommentare
Einmal mehr verworrene Informationen aus der Hochschule (Foto: K. Oberschilp)

Sind es fünf? Oder doch sieben? Wenn einem das „halbe Dutzend“ gerundet präsentiert wird, wohnt der Information gewollt eine gewisse Unschärfe inne. Zehn werden es wohl nicht sein, acht hingegen könnte noch unter „rund ein halbes Dutzend“ fallen. Vielleicht aber auch nur vier, wir wissen es einfach nicht, und der Bericht, den wir diese Zahlenangabe entnehmen, macht sich auch nicht die Mühe, es präziser zu fassen: Studium und Beruf unter einem Dach (RP). Und so erfährt der Leser der Lokalzeitung heute sogar ganz ohne Bezahlschranke, dass es in der Fakultät Technologie und Bionik der Hochschule Rhein-Waal derzeit „rund ein halbes Dutzend“ junger Menschen gibt, die zugleich studieren und eine Ausbildung absolvieren.

Welche genaue Zahl sich auch immer dahinter verbergen mag, sie ist relativ erschreckend für eine Einrichtung, die mantraartig kommuniziert, sich mit der Wirtschaft in der Region vernetzen zu wollen. Seit nunmehr zehneinhalb Jahren. Es kommt aber, man will es kaum glauben, noch verrückter: Die Heimatzeitung stellt uns zwei dieser vier oder fünf oder sieben dualen Studenten vor. Und nun, lieber Leser, rate, wer der Arbeitgeber der beiden jungen Männer ist. Zitat aus dem Artikel: „Das Besondere: Ihr Ausbildungsbetrieb ist die Hochschule Rhein-Waal.“ Anders formuliert: Die HSRW backt sich ihre Wirklichkeit selbst.

Rechnet man die beiden jungen Männer also ab, bleiben aus dem gesamten Einzugsgebiet der Hochschule noch zwei, drei oder fünf weitere Menschen, die Studium und Berufsausbildung kombinieren. „Es könnten mehr sein“, sagt denn auch die Ausbildungsleiterin der beiden, Angelika Michel. Offenbar aber geht die Zahl in Wahrheit noch weiter zurück: Denn als kleveblog vor gut einem halben Jahr über die wahren Zahlen zu Studienabschlüssen an der Hochschule berichtete (Bilanz des Scheiterns) spielte am Ende des Beitrags auch das duale Studium eine Rolle – und da waren es, ausweislich der Zahlen der Hochschule selbst, exakt zehn duale Studenten in der Fakultät Technologie und Bionik. Oder, um es anders auszudrücken: rund ein Dutzend.



Klever Einzelhandelsarchäologie

rd | 22. Januar 2020, 15:46 | 8 Kommentare
Frisch freigelegt in der Großen Straße

Der Schuhhändler Arbell in der Großen Straße wird derzeit renoviert. Und links vom Eingang trat ein Logo zu Tage, an dessen Existenz ich mich noch schwach erinnere: Quick-Schuh. Aber wann genau gab es dieses Geschäft?


Erich Gietemann, 1940-2020

rd | 21. Januar 2020, 14:57 | 5 Kommentare
Erich Gietemann 1974 als Karnevalsprinz Erich der Fidele und so, wie man ihn zuletzt kannte (Fotos: KRK, Charly Stoffels)

Trauer um ein Urgestein des Klever Karnevals und des niederrheinischen Brauchtums: Erich Gietemann, 1974 als „Erich der Fidele“ der zweite in der nunmehr langen Reihe der Klever Karnevalsprinzen, ist im Alter von 79 Jahren verstorben.

Dem Einsatz von Gietemann und seinen Mitstreitern ist es zu verdanken, dass der Karneval heute im Kleve wieder einen außerordentlichen Stellenwert genießt. Für die älteren Karnevalisten war Gietemann der unermüdliche Motivator, Ideengeber und Berater. Das gilt insbesondere für die Aktiven des Materborner Karnevals, die er mit Rat und Tat unterstützte. Nach der Schließung des Lokals Schweizerhaus sorgte Gietemann mit dafür, dass die beiden Vereine Germania und Fidelitas Materborn in der Mehrzweckhalle des Ortsteils eine neue Heimat fanden.

