Drogen für die Welt: Im Darknet verkauft, aus Kleve und Emmerich versandt

rd | 16. September 2019, 22:43 | keine Kommentare
Von einem Chalet in der Ferienhaussiedlung Reewold aus gingen Drogen in alle Welt

(Artikel erschien auch in der NRZ) Das Landgericht Kleve befasst sich mit einem spektakulären Fall von Drogenhandel im Darknet – Niederländer soll Postfilialen in Kleve, Emmerich und Rees genutzt haben, um in Tausenden von Fällen Ectsasy, Amphetamine, LSD, Kokain und andere illegale Substanzen zu verschicken

Der Ferienpark Reewold liegt in Putten nördlich der Hoge Veluwe, und wer eines der Chalets in der Siedlung bezieht, sucht vor allem eines: Ruhe. Der Besucher ist umgeben von Wäldern, Wiesen und Mooren, und in einer Rezension im Internet heißt es, im Park gebe es keinerlei kommerzielle Aktivitäten, was dafür sorge, dass es sehr ruhig zugehe. „Die Leute kommen hierher, um sich zu entspannen“, schreibt ein Rezensent.

Zumindest bei einem Besucher scheint dies nicht der Fall gewesen zu sein. Dieser Mann heißt Richard W., ist 33 Jahre alt, Niederländer mit Wohnsitz in Hilversum. Seit Montag steht er als Angeklagter vor Gericht. Die 1. große Strafkammer des Landgerichts Kleve unter Vorsitz von Richter Jürgen Ruby verhandelt eine Anklage, die die Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Staatsanwaltschaft Köln in akribischer Ermittlungsarbeit zusammengestellt hat.

Für das Gericht in Kleve ist es einer der größten Drogenprozesse der vergangenen Jahre, und es zeichnet sich ab, dass die Verhandlung viele Einblicke darin gewähren wird, wie die Kriminalität mit illegalen Substanzen heutzutage abläuft – und zwar in jenem Teil des Internets, der als Darknet bezeichnet wird. Dort wird auf Plattformen, die wie eBay funktionieren, anonym mit allem gehandelt, was verboten ist. Bezahlt wird in virtuellen Währungen.

95 Seiten Text umfasst die Anklage, die Staatsanwältin Lisa Klefisch am Vormittag in zwei Stunden vortrug. Es geht um gewerbsmäßigen Handel mit sowie um Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge, insgesamt handelt es sich um 126 Fälle aus den Jahren 2017 und 2018, die wiederum eine Essenz aus rund 3400 Fällen bilden, die die Ermittler rekonstruieren konnten. 

Dass der Fall in Kleve verhandelt wird, liegt daran, dass am Ende der Geschäfte, die im virtuellen Raum stattfinden, doch noch ein realer Vorgang vonnöten ist – der Versand der Pakete. Richard W. packte die Sendungen, so die Anklage, in seinem Ferienhaus in Reewold ab und fuhr dann in wechselnden Autos, unter anderem mit einem 7er BMW, über die Grenze, um sie von deutschen Postfilialen und Packstationen in Kleve, Emmerich und Rees aus zu verschicken.

Vom Niederrhein ging die Ware in die ganze Welt, die Staatsanwältin listete namentliche Empfänger von Calgary in Kanada bis Christchurch in Neuseeland auf. Versandt wurde praktisch alles, was der Drogenmarkt so hergibt – LSD, Amphetamin, MDMA (und entsprechende Derivate), Chrystal Meth, Kokain, Ecstasy-Tabletten (ein Produkt hieß „F1 Max Verstappen“), Marihuana und Haschisch.

Die Lieferungen nach Übersee soll der Angeklagte zur Tarnung in Lautsprecherboxen oder Luftpumpen verpackt haben. Immer wieder fielen Sendungen bei Kontrollen auf, dennoch konnte die Spur offenbar lange Zeit nicht zurückverfolgt werden, unter anderem auch, weil W. fingierte Absenderadressen genutzt haben soll. 

