Zehn Jahre HSRW: Der Klotz-Komplex, oder: Die Hochschule als Autoscooter

rd | 24. Mai 2019, 13:40 | 24 Kommentare
Kauf dir einen bunten Luftballon, nimm ihn fest in deine Hand. Stell dir vor, er fliegt mit dir davon in ein fernes Märchenland: Marie-Louise Klotz (2.v.l.) bei ihrer Verabschiedung mit Theo Brauer, Barbara Hendricks und Wolfgang Spreen (Foto: HSRW)

Der zweite kleveblog-Beitrag zum Hochschul-Jubiläum – die sechs Jahre der Gründungspräsidentin

(Kleine Aktualisierung zu Beginn des sechsten Absatzes  – Präsidiumsbeschluss) Professor Dr. Marie-Louise Klotz war ein Glücksfall. Nicht für die Hochschule Rhein-Waal, zu deren Gründungspräsidentin sie im Jahre 2009 berufen wurde, wohl aber für zahlreiche Menschen, die bisher nicht oder – dem eigenen Empfinden nach – nicht genug auf der Sonnenseite des Lebens standen, als da wären: Wissenschaftler aus prekären Verhältnissen, opportunistische Karrieristen, Akademiker, denen es in der freien Wirtschaft zu rau zuging, reiseaffine Lokalpolitiker mit ausgeprägtem Geltungsdrang sowie, nicht zuletzt, diverse Immobilienbesitzer aus Kleve, die dank des Zuzugs von tausenden von Studenten die Chance erhielten, gut Kasse zu machen.

Als Klotz vor zehn Jahren ihr Amt antrat, hatte sie ein Programm, das sich in einem Wort zusammenfassen ließ: Wachstum. Die ursprüngliche (und erfolgreiche) Bewerbung des Kreises Kleve um den Hochschulstandort interessierte sie nicht (siehe hier: Die Hochschule, die sie nicht geworden ist). Als ob eine strategische, innere Leere mit immer neuen Anstrichen übertüncht werden müsste, setzte sie auf Expansion auf Deuwel komm raus. Neue Studiengänge, egal wie sinnvoll. Neue Studenten, egal woher. Neue Lehrkräfte, egal wie qualifiziert. Am Ende hatte sie ein Imperium geschaffen, den Klotz-Komplex, dessen innere Kräfte sie selbst nicht mehr beherrschen konnte, sodass sie einer Nachfolgerin ohne Heimvorteil das Feld räumen musste.

Jetzt, vier Jahre, nachdem sie nicht wiedergewählt wurde, weil sie es sich mit zu vielen Kräften verscherzt hatte, tritt sie als Gründungspräsidentin der Hochschule zu den Jubiläumsfeierlichkeiten wieder in Erscheinung. In einer Gesprächsrunde, die passend „Talk around the world“ genannt wird, wird am heutigen Freitag Abend Marie-Louise Klotz gemeinsam mit Landrat Wolfgang Spreen, Bürgermeisterin Sonja Northing und den Interimspräsidenten Professor Dr. Eberhard Menzel auf Podium stehen, und sicher darf sie noch einmal ihre Sicht auf die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre zum Besten geben.

Die Dinge, die vermutlich nicht zur Sprache kommen werden, lesen Sie hier.

Beginnen wir mit meiner ersten Begegnung mit der Präsidentin. Es war Sommer, es gab ein Unternehmertreffen am Spiegelzelt, das der Kleinkunstverein Cinque am Forstgarten hatte aufstellen lassen. Ich wurde der Präsidentin vorgestellt, und sie begrüßte mich mit den Worten: „Sie sind der, der immer diesen Unsinn schreibt!“ Was sie allerdings nicht davon abhielt, mir ein paar Sätze später anzubieten, für die Hochschule tätig zu werden.

In den Monaten danach gab es einen förmlichen Beschluss des Hochschulpräsidiums, mich nicht mehr zu Pressekonferenzen einzuladen. Informationen aber flossen mir weiter zu, wenn auch aus nichtöffentlichen Quellen. Im Oktober 2013, mir waren einige vertrauliche Dokumente aus der Hochschulverwaltung zugespielt worden, erklärte Klotz sich bereit, mir ein Interview zu geben. Es war in meiner langen Laufbahn eines der absurderen Erlebnisse.