Beruflich wirkte Gietemann 33 Jahre lang bis 2015 als Gastwirt. Unter seiner Leitung war der Ratskrug in Materborn Zentrum des Dorflebens, mehr als 20 Vereine trafen sich an seinem Tresen, um zu tagen oder um zu feiern. Im Alter von 75 Jahren verkaufte Gietemann die Immobilie an einen Investor, der dort ein Mehrfamilienhaus errichten wollte. Nicht nur das gastronomische Leben in dem Klever Ortsteil geriet dadurch in Gefahr, sondern auch die alljährlich um den Ratskrug herum gefeierte Materborner Kirmes, die am Niederrhein Kultstatus als das Sommerevent schlechthin genießt. Dann fand der Klever Unternehmer Bernd Zevens gemeinsam mit dem Investor, der im Hintergrund bleiben wollte, eine Lösung – die Gaststätte blieb, und auch die Kirmes, die Gietemann groß gemacht hatte, konnte wie gewohnt weiter gefeiert werden. Gietemann, der an Knieproblemen litt, ging in den verdienten Ruhestand – Nachfolger wurde das Ehepaar Yvonne und Volker Lenz aus Kranenburg.

Gietemann war auch nach der Geschäftsaufgabe weiterhin im Dorfleben präsent, beispielsweise im Männergesangsverein. Und auch für die Karnevalisten blieb er bis zuletzt ein geschätzter Ansprechpartner. Am Sonntag verstarb er überraschend zu Hause. Er hinterlässt eine Lebenspartnerin und eine Tochter.

Die letzten Altbiere: Erich Gietemann im Ratskrug, kurz bevor er 2015 aufhörte



Beiträge zur Auflösung des Journalismus

rd | 21. Januar 2020, 13:30 | 7 Kommentare
Platz für 500 Gäste ist im Terminal des Flughafens Weeze – Fluggäste werden das Event nicht stören (Foto: Udo Kleinendonk)

Beginnen wir mit der guten Nachricht: Die Veranstaltung wird nicht durch Fluglärm beeinträchtigt. Das letzte Flugzeug, das am Dienstag, 10. März, den Flughafen Weeze verlassen wird, ist der Ryanair-Flug 5714 nach Thessaloniki. Die Maschine hebt um 15:40 Uhr ab, danach ist auf dem Regionalflughafen bis zum nächsten Morgen kein Lärm eines startenden Jets mehr zu hören.

Akustisch also die besten Voraussetzungen für ein Treffen, das heute im Lokalteil der Rheinischen Post angekündigt wird. Die Veranstaltung heißt „Kreis Kleve konkret“, man könnte sie KKK abkürzen, aber das lassen wir mal lieber. Es handelt sich, so lesen wir, um ein „Netzwerkevent der Rheinischen Post Mediengruppe“, zu dem 500 Gäste geladen sind – und zwar in den Terminal des Flughafens Weeze.

Stargast ist der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU), der vom Leitenden Politikredakteur des Blattes, Martin Kessler, interviewt werden soll. Landrat Spreen jubiliert: „Ich freue mich sehr, dass die Rheinische Post mit dem Kreis Kleve konkret [sic!] den wirtschaftlichen und politischen Engagierten im Kreisgebiet eine besondere Möglichkeit zur Pflege von Geschäftskontakten bietet.“ Wirtschaftsförderer Kuypers sekundiert: „Die Region und ihr Airport Weeze kann das zu erwartende Scheinwerferlicht gut gebrauchen, dass die Rheinische Post ihr mit der neuen Veranstaltungsreihe bescheren möchte. Für diese Anstrengungen sagen wir als Wirtschaftsförderung Dank.“

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass Menge der heißen Luft, die an diesem Abend im Terminalgebäude ausgestoßen wird, die eines startenden Ryanair-Jets locker übertreffen wird. Denn es soll auch über die Zukunft des Flughafens gesprochen werden – einer klinisch toten Unternehmung, die immer noch als „Leuchtturm“ verkauft wird und deren Siechtum Ende vergangenen Jahres per Kreistagsbeschluss mit zwei Millionen Euro künstlich verlängert wurde.

