Die Farbe des Sommers: Taxigelb (RAL 1015)

rd | 09. Juli 2018, 10:25 | 9 Kommentare

Ein ganz blasses Gelb

Viele Menschen fahren schon mit dem Auto zu Ampelkreuzungen – nur weil sie noch einmal in ihrem Leben Grün sehen möchten.

Die Farbe des Chlorophylls, des Motors unserer Flora, sie ist verschwunden, wo früher satte Wiesen und Weiden mit ihrem Lebenssaft zu protzen schienen, regiert heute ein extrem blasses, weitestgehend entkräftetes Gelb, entstanden nach einem pausenlosen Bombardement mit ultravioletten Strahlen bei völligen Entzug von Wasserstoffoxid. Es handelt sich um das so genannte Taxigelb (RAL 1015), das sich – aus dem Grünbeige (RAL 1000) kommend – über Perlweiß (RAL 1013) und Elfenbein (RAL 1014) durch fortschreitende Dyhydration zusammenbröselt.

Die Welt ist so trocken geworden, dass das in den Gaststätten verschüttete Bier mit dem Kehrblech aufgesammelt werden muss. Das Nasseste, was Wetterbauer Hubert Reyers noch zu registrieren im Stande ist, sind minimale Feuchtigkeitsanhaftungen an den Salzkristallen der Tränen, die auf seinen Wangen hinunterrieseln. Und jetzt hat Bürgermeisterin Sonja Northing auch noch alle Hydrantenhinweisschilder demontieren lassen – weil die Erfinder der Hydranten aus Österreich (!) stammen.



Abifete: Das Radhaus ist raus

rd | 28. Juni 2018, 16:01 | 34 Kommentare

Deine Spuren im Schlamm: Auf der Abifete 2016 am Radhaus konnte man noch richtig versumpfen. In der neuen Location, am Casa Cleve, ist der Platz gepflastert

Die Abifeten im Klever Radhaus gehörten 33 Jahre zum niederrheinischen Brauchtum. Entweder, man versank am Sommerdeich im Schweiß oder im Schlamm. Zu trinken gab es traditionsgemäß wenig, weil die Abiturienten erstens sich selbst bedienten und zweitens am Zapfhahn meist auch sehr unerfahren waren. Unvergessen jene Fete vor ca. drei Jahren, als eine junge Frau im Angesicht durstiger Horden mit einer fast zärtlich zu nennenden Geste den Schaum aus den Plastikbechern vor ihr blies, um dann behutsam neuen Schaum in die Behältnisse zu füllen.

Mehr als drei Jahrzehnte war dieses Treiben im Frühsommer fester Bestandteil der adoleszenten Wochenendgestaltung, doch nun ist damit Schluss. Das Radhaus hatte zwar noch den 7. Juli für die Feier reserviert, doch die Schüler der Klever Gymnasien kamen zu spät in die Hufe und sahen sich zudem mit eskalierenden Sicherheitsauflagen konfrontiert. „„Die Schüler haben es sich selbst zerschossen“, sagte Kleves Kämmerer Willibrord Haas der NRZ.

Deshalb kommt die Party, die einst zu den größten in Nordrhein-Westfalen zählte, nicht im Radhaus zustande. Die Abiturienten des Konrad-Adenauer-Gymnasiums verzichteten komplett auf die Sause, die des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums laden für den 7. Juli ins Casa Cleve. Zumindest die Getränkeversorgung dürfte somit gesichert sein.

Hier der NRZ-Bericht über die Abifete: Erstmals gibt es keine große Abifete in Kleve



Mordprozess: „Vielleicht ist es ein Trost, dass ich ab jetzt mein Leben im Gefängnis verbringen muss“

rd | 28. Juni 2018, 13:01 | 13 Kommentare

Zum Prozessauftakt verbarg Tom K. sein Gesicht hinter einem Aktenordner

Dr. Jack Kreutz, der psychiatrische Sachverständige, hatte mehrere Termine mit dem Angeklagten. Um herauszufinden, was Tom K. im innersten bewegt, sprach der Mediziner rund zwölf Stunden mit ihm. Er setzte Intelligenztests ein und andere Verfahren, die mit Buchstabenserien abgekürzt werden oder so klangvolle Namen haben wie: „Freiburger Persönlichkeitsinventar“.

Über all das berichtete der Psychiater gestern am dritten Verhandlungstag im Mordprozess um den Eltener Tankstellenpächter Robert C. vor dem Landgericht Kleve. Knapp zwei Stunden dauerte der Vortrag des Experten. Doch alle Expertise, alle psychiatrische Finesse prallten an dem 25 Jahre alten Angeklagten ab. „Irgendwas trägt er mit sich herum“, so Kreutz. „Was, konnten wir nicht herauskriegen.“

Der Angeklagte hat einen Intelligenzquotienten von 92, ist also durchschnittlich intelligent. Doch schon da begann für den Gutachter das Dilemma, denn ein anderer Test kann nur auf einen Wert von 72, was der Mediziner aber eher als Folge einer flüchtigen Vorgehensweise verbuchte. „Er war ein Mensch, der mir sehr komplex erschien“, fasste Kreutz seinen ersten Eindruck zusammen.