Zunächst einmal vergatterte sie ein Mitglied des Präsidiums, das zufällig im Flur herumstand, dazu, an diesem Gespräch teilzunehmen. Als ich mein Diktiergerät auspackte, verbot sie mir, es in Betrieb zu nehmen. Also machte ich mir Notizen. Wenn sie herumpolterte und eine Frage von mir mit Kraftausdrücken wie „Quatsch, Papperlapapp“ wegzuwischen versuchte, musste sie mir dabei zu sehen, wie ich ganz sorgfältig „Quatsch, Papperlapapp“ in mein Notizbuch schrieb. Hinterher wollte sie dann alles nicht mehr gesagt haben, aber dem Begehren gab ich nicht nach. In dem Interview (nachzulesen hier: Das unglaubliche Büro der Hochschule Rhein-Waal in Bangladesch  wie Klotz die Welt sieht) stellte sie einige Behauptungen auf, die sich hinterher als schlichtweg falsch herausstellten. War sie es, die Unsinn redete?

Tatsache ist, der von ihr in Bangladesch installierte Verbindungsmann Gautam Saha, der zuletzt mit 6300 Euro im Monat aus deutschen Steuermitteln alimentiert wurde und dessen tatsächliche Arbeit bei der Anwerbung von Studenten aus dem asiatischen Staat vorsichtig ausgedrückt nebulös blieb, verlor unter der Führung der Nachfolgerin seinen Job. Mittlerweile ist er tot.

Klotz führte die Hochschule wie Ludwig XIV seinen Staat: „L’école, c’est moi!“ Wer an ihrem Hof hoch in ihrer Gunst stand, konnte auf reichen Lohn hoffen, allen voran die beiden Professoren Thorsten Brand und Dirk Untiedt, die ein Unternehmen gründen durften, das aufgrund einer rechtlich zumindest zweifelhaften Konstruktion als an die Hochschule angegliedertes Institut geführt wurde und den beiden Maschinenbauern überschlagsmäßig einen mittleren einstelligen Millionenbetrag bescherte, der damit erwirtschaftet wurde, dass jungen Chinesen eine Hochschulzugangsberechtigung verschafft wurde.

kleveblog ist seit vielen Jahren bemüht, die Zusammenhänge darzulegen. Kürzlich stellte die Redaktion einen Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz, die Akten über die Zusammenarbeit einsehen zu dürfen. Das Justiziarat der Hochschule setzte daraufhin die beiden Geschäftsführer der Gesellschaft über das Ansinnen in Kenntnis, woraufhin Professor Untiedt am 11. Januar 2019 um 10:44 Uhr in einer Mail antwortete, doch bitte nur das herauszugeben, was datenschutzrechtlich zwingend erforderlich sei. Handelt so jemand, der nichts zu verbergen hat?

(Aufgrund der sehr frugalen Auskunft, die – vermutlich zur Abschreckung – noch mit einer Gebührennote in Höhe von knapp 400 Euro versehen war, sah sich kleveblog gezwungen, den Rechtsweg zu beschreiten. Jetzt muss sich das Verwaltungsgericht Düsseldorf mit der Sache befassen.)

Eine weitere Anfrage erbrachte immerhin das Ergebnis, dass die Scientific Freshers GmbH aus den Beständen der Hochschule Mobiliar im Wert von 10.662,98 Euro beziehen durfte, Mobiliar, welches angeblich – nach drei Jahren – „nicht mehr benötigt“ wurde. Man kennt sich, man hilft sich. Die Hochschule versichert, es sei alles ganz korrekt gelaufen, eine Ausschreibung sei nicht erforderlich gewesen.

Viele der bemerkenswerten Vorgänge, die die sechs Jahren unter Klotz in einer öffentlichen Einrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen prägten, werden sich allerdings nicht mehr rekonstruieren lassen. Als sie Ende April 2015 ihr Büro räumte, hinterließ sie ihrer Nachfolgerin – nichts. Keine laufenden Vorgänge, keine Akten, nichts. Alles wurde beiseite geschafft. Sie wird ihre Gründe gehabt haben. Das Wissenschaftsministerium in NRW, das immerhin die Rechtsaufsicht über die Hochschulen hat, ließ es geschehen. 

Als Klotz ihren Posten abgab, hatte sie die Hochschule als Einrichtung neu erfunden. Und zwar als eine Art Autoscooter, wie man ihn von Volksfesten kennt. Jeder durfte fahren, wie er wollte, rumms!, bumms!, egal. Der eine bekam ein Gewächshaus, der nächste baute U-Boote, der dritte erforschte Walnüsse in Zentralasien, der vierte kümmerte sich um die Anwerbung und Ausbildung von Chinesen, der fünfte fand sein Heil im Erwerb von Immobilien, der sechste suchte Bakterien in Kaffeemaschinen. Und die Präsidentin eröffnete einmal jährlich das Schwanenritter-Race, jettete durch die Weltgeschichte und rief immerfort: „Gewinne! Gewinne! Gewinne!“

Es muss an dieser Stelle einmal ausdrücklich gesagt werden, dass das schillernde Ensemble von Lehrkräften, dass Klotz hastig zusammenstellte, auch viele engagierte und gute Wissenschaftler einschließt. Aber auch deren Ruf leidet unter jenen Personen, die die Hochschule als Selbstbedienungsladen oder als Bühne zur Selbstdarstellung begreifen und die womöglich aus guten Gründen zuvor nur randständige Existenzen im akademischen Betrieb waren. Viele von ihnen sind nun Professoren, Beamte auf Lebenszeit, und sie werden die Hochschule noch Jahrzehnte prägen. Weg gehen sie nicht mehr, wohin auch?