Nun bejubelt der politisch dafür verantwortliche Landrat das neue RP-Format, und auch der Mann der Grünkohlwochen ist voll des Lobes – da darf die Frage gestattet sein, wer sich da wem in größerer Not an den Hals schmeißt: die kriselnde Zeitung der Politik oder die verzweifelte Politik den Medien? Der Wirtschaftsförderer konfabuliert von „entspannenden Lösungsansätzen“ – was soll das heißen? Und wie wird die RP künftig unabhängig über die Lage des Flughafens berichten können? Aber womöglich ergibt vor diesem Hintergrund die soeben eingeführte Bezahlschranke auf eine ganz eigentümliche Weise ihren Sinn – die Öffentlichkeit bleibt von den zu erwartenden Jubelberichten verschont.


Nach 35 Jahren! Der Schuster vom EOC ging auf leisen Sohlen

rd | 20. Januar 2020, 14:13 | keine Kommentare
Gürtel, Schlüssel, Sohlen: Franz Denissen in seinem Ladenlokal

Es war, um im Bilde zu bleiben, ein Abschied auf leisen Sohlen, lediglich ein kleiner Aufsteller auf dem gelben Tresen verwies, versehen mit dem Dank an die treue Kundschaft, darauf hin: Franz Denissen hat zum Jahresende seinen Betrieb, den allseits bekannten „Schuh-Service und Schlüssel-Dienst“ im EOC an einen Nachfolger übergeben – und damit ist die Riege der Schuster aus Kleve, einst ein Zentrum der deutschen Schuhindustrie, um einen weiteren Handwerker geschrumpft.

Denissen ist 62 Jahre alt, und von diesen 62 Jahren verbrachte er mehr als die Hälfte, 35 Jahre, in der Werkstatt und kümmerte sich um die kleinen Probleme des Alltags. Als er anfing, in Kleve zu arbeiten, stand das Einkaufs-Centrum Oberstadt (EOC) noch nicht, und in der Schuhfabrik Gustav Hoffmann war noch ein großer Arbeitgeber in der Stadt (produziert wurde allerdings bereits in Portugal). Denissens Betrieb war dem damaligen Supermarkt „Super 2000“ angegliedert. Dass er sich dort Jahrzehnte um durchgelaufene Sohlen und zu kopierende Schlüssel kümmern würde, war in seiner Lebensplanung ursprünglich nicht vorgesehen. Doch rückblickend sagt er: „Ich habe alles richtig gemacht.“

Denissen hatte orthopädischer Schuhmacher gelernt und eine Stelle in einem Betrieb in Rees gefunden. Dann aber erhielt er aus betrieblichen Gründen die Kündigung und war arbeitslos. Was tun? Er erfuhr, dass in dem kleinen Betrieb in Kleve jemand gesucht wurde. „Eigentlich wollte ich nur zwei Wochen bleiben“, erinnert er sich. Aus den zwei Wochen wurden dann erst einmal sieben Jahre, die er als Angestellter arbeitete, und dann noch einmal 28 Jahre, in denen er sein eigener Chef war.

Würde man alle Sohlen, die Denissen geklebt hat, aneinanderreihen, käme man vermutlich einmal um den Äquator, auf jeden Fall aber sehr weit. Doch nun ist die letzte Sohle geklebt. Für viele Kunden war der Besuch beim Schuster im EOC aber nicht nur die Erfüllung eines Reparaturwunsches, sondern auch die geschätzte Möglichkeit, ein wenig Konversation über Gott und die Welt zu betreiben. Jetzt freut sich Denissen aber auf seinen Ruhestand. Lange Zeit sah es sogar so aus, als würde er keinen Nachfolger finden, doch dann meldete sich ein Unternehmer aus Duisburg, der das Geschäft jetzt fortführt.