Auf der Darknet-Handelsplattform Dream Market genoss der Angeklagte, der dort unter einem Pseudonym agierte, trotz gelegentlicher Lieferungsausfälle größtes Ansehen. Er hatte reihenweise 5-Sterne-Bewertungen und wurde auf der Plattform als „Vendor“ geführt, was einer Auszeichnung gleichzusetzen ist.

Auf die Spur von Richard W. kamen die Ermittler offenbar, weil in zwei Fällen verdeckt agierende Fahnder Geschäfte mit dem Mann abwickeln und zurückverfolgen konnten. Nach der Festnahme Ende vergangenen Jahres stellten Polizeibeamte in einem Schuppen, der zu dem Chalet gehört, mehr als 30 Kilogramm Drogen sicher, versteckt in einem Gefrierschrank und in einer Waschmaschine. Kokain lagerte in einem Eimer, laut Anklage 1,2 Kilogramm. Die Erlöse aus den Verkäufen sollen sich laut Anklage auf mindestens 578.000 Euro belaufen. 

Staatsanwältin Klefisch übergab dem Gericht nach Verlesung der Anklage noch weitere Ermittlungsakten. Diese betreffen offenbar weitere Aktivitäten auf einer anderen Handelsplattform. Dabei handelt es sich um den Wall Street Market – was insofern interessant, als dass einer der Betreiber dieser Plattform ein 22 Jahre alter Klever ist, dessen Verhaftung Ende April weltweit Schlagzeilen machte. Diese Fälle seien aber „noch nicht Gegenstand des Verfahrens“, so die Anklägerin.

Der Prozess wird am Mittwoch um 10 Uhr fortgesetzt. Der Verteidiger von Richard W. kündigte für den zweiten Prozesstag eine Erklärung des Angeklagten an. 



RhineCleanUp-Tag: Klever Kanuten entdecken Tatmesser und Beute eines Raubüberfalls!

rd | 16. September 2019, 16:14 | keine Kommentare
Messer und Jogginghose – Relikte eines Verbrechens im Ufersand
Wollmütze als Sturmhaube: Heiner Szubries mit dem Fundstück, das zu einem 24 Jahre alten Raubüberfall gehört

Eigentlich wollten Heiner Szubries und sein Sohn nur, wie Tausende andere Freiwillige auch, am Ufer des Rheins Müll einsammeln, als die beiden Klever am Samstag zum RhineCleanUp-Tag ihren Zweier-Canadier bestiegen – doch bei Stromkilometer 862,5 sahen sich die beiden unversehens mit einem Kriminalfall konfrontiert!

In einer Bucht entdeckte zunächst der Sohn eine Jogginghose mit der Aufschrift „American Basic“, an der mit einer Kordel ein Messer befestigt war. Die Klinge war abgebrochen. „Gruselig“, so der Kommentar des Finders.

Dem Vater berichtete er, es liege noch mehr im Wasser, das an dieser Stelle nur zwei Handbreit tief war. Gemeinsam förderten die zwei Männer noch einen mit Sand gefüllten Kapuzenpullover zu Tage, der außerdem elf Scheckkarten und Ausweise von Besitzern aus dem südwestdeutschen Raum enthielt. Außerdem spürten sie in der Bucht noch eine buntgestreifte Wollmütze, aus der zwei Sehschlitze ausgeschnitten waren, auf. Szubries schloss aus den Daten, dass es sich um Relikte eines Überfalls handeln muss, der sich vor gut 20 Jahren im Raum Trier ereignet haben muss.

Gut kombiniert!

Die Angaben reichten der Polizei in Kleve, um die Funde einem aufsehenerregendem Verbrechen zuordnen zu können: In den frühen Morgenstunden des 10. Dezember 1995 überfielen fünf Gangster das Tanzlokal Tropical in Konz (Kreis Trier-Saarburg) und beraubten die 25 Gäste, die sich zu diesem Zeitpunkt noch dort befanden. Bei dem Überfall wurden mehrere Schüsse in die Decke abgefeuert. Ein 33 Jahre alter Kellner wurde mit einem Messer niedergestochen und verblutete vor den Augen der Gäste. Ein weiterer Mitarbeiter des Tanzlokals, der ebenfalls mit dem Messer angegriffen wurde, überlebte schwer verletzt.