Das war die diplomatische Ausdrucksweise dafür, dass sämtliche Tests mit widersprüchlichen Resultaten endeten. Immerhin, so Kreutz, sei eine „erhöhte Erregbarkeit“ deutlich geworden, und auch die Aggressivität liege „im oberen Durchschnitt“.

Die Aggressivität äußerte sich am 14. Dezember 2017 in einer Bluttat von bemerkenswerter Grausamkeit. Nach einigen vergeblichen Versuchen, das Leben seines 77 Jahre alten Opfers mit roher Gewalt zu beenden, zertrümmerte der Kraftsportler aus Kleve den Kopf des Mannes mit einem Feuerlöscher.

Drogeneinwirkung spielte nach Auffassung von Kreutz bei dem Tatgeschehen keine Rolle. Tom K. kann zwar auf eine persönliche Drogenhistorie zurückblicken, bei der unter anderem Alkohol, Kokain, Heroin, Cannabis, Amphetamine und Chrystal Meth zum Einsatz kamen, doch das meiste davon habe er nur „ab und zu“ oder „sehr unregelmäßig“ konsumiert, wie er dem Gutachter anvertraute. Als er anfing, Bodybuilding zu betreiben, trank er weniger, spritzte sich dafür aber Testosteron. Wenige Tage vor der Tat nahm er Ketamin, ein Betäubungsmittel aus der Tiermedizin, zu sich, doch das hatte sich nach Auffassung des Gutachters weitestgehend abgebaut.

Recht rational schilderte der Angeklagte dem Arzt die Motivlage für sein Verbrechen. Demnach habe er Geld gebraucht, um vernünftig zu essen und um Drogen zu kaufen. Außerdem habe er wissen wollen, wie es ist, jemanden zu töten. Und schließlich sei er mit dem Opfer sexuell intim gewesen, was Kreutz zufolge für den 26-Jährigen mit großer Scham besetzt war. Der einzige Zeuge dieser homoerotischen Kontakte habe gewissermaßen aus dem Weg geräumt werden sollen.

Insgesamt bescheinigte Kreuz Tom K. eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit „akzentuierten Persönlichkeitszügen ohne großartigen Krankheitswert“. Kreuz: „Man kann aus der Grausamkeit einer Handlung nicht auf eine Krankheit schließen.“

Das heißt, für Tom K. wird es wohl keine Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt geben. Er selbst hat wohl auch nicht damit gerechnet. In einem Brief, den er dem Adoptivsohn des Opfers zugesandte und der vor Gericht verlesen wurde, schrieb er: „Ich hoffe, es ist ein kleiner Trost für Sie, dass ich ab jetzt mein Leben im Gefängnis verbringen muss.“

Der Prozess wird am 2. Juli um 14 Uhr mit den Plädoyers fortgesetzt.


Heißt die Beuthstraße bald …straße?

rd | 28. Juni 2018, 12:59 | 59 Kommentare

Die Gedenkplatte am Geburtshaus an der Hagschen Straße wurde gestern abgenommen, die nach dem preußischen Ministerialbeamten Christian Peter Beuth benannte Seitenstraße wird überdacht – Folge der neuesten Erkenntnisse über die offenbar antisemitische Gesinnung des Mannes, der in Kleve als großer Sohn der Stadt (so viele hat man ja nicht) gefeiert wird.

Bürgermeisterin Sonja Northing war erschüttert über die nun bekannt gewordenen Forschungsergebnisse über den Klever Ministerialbeamten Christian Peter Beuth, über die die NRZ in ihrer gestrigen Ausgabe berichtete. In Abstimmung mit den Vorsitzenden der Fraktionen im Rat der Stadt Kleve veranlasste sie, dass die zum Gedenken an Herrn Beuth an seinem Geburtshaus angebrachte Plakette abgenommen wird.

Zwei Jahre hing sie da, um dem Mann, der sich um das Normwesen verdient gemacht hat, Reverenz zu erweisen. Auf Antrag des Herrn Karl-Heinz Burmeister hatte der Rat der Stadt Kleve in seiner Sitzung am 29.04.2015 einstimmig beschlossen, zum Gedenken an Herrn Beuth eine Plakette oder Gedenktafel an seinem Geburtshaus anzubringen. Am 30.05.2016 hat die feierliche Enthüllung der Plakette stattgefunden.

Bei der Beschlussfassung des Rates der Stadt Kleve haben keinerlei Erkenntnisse zu einer antisemitischen Haltung des Herrn Beuth vorgelegen. Die Forschungsergebnisse des Prof. Achim Bühl liegen der Verwaltung vor und werden umgehend durch den Stadtarchivar Drs. Bert Thissen geprüft. Herr Thissen bestätigt vorab bereits die Schwere der Vorwürfe, die in jedem Fall ernst zu nehmen seien.

„Für ein friedvolles, soziales Miteinander sind Achtung und Toleranz gegenüber unseren Mitmenschen unabhängig von ethnischer Herkunft oder persönlichen Weltanschauungen entscheidend“, so Bürgermeisterin Sonja Northing. „Aufgrund der Schwere der Vorwürfe gegen Herrn Beuth ist ein sofortiges Handeln erforderlich. Das Verbleiben der Plakette an seinem Geburtshaus ist daher bis auf weiteres nicht tragbar.“

Nach Abschluss der Prüfung durch Bert Thissen ist dann auch, je nach Ausgang, über eine Änderung des Straßennamens der Beuthstraße zu entscheiden.