Bleibt Kleve angeschleust? Rat soll Eingabe an die Bezirksregierung machen, Online-Petition gestartet

rd | 26. September 2019, 15:19 | 52 Kommentare
Blick von Brienen in Richtung Kleve: Der Kanal ist noch voll, und die Schleuse hält dicht. Aber weitere Öffnungen sind nicht mehr vorgesehen – sondern der Abriss (Foto: Torsten Barthel)


 Die schöne Vision von der Marina in der Innenstadt, klackernde Takelagen vor dem Hotel Rilano, Yacht an Yacht in den Wendebecken des Spoykanals – sie kann vollständig in die Tonne gekloppt werden, wenn bei der Deichsanierung der linksrheinischen Rheinkilometer 857,54 bis 859,15 die „Vorzugsvariante“ der Planer zum Zuge kommt.

Die Deichverbände Xanten-Kleve und Kleve-Landesgrenze befürworten den vollständigen Rückbau der Schleuse in Brienen. Sollte es so kommen, wäre Kleve erstmals seit 1432 vollständig vom Rhein (und damit im Grunde auch von der Welt) abgeschnitten.

In den Jahren 1656 bis 1658 ließ Johann Moritz von Nassau-Siegen einen ersten, hölzernen Schleusenbau errichten, um die Schwankungen des Wasserspiegel zwischen dem Rhein und den über den Kanal angebundenen Altrheinarmen beherrschen zu können. Seitdem war Kleve über Jahrhunderte mit der Welt verbunden, Frachter löschten im Hafen Kohle, Holz, Palmöl und andere Waren aus allen Kontinenten.

Vom Hafen existieren heute lediglich ein paar pittoreske Schwarzweiß-Aufnahmen, ein Wendebecken wurde ins neue Hochschulgelände integriert, und der Getreidespeicher firmiert jetzt als „Wissensspeicher“ und beherbergt die Bibliothek der HSRW. Der Güterverkehr ist längst zum Erliegen gekommen, und auch die Freizeitschipperei hat seit nunmehr vier Jahren ein Ende gefunden – seit Gutachter zu der Erkenntnis kamen, dass das Bauwerk marode ist und aus Sicherheitsgründen nicht mehr betrieben werden darf. Im vergangenen Jahr installierte die Stadt Kleve am Eingang der Schleuse dauerhaft die Hochwasserschutzbarrieren. Seitdem ist nicht einmal mehr eine ausnahmsweise Öffnung möglich.

Und Kleve steht mit seinen Visionen irgendwie deppert da. „Stadt am Wasser“, die Formulierung ist längst zu einem Witz geworden. Nicht mal ein Kanuverleih konnte sich halten.

Doch gleichsam mit dem Mute der Verzweiflung kämpft die Verwaltung gegen die Versäumnisse der Vergangenheit ein. Nun soll der Rat am 9. Oktober, 75 Jahre und zwei Tage nach der Zerstörung Kleves durch einen Bomberangriff, eine Eingabe an die Bezirskregierung auf den Weg bringen, die die Verwirklichung von „Variante 3“, der vollständigen Zerstörung der Schleuse, verhindern soll. Am Mittwoch wurde das Thema im Hauptausschuss besprochen.

Ziel ist es, irgendwie eine Sportbootschleuse in das Bauwerk zu integrieren – und es auf diese Weise als Denkmal zu erhalten. Selbst in seiner jetzigen Form, nach mehreren Generalüberholungen, handelt es sich um eine der ältesten Schleusen in Deutschland. Für Frachter stellt sie allerdings keine Option mehr dar, der Hafen ist passé. Aber dass Freizeitskipper Kleve ansteuern (und vom Yachthafen im Althrein aus auch wieder verlassen) können, erscheint durchaus wünschenswert.

Die geplante Eingabe an die Bezirksregierung rechnet vor, dass der Rückbau der Schleuse 13,4 Millionen Euro verschlingen wird. Der Einbau einer Sportbootschleuse führe demgegenüber nur zu Rückbaukosten von rund sechs Millionen Euro. „Unter Berücksichtigung eines 50%igen Zuschusses aus dem Bundeshaushalt, der auch die Abrisskosten beinhaltet, wäre es unter wirtschaftlichen Aspekten für den Deichverband Xanten-Kleve erheblich günstiger (6,7 Mio. Euro), eine Sportbootschleuse in die Planungen einzubeziehen“, heißt es in der Vorlage. Die Stadt wirft dem Deichverband und der Wasser- und Schifffahrtrsverwaltung vor, die Variante mit einer Sportbootschleuse überhaupt nicht untersucht zu haben. 

