Glühende Landschaften

rd | 23. Juli 2018, 15:12 | 10 Kommentare

Unübersehbare Tendenzen zur Desertifikation: Kleve 2018 (Foto: Christian Flock)

Die ersten Menschen stecken ihre Köpfe bereits in Backöfen (45°, Umluft), um wenigstens noch etwas Erfrischung zu erlangen. Frisches Blut (ca. 37°) gilt als cooler Sommerdrink (Vampirol Spritz). Das alte griechische Hausmittel, sich den Körper mit Ouzo (-18°) einzureiben, findet immer mehr Freunde auch in Deutschland. Andere wiederum basteln sich Unterwäsche aus bofrost®-Tiefkühlgemüse (Erbsen, extra zart, 1200 g, 5,45 €). Der beneidenswerteste Mensch auf diesem Planeten, wobei, streng genommen, er sich gar nicht auf diesem Planeten befindet, ist Alexander Gerst – er muss nur kurz die Füße aus der Internationalen Raumstation (ISS) baumeln lassen (−270,45°), und schon ist er wieder herrlich erfrischt und hat Energie für einen weiteren Arbeitstag, der zudem nur dreißig Sekunden dauert. Weitere dramatische Hitzeberichte sind in Arbeit. Bis dahin, lieber Leser, viel trinken, vielleicht zur Abwechslung auch einmal Buttermilch oder Pfefferminzwasser!



Mörderische Hitze: Nichts steht mehr

rd | 20. Juli 2018, 12:30 | 11 Kommentare

Die Verzweiflung wächst. Karsten Koppetsch, Geschäftsführer der Umweltbetriebe der Stadt Kleve, lässt bereits tiefgekühlten Sand verstreuen, damit die Autos nicht im Asphalt versinken. Das Laub der Bäume ist so crisp, das man darüber nachdenken könnte, die Blätter als Chips zu verzehren (Lindenchips, Eichenchips – Patent für die Idee liegt bei mir!). Die Imbissstuben der Stadt frittieren nur noch mit Sonnenöl. Doch der Kampf gegen die Sonnenglut scheint vergebens, einst stramm aufragende Mahnmale der Standhaftigkeit knicken ein wie zu weich gekochte Spaghetti – hier eine erschütternde Fotodokumentation aus Stadt und (Um-)Land:

Bitte nicht anzünden: Depravierte Kerze im Hause Burmeister (Foto: Karl-Heinz Burmeister)

Weichmetall: Bitte nicht anfassen!

Zum Steinerweichen: Schlaffe Basaltstele am Bahnhof



Aldifloration: „… das gute Gefühl, einer der Ersten gewesen zu sein“

rd | 15. Juli 2018, 01:05 | 15 Kommentare

Dann mal einkehren!

Mit dem Arztberuf geht es bergab. In der neuen Ausgabe des Aldimagazins meine Woche überrascht den Leser die Information, dass ab dem 26. Juli weiße Tieffußpantoletten für 9,99 Euro verhökert werden, dazu weiße Hosen („Job-Style“) und weiße Poloshirts. Das Ganze unter der Überschrift: „Unsere Diagnose: Ein perfekter Auftritt“. Das Foto zu den Angeboten zeigt einen dreitagebärtigen Mann in den Dreißigern, um dessen Hals ein Stethoskop hängt und der einer etwa gleichaltrigen Frau auf einem weißen Handy etwas zu zeigen scheint – also der Inszenierung nach Ärzte im vertrauten Fachgespräch. Was aber die Frage aufwirft, ob der moderne Mensch nicht von Zweifeln befallen wird, wenn sein potenzieller Lebensretter ihm in weißen Tieffußpantoletten und in weißen Job-Style-Hosen entgegentritt. Günstiger wird die Behandlung dadurch ja vermutlich auch nicht.

Man sollte aber ohnehin nicht bis um 26. Juli warten, um die Aldifiliale am EOC aufzusuchen. Die präsentiert sich seit heute morgen, acht Uhr, frisch renoviert und lieferte ihren Kunden eine überzeugende Begründung, warum man am besten schon heute morgen nicht zum Freibad oder zum Flughafen fährt, sondern zur neugestalteten Filiale des Discounters. Sie lautet: „… das gut Gefühl, einer der ersten gewesen zu sein“. Unsere Diagnose: Aldifloration.

Dass aber ausgerechnet der Pfennigfuchser jetzt in Gefühl macht, liefert unserer heiteren Serie von Betrachtungen zum Endstadium des Kapitalismus (auch eine Diagnose) weitere Munition. Festzuhalten ist, dass das Vergrößern und Umräumen der Filiale ungezählten Kunden das ungute Gefühl liefern wird, an Alzheimer erkrankt zu sein – man findet nämlich nichts mehr wieder. Wein am Kopfende, der Brotbackautomat vorne rechts, die Pinienkerne nicht mehr über dem Tiefkühlfleisch, wie ein verrückt gewordener Staubsaugerroboter titscht man von Regal zu Regal, der geradlinige, hocheffiziente Einkauf vergangener Tage wird beträchtlich verzögert, dafür aber haben die Manager vermutlich ausgerechnet, dass die Aufenthaltsqualität um sieben Prozent steigt und die Verweildauer sogar um vier Minuten und dreißig Sekunden.

