Mühlhoff-Brand, 3. Prozesstag: „Die ganze Nacht im Bett gelegen“

rd | 15. Oktober 2020, 10:58 | 40 Kommentare
Der Angeklagte und seine Verteidiger Dr. Karl Haas und Tanja Reintjes
Rauchsäule über Uedem am 29.12.2019 (Foto: Feuerwehr Uedem)
Verräterische Mütze?

„Die ganze Nacht im Bett gelegen“

Dritter Verhandlungstag im Mühlhoff-Prozess: Ehefrau verschafft Angeklagtem Alibi, Geschäftsführer beziffert den bisherigen Schaden durch den Brand auf 50 Millionen Euro

Es gibt eine Vielzahl von Indizien, die darauf hindeuten, dass Andreas L. am 29. Dezember des vergangenen Jahres das Werk seines damaligen Arbeitgebers Mühlhoff in Uedem angezündet und dadurch einen Millionenschaden verursacht hat. Am dritten Verhandlungstag vor der 2. großen Strafkammer des Landgerichts Kleve sagte nun aber die Ehefrau des Angeklagten aus – und verschaffte ihrem Mann ein Alibi. Ihren Aussagen zufolge seien sie gegen 23 Uhr gemeinsam schlafen gegangen und am nächsten Morgen nach acht Uhr gemeinsam aufgewacht, zudem sei sie des Nachts zweimal aufgestanden, und auch da habe ihr Mann im Bett gelegen.

Wenn die Kammer unter Vorsitz von Richter Norbert Scheyda diese Aussage Glauben schenkt, scheidet der Angeklagte als Tatverdächtiger aus. L.s Strafverteidiger, Dr. Karl Haas und Tanja Reintjes, schickten auch gleich noch einen Beweisantrag hinterher, der auf dieser Darstellung aufbaute.

Skurril verlief die Präsentation der Gegenstände, die die Polizei am Tatort sichergestellt hatte. Richter Scheyda zeigte der Frau Wollhandschuhe. Antwort: „Wir haben sehr viele Wollhandschuhe.“ Richter Scheyda kramte einen Rucksack mit der Aufschrift Herbalife hervor. Antwort: „Wir hatten Rucksäcke von der Firma.“ Richter Scheyda holte Arbeitshandschuhe aus einem Umschlag. Antwort: „Da hatten wir Unmengen von.“ Richter Scheyda präsentierte ein Bündel Kabelbinder. Antwort: „Hatten wir auch.“ Richter Scheyda zog einen Bolzenschneider aus der Asservatenkiste. Antwort: „Haben wir auch zu Hause.“ Richter Scheyda ergriff einen Zimmermannshammer. Antwort: „Da haben wir zu Hause etliche von.“ Und schließlich zeigte Richter Scheyda die Mütze mit der Aufschrift Landwirtschaftssimulator. Antwort: „So eine hat mein Sohn, und eine ein Freund von ihm.“

Die Ehefrau will durch die Kurznachricht einer Freundin von dem Brand erfahren haben. Das Ehepaar, das damals noch in Uedem lebte, sei vor das Haus getreten und habe die Rauchsäule gesehen. Ihr Mann habe gesagt: „Das kann Horlemann, Elten oder Mühlhoff sein.“ Als später feststand, dass es sich um den Arbeitgeber ihres Mannes gehandelt habe, habe er gesagt: „Mein Gott, es hat gebrannt.“

Erneut nahm auch am dritten Prozesstag das Thema Arbeitssicherheit großen Raum ein. (Wie an den beiden Prozesstagen zuvor klar wurde, könnte ein Motiv des Mannes (so er es denn war) darin liegen, dass seine Warnungen vor missachteten Vorschriften kein Gehör fanden. Die Ehefrau berichtete, dass die Kollegen ihrem Mann hinter vorgehaltener Hand darin recht gegeben hätten, dass nicht alles vorschriftsgemäß ablaufe. Aber sie hätten ihm gesagt: „Wir haben das schon immer so gemacht. Das geht nicht anders.“

Der nächste Zeuge, der Sohn des Angeklagten, 32 Jahre alt, berichtete von einem Beurteilungsgespräch, in dem sein Vater zu mehr Tempo bei der Arbeit aufgefordert worden sei. Man habe ihm gesagt, er müsse schneller arbeiten und solle nicht so auf die Arbeitssicherheit achten. Von da an sei das Thema immer wichtiger für seinen Vater geworden.