Übrigens sehen die Planungen auch keinen Radweg vor. Das aber dürfte sich in heutigen Zeiten und angesichts der Beliebtheit der Deichstrecke Brienen-Millingen komplett verbieten. Auch eine Online-Petition zum Erhalt der Schleuse wurde gestartet, die mittlerweile 752 Unterstützer gefunden hat. 



Nicht abgenommen, Pfusch bei Installationen, keine Fluchtwege: Stadt räumt Neubau-Wohnungen an der Grabenstr., Mieter in Haus Maternus einquartiert

rd | 25. September 2019, 18:20 | 16 Kommentare
Die Feuerwehr ist an Ort und Stelle

(Aktualisiert) Was ist denn da los? Ein Vermieter hat in die derzeit im Bau befindlichen Häuser an der Grabenstraße und an der Bahnhofstraße Mieter einziehen lassen, ohne dass die Gebäude vorher behördlich abgenommen wurden. Jetzt erhielt die Stadt einen Hinweis und stellte heute bei einer Ortsbesichtigung massive Mängel fest: fehlende Rettungswege, unsachgemäße Installationen von Gas- und Elektroleitungen. Folge: Die Mieter müssen sofort raus, der Eigentümer hat für Ersatz zu sorgen. Am Abend sprang die Stadt im Beisein des Hausbesitzers in die Bresche und ließ die Bewohner gegen !8:30 Uhr ein paar Habseligkeiten zusammenpacken und vorläufig im seit Anfang des Jahres leerstehenden Altenheim Haus Maternus in der Oberstadt unterbringen. Die Kosten wird der Vermieter aufbringen müssen. Ein Anwohner kommentierte die Zustände auf Facebook wie folgt: „Ein Witz ist das dort. Es funktioniert kein Licht im Treppenhaus. Die Aufzüge noch nicht in Betrieb. Es wird sich mehr um den Außenbereich als um das Innere gekümmert.“ 

Gegen 21 Uhr erschienen noch die Vermieter eines Hauses, ein Ehepaar aus Düsseldorf, an der Grabenstraße und standen den Bewohnern Rede und Antwort. Sie waren selbst perplex, entschuldigten sich für die Unannehmlichkeiten und boten den Mietern an, sich auf ihre Kosten im Hotel Rilano einzuquartieren. Der Mann erklärte den Mietern, er habe eine Mail des Architekten vorliegen, in der ihm bescheinigt worden sei, dass die Gebäude bezogen werden können. 

Das Gebäude selbst ist Teil des Großprojekts Grabenstraßen und soll als Ganzes an einen Investor H. verkauft worden sein. Warum der neue Besitzer auf die Idee kam, trotz fehlender Abnahme und offensichtlicher Mängel Mieter einziehen zu lassen, bleibt zunächst unklar (siehe dazu auch Kommentar von pd). Ausweislich der Firmenschilder an Installationen vor dem Haus war für die Elektroinstallationen ein bekannter hiesiger Betrieb zuständig – wie es sein kann, dass dem Unternehmen unsachgemäße Installationen vorgeworfen werden, ist ein weiteres Rätsel. Und schließlich stellt sich die Frage, wie es um die benachbarten Gebäude bestellt ist.

Hier die Mitteilung der Stadt Kleve im Wortlaut:

Die Stadt Kleve hat festgestellt, dass die derzeit im Bau befindlichen Wohngebäude auf der Graben- und auf der Bahnhofstraße ohne vorherige Bauabnahme bezogen wurden. Die erforderliche Fertigstellungsanzeige ist unterblieben. Eine Bauabnahme konnte daher nicht durchgeführt werden. Aufgrund eines eingegangenen Hinweises wurde am heutigen Tage eine Ortsbesichtigung durchgeführt, bei der massive brandschutztechnische Mängel festgestellt wurden. Hiervon betroffen sind u.a. Rettungswege und unsachgemäß verlegte Gas- und Elektroleitungen. Daher muss die Benutzung unmittelbar untersagt werden. 

