Die Entdeckung des Sommers: Sorbetsedimente

rd | 05. August 2019, 10:43 | 2 Kommentare
Könnte auch als abstrakte Kunst durchgehen: Erdbeersorbetgrillasch, H. Schmidthausen, 2019


Verhafteter Filmemacher: Was offenbart ein aufgezeichnetes Gespräch?

rd | 02. August 2019, 20:00 | 9 Kommentare
Bilder wie dieses fanden sich auf der Facebook-Seite, die der Verein für Kinderreisen unterhielt, gleich mehrfach. Im Lichte der Selbstanzeige des Filmemachers wirken sie verstörend. Die Seite ist mittlerweile vom Netz genommen

Bis auf die in der Selbstanzeige genannten Angaben hat sich der Filmemacher aus dem Kreis Kleve, der seit dem 25. Juli in Untersuchungshaft sitzt, nicht weiter zu diesen und möglicherweise weiteren Taten eingelassen. Die Staatsanwaltschaft Kleve, die nunmehr gegen den 49 Jahre alten gelernten Sozialpädagogen wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs in 40 Fällen ermittelt,  verfügt darüber hinaus noch über die Ermittlungsakten aus Norddeutschland, wo es im Verlauf einer Radtour mit Jugendlichen zu einem „Vorfall“ gekommen ist, bei dem DNA des Regisseurs sichergestellt werden konnte.

Außerdem beschlagnahmten die Ermittler massenweise elektronische Daten, derer sie bei einer Durchsuchung des Hauses, in dem der Mann wohnte, habhaft werden konnten. Allerdings gehen sie davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, in der Fülle des Materials belastende Bilder oder Filme finden zu können, eher gering ist.

Doch nach Informationen von kleveblog gibt es in den Akten noch eine weitere digitale Aufzeichnung, die für die Ermittler von großem  Interesse ist. Offenbar hat der Verwandte, der in den Jahren 1998-2002 von dem Filmemacher missbraucht worden ist (um diese Fälle geht es in der Selbstanzeige) die Aufklärung selbst in die Hand genommen. Er suchte ein Gespräch mit dem Filmemacher und stellte ihn wegen der vergangenen Taten und wegen dessen Neigungen zur Rede. Dieser Wortwechsel wurde heimlich aufgezeichnet. Über den Inhalt des Gesprächs ist nichts bekannt, allerdings ist aus Justizkreisen zu hören, dass man hinsichtlich der Verwertbarkeit der Äußerungen keine Bedenken hege.

An den Jugendreisen, die der von dem Filmemacher begründete und geführte Verein ab dem Jahre 2002 durchführte, nahmen insgesamt 456 Kinder teil. Die Kinder waren zum Zeitpunkt der Reise zwischen zehn und 14 Jahren alt, die Gruppe wurde jeweils von acht Betreuern begleitet. Die letzte Tour führte die Teilnehmer im vergangenen Jahr vom Niederrhein zur Nordseeinsel Langeoog.



Nach Selbstanzeige: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Filmemacher wegen „schweren sexuellen Missbrauchs“

rd | 01. August 2019, 20:00 | 11 Kommentare
Nach Selbstanzeige in Untersuchungshaft: der Filmemacher aus dem Kreis Kleve

Für die acht Schüler aus dem Kreis Kleve, zwischen elf und 13 Jahre alt, sollte es eine einmalige Erfahrung werden. „Das große Abenteuer“, so der Titel des Unternehmens, war eine zwölfhundert Kilometer lange Radtour entlang der innerdeutschen Grenze. Vier Wochen sollte die Reise dauern, und die Kinder sollten weitestgehend selbstbestimmt agieren. Ein großer Fernsehbericht über die Tour war geplant. „Die Verantwortung für den Alltag liegt komplett in den Händen der Kinder“, sagte der Initiator des Projekts, ein Filmemacher aus dem Kreis Kleve. „Ich werde nur Einfluss nehmen, wenn Gefahr droht.“

Nun hat es den Anschein, als ob die größte Gefahr der Filmemacher selbst war.

„Es hat einen Vorfall gegeben“, so eine Sprecherin der Polizei in Ratzeburg. Das Verfahren werde nunmehr von der Staatsanwaltschaft in Kleve geführt. Nach Informationen von kleveblog gab es sexuelle Handlungen in Gegenwart eines vermeintlich schlafenden Schülers, und es soll DNA-Spuren geben, die dem Organisator der Reise zugeordnet werden können. „Wir haben einen Vorwurf von einer auswärtigen Staatsanwaltschaft übernommen“, so der Klever Oberstaatsanwalt Günter Neifer. „Die Ermittlungen dauern an.“

Was auch immer in Ratzeburg geschah, für die Staatsanwaltschaft in Kleve steht schon jetzt fest, dass es eine Vorgeschichte zu diesen Ereignissen gibt, die rund zwei Jahrzehnte zurückliegt. Denn der 49 Jahre alte Dokumentarfilmer, dessen Wirken sich auf benachteiligte Kinder konzentrierte, ließ Ende Juni über seinen Anwalt bei der Behörde eine Selbstanzeige erstatten.

„Wir führen ein Ermittlungsverfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs“, so Neifer. „Das Verfahren beruht auf einer Selbstanzeige des Beschuldigten.“ Demnach habe es in den Jahren 1998 bis 2002 sexuelle Handlungen zum Nachteil eines Kindes in insgesamt 40 Fällen gegeben. Das Kind stammt aus dem Verwandtenkreis des Beschuldigten. Das Strafgesetzbuch sieht für solche Delikte einen Strafrahmen von nicht unter zwei Jahren Freiheitsstrafe vor.

Die Staatsanwaltschaft beantragte einen Haftbefehl, den der Haftrichter am 24. Juli 2019 erließ. Seit dem 25. Juli sitzt der Mann in der Justizvollzugsanstalt Kleve in Untersuchungshaft. Polizisten durchsuchten das Haus des Verdächtigen und stellten – bei einem im Mediengewerbe tätigen Mann wenig überraschend – bergeweise Datenträger sicher, die nun ausgewertet werden müssen. Die Rede ist von mehr als 50 Terabyte an digitalem Bildmaterial, das nun auf verdächtige Inhalte hin untersucht werden muss.

Der Beschuldigte selbst habe, so Neifer, über die Informationen in der Selbstanzeige hinaus bislang keine weiteren Angaben gemacht. Zu klären ist unter anderem, ob nicht auch in den Jahren nach 2002 Übergriffe erfolgt sind. Denn der Dokumentarfilmer suchte gezielt die Nähe zu Kindern aus benachteiligten Verhältnissen. Auf der Website zu einem seiner Filme wird er mit folgenden Worten zitiert: „Kinder sind unser größtes Geschenk. Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es, sie zu schützen und ihnen alle Möglichkeiten zukommen zu lassen, sich ihren Fähigkeiten entsprechend zu entwickeln.“

Der Filmemacher, der gelernter Sozialpädagoge ist, organisierte über einen Verein Ferienfreizeiten mit Kindern. Die Website ist mittlerweile vom Netz genommen, auch in den sozialen Netzwerken findet sich nichts mehr über die Aktivitäten. In einer Selbstbeschreibung heißt es: „Der Verein […] organisiert diese Maßnahme um unsere reizüberfluteten Kinder für zwei Wochen aus dem sonst so durchorganisierten gesellschaftlichen Kontext zu reißen. Kein Handy, kein Fernseher und nicht wissen wo man abends schläft. Dafür gemeinsam ein Ziel erreichen, zusammen kochen, essen, spülen. Dabei soll vor allem Sozialkompetenz und Selbstbewusstsein gestärkt und gefördert werden.“

Der Verein startete 2002 mit einer fünftägigen Niederrheintour, in den Jahren danach reisten bis zu 40 Kinder jeweils zwei Wochen in den Sommerferien an deutsche Küstenorte. Als die Facebook-Seite des Vereins noch online war, fanden sich darauf verschiedene Bilder, die zumindest eine unprofessionelle Nähe zwischen dem als Betreuer mitreisenden Filmemacher und den Kindern dokumentieren.

Auch für den Kreis Kleve war der Medienunternehmer vielfach im Einsatz, beispielsweise fertigte er für die neue Imagebroschüre des Kreises Kleve („Kreis Kleve… lieben“) zahlreiche Fotos an. Auch die Website des Jugendforums Courage („Für Toleranz, gegen Gewalt“) konzipierte der Unternehmer im Auftrag des Kreises Kleve, ebenso die einer Schule in Trägerschaft des Kreises.

Für seinen Film über die Wirklichkeit der Inklusion in deutschen Schulen erhielt der Regisseur viel Lob, sogar die Süddeutsche Zeitung interviewte ihn. Im Auftrag des SOS Kinderdorfs Niederrhein begleitete der Regisseur für eine Dokumentation Kinder aus armen Verhältnissen in ihrem Alltag. Ein Bericht über ein unheilbar krankes Mädchen wurde sogar für einen Filmpreis gehandelt. In einem Interview dazu sagte der Filmemacher: „Ich glaube, man muss Kinder wirklich ernst nehmen.“


Der Herausforderer: Peter Driessen will Landrat werden (wenn SPD, Grüne und FDP ihn unterstützen)

rd | 26. Juli 2019, 20:33 | 30 Kommentare
Peter Driessen ist seit 2004 Bürgermeister von Bedburg-Hau. Jetzt strebt er ein neues Amt an
Jürgen Loosen (2. v. r.) hatte in der Rheinischen Post am vergangenen Samstag als erster über die Personalie berichtet
Demonstrierten Eintracht: Vertreter von Grünen, SPD und FDP an der Seite von Peter Driessen bei der Pressekonferenz im Hotel Rilano

Die Geschichte der christdemokratischen Landräte des Kreises Kleve begann im Jahre 1946, als Peter Albers als erster das Amt innehatte. Die weitere Liste der Amtsinhaber liest sich wie ein Schnelldurchlauf durch die Heimatgeschichte: Gert Brock (1961-1974), Hans Pickers (1975-1994), Gerd Jacobs (1994-1999), Rudolf Kersting (1999-2004), und seit 2004 führt Landrat Wolfgang Spreen die Geschäfte des Kreises Kleve. Im nächsten Jahr wird wieder gewählt – und erstmals in der Nachkriegsgeschichte erscheint es denkbar, dass das höchste Amt im Kreis nicht mehr von einem Menschen mit einem CDU-Parteibuch ausgefüllt wird.

Am Freitag Abend kündigte Peter Driessen, Bürgermeister der Gemeinde Bedburg-Hau, auf einer Pressekonferenz im Hotel Rilano an, sich 2020 als unabhängiger Kandidat für das Landratsamt zu bewerben. Das allein würde allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ausreichen, die CDU vom Thron zu stoßen. Doch mit Driessen saßen sieben Vertreter der drei Parteien Bündnis 90/Die Grünen, SPD und FDP am Tisch. Sie alle erklärten, am 14. September ihren Mitgliedern auf drei getrennten Versammlungen einen Plan vorzustellen, der vorsieht, auf einen jeweils eigenen Spitzenkandidaten zu verzichten und stattdessen den weithin respektierten und erfahrenen Bürgermeister aus der Klever Nachbargemeinde zu unterstützen. „Wenn die Parteien zustimmen, kandidiere ich als Landrat“, so Peter Driessen.

„Ich würde gerne etwas ändern“, sagte Driessen. Er stehe für Transparenz und Miteinander, der Umgang im Kreishaus müsse sich ändern, „da soll ein anderer Stil drauf“. Als Beispiel dafür nannte er den jüngsten Vorstoß des Kreises, ein drittes beitragsfreies Kita-Jahr einzuführen, der die Verantwortlichen in den Kommunen offenbar vor den Kopf gestoßen hat.

Die Idee zu der Kandidatur ging von Driessen selbst aus, nachdem dieser im Jahre 2015 erlebte, wie er sich beim Kreis mit dem Projekt eines „Kommunalen Integrationszentrums“ nicht durchsetzen konnte. Die Zurückweisung ließ den Wunsch aufkeimen, das Problem grundsätzlicher in Angriff zu nehmen – bei der Personalie des Landrats selbst. Und so entschloss sich Driessen, nach vielen Gesprächen im Hintergrund und nach vielen Telefonaten, im Alter von 63 Jahren, in einem Lebensabschnitt also, in dem viele Menschen hauptsächlich ihren Ruhestand planen, ein Wagnis einzugehen.

Es ist das zweite Wagnis in seiner politischen Biografie, die Anfang des Jahrtausends begann. Damals amtierte in Bedburg-Hau noch Bürgermeister Hans Geurts, der allerdings in der Spätphase seiner Karriere etwas Bodenhaftung verlor und munter Umgehungsstraßen durch die Gemeinde plante. Das Vorgehen verdross selbst in der Partei, die eigentlich zu parieren gewohnt war, viele Mitglieder. Driessen war selbst CDU-Mitglied, gab sein Parteibuch dann allerdings vor der Kommunalwahl zurück und trat gegen den Amtsinhaber an. Driessen gewann, und bei der Kommunalwahl 2014 erhielt er 84 % der Stimmen, der Kandidat der CDU kam gerade einmal auf 16 %.

Das Ergebnis drückte auch aus, welchen Respekt sich Driessen durch seine verbindende und konstruktive Art über alle Parteigrenzen hinweg und in der Bevölkerung über die Jahre erarbeitet hatte.

Diesen Stil möchte er nun auch ins Kreishaus bringen, in dem offenbar nach Jahren, in denen die CDU machen konnte was sie wollte, eine bleierne Zeit angebrochen ist. Birgitt Höhn (Grüne) schilderte in der Pressekonferenz die zwei Standardantworten aus der Kreisverwaltung, wenn Wünsche oder Anregungen an die Leitung herangetragen werden: „Machen wir schon!“ Oder: „Dafür sind wir nicht zuständig.“ Dagegen Driessen: „Wir brauchen jemanden, der sich als Dienstleister für die Kommunen versteht.“

Ob Driessen gegen den Amtsinhaber antreten wird oder jemand anderen, steht noch nicht fest. Wolfgang Spreen, am 13. September 2015 zum zweiten Mal wiedergewählt, ist 64 Jahre alt und hat sich noch nicht öffentlich zu seinen Plänen geäußert. Gut möglich, dass der passionierte Jogger seinen Ruhestand entgegen traben möchte. Vielleicht aber will er es auch noch einmal wissen, und zumindest bei seinen engsten Mitarbeitern gibt es keine Altersgrenzen – Wilfried Suerick ist ca. 75 Jahre alt und immer noch in Diensten des Kreises.

Spannend wird die Wahl zudem, weil es bei der Kommunalwahl im Herbst 2020 keine Stichwahl geben wird. Der Kandidat, der die meisten Stimmen auf sich vereinigt, ist der neue Landrat.