Von besonderem Interesse war in diesem Zusammenhang die Aussage eines Sicherheitsingenieurs, der ab Januar 2019 zunächst einmal und dann sogar zweimal wöchentlich in dem Unternehmen tätig war. Zu diesem Zeitpunkt war Andreas L. bereits dauerhaft krankgeschrieben, dennoch kam es in den Wochen vor dem Brand zu einer zufälligen Begegnung der beiden, in der dieser ihm seine Bedenken schilderte. Woraufhin der Ingenieur ihm entgegnete: „Das stimmt nicht.“ Und es habe auch nicht gestimmt, unter der neuen Geschäftsführung habe Arbeitssicherheit oberste Priorität genossen.

Was natürlich direkt zu der Frage führte, was davor in dem Unternehmen und speziell in der Abteilung Logistik los war. Antwort des Ingenieurs: „Der [damalige] Geschäftsführer hatte gemerkt, dass der Bereich Arbeitssicherheit vernachlässigt wird, um das mal ganz deutlich zu sagen, deshalb hat er mich geholt.“ Als der Ingenieur seine Arbeit aufnahm, merkte er, dass sein Vorgänger das „Sicherheitsmanagement-System nicht so gelebt hat“.

Ein weiterer Zeuge war der aktuelle Geschäftsführer des Unternehmens, Markus Wermers. Der Diplom-Ingenieur war nach einem Eigentümerwechsel gerade zweieinhalb Monate auf seinem Posten, als der Brand das Unternehmen verheerte. Er bezifferte den Schaden auf derzeit 50 Millionen Euro. „Das ist das, was wir bei der Versicherung zur Schadensregulierung eingereicht haben“, so Wermers. Noch nicht eingerechnet sei der entgangene Gewinn, weil da noch verhandelt werde, was dem Brand und was Corona zuzurechnen sei.

Der Unternehmenschef, der betonte, wie wichtig ihm Arbeitssicherheit sei, vermittelte auch einen Eindruck vom Ausmaß der Schäden. Für das Unternehmen zentral sind sogenannte Großpressen. Vier davon besaß Mühlhoff, alle wurden sie durch den Brand zerstört. Zwei neuere konnten noch repariert werden und sind erst seit wenigen Wochen, also rund ein dreiviertel Jahr nach dem Brand, wieder im Einsatz. Für die beiden anderen wurde für sieben Millionen Euro eine neue Presse bestellt, die Lieferzeit beträgt ein Jahr.

Zu der Auseinandersetzung mit L. konnte er indes nichts sagen. „Ich kenne ihn nicht“, so Wermers.

Der Brandsachverständige zeigte dem Gericht am Nachmittag noch mehrere hundert Fotos, die das Ausmaß und den Verlauf des Brandes dokumentierten. Er kam zu der Erkenntnis, dass der Brandstifter mindestens anderthalb Stunden nötig gehabt haben musste, um sein zerstörerisches Werk auszuführen.

Der Prozess wird am 26. Oktober fortgesetzt.



Corona: Die Niederlande wurden soeben stillgelegt

rd | 13. Oktober 2020, 14:37 | 28 Kommentare
Virus vs. NL

Soeben hat Premier Mark Rutte die acht Punkte umfassende Liste der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Land wird, wie schon berichtet, weitgehend stillgelegt, und „mondkapjes“, wie es in NL heißt, werden in öffentlichen Innenräumen und in weiterführenden Schulen verpflichtend, alle Veranstaltungen (Festivals, Volksfeste) werden verboten, Sport ist höchstens bis zu vier Personen ohne Kontakt erlaubt (außer Fußball in den höchsten Ligen, dort aber ohne Publikum), Läden müssen um 20 Uhr geschlossen haben und dürfen nur eine begrenzte Kundenzahl einlassen. Gruppen dürfen nur vier Personen umfassen, Haushalte nur einmal am Tag drei Personen zu Besuch empfangen, und die Gastronomie wird erst einmal komplett geschlossen. Für Kleve wichtig: Die Niederländer sollen so wenig wie möglich reisen, sowohl im Inland als auch ins Ausland. (Ist aber eine Soll-Bestimmung.)

