Das Wetter war ja schon eine Katastrophe, aber das Klima erst…

rd | 15. März 2019, 18:34 | 78 Kommentare
Selbst wenn die Schüler mit ihren Anliegen Erfolg haben, wird sich das Klima nicht sofort ändern. Aber aus dem Fenster zu schauen und nichts zu tun hilft auch nicht weiter (Foto: Udo Kleinendonk)

Einerseits wünscht man sich, dass die Jüngsten die digitale Welt hinter sich lassen und einen Sinn für die Realitäten des Lebens entwickeln – und wenn sie dann mal auf die Straße gehen, ist es auch wieder nicht gut. Ein ehemaliger FDP-Politiker, der mittlerweile sein Geld als Fotomodell verdient (oder war es andersrum?), fordert von der Jugend, die Diskussion den Profis zu überlassen. Direktoren mit ausgeprägtem Ordnungssinn machen darauf aufmerksam, dass die Stunden, die Schüler statt im Unterricht auf Demonstrationen verbringen, als „unentschuldigt fehlend“ gewertet werden könnten.

Am Stein-Gymnasium weigerte sich der Direktor zum Verdruss einiger Pädagogen, von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, den Protest als „Kursveranstaltung“ durchzuwinken. Aber, dies sei den Gymnasiasten von einem alten Fahrensmann gesagt: Ich kenne keinen Arbeitgeber, der je auf Fehlstunden in einem Zeugnis des 8. Schuljahres geschaut hat. Und wenn man wider Erwarten doch darauf angesprochen werden sollte, sagt man einfach: „Das waren erste Erfahrungen im individuellen Zeitmanagement“ und gut ist.

Der Zug der ca. hundert „Fridays for future“-Schüler begann auf der Rasenfläche am Ehrenmal, führte über die Ringstraße stadtabwärts und endete auf der Grünfläche am Minoritenplatz. Am Markt Linde wurde gereimt gehüpft: „Hop-hop-hop – Kohlestopp!“ Am Fischmarkt gesellten sich die Klever Grünen dazu. Am Rathaus scheiterte der Versuch, die Bürgermeisterin in das Geschehen zu involvieren und ihr eine Petition zu überreichen. Sie weihte zur gleichen Zeit an der Querallee die neuen Kunstrasenplätze ein. Klimarettung, Kunstrasen. Kannste dir nicht ausdenken. Morgen ist Samstag. Oder, wie der Fachmann sagt: „Saturdays for satisfaction“.



„In Kleve warten Geschichten, schrecklich und fabelhaft“ – Christoph Klimke zurück in seiner Heimatstadt

rd | 14. März 2019, 09:00 | 6 Kommentare
Vom betulichen Kleve ins schrille Berlin: Christoph Klimke (Foto: Rolf Langenhuisen)

Heute kommt der Schriftsteller Christoph Klimke für einen Tag zurück in seine Heimatstadt Kleve, um 19:30 Uhr liest er in der Buchhandlung Hintzen aus seinen Werken (die Veranstaltung ist ausverkauft). Wer keine Karte mehr hat erlangen können oder wer sich gewissenhaft auf den Auftritt vorbereiten möchte, für den bietet kleveblog  hier eine außergewöhnliche Geschichte: Autor Rolf Langenhuisen besuchte Christoph Klimke für das Magazin Der KLEVER in Berlin und schrieb ein großes, einfühlsames Porträt über den Dichter – das zugleich auch ein Stück Heimatgeschichte ist. Hier der Text: 

Ich bin 18 Jahre alt und will ins nahe Nijmegen, kiffen, tanzen, in die Schwulenbar. Erst geht es ins „Café de Plak“ ein Bier trinken und flirten, dann zum Automatiek  Frikandel essen und schließlich ab in die Disco. Ich bewege mich, schwitze auf der vollen Tanzfläche und genieße das Unbekannte. „Hast du Feuer?“, fragt mich ein großer Typ mit schwarzen Haaren und vollen Lippen, kaum älter als ich. „Klar doch!“, antworte ich. Wir küssen uns gleich und ich weiß, wir werden beide unser ganzes Leben miteinander verbringen.


