Unnötigerweise fast verblutet

rd | 09. Februar 2018, 14:03 | 9 Kommentare
Leidvolles Geschehen vor der Chemiefabrik: Blick nach Emmerich

Leidvolles Geschehen vor der Chemiefabrik: Blick nach Emmerich

Als Richter Jürgen Ruby von dem Zeugen wissen wollte, wie er heute über das Geschehen vom Juli des vergangenen Jahres an der Rheinpromenade denkt, fiel diesem nur ein Wort ein: „Unnötig.“ Die Ereignisse hätten den stattlichen Mann fast das Leben gekostet, nur eine fünfstündigen Operation im Emmericher Krankenhaus verhinderte, dass er an den Folgen mehrerer Stichverletzungen verblutete. Und, diese Ereignisse, die fast tödlich endeten, waren in der Tat – unnötig.

Unnötig aber ist keine juristische Kategorie, und so muss das Schwurgericht am Landgericht Kleve unter Vorsitz von Richter Ruby versuchen, das richtige Strafmaß für die Tat zu finden. Versuchter Totschlag und schwere Körperverletzung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, meint die Staatsanwaltschaft.

Mehrere Verhandlungstage sind angesetzt, auf der Anklagebank sitzt Oksana Ö., 45 Jahre alt. Daran, dass sie zugestochen hat, gibt es keinen Zweifel: Sie selbst ließ das Tatgeschehen, so weit sich erinnert, von ihrer Anwältin Zimmermann vortragen, und sie beteuerte mehrfach, dass es ihr „unendlich leid“ tue. „Ich wollte ihn nicht verletzen. Wahrscheinlich habe ich meinen besten Freund für immer verloren.“

Bevor Oksana, eine gebürtige Ukrainerin, in der Klever Schwanenburg schilderte, wie die Dinge in der lauen Sommernacht eskalierten, blickte sie – mehrfach von Weinkrämpfen geschüttelt – auf ihr Leben zurück. Tierärztin wollte sie in ihrer Heimat werden, sie begann wohl auch ein Studium, fand es aber ekelhaft, Frösche zu sezieren. So landete sie als Arbeiterin in einer Fabrik.

Sie siedelte Deutschland über, heiratete einen Kurden, „aber die Ehe war nicht das Richtige“. Er eröffnete eine Gaststätte, sie putzte und kellnerte. „Ich musste erdulden viel“, sagte sie. Dann lernte sie in dem Lokal einen jüngeren Mann kennen, der sie vor die Entscheidung stellte: „Ich oder dein grausames Leben.“ Sie zog aus.

Das Leben aber blieb grausam. Oksana Ö. verfiel dem Alkohol, ihre in der Ukraine gebliebene Tochter versuchte den Niedergang aufzuhalten: „Mama, du wirst schäbig aussehen!“ Die Mutter jedoch hatte sich schon aufgegeben: „Ist doch schon passiert.“
Zu den Motiven des Konsums von Alkohol, Cannabis und Beruhigungstabletten gefragt, antwortete die Angeklagte: „Ich wollte mich ausschalten. Nicht denken, Hauptsache aus.“

Nach einem Streit mit dem Lebensgefährten rief Oksana ihren Kumpel S. an. Die beiden verabredeten sich an einem abgelegenen Plätzchen am Rhein in der Nähe der Chemiefabrik. S. hatte sich dort bereits mit einem angelnden Freund getroffen; Oksana sollte hinzukommen und dort in entspannter Atmosphäre ihr Herz ausschütten.

Sie hatte allerdings zuvor schon ihren Mix aus Alkohol, Cannabis und Beruhigungstabletten konsumiert. S. hatte noch zwei Sixpacks Bier, zwei Flaschen Rotwein und eine Flasche Erdbeerbowle mitgebracht. Zunächst verlief der Abend wie geplant, dann aber echauffierte Oksana sich über ihren Hund Miro, der aus ihrer Sicht ungehorsam war und schleuderte das Tier wutentbrannt ins Gebüsch.

S. schritt ein, Oksana zertrümmerte eine Weinflasche und stieß den Flaschenstumpf in Richtung ihres Bekannten. S. gelang es noch, seinen Arm zum Schutz hochzureißen, so dass die Flasche über eine Länge von 25 Zentimetern den Arm aufschnitt und eine Schlagader traf.