Der offizielle Maßnahmenkatalog

Hier der Überblicksbericht aus der Tagesschau: Niederlande im Teil-Lockdown.

Im Norden grenzt Kleve an die Niederlande, wer kauft nicht manchmal gerne bei Albert ein Millingen Hagelslag oder Vanillevla? Bis Nimwegen, der ersten Großstadt in der Nähe, sind es gerade einmal gut zwanzig Kilometer, gerade nahe genug, um die Verlockungen des Nachtlebens dort auszukosten. Und Kleve selbst gilt den Niederländern als ein lekker plekje, wo man günstig einkaufen und dazu noch een kopje koffie trinken kann.

Das alles aber, so scheint es, ist schon bald erst einmal vorbei oder doch deutlich erschwert. Wie der Westdeutsche Rundfunk berichtet, will der niederländische Premier Mark Rutte schon heute Abend drastische Einschränkungen des öffentlichen Lebens in unserem Nachbarland bekannt geben. Beispielsweise sollen alle Kneipen, Cafés und Restaurants in den Niederlanden für zwei Wochen schließen!

Spontane Treffen oder Feiern im Kreise von Freunden sollen deutlich erschwert werden. Geschäften und Kiosken soll es dem Bericht zufolge nicht mehr gestattet sein, nach 20:00 Uhr noch Alkohol zu verkaufen. Private Haushalte sollen täglich höchstens drei Gäste empfangen dürfen. Weitere geplante Einschränkungen betreffen den öffentlichen Nah- und Fernverkehr: Fahrten mit Bussen oder Bahnen immer nur noch gestattet, wenn sie zwingend erforderlich sind. Außerdem soll der Amateursport im Erwachsenenbereich ebenfalls mindestens zwei Wochen komplett stillgelegt werden.

In der vergangenen Woche wurden in den Niederlanden durchschnittlich mehr als fünfeinhalbtausend Menschen täglich positiv auf das Coronavirus getestet – mehr als in Deutschland, obwohl das Land nur knapp ein Viertel der Einwohner hat. Bis auf die Provinz Zeeland gilt das Königreich als Risikogebiet.

Hier die aktualisierte Tabelle: Gesamtüberblick Corona Kreis Kleve

Weitere Ergänzung: Das Corona-Info-Board der Stadt Goch führt auf, wie sich die jeweiligen Zuwächse sich auf die 16 Kommunen des Kreises verteilen. Hier der Link: Corona-Info-Board.



Takka Takka! Sentimentale Raucherkeller-Reminiszenzen eines 84-er-Abiturienten

rd | 13. Oktober 2020, 14:06 | 11 Kommentare
Im Qualm der Erinnerungen konserviert: Lichtenstein im Stein-Gymnasium

Von Zeit zu Zeit erinnert sich der Autor, wie an eine ferne Welt der Unschuld, an die glorreichen Wochen und Monate der Adoleszenz, die im Bemühen, seinen Platz in der Welt zu finden, in der Sporthalle verbracht wurden, zweitens im Computerraum des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, wo ein gefrierschrankgroßer Rechner, der ca. hundert Programmzeilen verarbeiten konnte, die paradiesischen Verlockungen der Digitalisierung imaginieren ließ, drittens aber im Walhall der kleinstädtischen Coolness, dem Raucherkeller des Gymnasiums, das damals noch Latein als erste Fremdsprache anbot.

Dass ich nicht rauchte und zudem entweder ein bordeauxfarbenes oder ein hellblaues Sweatshirt der Marke Fruit of the Loom trug, verschaffte mir vermutlich inmitten der rauschebärtigen Kettenraucher, die dort in langen Ledermänteln kurz vor dem Abitur in den Freistunden die Weltrevolution planten, den Status eines obskuren Sonderlings, immerhin aber verdankte ich der Fähigkeit, halbwegs ordentlich Skat spielen zu können, eine Art von Berechtigung, mich dort aufhalten zu dürfen. Skat war zwar eine Tätigkeit der verhassten Bourgeoisie, aber das Spiel würde offenbar auch nach dem vollendeten Umsturz weiter ausgeübt werden.