Diese Zeilen stammen aus Der Koloss, der aktuellen Erzählung von Christoph Klimke. Der Schriftsteller verweist immer wieder auf seine Kindheit und Jugend in Kleve. DER KLEVER  stellt den Wortkünstler vor.

Nein. Christoph Klimke schüttelt den Kopf. In den eingangs zitierten Sätzen schreibt er nicht über sich selbst. Er sei „zum Kiffen und Trinken“ nach Nimwegen gefahren, aber nicht der Schwulenszene wegen. „Ich selber hatte mein Coming-Out erst mit Anfang 20, da war ich bereits Student in Bonn. Ich war ein absoluter Spätzünder“, erzählt er: „Als wir in die Oberstufe kamen und alle meine Freunde eine Freundin hatten, habe ich beim VfL Merkur Volleyball gespielt. Ich hab meine gesamte Freizeit mit Leistungssport verbracht und so alles andere weggeschwitzt oder verdrängt.“   


An jedem Donnerstagvormittag so gegen halb elf klingelte es an unserer Haustür und die Nachbarinnen trafen ein. Im Haus roch es bereits nach frisch gebrühtem Kaffee und der Toaster glühte auf Hochtouren. Schließlich machte ja gleich unsere Putzfrau Rosalie Pause und das war für die Damen vom Tulpen-, Rosen- und Nelkenweg das wöchentliche Ereignis. (…) Plötzlich wurde aus der mäßigen Reinigungskraft eine meisterliche Erzählerin, die uns alle in ihrem Bann hielt. Einmal erzählte sie von der neuen Stelle bei einem jungen Richter. „Ein netter Mann eigentlich“, urteilte sie großzügig (…). „Ich putze also sein Schlafzimmer“, holt Rosalie aus, „und muss natürlich auch mal in den Schränken Ordnung machen. Im Nachttisch finde ich plötzlich… da kommen Sie nie drauf, was ich da zu Gesicht bekomme!“ Kunstvoll legt sie eine Pause ein, keiner in der Runde wagt, ins Toastbrot zu beißen, die Augen weit aufgerissen starren wir die Erzählerin an, die uns wieder profihaft zappeln lässt. „Pornos, aber nicht nackte Frauen. Nackte Männer! Also, da hab ich mich erst einmal aufs Bett gesetzt, eine Zigarette angezündet und alles genau studiert. Ihr könnt euch das nicht vorstellen!“ Wir atmen im Chor aus. „Zu Hause hab ich gesagt, eigentlich ein armer Mann, dieser Richter. Der sollte besser wegziehen aus Kleve. Denn hier spricht sich so was leicht rum.“
(Aus: „Donnerstags“, in: Nachrichten von den Geliebten, Berlin 2009, S. 77/78.)

„Zum Schreiben muss man allein sein, seine Ruhe haben und eine Tugend pflegen, die vergessen ist: das In-sich-Gehen“: Christoph Klimke über die Kunst Sätze zu formen, die den Tag überdauern (Foto: Rolf Langenhuisen)

Der Mann des Wortes: vielseitig und produktiv

Christoph Klimke ist ein Meister aller literarischen Gattungen – und bemerkenswert produktiv. 22 Bücher hat er seit 1985 veröffentlicht: Gedichte, Erzählungen, Essays. Ein neuer Lyrik-Band wird zu seinem 60. Geburtstag im kommenden Jahr erscheinen. Klimke hat zwei Dutzend Theaterstücke geschrieben, unter anderem für Schauspielhäuser in Berlin und Bonn, Salzburg und Tübingen. Das Deutsche Theater Göttingen geht aktuell mit seinem Musical America First auf Tour. Außerdem ist der Niederrheiner auch als Librettist gut im Geschäft. Das heißt: Er schreibt Texte für Opern und Tanztheater. Zuletzt hat er ein Libretto nach Goethes Egmont für das Theater an der Wien abgeschlossen, der Komponist Christian Jost liefert dazu die Musik. Zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven soll das Werk 2020 in Wien uraufgeführt werden. Derzeit verhandelt Klimke mit dem Theater Lübeck über eine Oper zur Person Thomas Manns. Es wäre für den Klever die insgesamt neunte Oper. Christoph Klimke, der in Bonn und Florenz Italianistik studierte, hat als Übersetzer Werke der italienischen Schriftsteller Pier Paolo Pasolini, Alberto Moravia und Pier Vittorio Tondelli ins Deutsche übertragen. Zu guter Letzt weiß der Mann des Wortes auch Bilder zu produzieren: Für ZDF, WDR/arte und RIAS hat er Fernsehfilme über Pier Paolo Pasolini, Luise Rinser, Günther Kunert und andere gemacht.