Gesamtschule Forstgarten: Bagger rücken an

rd | 20. Januar 2020, 14:12 | 3 Kommentare
Der erste Bagger auf dem zukünftigen Schulgelände (Foto: Gesamtschule Forstgarten)

Huch, das ging jetzt aber schnell! Die ersten Bagger sind angerückt, der Bau der neuen Gesamtschule am Forstgarten beginnt mit den ersten Erdbewegungen auf dem Sportplatz (kleiner Wermutstropfen: das beliebteste Freiluft-Basketballfeld der Stadt ist damit bis auf weiteres unbenutzbar). Die Schule selbst schreibt auf ihrer Website: „Wir sind sehr froh, dass die Arbeiten nun endlich beginnen! Trotz aller Umstände, die solch umfangreiche Baumaßnahmen mit sich bringen, steigern sie doch die Vorfreude auf unser neues Schulgebäude, in dem endlich die ganze Schule ein neues Zuhause finden wird, enorm. Und so freuen wir uns doch irgendwie auch auf viele weitere, orange leuchtende Bagger… “ Die Erdarbeiten beginnen damit, dass die Fußballplätze abgeräumt werden und der Bereich für das neue Gebäude wird 80 Zentimeter tief abgeschoben wird, damit dann der Kampfmittelräumdienst dort arbeiten kann. Da auch der Parkplatz zur Baustelle gehört, wird an der Wasserburgallee ein provisorischer Parkplatz errichtet.




Es geht um die Wurst

rd | 20. Januar 2020, 14:00 | 6 Kommentare
Klever in Berlin: Barbara Hendricks im Gespräch mit Lothar Quartier. Links Quartier-Mitarbeiter Lukas Jansen (Curry Q Kevelaer) (Foto: Facebook/Barbara Hendricks)

Ein Klever Gipfeltreffen auf der Grünen Woche: Am Stand der Metzgerei Quartier, wo Unternehmenschef Lothar Quartier unter anderem seine Currywurst im Glas bewarb, tauchte Dr. Barbara Hendricks auf. Die ehemalige Umweltministerin informierte sich bei Lothar persönlich über seine weiteren Pläne und rührte dann via Facebook auch gleich die Werbetrommel für den Metzger: „Zu Beginn des Jahres findet in Berlin traditionell die Grüne Woche​ statt“, schrieb Hendricks. „Mit von der Partie sind auch zahlreiche Aussteller aus dem Kreise Kleve mit vielen altbekannten und neuen Gesichtern – und ganz nebenbei der vielleicht leckersten Currywurst dies- und jenseits des Rheins. 😉“


Wer waren die (Klever) Nazis?

rd | 17. Januar 2020, 17:43 | 72 Kommentare
Der Kleine Markt, ca. 1935 (Foto: Dr. Stapper)

In dem legendären Film „Eins, Zwei, Drei“ von Billy Wilder gibt es den berühmten Dialog zwischen dem von James Cagney gespielten Direktor der Berliner Coca-Cola-Filiale, McNamara, und seinem Assistenten Schlemmer (Hanns Lothar). Die Komödie spielt zur Zeit des Berliner Mauerbaus, und der amerikanische Chef möchte von seinem deutschen Mitarbeiter wissen, was dieser im Krieg gemacht habe:

C.R. MacNamara: „Just between us, Schlemmer, what did you do during the war?“
Schlemmer: „I was in der Untergrund: the underground.“
C.R. MacNamara: „Resistance fighter?“
Schlemmer: „No, motorman. In the underground, you know, the subway.“
C.R. MacNamara: „Of course you were anti-Nazi and you never liked Adolf.“
Schlemmer: „Adolf who?“

So amnesisch ging es wohl in ganz Deutschland zu (aus heutiger Sicht leicht gesagt), und erst kürzlich las ich in einem Artikel, dass in in dem Buch „Niederrheinisches Land im Krieg“ die Namen aller Parteifunktionäre geschwärzt wiedergegeben wurden. So genau sollte und wollte es dann doch keiner mehr wissen.

