Hallenbad: Der neue Bebauungsplan liegt offen – 3 cm Schwund pro Demonstrant, aber hat auch jemand an den Pachtvertrag gedacht?

rd | 13. Februar 2019, 11:52 | 27 Kommentare
Eine Wohnlage, die Begehrlichkeiten weckt (Foto: Thomas Velten)
49 Demonstranten, eine Bürgermeisterin: Blöcke (in Höhe des blauen Ballons) nicht erwünscht
Zugang zum Vereinsheim in Gefahr: Kanu-Club Kleverland
18 Baufenster in bester Lage: Wo die gelb eingezeichnete Straße abknickt, befindet sich das Vereinsheim des Kanu-Clubs Kleverland

Nachdem, versehentlich, wie es heißt, der Entwurf für die Überbauung des Hallenbad-Geländes am Königsgarten in die Öffentlichkeit gelangte, und nachdem am Samstagvormittag 49 Klever gegen die darin vorgesehene Bebauung mit bis zu 14 Meter hohen Wohnblöcken demonstrierten, versandte die Stadt Kleve gestern den offiziellen Entwurf, der für die Offenlage bestimmt ist. Und, siehe da: Die maximale Gebäudehöhe der Häuser am Ufer des Kermisdahls ist bereits auf 12,50 Meter geschrumpft. Mit anderen Worten: Jeder der protestierenden Bürger hat dafür gesorgt, dass drei Zentimeter von den ursprünglichen Planungen abgetragen wurden. Folgt man dieser – natürlich etwas eigenwilligen – kleveblog-Logik, wären bei 416 Demonstranten die Planungen nicht über die Grasnarbe hinausgewachsen, was zumindest den Wünschen einiger Bürger entspricht, die sich dort einen Park wünschen.

Soweit wird es, wir sind schließlich in Kleve, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kommen, dazu weisen die dortigen Bauflächen – 18 Baufenster sind vorgesehen – eine zu verlockende Wohnlage auf. Die Stadtwerke, in Teilen Eigentümer des Areals, die soeben 20 Millionen Euro in das neue Hallenbad am Sternbusch investiert haben, werden einiges daran setzen, durch den Verkauf der Grundstücke an Bauherren diese Ausgaben zu kompensieren.

Ungemach droht den Immobilien-Träumen am Kliff jedoch von ganz anderer Seite: Mitten im Planungsgelände befinden sich die Vereinsanlagen des Kanu-Clubs Kleverland. Der 180 Mitglieder starke und sehr rührige Verein besitzt für das Areal einen Pachtvertrag, der noch bis ins Jahr 2028 läuft. Die Abmachung wurde seinerzeit vom damaligen Vereinsvorsitzenden Hans Suchsland, einem Richter, ausgehandelt und berücksichtigt vermutlich alle Eventualitäten. Der Bebauungsplan sieht nun aber eine Erschließungsstraße für die hinter dem Vereinsheim geplanten Gebäude vor. Wenn diese gebaut wird, ist der Zugang zum Domizil der Kanuten nicht mehr möglich, oder nur noch unter erschwerten Bedingungen.

Not amused zeigt sich auch der Klevische Verein für Kultur und Geschichte, der sich um den historischen Parkbereich Alter Tiergarten/Galleien sorgt. Die vorgesehene Bebauung liegt in dem Bereich, der bereits seit 2008 „vorläufigen“ Denkmalstatus genießt. In Kürze wird vermutlich das gesamte Parkareal in die offizielle Denkmalliste des Landes NRW und der Stadt Kleve eingetragen sein. Eine Bebauung an sich steht dem wohl nicht entgegen (das Hallenbad stand ja auch schon da, und davor sogar eine Gasfabrik), allerdings befürchtet der Verein, dass durch eine mögliche Klotzbebauung sein erklärtes Ziel, „am Fuße des Burgbergs die beschauliche anheimelnde Atmosphäre der ehemaligen Residenzstadt Kleve zu erhalten“, konterkariert wird. 

Jörg Boltersdorf, Sprecher der Stadt Kleve, teilte gestern mit, dass „aufgrund der hervorgehobenen Lage des Bebauungsplansgebietes und der städtebaulichen Bedeutung“ der nun vorliegende Plan in einer Woche, am 20. Februar, in einer Sitzung des Ausschusses für Kultur- und Stadtgestaltung vorgestellt werden soll. Eine weitere Beratung werde im Bau- und Planungsausschuss der Stadt Kleve am 6.3.2019 erfolgen. Boltersdorf: „eine Diskussion sowie Anregungen zu Bebauungsplänen sind während der Auflage erwünscht und gesetzlich auch gefordert. Die Bürgerinnen und Bürger sind herzlich zur Teilnahme an den Sitzungen eingeladen!“

Es darf davon ausgegangen werden, dass viele Bürger diese Einladungen annehmen. 





746 😯 – Abschied vom Blaulicht-Report Kleve

rd | 11. Februar 2019, 17:33 | 5 Kommentare
Wo immer etwas krachte oder loderte, war der Blaulicht-Report Kleve nicht fern

Der Blaulicht-Report Kleve war so wie der Gewehrschuss, den man hört. Nur, wenn man ihn nicht hört, steckt die Kugel bereits im eigenen Kopf. Las man auf Facebook im Blaulicht-Report, dass es wieder irgendwo einen Kraftfahrer zerlegt hatte, wusste man, dass man selbst die Nachricht noch lesen konnte  – und es einem somit vergleichsweise gut geht.

Daniel Böing, der Betreiber des Blaulicht-Reports, huldigte einem Lokaljournalismus, der in den Lokalredaktionen der gedruckten Zeitungen schon vor einem Vierteljahrhundert marginalisiert wurde – und 36.329 „Freunde“ des Informationsangebots zeigten, dass es vielleicht dennoch so etwas gibt wie eine unstillbare Neugierde am Unglück anderer, welches der Klever mit seiner Kamera als „Blaulicht-Report Kleve“ auf Facebook gewissermaßen amtlich dokumentierte.

Wenn nachts ein Dachstuhl brannte oder am frühen Morgen ein Kraftfahrer beim Linksabbiegen ein entgegenkommendes Fahrzeug übersah, war Daniel Böing zur Stelle und berichtete mit der Gewissenhaftigkeit eines Chronisten mit den Spezialgebieten verkohlte Dachsparren und zerknülltes Blech. Hörte der besorgte Bürger von irgendwo her ein Martinshorn, holte er flugs sein Mobiltelefon aus der Hosentasche, tauchte ins soziale Netzwerk ein und prüfte, ob Böing schon geschrieben hatte, welches Unglück den Einsatz ausgelöst hatte. Die Beiträge hatten eine karthartische Wirkung.

Doch mit dieser Art des Service-Journalismus ist es nun vorbei. Daniel Böing postete am Sonntag Morgen auf Facebook, dass er seine Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen einstelle. Die Leserschaft reagierte geschockt, bis heute Mittag hatten bereits 746 Follower ihren Gefühlen mit Hilfe von Emojis Ausdruck verliehen, die meisten davon mit Tränen-Smiley oder dem „Hushed Face“, welches – so das Ergebnis einer kurzen Recherche – ausdrücken soll, dass der Absender aufgrund einer schockierenden Angelegenheit unangenehm überrascht ist und ihm die Worte fehlen. 



Sternstunden der Heimatdichtung

rd | 09. Februar 2019, 18:49 | 2 Kommentare

Zwei Fahrradfahrer kommen
aus einem diffusen Licht
heraus
scheinbar langsam
auf den Betrachter zu.

Sie wirken
wie in einer Traumsequenz,
die Umgebung ist
verschwommen,
rechts werden sie
von einem Pkw überholt,
ein anderer Pkw kommt
aus dem Hintergrund.

Die Stadt
könnte Kleve sein,
es könnte aber auch
eine Großstadt sein.

Eigentlich ist das Bild
ein Sinnbild,
eine kurze Wahrnehmung,
die sich einbrennt.

Die Arbeit ist streifig,
wie rau,
obwohl sie unter Glas liegt.

(Matthias Grass, 2019)

Das meint der Kritiker: In nur fünf Strophen entwickelt der Dichter ein dystopisches Bild des motorisierten und nicht motorisierten Straßenverkehrs in einer Stadt, die so merkwürdig diffus bleibt wie alles andere auch. Es könnte Kleve sein, es könnte aber auch eine Großstadt sein. Nichts ist, wie es scheint. Von irgendwoher kommen Autos. Es sind gleich zwei, und sie werden bürokratisch-technisch als „Pkw“ bezeichnet. Der Tod, ein Ingenieur aus Deutschland. Beklemmend. Und diese Beklemmung brennt sich ein. Das schmerzt. Fast unwillkürlich entsteht in der Nase des Lesers eine Ahnung des Geruchs von verbranntem Fleisch. Dann, in der letzten Strophe ein überraschender Wechsel der Perspektive, eine Distanzierung von der Wirklichkeit, die sich dem Betrachter „streifig, wie rau“ dargeboten hat. Alles liegt unter Glas. Wie Schneewittchen. Gespenstisch. Fünf Sterne.

Quelle: Moderne Malerei am Niederrhein(Rheinische Post, 9.2.2019)


Mach’s gut! Karl-Heinz Burmeister verkündet Abschied aus der Politik

rd | 08. Februar 2019, 14:25 | 3 Kommentare
Als Umweltschutz und Norwegerpulli noch eine untrennbare Einheit bildeten: Anfänge des BUND in Kleve, mit Karl-Heinz Burmeister in der Mitte (im weißen Hemd, rechts neben ihm seine Frau Monika)

Er war der, der sich immer einmischte. Wo die Stadt oder andere Investoren im großen Maßstab dachten und die Landschaft um uns herum asphaltieren oder betonieren wollten, schaute Karl-Heinz Burmeister erst einmal ganz genau hin und fand in Namen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die kleinen, besonders schützenswerten Lebewesen, die sonst unter die Räder gekommen wären – zarte Würme, seltene Käfer, furchtsame Nager, scheue Vögel. Er behandelte die Tiere mit dem Respekt, den sie verdienten, und er argumentierte stets in der Sache, weshalb die Verantwortlichen immer gut beraten waren, seine Einmischungen ernst zu nehmen. Zuletzt attackierte Burmeister im vergangenen Jahr die in pekuniär orientierten Kreisen der Hochschule Rhein-Waal gemeinsam mit dem Architekturbüro HülsmannThimeMinor ersonnene Idee, auf einem hiesigen Baggersee „Forschungen“ zu schwimmenden Häusern anzustellen.

Danach aber spielte die Gesundheit nicht mehr mit. Heute schrieb Burmeister eine Mail, in der 76-jährige Maschinenbautechniker seinen Abschied aus der Politik verkündete: „Mit der ersten Woche des Jahres hat meine Gesundheit mir mit einem Schlaganfall die Grenzen aufgezeigt und mich „vom Fenster“ genommen. Nach Krankenhaus und Reha bin ich nun wieder zu Hause mit der Auflage: keine Aufregung sowie gewissen Einschränkungen und keine Politik. Nun müssen Jüngere ran. Man sieht sich.“

Nachstehend eine von Burmeister selbst in feinem lakonischen Ton verfasste Vita zu seinem 75. Geburtstag:

Geboren 1942 im Sternzeichen der Waage im heutigen Rathaus der Stadt Kleve. Kriegszeiten. Evakuierung auf einem Bauernhof mit unvergesslich guten Misthaufen. 1946 Rückkehr nach Kleve. Notunterkunft im Kurhaus. Trümmer und Wiederaufbau. Spyckschule. Schulspeisung. Weite Fußwege. Volksschule. Zweiter Bildungsweg.

Lehre und Studium Maschinenbautechnik in Krefeld. Über Hobbys Malen und Musik (Schlagzeug) bereits 1962 meine heutige Frau (eigene Geschichte!) kennen gelernt. Beruf kurz Technischer Zeichner, bevor die Wehrpflicht zur Raketenartillerie ruft.

Jung verheiratet (23) zurück nach Kleve. Konstrukteur bei noch junger Firma Ipsen.  Kleve noch mit Strassenbahn. Rheinbrücke bald eingeweiht. Stadt Kleve und Gesellschaft der 68er Generation vor großen Umbrüchen. Umweltbewusstsein. Atomkraft.

Aktionen gegen „Klemmerich“, Industrie im Hochwasser, B9n durch den Sternbusch. Für Erhalt der Straßenbahn. Demo gegen Kreishaus im Moritzpark. Lehr-Biogarten  am Schaafsweg. Demo gegen MVA Weeze. Beinharte Einsätze am Schnellen Brüter.

Entstehung grüner Parteien und Umweltverbände. Gründung BUND-OG. Aktionen. Versammlungen. Kontakte. Werbung. Vorträge. Presse. Kreisvorsitz. Vollmacht des BUND. Träger Öffentlichen Belangs. Offizielle Beteiligung an Behörden-Eingriffsverfahren.

Berufliche Weiterbildung. Lehrgänge und Seminare. Erfinder energiesparender Brenner und Rekuperatoren für Ipsen. Leiter der Patentabteilung, Stabstelle Lenkung der Technik. Leiter Qualitäts Umwelt-Sicherheits-Management nach ISO-Regelwerken.

Sachkundiger Bürger im Umwelt- und Verkehrsausschuss beim Rat der Stadt Kleve.

Ausbilder für Ipsen. Prüfer der IHK an der BBiSchule Kleve. Ehrennadel der Kammer. Leiter Markt- und Werk-Norm. Aktualität Stand der Technik. Mitglied im Kölner AK-Normenpraxis der DIN. Via BUND-Berlin und DIN an EU-Umweltstandards beteiligt.  

Seit 2003 im Ruhestand. Mit 1 Frau, 2 Kindern und 5 Enkelkindern beschäftigt – und weiterhin mit Projekten des BUND. Mit mehr Zeit zur Wahrnehmung von Terminen. Jüngst ausgezeichnet mit dem Rheinlandtaler des Landschaftsverbandes Rheinland und der zunehmenden Seltenheit einer Goldenen Hochzeit.