„Geboren bin ich am Totensonntag im November 1959, ein gutes Omen eigentlich. Im Kindergarten kommandierten uns Nonnen, die die Heilige Inquisition zurücksehnten, deshalb uns Ungehörige auf den Tisch stellten, damit alle anderen Kinder dann den Schuldigen auslachten. Geschlagen wurde in der Christus-König-Grundschule sowieso und auch im Freiherr-vom-Stein-Gymnasium herrschten alte Pauker, die als ehemalige Nazis sich hier im kleinen Kleve wiedertrafen. Nun sind sie Demokraten und Pädagogen. Eigentlich hatte ich als Kind immer nur Angst, Angst vor den Lehrern, Angst zu Hause, nicht den Anforderungen eines Vaters zu genügen, der dich nur liebt, wenn du funktionierst. Meine Brüder waren natürlich auch Messdiener und somit war meine kirchliche Karriere vorgezeichnet. Mancher Frühgottesdienst um 6 Uhr 15 vor der Schule war mühsam; entschädigt wurden wir Jungen aber bei Beerdigungen, denn da gab’s 50 Pfennig für jeden Kerzenträger und Weihrauchschwenker.“
 (Aus: „Wer’s glaubt, wird selig“, In: Unwiderruflich glücklich, Berlin 2013, S. 65)

Der Jugendliche: „Majala Traumcreme“ und prügelnde Lehrer  

Klimkes Mutter stammt aus Herne, sein Vater aus Kattowitz. Dass er selbst in Oberhausen zur Welt kam (am 22. 11. 1959), ignoriert er gern, „denn schon ein paar Monate nach meiner Geburt sind meine Eltern nach Kleve gezogen“. Heimat ist wichtig für Christoph Klimke. Seine Heimat fühlt er dort, wo er als Kind laufen gelernt hat und wo seine Eltern begraben sind. „Heimat ist da, wo der Sandkasten stand: am Tulpenweg 6 in Kleve“, formuliert er. Oben auf dem Bresserberg. Für den Klever Dichter geht Heimat durch den Magen. An mehreren Stellen schildert er Geschmackserinnerungen aus der Kindheit. Die „Kalte Schnauze“, die an jedem Geburtstag für Tortenschlachten unter den Geschwistern sorgte. Die Majala-Zitronencreme, die nach dem Sonntagsbraten als Dessert auf den Tisch kam. Die berühmten „Schweineohren“ von Bäcker Tophoven oder der Lachsschinken, den Metzger Hugo Schroers im Laden an der Hagschen Straße verkaufte. Klimke schreibt über die Stadtbücherei („Es riecht nach vergilbtem Papier und Staub“), wo er sich einmal in der Woche mit Lektüre versorgte. Über die Tanzstunden bei Pat und Ilse Seidl sowie über seinen ersten Joint, den er sich im „Radhaus“ drehen ließ, während im Hintergrund Leonard Cohens Suzanne lief.