Auf der anderen Seite gibt es dann den berühmten Bildband „1000 ganz normale Jahre“ mit Aufnahmen des Fotografen Otto Weber, der den Alltag des Nationalsozialismus in Kleve dokumentiert hatte und dessen Aufnahmen zeigen, dass es sich dabei zumindest um eine in der Stadt zahlenmäßig gut vertretene Bewegung gehandelt hat.

Vor diesem Hintergrund ist es verdienstvoll, dass sich nun auch der Klevische Verein in seiner Vortragsreihe „Aus heiterem Himmel“ dieser Frage zu nähern versucht. Die Referentin, die Historikerin Helga Ullrich-Scheyda, widmet sich in ihrem Vortrag „Wer waren ‚die Nazis‘?“ den Fragen von Täterschaft und Entnazifizierung am Beispiel niederrheinischer Biografien.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchten die Alliierten, die Verantwortlichen für die nationalsozialistischen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Neben den Haupttätern, die von Gerichten verurteilt wurden, mussten sich viele Deutsche den Entnazifizierungsverfahren unterziehen und wurden in die Kategorien Minderbelastete, Mitläufer oder Entlastete eingereiht. Aber nach welchen Kriterien wurde hier entschieden?

Die Entnazifizierungsakten ermöglichen nicht nur Einblicke in die NS-Zeit, sondern vermitteln auch die Auffassungen der Siegermächte und der Deutschen in der Nachkriegszeit. Als Nazis galten „üble“ Parteiaktivisten, die ihre Macht brutal ausgenutzt und sich skrupellos bereichert hatten. Aber waren diese wirklich die einzigen, die der „Bewegung“ zum Sieg verholfen und dazu beigetragen hatten, dass das NS-Regime seine Verbrechen verüben konnte?

Helga Ullrich-Scheyda beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Geschichte der Klever Juden und der Zeit des Nationalsozialismus im Klever Raum. Unter anderem hat sie im Rahmen der Stolpersteinverlegungen in Kleve das Leben und Schicksal jüdischer Opfer der NS-Gewalt dokumentiert. Eine Veröffentlichung zur Geschichte Kranenburgs in der NS-Zeit in Buchform ist in Vorbereitung.

Die Vortragsreihe „Aus heiterem Himmel“ ist eine gemeinsame Initiative des Klevischen Vereins für Kultur und Geschichte / Freunde der Schwanenburg e.V., des Stadtarchivs Kleve und der VHS Kleve – Wilhelm Frede, die sich vor allem mit dem historischen Kontext der militärischen Ereignisse befasst.

Termin: Freitag, 24. Januar 2020, 18.00 Uhr
Ort: Hochschule Rhein-Waal, Campus Kleve, Hörsaal 1 (01 EG 005)
Eintritt: frei


Hochschule verlängert Fristen – nur für „nationale Bewerbungen“

rd | 16. Januar 2020, 12:42 | 15 Kommentare
Das Bild der HSRW ist mitunter eines der inneren Zerrissenheit – sooo international, aber dann auch mal national