Die Eigentümer und Bewohnerinnen und Bewohner wurden unverzüglich durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Kleve informiert und beraten. Ein Bezug der Wohnungen ist erst nach Behebung der festgestellten Mängel möglich. Der Vermieter ist als Verursacher in der Pflicht, den Bewohnerinnern und Bewohnern einen Ersatz zur Verfügung zu stellen. Sollte dies nicht möglich sein, wird sich die Stadt Kleve um eine Unterbringung kümmern. Die Kosten hierfür sind vom Vermieter zu tragen. 



Hier wird jetzt Enthaltsamkeit gepredigt

rd | 25. September 2019, 15:45 | keine Kommentare
Kein Zapfhahn mehr, nirgends

Der Flachbau an der Albersallee mit der Hausnummer 150 war jahrelang ein Ort, an dem sich nur wenige Dinge unter einem Blutalkoholgehalt von zwei Promille stattfanden. Die Adresse blieb, die Namen der jeweiligen Lokalitäten wechselten so schnell wie der Schaum auf den dort gezapften Bieren in sich zusammenfiel. Meiner Erinnerung nach firmierten unter der Adresse unter anderem Gaststätten namens Oberbayern, Bananas, Café Country, Euforia, Rhino’s (letztere Lokalität hatte sich dem florierenden Hamburger-Business verschrieben (dazu später mehr), allerdings auch nur für kurze Zeit, dann hieß es: Wegen Renovierung geschlossen!). Künftig aber wird an der Adresse in der Oberstadt nicht mehr die Praxis des Alkoholkonsums ausgeübt, sondern dessen Genuss (bzw. Nicht-Genuss) theoretisch erörtert: Michael Geurts eröffnet in dem Gebäude seine Fahrschule Drive Academy. 

Hier der Überblick für die Theorie-Prüfung: 0,0 ‰ Alkohol im Blut gilt für Fahranfänger (Probezeit und bis zum Alter von 21 Jahren). 0,3 ‰ Alkohl im Blut bei Gefährdung des Verkehrs: 3 Punkte in Flensburg, Führerscheinentzug, Geld- oder Freiheitsstrafe. 0,5 ‰ Alohol im Blut: 500-15000 Euro Bußgeld, zwei Punkte in Flensburg, 1-3 Monate Fahrverbot. 1,1 ‰ Aol im Blut: variable Geldstrafe nach Tagessätzen oder Freiheitsstrafe, Entzug der Fahrerlaubnis. Zum Vergleich: Deutschland 1950: keine Promillegrenze. Die kam erst 1953 und belief sich auf 1,5 ­‰ (nach heutigen Maßstäben also weit über der Grenze der absoluten Fahruntüchtigkeit). 


Die Zerstörung Kleves liegt gerade mal ein Dreivierteljahrhundert zurück, und ein Konzert ist eine gute Idee des Gedenkens

rd | 25. September 2019, 13:42 | 2 Kommentare
Wenn die Ansichten von heute dazwischen geschnitten sind, kommt einem alles unglaublich vor

Wir wohnen in renovierten Altbauwohnungen, holen morgens frische Brötchen, sitzen schwadronierend in Straßencafés, fahren airbaggesichert in Autos umher – und es ist gerade mal ein Dreivierteljahrhundert her, dass alles, wirklich alles in Trümmern lag. Das oben verlinkte, fünfminütige Video ist – womöglich gerade in diesen bewegten Zeiten – eine gute Erinnerung daran, wie viel Glück die Menschen haben, die heute in Deutschland leben. Der Film sollte einen daran gemahnen, dass nichts von alldem, was heute unser Alltag ist, selbstverständlich ist; dass allein im Reichswald 7500 Menschen begraben liegen, die für die Befreiung Deutschlands mit ihrem (jungen) Leben bezahlten; dass Engstirnigkeit und Kleinmut angesichts dieser Geschichte vielleicht die falschen Ratgeber sind. 

So gesehen, ist dieses Video auch als Einstimmung für die beiden Konzerte unter Federführung der Städtischen Singgemeinde Kleve geeignet. Der Chor, eines der kulturellen Aushängeschilder der Stadt, gedenkt in zwei Konzerten den Bombardierungen, die einige Monate vor den gezeigten Szenen aus dem Film (Februar 1945) die Städte Kleve und Emmerich zerstörten. Kleve wurde am 7. Oktober 1944 nach einigen vereinzelten Angriffen erstmals massiv aus der Luft attackiert, 800 Menschen starben. Am gleichen Tag starben bei der Bombardierung von Emmerich 600 Menschen, bis auf wenige Häuser wurde die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Beide Ereignisse jähren sich 2019 zum 75. Male. Am 7. Februar 1945, wenige Tage, bevor die Filmaufnahmen entstanden, wurde Kleve ein zweites Mal Ziel eines Luftangriffs.