Die Nachfolgerin der Gründungspräsidentin hatte den klaren Auftrag, Verkehrsregeln einzuführen. Das Ergebnis ist bekannt. So ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Hochschule das bleibt, was Klotz daraus machte – einen akademischen Autoscooter. Rumms! Bumms!



4 Jahre nach den ersten Planungen: HSRW eröffnet Merchandising-Shop

rd | 23. Mai 2019, 14:53 | 16 Kommentare
Trinkbecher, USB-Sticks, Schreibutensilien mit dem Logo der Hochschule

Als die Planungen dafür begannen, wurde das Internet noch per Fax betrieben und die Präsidentin der Hochschule hieß Klotz, doch nun konnte  nach einer mehr als vier Jahre währenden Vorbereitungszeit endlich Vollzug gemeldet werden: Rechtzeitig zum Jubiläum meldet die HSRW die Eröffnung eines Merchandising-Shops. Nun können Studierende oder Menschen, die einfach gerne mit einem HSRW-Hoodie durch die Gegend laufen, Dinge des täglichen Studienbedarfs erwerben, die mit dem Logo und dem Namen der Hochschule verziert sind. Schön!

Wer mehr wissen will – hier die Pressemitteilung der HSRW im Wortlaut:\

Online Shoppen in der Hochschule


Der neue Merchandising-Shop der Hochschule Rhein-Waal geht an den Start und auch gleich online. Die erste Produktpalette umfasst Kleidung, Baumwolltaschen, Schreibwaren und Geschenkartikel. All das gibt es im Hochschul-Look zu kaufen. Auf verschiedenen Veranstaltungen der Hochschule Rhein-Waal sind die Artikel zusätzlich auch vor Ort zu erwerben.

Kleve/Kamp-Lintfort, 23. Mai 2019: Ab sofort kann man über die Homepage der Hochschule Rhein-Waal den offiziellen Hochschul-Merchandise kaufen. Insgesamt sind 13 Artikel im Angebot. Für die Hoodies und T-Shirts wird es zunächst zwei unterschiedliche Modelle geben. Sie sind im Damen- und Herrenschnitt in den Farben dunkelblau, weiß und grau erhältlich. Darüber hinaus sind Trinkflaschen, Coffee-to-go-Becher, Tassen, Schlüsselanhänger, USB-Sticks, Bleistifte, Kugelschreiber, Notizbücher und Baumwolltaschen erhältlich. Die Textilien wird es sowohl im sogenannten College Style als auch mit einem modernen Piktogramm in Anlehnung an das Hochschullogo geben. Als zertifizierte Fairtrade University, ist der Hochschule Rhein-Waal bei dem eigenen Merchandising der Nachhaltigkeitsgedanke wichtig. Daher ist die Bekleidung beispielsweise aus Biobaumwolle, die Trinkflasche ist BPA-frei und die Kugelschreiber sind biologisch abbaubar mit einer Kompostierbarkeit von 75 Prozent.

Das Einkaufen selbst ist ganz einfach. Der Bestellvorgang ist analog gängiger Webshops organisiert: Den Shop unter shop.hochschule-rhein-waal.de besuchen, Artikel auswählen, in den Warenkorb legen und bestellen. Die Ware wird an die angegebene Adresse geliefert. Die Bezahlung im Onlineshop ist per PayPal, Kreditkarte, Sofortüberweisung und Lastschrift möglich. Die Waren können auch in das Ausland verschickt werden. Wer vorab wissen möchte, wie die Waren nicht nur digital aussehen, kann einen Blick in die Ausstellungsvitrinen werfen. In Kleve stehen sie in Gebäude 01 (Hörsaalzentrum), Gebäude 04 und Gebäude 20 (Herzogstraße). In Kamp-Lintfort sind die Vitrinen in Gebäude 01 (Hörsaalzentrum) und in Gebäude 04 untergebracht.

Zusätzlich zu dem Onlineshop, wird es auch bei ausgewählten Veranstaltungen der Hochschule Rhein-Waal die Möglichkeit geben, Merchandising-Artikel vor Ort zu kaufen. Die Verkaufsstände werden erstmals im Rahmen der Campusfeste in Kleve am 25. Mai 2019 und in Kamp-Lintfort am 15. Juni 2019 sowie bei den Absolventenfeiern aufgebaut.