Die Hochschule Rhein-Waal rühmt sich damit, die „internationalste Hochschule Deutschlands“ zu sein – wie aber passt dann diese aktuelle Meldung ins Bild? Heute teilte die Hochschule mit, dass die Bewerbungsfristen für Master-Studiengänge verlängert werden. Davon profitieren aber nicht alle Studenten gleichermaßen. Die zusätzliche Frist von vier Wochen gilt nur für Studenten aus Deutschland, Bewerber aus dem Ausland müssen hingegen draußen bleiben. In der Meldung der HSRW heißt es wörtlich: „Die Hochschule Rhein-Waal hat die Bewerbungsfrist für ihre Masterstudiengänge bis einschließlich 15. Februar 2020 verlängert. Die Verlängerung gilt ausschließlich für nationale Bewerbungen. Für internationale Studieninteressierte, die sich über das Online-Portal uni-assist um einen Studienplatz bewerben, ist hingegen keine weitere Fristverlängerung vorgesehen.“

Zum Stand 29.11.2018 hatte die Hochschule insgesamt 1386 Master-Studierende in ihren Reihen. Die zahlenmäßig am stärksten vertretene Nation war Indien (337), dann kamen Deutschland (318), Pakistan (155), Bangladesh (144), Vietnam (68), Nepal (53) und Nigeria (38). Der Anteil der deutschen Studenten an den Masterstudiengängen der HSRW betrug zum Stichtag 22,9 Prozent.

Angehörige von 72 Nationen belegen an der HSRW Masterstudiengänge

Fehler, die in der Hektik des Redaktionsalltags schon mal passieren können

rd | 16. Januar 2020, 11:34 | 3 Kommentare
Erschossener Gorilla, wo er definitiv nicht hingehört

Fehler passieren, und in der Hektik des Tagesgeschäfts kann es durchaus schon mal so richtig in die Hose gehen. Wie gestern in der Rheinischen Post, die einen Artikel über die Klever Senioren-Union, die sich einen Ausflug aus EU-Fördermitteln hatte bezuschussen lassen, veröffentlichte. Vorsitzender der Vereinigung ist das altgediente Schlachtross Manfred Palmen. Was also liegt näher, als eines der ca. hunderttausend Archivfotos des ehemaligen Klever Stadtdirektors zu nehmen, um den Beitrag der neuen Klever Redaktionsleiterin Julia Lörcks zu illustrieren? Aber irgendwo in den Weiten der Redaktion wurde dann knapp daneben geklickt oder vergessen ein Platzhalterbild auszutauschen oder jemand hat sich einen bösen Scherz erlaubt, und so stand gestern Abend ca. eine Stunde lang über der Bildunterschrift: „Manfred Palmen steht in der Kritik“ das Bild des im Krefelder Zoo nach der Brandkatastrophe erschossenen Gorillas online. Dann bemerkte offenbar jemand den Fehler und tauschte das Bild kommentarlos aus. (Mit Dank an den Hinweisgeber.)


kleveblog – wie geht es weiter?

rd | 14. Januar 2020, 14:20 | 35 Kommentare
Ganz so schlimm sah kleveblog 2007 nicht aus, doch der Screenshot aus der Wayback-Machine vermittelt einen Eindruck, wie alles begann. Ein selbstgebasteltes Layout, und ca. 20 Leser pro Tag

Heute gab die Rheinische Post bekannt, wie sie sich die digitale Zukunft vorstellt. Die pointierte Antwort: im Grunde so lokal wie kleveblog, nur hinter einer Bezahlschranke verborgen.

Die etwas längere Version: Wer Artikel der Zeitung anklickte, bekam seit einiger Zeit die Meldung: „Wir möchten Sie kennenlernen!“ Dann wurde der Leser gebeten, seine Mailadresse zu hinterlassen. Daraufhin analysierte die Rheinische Post das Nutzerverhalten der nunmehr identifizierten „treuen“ Leser. Das Ergebnis war, dass zu 80 Prozent Artikel mit regionalen und lokalen Inhalten angeklickt wurden, außerdem spielten noch Fortuna Düsseldorf und Borussia Mönchengladbach eine Rolle. Daraufhin entschied sich das Blatt, diese Artikel als „RP+“ zu klassifizieren und künftig hinter einer Bezahlschranke zu verbergen. Das dreimonatige Testabo kostet 99 Cent, danach werden monatlich 4,99 Euro fällig.