Zutritt hatten nur Schüler der Oberstufe, denn die waren 16 Jahre alt und durften somit rauchen, allerdings nicht auf dem Schulhof, sondern eben dicht an dicht in dem dafür reservierten Keller an der Ringstraße, in dem ein paar versiffte Sofas eine leise Ahnung von der Welt der damals schon nicht mehr existierenden Kommunen in den Großstädten vermittelten und in dem die Luft schon nach der ersten großen Pause Sauerstoff nur noch in Spurenelementen enthielt.

Im Grunde aber habe ich dem Raucherkeller zu verdanken, dass ich mich auch heute noch für Kunst in allen Formen interessiere. Wenn man den Raum betrat, befand sich gleich links eine Kopie des Gemäldes Takka Takka von Roy Lichtenstein, eine einem Comic entnommene Kampfszene mit dem Mündungsfeuer eines Maschinengewehrs, die kunstsinnige Schüler mit viel Talent an die Wand gepinselt hatten. Das war die erste Begegnung mit der Pop-Art, von da bis zur Suppendose war es nicht mehr weit, und es brauchte danach viele Jahre, bis sich auch der Reiz des klassischen Kanons, der einen damals eher abschreckte und ermüdete, wieder erschloss. Heute hat auch Lorenzo Lotto wieder seinen Reiz. Man wird älter. Plötzlich liest man Fontane mit Gewinn.

Vermutlich aber wären diese Erinnerungen irgendwann im Strudel der Ereignisse, die ein Leben ausmachen, versunken, streng genommen waren sie es sogar schon. Gestern Abend jedoch, ironischerweise auf dem Weg zum Basketballtraining, wie vielleicht vor knapp vier Jahrzehnten auch, passierte ich diesen Raucherkeller (der logischerweise heute nicht mehr in dieser Funktion genutzt werden darf), und wie in einer Zeitreise war alles wieder da, als wäre ein Keks in den Tee getunkt worden. Denn der Raum war erleuchtet und gewährte so in der Dunkelheit einen Blick ins Innere. Und was sehen meine Augen? An der rückwärtigen Wand prangt immer noch Takka Takka!


Corona-Welle: Was zu befürchten war – 29 neue Fälle, mehr als 1200 Menschen unter Verschluss, Inzidenz-Wert über 30, neuer Fall in Kita-Zauberfarben, erste Gaststätten wegen Verstößen geschlossen

rd | 11. Oktober 2020, 15:34 | 110 Kommentare
Zweite Welle (Tafelkreide auf poliertem Schiefer, 2020): Drosten hatte es vorhergesagt, Merkel hatte es vorgerechnet, und genau so scheint es zu kommen. Die Tabelle zeigt die Neuinfektionen pro Woche im Kreis Kleve. Der mittlere Zacken lässt sich auf die Geschehnisse um eine Hochzeitsfeier zurückführen, an der Mitglieder einer Familie aus dem Südkreis teilgenommen hatte

(Jetzt mit aktualisierter Tabelle) Die Kurve schlägt so stark nach oben aus wie seit Anfang April nicht mehr: Der Kreis Kleve verzeichnete in den vergangenen sieben Tagen insgesamt 96 erkannte Infektionen mit dem Coronavirus, der Inzidenzwert steigt auf 30,7 (ab 50 sollen bekanntlich wieder verschärfte Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelten).

Hier die aktualisierte Tabelle: Gesamtüberblick Corona Kreis Kleve

Weitere Ergänzung: Das Corona-Info-Board der Stadt Goch führt auf, wie sich die jeweiligen Zuwächse sich auf die 16 Kommunen des Kreises verteilen. Hier der Link: Corona-Info-Board.

Die Zahl der Menschen, die wegen möglicher Kontakte in den eigenen vier Wänden bleiben müssen, beträgt zurzeit 1226, so viel wie noch nie und nun den sechsten Tag in Folge im vierstelligen Bereich.