Das Foto wurde am 2. November 1972 aufgenommen und zeigt die 8a des Freiherr-vom-
Stein-Gymnasiums mit ihrem Klassenlehrer Hans Rehm, der Anfang April 2018 verstorben
ist. Christoph Klimke steht in der hinteren Reihe, Vierter von links. (Foto: privat)

Aus der katholischen Kirche ist der frühere Messdiener längst ausgetreten: „Ich bin nicht religiös im kirchlichen Sinne. Ich glaube aber, dass jeder Künstler einen religiösen Antrieb hat. Denn wenn Sie an nichts glauben würden, dann würden Sie auch nicht schreiben.“ Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium hat der Schüler Klimke als „gewalttätig“ erlebt: „Wir wurden in unterschiedlichster Form geschlagen“, sagt er: „Wir gingen mit Angst zur Schule. Ganz furchtbar.“ Sein Vater Wolfgang unterrichtete selbst viele Jahre lang an der Römerstraße. War auch Klimke senior ein harter Hund? „Ich habe ihn nicht als Lehrer erlebt, aber mir wurde erzählt, dass er im sympathischen Sinn ein Unikat war: ein bisschen aus der Zeit gefallen, auch optisch mit seiner Baskenmütze. Er war wohl sehr milde und gab nur selten ganz schlechte Noten.“ Warum hat er mit dem Vater nicht über die Angst-Atmosphäre am Gymnasium diskutiert? „Damals wurden Autoritäten nicht angezweifelt“, antwortet der Junior: „Wenn man vom Pfarrer oder vom Lehrer eine gescheuert gekriegt hatte, gab es zuhause noch eine drauf.“ Christoph Klimke hat nach dem Abitur (1978) im Haus Freudenberg in Kleve, Werkstätten für behinderte Menschen, Zivildienst geleistet. 1980 verließ er das Elternhaus, um in Bonn ein Studium (Germanistik und Italianistik) zu beginnen.

„Entweder wir lassen Ihren Vater in den nächsten zwei Wochen langsam, aber sicher verhungern oder wir bauen ihm eine Magensonde ein“, schlägt der Stationsarzt meiner Schwester und mir vor. (…) Wir stehen im Klever Krankenhausflur. Wie hasse ich diesen Geruch. Wir gehen noch einmal zu unserem Vater, der völlig hilflos uns ansieht. (…) Mein Vater bekommt seine Magensonde. Zwei Tage später ist er tot. Jahre zuvor war meine Mutter nach langer Krankheit gestorben. Vor der Beerdigung hatte ich Angst, vor allem vor dem Gefühl, dass ich bemerken muss, sie gar nicht richtig gekannt zu haben. Was weiß ich schon von ihrer Kindheit, dem Krieg, möglichen Liebschaften, Geheimnissen und unerfüllten Wünschen. Dann stehe ich am Grab, werfe Sand und eine Rose auf den Sarg (…) und denke, es ist gut so.“
(Aus: „Adieu“, in: Unwiderruflich glücklich, Berlin 2013, S. 45/46)

Der Sohn: Sein Lebensentwurf erfüllte die Erwartungen nicht

Nach dem Grundstudium am Rhein ging der Klever 1983  für ein Jahr nach Florenz und lernte italienisch. Dann wechselte er an die Uni München – und schmiss schließlich das Studium. „Ich will Schriftsteller werden“, eröffnete er seinen Eltern. Vater Wolfgang Klimke hatte andere Pläne für seinen Sohn gehabt: Jurist oder Professor, auf jeden Fall ein Beruf mit akademischem Abschluss. Christoph ist der Jüngste von vier Geschwistern, keiner von ihnen endete als Akademiker. Barbara, die Schwester, und Rüdiger, der älteste Bruder, leben noch in Kleve. Bruder Burkhard ist Orgelbauer und betreibt in Bottrop eine eigene Firma. Das schwierige Verhältnis zu seinem Vater spricht Christoph Klimke in verschiedenen Veröffentlichungen an. „Mein Vater war Jahrgang 1919, somit 40 Jahre alt, als ich geboren wurde. 1936 zog er als 17-jähriger Offizier in den Krieg, bis 1945. Dass ihn das geprägt hat, ist doch logisch“, erläutert der Textschaffende im Gespräch: „Mein Vater hatte keine Nerven. Wenn er nach Hause kam, wollte er seine Ruhe haben. Er war in seinen Ansichten sehr konservativ, da gab es selbstverständlich Reibungsflächen.“ Wolfgang Klimke hat seine letzten Jahre im Altenheim Evangelische Stiftung verbracht. Die Immobilie am Tulpenweg 6 fand neue Besitzer: Jetzt wohnen dort die Sopranistin Mirjam Hardenberg und der Pressefotograf Markus van Offern. Auch Klimke musste sich an den Verkauf erst gewöhnen. Noch heute darf bei keinem seiner Kleve-Besuche ein Blick aufs Elternhaus fehlen. Wenn er dann im Hotel nächtigt, kommt er sich „vor wie ein Heimkehrer ohne Heim, doch nicht bemitleidenswert, sondern reich an schrecklichen und fabelhaften Geschichten, die hier im häufigen Nebel oder unter den Ästen der Trauerweiden am Kanal auf mich warten“.