Stark blutend rannte S. davon, geriet in einem Brombeergestrüpp ins Stolpern und stürzte. Oksana holte ihn ein und stach noch zweimal in den Rücken, ehe der Anglerfreund sie fortriss und erste Hilfe leistete. Oksana rieb sich unterdessen mit Blut aus der Blutlache ein, leckte sich die Finger ab und machte Liebesbekundungen.

Vor Gericht erweckte S. den Eindruck, die Tat mittlerweile gut verarbeitet zu haben. Allerdings schlafe er nachts manchmal unruhig. Die Angeklagte betrachtete die Ereignisse als Wendepunkt in ihrem Leben: „Ich habe angefangen, mich selbst zu zerstören. Jetzt werde ich kämpfen, arbeiten, so dass ich mehr Geld in die Ukraine schicken kann, und ich werde ins Fitnessstudio gehen. Ich werde nie wieder Alkohol trinken.“ Ihrem Opfer schenkte sie am Ende des ersten Verhandlungstages das Neue Testament.

Der Prozess wird am 14. Februar um zehn Uhr mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt.



(ggf.) Barbara

rd | 08. Februar 2018, 09:51 | 60 Kommentare
Schicksalhafte Notiz

Schicksalhafte Notiz

Wenn das eigene Schicksal (beruflich) dem Namen in Gestalt einer in Klammern gesetzten Abkürzung aus drei Buchstaben vorangestellt wird: Notiz zum Koalitionsvertrag mit der geplanten Besetzung verschiedener Ministerien. Gegebenenfalls also bleibt Barbara Hendricks Umweltministerin. Vielleicht aber auch nicht.



Klever Gastronomen feiern große Koalitionsparty

rd | 07. Februar 2018, 18:22 | 18 Kommentare
Wir feiern, ihr zahlt!

Wir feiern, ihr zahlt!


Frauen, die Männern über die Schulter schauen dürfen

rd | 07. Februar 2018, 11:19 | 16 Kommentare
Landrat Spreen, Minister Pinkwart, Präsidentin Naderer und weitere Vertreter der Region NiederRhein. Was aber sagt uns dieses Foto?

Landrat Spreen, Minister Pinkwart, Präsidentin Naderer und weitere Vertreter der Region NiederRhein. Was aber sagt uns dieses Foto? (Foto: HSRW)

Auf den ersten Blick ein ganz normales Pressefoto, man kennt ähnliche Aufnahmen von Weltwirtschaftsgipfeln oder EU-Ministerpräsidententreffen, „Familienfoto“ nennen es die Journalisten. Das Bild zeigt die 20 Mitglieder des Lenkungsausschusses der Region NiederRhein, und natürlich stehen der Herr Minister und der Herr Landrat und ein paar andere Wichtigs in der ersten Reihe, und, immerhin, auch zwei Frauen, darunter die Gastgeberin des Treffens, Dr. Heide Naderer, Präsidentin der Hochschule Rhein-Waal. Passenderweise bietet die Einrichtung den Studiengang „Gender & Diversity“ an. In Informationen zu diesem Studiengang heißt es: „Gender – die Konstruktion von Geschlecht und Geschlechterverhältnisse – kann als ein zentraler Mechanismus in der Herstellung von gesellschaftlicher Wirklichkeit gelten.“

Frauenköpfe wie Epauletten: Gender & Diversity live

Frauenköpfe wie Epauletten: Gender & Diversity live

Die gesellschaftliche Wirklichkeit lässt sich auch auf diesem Foto ablesen, insbesondere wenn man auf die Feinheiten achtet. Von den 20 Personen auf dem Bild sind 15 Männer und nur fünf Frauen. Frauen in Führungspositionen sind in der Region NiederRhein wohl eher noch die Ausnahme. Und wir sind hier nicht in Afghanistan!

Obwohl zwei Frauen in der ersten Reihe stehen und eine sogar – als Gastgeberin – recht zentral, weist ein kleines Detail der Inszenierung dann doch darauf hin, wie die gesellschaftliche Wirklichkeit tatsächlich aussieht: Bei Landrat Wolfgang Spreen und dem Herrn links neben ihm, dessen Name ein schlauer Kommentator sicherlich noch nachreichen wird, wird den Frauen die Rolle zugewiesen, über die Schulter des starken Mannes schauen zu dürfen. Ihre Köpfe wirken wie die Epauletten auf alten Militäruniformen, die bekanntlich eine rein dekorative Funktion hatten. Was aber sagt uns das?

PS. Von Diversity sollten wir gar nicht erst anfangen. Der Studiengang scheint wirklich nötig zu sein.