In der Kita Zauberfarben, wo es in der vergangenen Woche einen Indexfall gegeben hat, ist nun eine zweite Infektion erkannt worden. „Die betroffene Person sowie die ermittelten Kontaktpersonen der Kategorie 1 stehen unter Quarantäne“, so der Kreis Kleve. „Testungen werden kurzfristig erfolgen.“ In der Willibrord-Grundschule in Kleve-Kellen wurden zwei Kontaktpersonen der Kategorie 1 in zwei Klassen ermittelt.

Die Rheinische Post meldete am Wochenende, dass die Stadt Kleve erstmals zwei Gaststätten für einen Abend geschlossen hat, weil die Corona-Auflagen nicht eingehalten wurden. Den Betreibern droht ein Bußgeld. Außerdem schiebt der Ordnungsdienst der Stadt Kleve Wache vor einem Haus in Brienen, weil dessen Bewohner sich nicht an die Quarantäne gehalten haben.


Prozess um Mühlhoff-Brand, 2. Verhandlungstag: „Wenn ihr nicht alle auf den Arbeitsschutz achtet, werdet ihr alle sterben“

rd | 09. Oktober 2020, 14:01 | 96 Kommentare
Angeklagter, Verteidiger: Berechtigte Kritik oder „Arbeitsschutzwahn“?
Die Rauchsäule bei dem Brand am 29. Dezember 2019 war kilometerweit sichtbar
Verräterische Mütze

Zweiter Verhandlungstag im Prozess um den Mühlhoff-Brand: Ehemalige Kollegen schilderten, wie der Angeklagte sich für die Arbeitssicherheit im Betrieb engagierte – und kein Gehör fand.

Ein verheerendes Bild von den Zuständen beim Uedemer Autozulieferer Mühlhoff zeichneten am Montag die Kollegen des Angeklagten, die als Zeugen im Prozess um den Großbrand aussagten: Es gab eine Betriebsversammlung, bei der der Betriebsratsvorsitzende dem Mann das Mikrofon aus der Hand riss. Es gab gefährliche Vorkommnisse bei der Arbeit, die eine Kollegin als alltäglich charakterisierte. Und es gab ihre klare Ansage über den Beschwerdeführer: „Er hatte recht.“

Schon zum Prozessauftakt gegen den 58 Jahre alten Ex-Mitarbeiter, dem Brandstiftung mit einem Millionenschaden vorgeworfen wird, hatte sich angedeutet, dass ein mögliches Motiv für die Tat darin liegt, dass zahlreiche Beschwerden des Mannes in punkto Arbeitssicherheit ignoriert wurden. Das wurde nun deutlich konkreter. 

Der erste der Zeugen aus den Unternehmen, der in dem Prozess vor der 2. großen Strafkammer des Landgerichts Kleve unter Vorsitz von Richter Norbert Scheyda aussagte, war der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats. Er berichtete, dass Andreas L. als Zeitarbeiter zu dem Unternehmen gekommen war und später als Mitarbeiter übernommen wurde. Er habe immer „Top-Arbeit“ geleistet. 

Doch das änderte sich. „Irgendwann schien es einen Arbeitssicherheitswahn bei Herrn L. gegeben zu haben.“ Arbeitssicherheitswahn? Auf dem Betriebsversammlungen habe er sich aufbrausend zu dem Thema Arbeitssicherheit geäußert, und dann habe er noch heimlich Filmaufnahmen angefertigt, um die Kollegen anzuschwärzen. Der Kommentar des Betriebsrats: Wer so etwas mache, „darf sich nicht wundern, wenn er nicht mehr mit einem ,Herzlich willkommen!’ in seinem Kollegenkreis begrüßt wird“.

Der Betriebsrat war es auch, der die Polizei schon frühzeitig auf die Spur des Angeklagten geführt hatte. Ein Verwandter hatte ihn informiert, dass der Sohn des Angeklagten für ein Diätunternehmen tätig sei – der Angeklagte besaß einen Rucksack mit dem Schriftzug dieser Firma, der am Tatort gefunden wurde. Zudem betreibe der Sohn auch einen YouTube-Channel, auf dem dieser das Spiel Landwirtschaftssimulator spiele und kommentiere. Als der Betriebsrat dies in seiner polizeilichen Vernehmung erwähnte, zeigten ihm die Beamten eine Mütze mit dem Schriftzug des Spiels, die ebenfalls in Tatortnähe herumlag.