Christoph Klimke machte sich 1984 auf nach Berlin, um dort als freier Schriftsteller zu leben. Die Sorgen seiner Eltern vor einer brotlosen Zukunft ihres Jüngsten waren so  unberechtigt nicht. Anfangs veröffentlichte er einige Gedichte in Anthologien. 1985 erschien im Berliner Verlag Vis-a-Vis sein erstes Buch. Unter dem Titel Der Sünder, Fragen an Pier Paolo beschäftigt es sich mit Pier Paolo Pasolini, dem italienischen Filmregisseur, Dichter und Publizisten, der auch Kommunist, Katholik und Homosexueller war. Der Rowohlt Verlag brachte 1989 Klimkes erste Erzählung Stadtträumer auf den Markt. Sein Debüt als Lyriker gab der Klever 1991 mit dem Gedichtband Sand-Alphabet   (Institut für Moderne Kunst, Nürnberg). Im gleichen Jahr wurde sein Theaterstück Die siamesischen Zwillinge vom Dortmunder Schauspielhaus uraufgeführt. Klimkes Erstling erhielt gleich eine Einladung nach Bern zum Theaterfestival Aua, wir leben. Auch sonst gab es für den jungen Autor viel Lob. Aber kein Geld. „Als ich ernsthaft anfing zu schreiben, war mir sofort klar, dass ich kein Romanautor bin und insofern meine Chancen, vom Schreiben leben zu können, gleich null sind“,  erinnert er sich.

Es half, wie manches Mal im Leben, der Zufall. Der brachte den Niederrheiner mit dem 20 Jahre älteren Kärntener Johann Kresnik zusammen, einem international bekannten Regisseur und Choreographen. Ein Marxist, der mit seinem Tanztheater immer auch provozieren und den Rahmen üblicher Ästhetik sprengen wollte. 1996 schrieb Christoph Klimke nach dem Pasolini-Film Teorema das Libretto für Kresniks Choreographisches Theaterstück Gastmahl der Liebe an der Volksbühne Berlin. Es war der Beginn einer länger als zwei Jahrzehnte währenden Zusammenarbeit, auch im Schauspiel und in der Oper, durch die Klimke republikweit auf sich aufmerksam machen und sich vernetzen konnte. So, dass Intendanten ihn regelmäßig mit Theaterstücken oder Opernlibretti beauftragen. „Von der Zusammenarbeit mit Hans Kresnik habe ich 20 Jahre gut gelebt“, bilanziert der Autor, der zuletzt 2016 am Deutschen Theater Heidelberg ein Libretto für Kresnik schrieb – nach  Edgar Allan Poes „The Narrative of Arthur Gordon Pym“.