Heicks: Brötchen heißen jetzt Herzchen

rd | 21. Mai 2019, 11:54 | 43 Kommentare
Herzilein, du darfst nicht traurig sein: Brötchen, leicht verkniffen – ob des neuen Namens wegen? 

(Spoiler: Dies ist der wichtigste Beitrag aller Zeiten. Er musste geschrieben werden. Jetzt.) Man versteht die Welt nicht mehr, das ist ein bekanntes Phänomen. Aber beim Bäcker??

Ich: „Zehn Brötchen, bitte!“

Verkäuferin: „Sie meinen unsere Herzchen?“

Ich: „Nein, die ganz normalen Brötchen.“

Zur Sicherheit zeigte ich in der Bäckerei Heicks am Fischmarkt auf den Brotkorb, in dem die gewünschten Artikel, die der Fachmann als Rheinische Schnittbrötchen bezeichnet, dutzendfach lagen.

Verkäuferin: „Deswegen habe ich gefragt.“

Und da erblickte ich auch schon das kleine Schild am Korb: „Herzchen“. Das gute, alte Brötchen, beim Bäcker Heicks („Liebe in Backform“) ist es jetzt seines angestammten Namens beraubt und im Zuge eines Prozesses, den man als Framing bezeichnen kann, nach dem Organ benannt, welches das Blut durch unsere Adern treibt. Und bange fragt der Autor sich, wie lange die Mini-Baguettes noch Mini-Baguettes heißen dürfen. „Ach, Sie meinen unsere…?“


Tag des Marktes

rd | 17. Mai 2019, 13:49 | 14 Kommentare
In einem Land vor unserer Zeit: Markt Linde, ca. Mitte der 60-er Jahre

Sind so viele Märkte! Supermärkte, Möbelmärkte, Trödelmärkte, Weltmärkte, Drogeriemärkte, unsereins verbindet mit dem Wort Markt – vom lateinischen mercatus (Handel) – vermutlich nur noch selten die Urform des Marktes als einen Ort, an dem Verkäufer und Käufer zusammenkamen.

Kleve ist voller Märkte: Schweinemarkt, Fischmarkt, Kleiner Markt, Großer Markt, und das Foto oben mag einen Eindruck des Treibens vermitteln, das früher auf Märkten herrschte. Heute parken auf den meisten dieser Plätze Autos.

Das Bild, aufgenommen aus dem Turm der Versöhnungskirche, zeigt den Markt Linde, den letzten der verbliebenen Klever Märkte, der diesen Namen noch verdient. (In der Unterstadt gibt es wochentags auch ab und an ein paar Gemüse- und Blumenstände, aber sie als Markt zu bezeichnen, wäre etwas hoch gegriffen.) Doch auch Markt Linde scheint  allmählich der Welt zu entgleiten: Ursprünglich nahm er die komplette Fläche des Platzes an der Kreuzung Hagsche Straße/Ringstraße ein, seit einigen Jahre ist er jedoch bereits auf die Hälfte eingedampft (der Rest steht als Parkplatz zur Verfügung), die Zahl der Marktstände dürfte bei etwa einem Dutzend liegen.

Umso wichtiger, dass die verbliebenen Händler auf sich aufmerksam machen – und vielleicht beim Klever noch einen Umdenkensprozess einlkeiten. Warum sollte in Kleve nicht gelingen, was in vielen anderen Städten auch funktioniert – dass der Markt tatsächlich ein realer (und nicht virtueller) Treffpunkt für die Menschen ist, dass dort Lebensmittel frisch, direkt vom Erzeuger und in bester Qualität zu bekommen sind, und dass geklatscht und getratscht werden kann (eigentlich ein Klever Spezialgebiet).

Deshalb findet am Samstag, 18. Mai, an der Linde von 8 bis 13 Uhr der zweite „Tag des Marktes“ statt. „Wir wollen den Menschen zeigen, dass der Markt viel mehr als nur eine Handelsplattform ist, sondern gleichzeitig auch ein Treffpunkt und Ort zum Austausch“, sagt Nils Roth, Betreiber der beliebten Kaffeebude und einer der Organisatoren des Events. Neben Lebensmitteln (Erdbeeren, Spargel) gibt es am Samstag Informationen (Vereine stellen sich vor) und Kultur (Musik, Tanz, Theater). Also: Wenn es die Zeit erlaubt – nichts wie hin zum Markt! Schlechtes Wetter als Ausrede kann nicht gelten gelassen werden: Die Händler sind auch jede Woche da.