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Frühere Artikel:

Haben wir auf ein Öldosiersystem gewartet

Butter 1,59! Tage des Zorns

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Dafür aber braucht man nicht umbauen. Das schafft die Konkurrenz vom netto-Markt an der Linde ganz einfach dadurch, dass konsequent nur eine Kasse besetzt ist.

Soll man sich da nicht lieber gleich alles nach Hause liefern lassen? Ulla Popken, der Textilhändler für Nicht-Hungerhaken, ist da schon auf einem guten Wege: Ein Schaufenster des Geschäfts in der Unterstadt ist komplett mit dem Hinweis beklebt, dass man sich die gewünschten Teile auch online in die Filiale bestellen lassen kann. Mal sehen, wann die erste Kundin merkt, dass dieses Einkaufserlebnis noch mehr convenient gestaltet werden kann, wenn man sich die Sachen gleich nach Hause liefern lässt.

Schaufenster zum Cyberspace: Ulla Popken

Unterdessen ist die ehemalige DM-Filiale am Fischmarkt schnell wieder befüllt worden: Jack Jones heißt der neue Laden. Wer allerdings denkt, damit steige die Vielfalt der Anbieter in der Innenstadt, ist auf dem Holzweg: Jack Jones ist eine von 23 Marken des dänischen Bestseller-Konzerns, andere heißen zum Beispiel: Only und Vero Moda. Alles eine Sauce, fast wie in der DDR, nur ein bisschen bunter.

Doch selbst die Imitation von Vielfalt scheint nicht mehr auszureichen, die Lücken in der Klever Haupteinkaufsstraße zu schließen. Der staunende Betrachter der Zeitläufte muss sogar hinnehmen, dass die Insignien der modernen Welt, Firmenschilder von Telekommunikationsunternehmen, mirnichtsdirnichts aus der Stadt verschwinden. Die Vodafone-Filale am Hasenberg, die gewissermaßen den Umbruch der Medienwelt symbolisierte, zog sie doch in die Räume, in denen vorher Jahrzehnte die Geschäftsstelle der Rheinischen Post residierte, war Ende Juni plötzlich selbst nur noch Geschichte. Jetzt ein Leerstand, das skurrile Geschäft daneben gleich mit. Etwas weiter stadtabwärts Street One, Samoon, Drunkemühle, Schmidthausen – und natürlich der Dauerpatient Ex-Café-Lust, bei dem nun das deutlich aggressiver auftretende Maklerunternehmen Remax versucht, einen neuen Mieter (Gastronomen?) zu finden. Auch dort: Das Schaufenster eine große Werbefläche – vielleicht ist das die Zukunft?

Es gab Interessenten, doch die Vorstellungen waren wohl nicht deckungsgleich. Also, nach wie vor: ZU VERMIETEN (ehemals: Café Lust)

Genauer wissen das natürlich Leute, die in einer Werkstatt arbeiten, in der an der Zukunft geschmiedet und gefeilt wird. Richtig, in der Zukunftswerkstatt von Rheinischer Post und Volksbank Kleverland kamen Britta Schulz (Bürgermeisterin Stadt Kalkar), Thomas Görtz (Bürgermeister Stadt Xanten), Max Ingo Festing (ehemaliger Geschäftsführer Saturn), Ute Marks (Stadtplanerin und Ex-Chefin des Klever Stadtmarketings), Han Groot Obbink (Wunderland Kalkar), Joachim Rasch (Wirtschaftsförderer Stadt Kleve), Frank Ripkens (Volksbank Kleverland) sowie Matthias Grass und Marc Cattelaens (beide Rheinische Post) zusammen, um zu besprechen, wie es weitergehen soll.

Der Artikel hat die Überschrift: „Kleve: Eine Stadt sucht ihr Profil“. Muss man aber gar nicht, meint der Wirtschaftsförderer: „Wir sind die Schwanenstadt und wir sind eine Einkaufsstadt“, wird Joachim Rasch zitiert. Zur Befeuerung des ersten Teils hat die Stadt die Sitzschwäne aktiviert, für das zweite gibt es ja ein paar Geschäfte. Seine Vorgängerin Ute Marks sagte: „Wir brauchen eine Emotionalisierung. Die Menschen wollen etwas in Kleve erleben.“

Das aber deckt sich mit meinen Beobachtungen: Hier kannste was erleben.


„Tag der richtigen Berufswahl“

rd | 15. Juli 2018, 01:04 | 8 Kommentare

Kannte ich noch nicht. War gestern. Schnack unter Lehrern zum Beginn der Sommerferien.