Mich selbst sehe ich ungern auf Fotos, da ich mich doch in besserer Erinnerung behalten möchte. Ich fantasiere mir lieber ein Spiegelbild, ein Selbstporträt her, das kein Fotograf der Welt aufnehmen könnte. Vielleicht sind wir auch nur eifersüchtig auf unsere verlorene Jugend und trösten uns fälschlich, dass die Jugend von heute es gerechterweise schlechter habe als wir damals. Solch trügerische Eitelkeit funktioniert (…) schon, wenn gleich in irgendeiner Gaststätte mich jemand anlacht. Ich bin gemeint, fühle ich mich geschmeichelt und so berauscht und kopflos wage ich allerlei. Gefräßig leben wir von den Blicken anderer. Und waren wir immer schon Kannibalen. Die das Gesicht mit einer fleischlosen Maske verwechseln, und das Sehen mit dem Einverleiben, so lebten wir immerhin vom kurzen Genuss unserer selbst.
(Aus: „Der Spiegel“, in: Nachrichten von den Geliebten, Berlin 2009, S. 128)


Der Alternde: Schluss mit der Berliner Szene und auf nach Hamburg!

Am Esstisch in Kreuzberg: Hier bekocht Klimke häufig Freunde, zum Beispiel die SPD-Politikerin Barbara Hendricks oder den Schriftsteller Günter Kunert (Foto: Rolf Langenhuisen)

Kleve ist die Heimat, Berlin das Zuhause. Christoph Klimke lebt – mit Unterbrechungen – seit drei Jahrzehnten in Kreuzberg. Zwischendurch bella Italia: zwei Jahre in Rom, ein Jahr in Palermo und jeden Sommer einige Wochen auf der liparischen Insel Salina. Mit seinem Mann Andreas Seifert bewohnt Klimke eine große Altbauwohnung an der Wiener Straße 17 in Kreuzberg. Seifert, ebenfalls Jahrgang 1959, steht als Schauspieler in Heidelberg unter Vertrag. Die beiden kennen sich seit mehr als 20 Jahren und sind seit langem verpartnert.  Als Theaterautor hat sich der Niederrheiner auf politisch relevante Biographien spezialisiert. „Ich glaube, als Künstler muss man ein Linker sein“, sagt der eingeschriebene Sozialdemokrat, der mit der Klever SPD-Bundestagsabgeordneten Barbara Hendricks und ihrer Frau Valérie Vauzanges befreundet ist. Vauzanges, eine Lehrerin, hat sich von der Kellener Karl-Kisters-Realschule nach Berlin versetzen lassen.

Klimke und Seifert dagegen wollen die Hauptstadt verlassen. „Ich bin jetzt lange genug hier. Kurz bevor man richtig alt wird, muss noch mal etwas Neues kommen“, kündigt der Kreative an: „Hamburg wäre für den nächsten und vielleicht letzten Lebensabschnitt ein tolles Quartier.“ Natürlich, sagt er, seien ihm die Vorteile Berlins bewusst. Aber er habe alles zur Genüge gehabt, habe alles ausprobiert: „Irgendwie hat sich das erschöpft oder erledigt.“ Christoph Klimke macht den Eindruck, als wolle er mit 58 Zwischenbilanz ziehen. Dazu gehört auch, dass er sich und sein Werk in der Heimat bekannter machen möchte. Drei Jahrzehnte lang nahmen die Klever Lokalzeitungen vom umtriebigen Dichter keinerlei Notiz. Berichtet wurde erst, nachdem er 2017 selbst die Initiative ergriffen hatte.

Klimke schrieb einmal, dass sich in seiner Kreuzberger Wohnung ein langsam ergrauender Wolf von den Träumen vergangener Zeiten nährt. Ist Altwerden für Schwule schwieriger als für Heteros? „Für viele ja. Aber ich gehöre nicht dazu“, behauptet er: „Das Einzige ist die Furcht vor schweren Krankheiten und Leiden, vor Pflegeheim und dem ganzen Mist. Aber diese Angst hat ja jeder Mensch.“ Welche Pläne schmiedet der Alternde für die Zeit, die noch vor ihm liegt? Antwort: Weitermachen wie immer, mit Theater, Gedichten, Libretti. „Mir geht’s doch toll! Ich kann schreiben, was ich will, und sogar irgendwie davon leben. Ich habe ein erfüllendes Privatleben“, erklärt Klimke: „Wenn ich noch ein paar Jahre so weiterfummeln kann, dann ist es wunderbar.“

Die Textzitate sind folgenden Büchern entnommen:

  • Christoph Klimke, Der Koloss, Radius-Bibliothek, Stuttgart
  • Christoph Klimke und Mario Wirz, Unwiderruflich glücklich, Querverlag, Berlin 2013
  • Christoph Klimke und Mario Wirz, Nachrichten von den Geliebten, Querverlag, Berlin 2009


Sonntagssinnbild: Recyclingvanitas

rd | 10. März 2019, 20:58 | 3 Kommentare
Hochkomplexe Bildaussage (Foto: GE)

Unsere Lust, Wertstoffe zu sammeln, ist die materialistische Spielart des hinduistischen Gedankens vom ewigen Kreislauf des Lebens. Verdinglicht, entseeelt, kapitalistisch. Die Reinkarnations des Joghurtbechers als Shampooflasche als Chipstüte. Gesteuert wird das große Müllsamsara von Mächten, die nicht mehr die Erlösung (als christliches Business) betreiben, sondern die Entsorgung, um wieder Platz zu schaffen für neue Versorgung. Diese Unternehmungen, die den Fluss der Materie steuern und über Wiedergeburt bestimmen, sind gottähnliche Entitäten, die selbst nicht dem Kreislauf des Sterbens und Werdens unterliegen. Und dann dieses verstörende Bild, entstanden auf dem Gelände des Klever Schrotthändlers de Loreyn, der kürzlich (kleveblog berichtete: Müllschlucker schluckt Müllschlucker)  Gegenstand einer Übernahme geworden ist – und somit seine Insignien wie Firmenschilder selbst den Prozessen überantworten muss, die er einst steuerte. Ist es das, wenn man davon spricht, jemand sei im Nirwana angelangt? Stoff für eine Tragödie griechischsten Ausmaßes! 


Der gnadenlose Eberhard

rd | 10. März 2019, 20:23 | 1 Kommentar
Schiffe trieben zurück nach Duisburg (Foto: Fox News)

Wieviel Eberhard („kühner Keiler“) muss diese gebeutelte Region noch erdulden? Das Sturmtief, das diesen Namen trug, riss am Sonntag Nachmittag exakt 23.957.441 Äste von den Bäumen im Kreisgebiet ab. Die Feuerwehr wurde 7622mal angerufen, 355 Anrufe können allerdings nicht gezählt werden, da sie dieselben abgebrochenen Äste betrafen. Weitere 17 Gespräche hatten sachfremde Themen, die ebenfalls aus der Wertung fallen. Am Rhein konnten furchtlose Uferflaneure ein faszinierendes Naturschauspiel beobachten: Böen mit Geschwindigkeiten von einem ICE, der von einem Shinkansen verfolgt wird, überwältigten die Kraft der Dieselmotoren in den Frachtschiffen und drückten sie und das Rheinwasser gleich mit zurück in den Duisburger Binnenhafen, wo die die entmutigten Kapitäne es am Abend so richtig krachen ließen. Gegen 20 Uhr floss das Wasser in wieder in die richtige Richtung. An der Keekener Straße drängten die Winde eine Schafherde in einen Elektrozaun. Dann bekamen die Tiere einen Stromschlag und machten einen Satz in die Weide – nur um wenige Sekunden später zurück in den Zaun gepresst zu werden. Vogel flogen noch, aber nicht mehr dahin, wo sie hinwollten (Exkurs: Wollen Tiere überhaupt etwas?). Relativ frei war der Radschnellweg nach Nimwegen, nur vereinzelt segelten Radfahrer an einem vorbei. Dass die Rettungskräfte nur so wenig zu hören waren, lag übrigens daran, dass die Schallwellen wie alles andere auch so hurtig hinfortgeblasen wurden, dass die Ohrmuscheln ihrer nicht mehr habhaft werden konnten (Doppler-Effekt). Nur bei Hannelies war alles wie immer (Himbeer-Frischkäse um 15:23 Uhr aus). Am Nachmittag, nach den letzten Böen, dann eine geradezu gespenstische Stille. Nur wenn man die Ohren ganz nah an den Asphalt hielt, war das ersterbende Wimmern der abgerissenen Äste zu vernehmen.