Die Täter waren schnell identifiziert: Es handelte sich um vier Sträflinge, die aus einem Gefängnis in Luxemburg entwichen waren, sowie einen Bekannten. Gleichwohl dauerte es einige Zeit, bis erste Fahndungserfolge zu verzeichnen waren: Zwei Jahre nach dem Überfall gelang es der Polizei, den ersten Täter zu fassen, weitere drei gingen den Fahndern später ebenfalls ins Netz. Der Haupttäter wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Einer der fünf Männer wurde allerdings bis heute nicht gefasst. 

Wie die Stücke nach Kleve kamen und welche Verbindung es zwischen den Tätern und dem Niederrhein gegeben hat, ist nicht bekannt. Die Polizei in Kleve nahm die Fundstücke jedenfalls in Verwahrung und wird sie nach Trier übersenden – womöglich wird der Fall dort noch einmal aufgerollt…





Peter Driessen: Mit 3, gespielt 4…

rd | 14. September 2019, 19:05 | 4 Kommentare
Erste Etappe gemeistert: Grüne, SPD und FDP erklärten sich gestern bereit, die Kandidatur von Peter Driessen für das Amt des Landrats zu unterstützen

Drei Parteitage, ein Ergebnis: Die Kreis-Gremien von Grünen, SPD und FDP ebneten am Samstag den Weg für Peter Driessen. Alle drei Parteien erklärten sich bereit, im kommenden Jahr keinen eigenen (dann aller Wahrscheinlichkeit nach chancenlosen) Kandidaten für die Wahl zum Landrat ins Rennen zu schicken, sondern gemeinsam die unabhängige Kandidatur des Bedburg-Hauer Bürgermeisters zu unterstützen. Am Vormittag entschieden die SPD und die Grünen so (beide Male waren Beobachter zuvor bereits davon ausgegangen, dass das Projekt Peter reibungslos durchgewunken wird). Anders die FDP, die am Nachmittag tagte und etwas länger brauchte. Bei den Liberalen hatten sich einige Altmitglieder gegen die Idee gewandt und hinter den Kulissen versucht, das Vorhaben zu torpedieren. Doch auch bei der FDP fiel das Ergebnis am Ende eindeutig aus: Mit 54: 24 stimmten dafür, Peter Driessen zu unterstützen.

Damit hat Driessen drei Parteien hinter sich, und in bester Skatmanier könnte er vermutlich ergänzen: „… gespielt 4“, denn auch die freien Wählervereinigungen, die es allerorten im Kreise gibt und bei denen sich Driessen ebenfalls noch vorstellen wird, stehen grundsätzlich nicht im Rufe, mit der CDU gemeinsame Sache zu machen.

Das ist ein ganz schönes Pfund. Die Initiatoren des Plans dürften sich die Hände reiben, zumal ihnen auch in die Hände spielt, dass Driessen nicht mehr gegen den Amtsinhaber antreten muss (Spreen hört auf), sondern gegen einen Kandidaten oder eine Kandidatin, der oder die eben auch nur das ist – ein Aspirant auf das Amt. Wer aber überhaupt? Zwei Namen fallen häufiger: Silke Gorisen, wie Peter Driessen aus Bedburg-Hau, und Dominik Feyen, Schulrat beim Kreis Kleve, von Spreen selbst ins Gespräch gebracht und gerade eben per Zeitungsinterview auch von Manfred Palmen unterstützt. Beide Äußerungen aber dürften paradoxerweise die Aussichten des Beamten nicht erhöhen: Die Gemeindeordnung sieht keine Erbfolge vor, der Spreen-Vorstoß wird in der Partei für Verdruss gesorgt haben. Und eine Empfehlung mit Manfred Palmen als Absender – naja. Günter Bergmann, der Kreisvorsitzende der CDU, wird einiges diplomatisches Geschick aufbringen müssen, um die Reihen einigermaßen geschlossen zu halten.