Doch im Zentrum des zweiten Prozesstags stand die Frage, wie im Unternehmen mit den Beschwerden des Angeklagten umgegangen wurde. Waren sie berechtigt oder nicht? Aus der Sicht des Vize-Betriebsrats waren sie „völlig drüber“, also absolut unangemessen. Es habe keine Unfälle gegeben, und auch keine Beanstandungen bei Prüfungen. Bei den Beschwerden sei es im wesentlichen um Stapelhöhen gegangen.

Nach dieser Aussage durften die Kollegen aus der Logistikhalle 21 selbst ihre Sicht der Dinge schildern. Der erste, ein 49 Jahre alter Kommissionierer, blieb noch etwas vage: „Es mag sein, dass er recht hat. Aber das müssen dann andere Leute umsetzen.“ Wenn L. auf den (vierteljährlich stattfindenden) Betriebsversammlungen davon gesprochen habe, habe ihm keiner mehr zuhören wollen.

Die nächste Zeugin wurde genauer. Sie schilderte, dass die Kollegen sogar die Halle verließen, wenn L. wieder einmal in einer Betriebsversammlung das Thema Sicherheit aufgriff. Die Beschwerden selbst allerdings waren ihrer Ansicht nach berechtigt: „Er hat recht, aber er hat wohl auch übertrieben.“ 

Riskant waren insbesondere die Stapelhöhen und die Art und Weise, wie manche Güter bewegt wurden. Die Kollegin: „Es ist manchmal schon sehr gefährlich, aber das ist Alltag bei uns.“ Obwohl L. also offenbar durchaus kritische Punkte benannte, habe er bei seinen Bemühungen von seinen Kollegen keinerlei Unterstützung erhalten. 

Als der Vorsitzende Richter sich danach erkundigte, ob es nicht Einweisungen für die Mitarbeiter gebe, erhielt eine Antwort, die offenbarte, dass der Leichtsinn bei Mühlhoff Methode hatte. Die Zeugin: „Das ist bei uns so: ,Unterschreib mal schnell! Das haben wir vergessen!‘ Die Einweisung ist nicht so, wie sie sein sollte.“ Prozessbeobachter dürften sich gefragt haben, warum es in Deutschland Einrichtungen wie die Berufsgenossenschaft überhaupt gibt, wenn mit den Vorschriften so lax verfahren werden kann.

Ein weiterer Zeuge, ebenfalls in der Logistikhalle tätig, sagte ebenfalls, dass es „ein paar Sachen“ gegeben habe, bei denen der Angeklagte „nicht unrecht“ hatte, „aber bei dem Druck den wir hatten …“ Der Satz blieb unvollendet, sein Sinn war wohl der, dass die Vorschriften angesichts der geforderten Arbeitsleistungen gar nicht eingehalten werden konnten.

Er erinnerte sich auch an die Szene auf der Betriebsversammlung, als L. das Mikrofon aus der Hand gerissen wurde. Zuvor habe dieser gesagt: „Wenn ihr hier nicht alle auf den Arbeitsschutz achtet, werdet ihr alle sterben!“ Die Beschäftigung mit dem Thema Arbeitsschutz habe bei L. „wahnhafte Züge“ angenommen, so sagte es der Mitarbeiter bei der Polizei. Als der Richter ihm das Protokoll vorlas, wollte er sich nicht mehr daran erinnern. Intensiv, so sagte er nun, sei es gewesen.

Der Zeuge war es auch, der nach einer längeren Krankheitspause den Angeklagten 2018 zufällig wieder traf, als dieser im Betrieb auf dem Weg zu einem Gespräch war. Er begrüßte ihn mit ein paar üblichen Floskeln, woraufhin L. erwidert habe: „Ihr werdet euch alle noch umgucken!“

Der Prozess wird am 12. Oktober fortgesetzt.