„Wie wir mit RP+ besseren Journalismus machen“, schreibt heute Rainer Leurs, der Redaktionsleiter von RP Online. Die Zeitung werde ihre Berichterstattung noch stärker an den Bedürfnissen der Leser ausrichten, es werde mehr Raum geben für „wirklich relevante Nachrichten“. Im Redaktionsalltag mache sich schon jetzt bemerkbar, wie RP+ die Zeitung besser mache: „Weil wir bei neuen Themen immer wieder die Frage an uns selbst stellen, ob irgendjemand dafür bereit wäre, ein Digital-Abo abzuschließen – oder ob diesen Artikel eigentlich niemand braucht (außer vielleicht wir selbst)“.

Das aber ist die Bankrotterklärung des Journalismus. Und damit leiten wir über zu jener Perle unter den Publikationen, die du, lieber Leser, gerade auf deinem Smartphone, auf deinem Tablet oder deinem Büro-PC gerade sicher wieder einmal staunend liest.

kleveblog wird in wenigen Tagen, am 25. Januar, exakt 13 Jahre alt – für die digitale Welt geradezu eine Ewigkeit. In dieser Zeit sind 3971 Beiträge erschienen, die alle noch online stehen und frei abrufbar sind. Zu diesen knapp viertausend Beiträgen gaben die Leser insgesamt 67.583 freigegebene Kommentare ab (die Quote der genehmigten Kommentare liegt bei mehr als 90 Prozent).

Gerne wird über die Qualität der Kommentare gestritten, doch die Wahrheit ist: Die Kombination aus ausgewählten lokalen Themen (mal exklusiv, mal erläuternd, mal exzentrisch) und den vielfältigen, schillernden, überraschenden, witzigen und manchmal auch nervenden Meinungsäußerungen haben im Laufe der Jahre ein Forum geschaffen, das in Kleve seinesgleichen sucht.

Der Grundpfeiler dieses Angebots aber ist seine freie Zugänglichkeit, nur auf diese Weise kann tatsächlich ein öffentlicher Diskurs entstehen, an dem tatsächlich jeder teilhaben kann. Und wenn, wie es im Augenblick der Trend zu sein scheint, alle Verlage ihre Angebote hinter Bezahlschranken verstecken, muss man kein großer Hellseher sein, um zu erkennen, dass die Bedeutung von Angeboten wie kleveblog als verlässliches Destillat des Tagesgeschehens noch zunehmen wird.

Das alles aber wird getrieben von dem Gedanken, dass es herzlich egal ist, ob ein Leser dafür zu zahlen bereit ist. Im Gegenteil: Insbesondere bei komplexen Themen ist es der Redaktion klar, dass die Lesequote sinkt. Aber das hat kleveblog nie davon abgehalten, darüber zu berichten – und das wird es auch nie tun. Relevanz wird hier nicht an Zahlungsbereitschaft gekoppelt.

Gleichwohl wird sich kleveblog in den kommenden Monaten (vermutlich) verändern. Das Layout ist ein bisschen in die Jahre gekommen, und die Maschine im Hintergrund (WordPress) gibt Bloggern mittlerweile noch einiges mehr an Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand. Diese zusätzlichen Freiheiten möchte kleveblog nutzen. Auf der Seite klblg.de können sich Leser gerne ein Bild von den Experimenten machen, die derzeit im Hintergrund stattfinden. Was davon verwirklicht wird, steht noch nicht fest. Wer Anregungen hat, darf diese gerne geben!

Alle Veränderungen werden jedoch von dem ehernen Grundsatz geleitet, dass alle Inhalte schnell und ohne Klickirrsinn abrufbar sind und dein geschätzter Beitrag, lieber Leser, die Kommentare, ebenfalls immer prominent platziert sind. kleveblog lebt von und in der Überzeugung, dass die Zukunft des Digitalen im freien Diskurs liegt. Alles andere wird sich weisen.