Interessant ist der Blick auf die Zahlen:

Bei der Kreistagswahl 2014, als die Welt gewissermaßen noch in Ordnung war, kam die CDU auf 46 Prozent der Stimmen, die SPD auf 27 Prozent, die FDP auf 6 Prozent und die Grünen auf 11 Prozent – was in Summe 44 Prozent ergibt. Fazit: knapp.

Bei der jüngsten Bundestagswahl (2017, Zweitstimmen) erreicht die CDU 42 Prozent, die SPD 23, die FDP 14 Prozent und die Grünen 6 Prozent. Summiert 43 Prozent. Fazit: knapp, aber schon andersrum.

Die letzten Wahlen bisher im Kreis Kleve waren die im Mai 2019 zum Europaparlament, die erstmals die aktuellen Verwerfungen in der Parteienlandschaft widerspiegelten. Die CDU holte in diesen Wahlen 36 Prozent der Stimmen, die SPD (nur noch) 17 Prozent, die Grünen steigerten sich auf 22 Prozent, die FDP fiel auf 7 Prozent zurück. Die drei Parteien zusammengerechnet kamen auf 46 Prozent. Das ist ein Vorsprung von 10 Prozentpunkten für die Peter-Driessen-Combo.

Die Frage ist natürlich, wie sich diese Ergebnisse auf die Personenwahl im Herbst des kommenden Jahres übertragen lassen. Grundsätzlich erscheint die CDU aber von den Merkeljahren innerlich zerzaust, die SPD dürfte mit dem Mute der Verzweiflung darauf hoffen, dass die neue Führung Ende des Jahres der sklerotischen Partei frisches Blut zuführt (und als erstes die große Koalition beendet), die FDP ist verlindnert (historische Fehler, Teil 287: Abbruch der Koalitionsverhandlungen), und nur die Grünen laufen kraftstrotzend durch die Gegend.

Das alles eingerechnet, ist zumindest eines sicher: Zum ersten Mal seit der Gründung des Kreises Kleve werden die Landratswahlen spannend.


Landesklinik-Verkauf: Politik macht den Weg frei!

rd | 11. September 2019, 16:15 | 70 Kommentare
Private Investoren werden auf dem nicht mehr benötigten Teil der LVR-Klinik zum Zuge kommen – wenn es nach dem Willen der Politik geht

Da werden wohl die ersten Champagner-Korken knallen – und Dr. Oliver Locker-Grütjen, der neue Chef der Hochschule Rhein-Waal, darf sich schon mal Gedanken darüber machen, wie es ihm gelingen könnte, seine beiden geschäftstüchtigen Professoren auch weiterhin für die im Vergleich zu den bevorstehenden Aufgaben doch eher schnöde Lehrtätigkeit an der HSRW zu begeistern. In nicht öffentlicher Sitzung empfahl der Krankenhausausschuss 4 des Landschaftsverbands Rheinland, der am Mittwoch Vormittag im Gesellschaftshaus der LVR-Klinik Bedburg-Hau tagte, den Verkauf des halben (nördlichen) Klinikgeländes wie von der Verwaltung geplant zu verwirklichen.

Als Kaufinteressenten aufgetreten sind die beiden Professoren Dr. Thorsten Brandt und Dr. Dirk Untiedt, die schon seit Jahren auf dem Areal Gebäude für ihr Unternehmen Scientific Freshers nutzen. LVR-Sprecherin Silke Hallmann zu kleveblog: „Die Politik hat in der heutigen Sitzung des Krankenhausausschusses 4 dem Landschaftsausschuss (LA) empfohlen, den von der Verwaltung vorgeschlagenen Beschluss zur Veräußerung zu treffen. Der LA wird in dieser Angelegenheit final am 11.10.2019 entscheiden.“

Die bisher vorgelegten Planungen sehen vor, dass zwischen Bahngleisen und Uedemer Straße im Prinzip ein neuer Ortsteil von Bedburg-Hau entstehen könnte. Dazu dürfte neues Bauland ausgewiesen werden, auch ein so genanntes Waldumbau-Verfahren soll eingeleitet werden. Weitere Informationen hier: Zwei Hochschul-Professoren wollen halbe Landesklinik kaufen