Hochschule: Suizid eines Studenten überschattet Semesterstart

rd | 27. März 2019, 21:23 | 94 Kommentare
David S. studierte seit 2014 in Kleve – gestern verbreitete sich die Nachricht von seinem Tod unter den Studenten (Foto: Klaus Oberschilp)

Seit wenigen Tagen trudeln wieder Studenten aus aller Welt an der Hochschule Rhein-Waal ein, der Beginn des Sommersemesters bringt neue junge Menschen in die Stadt, und zudem die Rückkehrer der höheren Semester. Doch die Freude über den Start oder das Wiedersehen am Campus in Kleve wurde gestern von einer traurigen Nachricht überschattet: David S., einer der 5500 Studierenden am Standort Kleve, nahm sich das Leben.

„Die Hochschule Rhein-Waal ist tief erschüttert über den Tod des Studenten David Stevenson“, ließ die Hochschule in einer Mitteilung verlauten. „In Trauer fühlt sie mit seiner Familie, seinen Freunden und allen, die ihn hier an der Hochschule kennen und schätzen gelernt haben. Da es sich hier um einen Suizid handelt, wurden von den entsprechenden Behörden Ermittlungen aufgenommen. Über die Umstände bzw. die Hintergründe kann die Hochschule daher keine Angaben machen.“ Ein persönliches Statement aus dem Präsidium der HSRW gab es nicht.

In der Hochschulgruppe „Student Life at Hochschule Rhein-Waal powered by AStA“, die vom Allgemeinen Studierenden-Ausschuss auf Facebook betrieben wird und die für Studenten eine wichtige Plattform zum Austausch darstellt, wurde für Mittwoch Nachmittag zu einer Gedenkfeier für den verstorbenen Kommilitonen eingeladen. Er studierte seit 2014 Maschinenbau und lebte in Emmerich. Seine Wurzeln hatte er in Australien.

In der Student-Life-Gruppe diskutierten die Studenten und auch ein Professor aus der Fakultät Technologie & Bionik zugleich darüber, welche Ursachen der Tat zugrunde liegen, welche Hilfsangebote es für Studenten in Lebenskrisen gibt und wie das Angebot möglicherweise verbessert werden kann. „Guys: There is a lot going on in the background that the University is not at liberty to discuss on a public forum like Facebook“, schrieb Professor William Megill. „There are lots of resources available to support you all, and yes, the information about those needs to be improved (and we’re working on that), but it is there, at all kinds of levels, from confidential phone numbers to the people of the FSRs to the Vertrauensprofessoren (Link Professors) to the official psychologists to pretty much all of the individual profs, staff and your fellow students. Not all of us are properly trained to deal with crises, but we all know how to be human beings.“

Zuvor hatte ein Student in der Diskussion die Frage aufgeworfen, ob der Umgang der Hochschule mit dem Studenten korrekt gewesen sei. „i swear to god, if this was usa and university dropped the ball this hard, lawyers would be running after me to sue the university“, lautete sein Posting. Frei übersetzt: Wenn das in den USA passiert wäre und die Hochschule so hart vorgegangen wäre, würden Anwälte die Hochschule verklagen.“ 

Der Mitstudent beschreibt David S. als sehr zurückhaltenden Menschen, der zunächst „Electrical Engineering“ lernte, dann aber die Fachrichtung wechselte und „Mechanical Engineering“ studierte. Der Grund für den Wechsel sei gewesen, dass er fürchtete, bei einer dritten Prüfung durchzufallen und damit sein Studium endgültig gescheitert wäre. In seinem Studiengang sei er einer der älteren Studenten gewesen. Der späte Wechsel der Fachrichtung habe eine große Niedergeschlagenheit ausgelöst. Er sei bestürzt gewesen, einige Professoren seien ihm gegenüber „nicht so zuvorkommend“ aufgetreten, Der Kommilitone: „Zu versuchen, eine professionelle psychologische Hilfe durch die Hochschule zu bekommen, kann sehr entmutigend sein.“ Die Hochschule hält solche Angebote vor (s.o.), offenbar ist die Kenntnis über deren Existenz nicht überall bekannt.

Im  November 2014 war es bereits zu einem Suizid eines Studenten gekommen. Ein 26 Jahre alter Mann aus Brasilien hatte sich durch einen Sprung vom Dach des damals noch stehenden Union-Verwaltungsgebäudes das Leben genommen. 



Hochschule Rhein-Waal schießt Frauen ab, lässt Frauen aber wenigstens drüber sprechen

rd | 26. März 2019, 14:30 | 21 Kommentare
Mittwochsakademie der Hochschule: Frauen dürfen sagen, dass sie nichts zu sagen haben (Foto: Pixabay)

Bekanntlich waren an der Spitze der Hochschule Rhein-Waal bisher zwei Frauen, die – allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen – nun nicht mehr im Amt sind. Doch die schärfsten Kritiker der Elche waren bekanntlich früher selber welche. Was liegt also näher, als ausgerechnet an der Hochschule Rhein-Waal, offenbar einem Hort des gepflegten Maschinenbaumachismo, im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe Mittwochsakademie über „Frauen in Führungspositionen“ zu sprechen?!

Es ist natürlich nicht anzunehmen, dass Professorin Dr. Hildegard Maria Nickel, Professorin im Ruhestand der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, in ihrem Vortrag am 3. April („Frauen in Führungspositionen – Männer in einer neuen Väterrolle? Geschlechterverhältnisse in der Arbeitswelt“) die Verhältnisse an der HSRW unter die Lupe nimmt. Dabei wäre das, was dort vorzufinden ist, das beste Anschauungsmaterial für das Auseinanderklaffen von Anspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit – besser noch als jeder Dax-Vorstand. Hier der Überblick: Hochschulratsvorsitzender: Prof. Dr. Aloys Krieg ♂; Interimspräsident Prof. Dr. Eberhard Menzel ♂; designierter Präsident Dr. Oliver Locker-Grütjen ♂; Kanzler: Michael Strotkemper ♂; Dekan Fakultät Technologie & Bionik: Prof. Dr. Dirk Nissing ♂; Dekan Fakultät Life Sciences: Prof. Dr. Peter Scholz ♂; Dekan Gesellschaft & Ökonomie: Prof. Dr. Ralf Klapdor ♂; Dekan Fakultät Kommunikation & Umwelt: Prof. Dr. Andreas Schürholz ♂.

Man könnte also sagen, die Hochschule Rhein-Waal ist fest in Männerhand. Es gibt nicht mal eine Alibidekorationsfrau, wohl aber eine Gleichstellungsbeauftragte.

Man könnte zudem sagen, dass die Hochschule, die sich Internationalität wie keine zweite in Deutschland auf die Fahnen geschrieben hat, von weißen, deutschen Männern ohne Migrationshintergrund und mittleren bis hohen (Krieg, Menzel) Alters geführt wird. Das diverseste Element in dieser Gruppe ist der Doppelname des designierten Präsidenten. Dieses sehr homogene Ensemble leistet sich nun aber den Luxus, eine Frau aus Berlin einzufliegen, die dann schön darüber reden (und der Klever Öffentlichkeit erklären) darf, was so im Großen und Ganzen falsch läuft. Bester Witz ever.

Das Programm Mittwochsakademie an der Fakultät Gesellschaft und Ökonomie steht unter dem Motto „Von regional bis global – Wirtschaft und Gesellschaft im aktuellen Zeitgeschehen“. Laut Pressemitteilung werden  nicht nur spannende Inhalte aufgegriffen, sondern gleichzeitig die thematische und interdisziplinäre Vielfalt der Fakultät zum Ausdruck gebracht: „Gegenwärtige Themen werden von Referierenden aus Wissenschaft und Praxis anschaulich präsentiert, theoretisch hinterfragt und in großer Runde diskutiert.“ Die Veranstaltungen finden jeweils mittwochs um 18 Uhr auf dem Campus Kleve, Marie-Curie-Straße 1, in Gebäude 02 (neben dem Hörsaalgebäude), Raum 02 01 017 (Seminarraum 5) statt.



„Echte Körper“ beim Griechen

rd | 26. März 2019, 01:03 | 15 Kommentare
Gehäutet und konserviert: Echte Körper demnächst in Kellen beim Griechen (Foto (und Danke für den Hinweis): BS)

Wer zum Griechen geht, das ist eine feststehende Erkenntnis aus dem Restaurantwesen, möchte Fleisch sehen. Aber das?

Gyros – gut! Bifteki – besser! Aber Glutaeus maximus? Muss das sein? Offenbar ja. Die ganze Stadt ist zur Zeit zugepflastert mit Plakaten, die uns auffordern, die Ausstellung „Echte Körper“ zu besuchen. Zu sehen, so heißt es, sei eine einzigartige Ausstellung konservierter menschlicher Körper mit „ca. 200 Exponaten“. Wenn man es bis dahin noch nicht verstanden hat, sorgt spätestens der Untertitel der Schau für Klarheit: „Von den Toten lernen“.

Nun ist der menschliche Körper hinter der Kulisse der Haut ein Faszinosum, welches Medizinstudenten und Rettungssanitäter aus beruflichen Gründen genauer kennen (lernen), und welches der unsterbliche Rembrandt in seinem Gemälde „Die Anatomie des Dr. Tulp“ 1632 einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, als er den Mediziner malte, wie er mit einer Zange den Musculus flexor digitorum superficialis aus dem geöffneten Arm einer Leiche zog. Übrigens machte Rembrandt dabei einen kleinen Fehler, der Muskel müsste an der Innenseite des Ellenbogens seinen Ursprung haben, im Bild setzt er jedoch erkennbar an der Außenseite an. Fail!

Besucher der Ausstellung „Körperwelten“ des Mediziners Gunther von Hagens, die erstmals Heerscharen von  plastinierten menschlichen Körpern einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte, wäre das nicht passiert. Von Hagens zeigte auch eine menschliche Kopulation, die allerdings teilweise unter Goldfolie verborgen werden musste. In diesem Fahrwasser ist auch die „Echte-Körper“-Ausstellung unterwegs, obwohl deren Macher sich von dem norddeutschen Mediziner distanzieren. Sie wahren die Würde der Toten, heißt es.

Allerdings verwundert der auf den Plakaten zu lesende  Ort der Schau . Gezeigt werden die Knochen, Muskeln und Sehnen dort, wo sonst die Messer hungriger Menschen durch mehr oder minder dicke Schichten von Fleisch schneiden – im „Restaurant Giorgos, Zur alten Kirche 50“, in Kellen. Zu sehen sind die Leichen oder Teile davon vom 4. bis zum 7. April, durchgehend von 11 bis 18 Uhr. Die Website des Veranstalters ist derzeit nicht erreichbar, aber der Eintritt in die gleiche Show im vergangenen Jahr in Bielefeld kostete für Erwachsene 15 Euro.

Das Bestattungsgesetz in NRW schreibt vor, dass eine Einverständniserklärung der Personen vorliegen muss, dass nach deren Tod der Körper oder Teile davon öffentlich präsentiert werden dürfen. Auch müssen die Ausstellungsstücke lückenlos einer Person zugeordnet werden können, den Machern ist es also untersagt, aus verschiedenen Knochen und Muskeln einen idealtypischen Menschen oder Frankenstein zusammenzubasteln.

In mehreren Städten war die Ausstellung offenbar wegen fehlender Nachweise verboten. In Bielefeld konnte sie stattfinden, nachdem ein Rechtsanwalt eine eidesstattliche Versicherung vorgelegt hat, dass die Vorgaben des Bestattungsrechts eingehalten werden. Die Stadtsprecherin wurde in einem Artikel der Neuen Westfälischen mit folgendem schönen Satz zitiert: „Natürlich hätten wir, wie das andere Städte offenbar getan haben, jede einzelne Unterschrift der gezeigten Personen anfordern können, aber wir wollten den bürokratischen Aufwand vermeiden.“


Gekämmt, gehopft, vergoren

rd | 17. März 2019, 01:50 | 11 Kommentare
Christoph Klimke bei der Lesung aus seinem Buch „Der Koloss“ in der Buchhandlung Hintzen

Eine der schöneren Veranstaltungen der vergangenen Wochen war die Lesung des aus Kleve stammenden Schriftstellers Christoph Klimke in der Buchhandlung Hintzen. Sein Buch „Der Koloss“ verquirlt Briefe von Goya, Schilderungen einer Kindheit und Jugend am Niederrhein sowie Studium und Leben in Berlin. Feinfühlig ist vielleicht ein gutes Wort, um dieses Buch zu beschreiben. Aber wo immer Feingefühl am Werke ist, gibt es einen, der noch feiner fühlt – den Rezensenten der Rheinischen Post. Dicht und Dichter:

Ein kleiner,
fast quadratischer Tisch.

Helles Holz,
eine polierte Platte
auf langen stabilen Beinen.

Darauf eine Flasche
„Warsteiner“ Pilsener,
hopfig.

Das Bier ist Programm.

Denn der Mann am Tisch war Steiner.

Matthias Grass, 2019

Das meint der Kritiker: Unversehens wird aus der scheinbar sachlich-nüchternen Beschreibung eines Möbelstücks in fünf unregelmäßigen Strophen – zwei bestehen aus nur einer Zeile – eine bedrückende Parabel der auf dem Altar des Genderismus geopferten Männlichkeit.

Das Gedicht schildert in einer Art Momentaufnahme die deprimierende Lebenssituation eines Mannes, der erst in der letzten Zeile überhaupt fassbar wird: Steiner.  Steiner, Träger eines Namens, den viele Deutsche immer noch mit „Feldwebel Rolf Steiner“ (Das eiserne Kreuz, USA 1977) assoziieren, wird hier ohne die Insignien des modernen Mannes ins Geschehen eingeführt. Kein Titel, keine Anrede („Herr Steiner“), nicht einmal ein Vorname. Kein Zweifel, der Mann ist eine Ruine.

Wie konnte es dazu kommen? Liest man die vorangegangenen neun Zeilen unter diesen Auspizien, findet sich in dem Werk eine Fülle von Hinweisen auf den fatalen Niedergang. Schon die Reihung ist eine Demütigung – nicht der Mensch steht im Vordergrund, sondern ein Möbelstück. Der Tisch, klassischerweise der Schauplatz merkantiler Machtdemonstrationen („über den Tisch ziehen“) bekommt eine eigene Statik und Größe: Er steht auf „stabilen“ Beinen, die zudem „lang“ sind. Normalerweise haben Tische eine Höhe von 75 bis 78 Zentimetern, damit der Akteur darauf Dokumente durchblättern  und dann mit Leichenbittermiene seinem Opfer ins Gesicht sagen kann, dass er gefeuert sei.

Dieser Tisch hier aber ist seiner administrativen Funktion beraubt, er hat ein Eigenleben entwickelt. Steiner, der daran sitzt, besiegelt nicht mehr mit einem Federstrich Schicksale. Er hält sich an einer Flasche Bier fest. Der stärkste Satz, wie ein Monolith in seiner Banalität herausragend, lautet: „Das Bier ist Programm.“ Es gibt keine Inhalte mehr, an diesem Tisch heißt es nur noch: Bier her, Bier her, oder ich fall‘ um!

Vollends absurd wird die Situation durch den Anschluss der folgenden Zeile durch die kausale Konjunktion „denn“: Weil der Mann Steiner ist, ist das Bier Programm?  Warsteiner? War Steiner?! Was soll das heißen? Muss Steiner sich nicht mehr rechtfertigen, wenn auf seinem Tisch „ne Pulle Bier“ (Schröder) steht? Ist er verdammt?

Zusätzliche Schärfe gewinnt die Schilderung, die ansonsten sehr frugal gehalten ist, durch eine auffällige Produktnennung. Das Bier, das Herr Steiner trinkt, ist ein „Warsteiner“. Premium, das war einmal. Nächste Woche dann wahrscheinlich schon „Traugott Simon“.

Besonders interessant ist zudem, dass der Autor das Getränk als „hopfig“ beschreibt, was für Warsteiner Pilsener definitiv nicht zutrifft – es wirkt, als verhöhne der Autor an dieser Stelle die von ihm geschaffene Figur Steiner, indem er ihr einfach falsche Informationen vorsetzt. Steiner ist zu kaputt, sich noch zu wehren. Steiner wird nicht bemitleidet, et wird gedemütigt. Es gibt kein Hoffen mehr, es gibt nur noch Hopfen, der keiner ist. Nimm das, Steiner! So sad!

Quelle für das Gedicht: Klimke: Durchbruch nach ganz unten