Dazu schreibt die Städtische Singgemeinde: „Recht bald, im Oktober, ertönen in Kleve und Emmerich wieder die Trauerglocken, und mancher fragt sich nach dem Grund für die ernsten Klänge. Zumal in diesen Tagen so vieles in Frage steht, auch die Art und Weise, wie wir gemeinsam an Ereignisse in unserer Geschichte denken und zukünftig denken wollen.

An fröhliche Ereignisse erinnern wir uns gerne, aber auch die Bilder der Zerstörung aus dem zweiten Weltkrieg haben sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben; jeder kennt die Ruinenbilder aus Berlin, Dresden, Coventry, Hiroshima, dem Ruhrgebiet und eben auch aus Kleve, Emmerich und den Gemeinden am Niederrhein, auch in den Niederlanden. Zeitgenossen beschreiben den Schmerz über die Zerstörung der vertrauten Einheit von Schwanenburg und Stiftskirche, die klaffenden Lücken an der Rheinpromenade in Emmerich, das Grau in Grau der Schuttberge in den niedergeschmetterten Städten.

Wollen wir uns damit heute beschäftigen? Wollen wir versuchen, diese Ausweglosigkeit, aber auch die Aufbruchsstimmung, nachzuempfinden? Können wir die Freude nachempfinden, wenn sehr schnell nach den Angriffen Häuser und vor allem öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser und Kirchen  wieder in Funktion gesetzt werden konnten? Geht uns das etwas an, mehr als 75 Jahre später?

Zusammen können  – bestens begleitet durch das musikalische Erbe von Mauersberger, Mendelssohn-Bartholdy und Fauré – als Zuhörer und als Ausführende an dringliche, ewige Wahrheiten erinnern, in dem wir am Samstag, 5. Oktober 2019, um 19 Uhr in  der St. Aldegundis Kirche zu Emmerich und am Sonntag, 6. Oktober 2019, um 17 Uhr in der Stiftskirche in Kleve zu Gedächtniskonzerten einladen.

Wir beginnen mit drei Werken von Mendelssohn-Bartholdy, in denen Friedenshoffnung, Zuversicht, Tatkraft und Gottvertrauen in hoffnungsvolle Töne umgesetzt werden. Die dann folgende Trauerkantate von Rudolf Mauersberger; dem Kantor der Dresdner Kreuzkirche, wurde unmittelbar nach dem Bombardement der Stadt Dresden komponiert und Karsamstag 1945 in der teilzerstörten Kreuzkirche aufgeführt – kurz nachdem auf dem Altmarkt  davor viele tausend Tote verbrannt werden mussten. Seine Musik erspart uns deshalb nicht die schwarze, tiefe und scheinbar ausweglose Traurigkeit. Im Hauptwerk des Abends, dem Requiem von Fauré werden wir aufgefordert, auch beim Läuten der Totenglocken die Klänge des Friedensgeläutes nicht zu überhören.

Mit der Städtischen Singgemeinde Kleve musizieren der Chor der Eltener Stiftskirchenkonzerte,  Mitglieder des Kirchenchores St. Christophorus in Emmerich, die Camerata Louis Spohr sowie Philipp Hövelmann an der Orgel mit Gabriele Natrop-Kepser und Hans Scholing als Solisten.“

Kartenvorverkauf: Buchhandlung Hintzen, Kleve // Buchhandlung Am Markt, Goch // Buchhandlung Ressing, Emmerich oder unter www.singgemeinde-kleve.de (Karten im Vorverkauf 16 Euro (ermäßigt 10 Euro, Abendkasse 18 Euro)

Der Chor der Städtischen Singgemeinde Kleve

Im Internet finden sich noch verschiedene Filme zu den Kriegshandlungen im Raum Kleverland. Einige der Szenen aus dem oben verlinkten Film sind auch in dieser Dokumentation der britischen Armee über die Operation Veritable zu finden: