Ein kleines bisschen Nichts, oder: Das Klever Mehrgenerationenplatzfiasko (Bürgerwille, na und?)

rd | 28. Mai 2020, 13:45 | 36 Kommentare
Ein bisschen Boule darf sein
Platz für ein Basketballfeld: Skizze aus dem Workshop
Bürgermeisterin Sonja Northing: „Wir wohnen in einer Stadt, das sollten wir nicht vergessen“

(Aktualisiert, jetzt mit Stellungnahme des Beigeordneten Jürgen Rauer.) Wenn man in der Mitte des sechsten Lebensjahrzehnts steht, sollte man klug genug sein, die Schuld nicht mehr bei anderen zu suchen. Man trägt einen Sack voller Erfahrungen mit sich herum, man hat Lug und Trug gesehen, man war Zeuge von großer Niedertracht und noch größerer Dummheit. Und so bleibt am Ende nur die deprimierende Feststellung: Konnte ich wirklich so naiv sein?

Vielleicht war es blanker Idealismus, vielleicht aber auch Bürgersinn, der mich Ende Oktober 2017 in die Räume der Volkshochschule getrieben hatte. Dorthin hatte die Stadt die Anwohner der Straße Backermatt und das etwas weitere Umfeld (dazu gehöre auch ich) geladen, um über einen Entwurf für die Neugestaltung eines Areals zu diskutieren, das Klevern als Skaterplatz ein Begriff ist und das nunmehr seit gefühlten zehn Jahren nicht mehr ist als eine asphaltierte Fläche. Bürgerbeteiligung nennt sich das, und, weil die Bürgermeisterin sich das auf ihre Fahnen geschrieben hatte, war sie sogar persönlich gekommen und sprach zu Beginn der Veranstaltung ein paar freundliche Worte.

Zunächst stellten die Planer ihr Konzept vor, von dem sie selbst einräumten, dass es möglicherweise ein wenig überfrachtet sei. Aber es sollte ja auch ein „Mehrgenerationenplatz“ werden, auf dem Jung und Alt einander friedlich begegnen. Wobei, das zeigte sowohl der Entwurf wie auch die sich anschließende Diskussion, der Begriff „Jung“ sehr aus der Perspektive von Menschen betrachtet wurde, die wissen, dass die Zahl der Tage, die noch vor ihnen liegt, durchaus begrenzt ist. Als Beitrag zur sportlichen Betätigung war ein Boule-Feld vorgesehen, zweifelsohne ein schöner Sport, allerdings vor allem ausgeübt von Menschen, die Konrad Adenauer noch persönlich gekannt haben.

So nutzte ich die sich an das Plenum anschließenden Workshops, den verwegenen Vorschlag zu machen, dort doch ein Basketballfeld mit einzuplanen, eingedenk der Tatsache, dass schon zu Amtszeiten Theo Brauers Jugendliche, die in der Nähe des Platzes wohnten (und die mittlerweile erwachsen sind) einen Brief mit dem gleichen Wunsch an den damaligen Bürgermeister geschrieben hatten, der immerhin nach drei oder vier Jahren mit einer nichtssagenden Replik beantwortet wurde.

Die Diskussion ergab – meiner Erinnerung nach – keine großen Einwände. Das Titschen der Bälle bereitete etwas Sorgen, die ich aber mit einem Hinweis auf moderne Bodenbeläge zu entkräften vermochte. Und dass zu viele Jugendliche den Platz bevölkern könnten, um ihrem Hobby nachzugehen, ließe sich wohl kaum als Gegenargument anführen, wenn ausdrücklich von einem Mehrgenerationenplatz die Rede ist. Als ich am frühen Abend die Veranstaltung verließ, tat ich dies in dem guten Gefühl, etwas unternommen zu haben, um unser kleines Gemeinwesen ein wenig lebenswerter zu gestalten.

Dann tat sich: nichts. Ein Jahr lang: nichts. Zwei Jahre lang: nichts. Im vergangenen Jahr kam der Kampfmittelräumdienst. Er fand: nichts. Weitere Monate gingen ins Land, in denen geschah: nichts.

Und nun, Mitte Mai 2020, rund tausend Tage nach dem Workshop, zauberte die Stadt Kleve den neuen Entwurf für den Platz aus dem Hut. Der Plan zeigt, was eine Agentur imstande ist zu imaginieren, wenn sie eine Verwaltung beeindrucken will, die wiederum von sich glaubt, den Bürgerwillen imaginieren zu können. Von dem aber, was in der Veranstaltung im Oktober vor drei Jahren angeregt wurde, setzt dieser Entwurf exakt um: nichts. Dort, wo im Rahmen der Bürgerbeteiligung mal probeweise ein Basketballfeld eingezeichnet wurde, befindet sich auch in den neuen Plänen genau das seniorengerechte Boule-Feld, das schon vorher dort war. Die erste Vorstellung des Areals fand übrigens statt in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses, dessen Mitgliedern angeraten sei, eventuell noch einmal über das erste Wort im Namen ihres Gremiums nachzudenken.

Natürlich wollte ich als Bürger vom federführenden Planer in Erfahrung bringen, wann und wo im Entscheidungsprozess für die Platzgestaltung das Basketballfeld verloren gegangen ist. Also schrieb ich eine Mail an Herrn Rauer. Hier die Antwort: „Vielen Dank für Ihre Anfrage. Im Rahmen der Diskussionen bei der Informationsveranstaltung zum Mehrgenerationenplatz Backermatt wurde bereits der Punkt der Lärmemissionen, insbesondere auch aufgrund der Nähe zur Seniorenwohnanlage angesprochen. In der vertiefenden Planung wurde die Realisierung der Möglichkeit des Basketballspiels geprüft. Aufgrund der Lärmbelastung kann dies jedoch keine Berücksichtigung finden. Bei Bedarf kann geprüft werden, ob dieses Angebot sich in der näheren Umgebung integrieren lassen kann.“

Wir halten fest: Neue Argumente werden gehört, dann aber wieder verworfen, weil sie die vorgefasste Weisheit stören. Wie gesagt: Wie konnte ich so naiv sein!

Da allerdings, wegen Corona, vermutlich in Zukunft ohnehin kein Cent mehr ausgegeben werden darf (Haushaltssperre!), wird vermutlich auch in den kommenden Jahren dort passieren: nichts.



Corona bei Leiharbeitern: Die meisten Infizierten wohnen in Emmerich

rd | 27. Mai 2020, 16:10 | 1 Kommentar
Das Virus

Von den insgesamt Corona-positiven 26 Leiharbeitern, die beim niederländischen Fleischverarbeiter VION beschäftigt sind und im Kreis Kleve leben, wohnen sechs Personen in fünf Sammelunterkünften. Diese bekamen heute Vormittag Besuch von Mitarbeitern des Kreis-Gesundheitsamtes in Begleitung von Dolmetschern und Mitarbeitern der örtlichen Ordnungsämter, die Verfolgung der Kontakte wurde eingeleitet. Bei den Hausbewohnern wurden Abstriche genommen, ebenfalls wurde eine Quarantäne angeordnet. Personen, die gestern telefonisch nicht erreicht werden konnten, sollen im Laufe des heutigen Tages persönlich aufgesucht werden. Auf die Städte des Kreises Kleve verteilen sich die 26 neu erkannten Infizierten wie folgt: Emmerich 21, Goch 1, Kalkar 1, Kevelaer 1 und Kleve 2.

Wenig überraschend machte die Zahl der Erkrankten heute einen Satz um 27 nach oben.

Hier die aktualisierte Tabelle: Gesamtüberblick Corona Kreis Kleve

Chewgum (27.05. 21:48): Geht also....


Corona: 26 Leiharbeiter positiv getestet, kommt jetzt eine zweite Welle?

rd | 26. Mai 2020, 16:49 | 41 Kommentare
Treuer Begleiter

Um 14:04 Uhr verschickte der Kreis seine tägliche Mail mit den aktuellen Corona-Zahlen. Die Inhalte waren wie zuletzt meistens zur grundsätzlichen Beruhigung angetan: Demnach gebe es 660 bestätigte Infektionen, einer mehr als gestern, und nur 24 neue Infektionen in den vergangenen sieben Tagen. Die Meldung war vermutlich schon zum Zeitpunkt des Versands veraltet, denn exakt 108 Minuten später verschickte der Kreis Kleve eine zweite Pressemitteilung – und die berichtete von 26 weiteren Fällen, die dem Kreis nun bekannt geworden seien. Alle Betroffenen sind aus Osteuropa stammende Leiharbeiter, die im niederländischen Schlachthof VION in Groenlo arbeiten und von Wohnsitzen im Kreis Kleve aus zu ihrer Arbeitsstelle pendeln. (Der Originaltext der Meldung findet sich am Ende des Berichts.)

Das verheißt nichts Gutes, denn wer auch nur ansatzweise etwas darüber weiß, wie die Menschen von den (niederländischen) Arbeitsvermittlern in Deutschland untergebracht werden, weiß: Bessere Bedingungen kann das Coronavirus gar nicht finden! Sie leben dicht an dicht in Wohnungen, die für unsere Verhältnisse so überlegt sind, dass vielleicht ältere Mitbürger sich noch an die Zustände nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern, als in vielen Wohnungen zusätzlich Flüchtlinge untergebracht werden mussten. Aber für das billige Schnitzel wird derlei dann ja toleriert, wobei es nicht nur die Arbeitsvermittler aus den Niederlanden sind, die von dem System profitieren, sondern auch die Besitzer der Immobilien, die sie entweder auf diese Weise lukrativ vermieten oder aber teuer verkaufen können.

Staunen lässt auch, dass das Zusammenspiel zwischen deutschen und niederländischen Behörden etwa so gut zu verlaufen scheint wie das zwischen deutschen und afghanischen Ämtern, wir allerdings in einem geeinten Europa leben. Auch der übliche Sammeltransport in Kleinbussen zur Arbeit ist sicherlich eine ideale Möglichkeit, das Virus weiter zu verbreiten.

Nun soll hier aber keine Schwarzmalerei betrieben werden, nur steht zu befürchten, dass mit den nunmehr 26 neuen Fällen nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sein wird. Jetzt (mit diesen neuen Informationen) werden die Mitarbeiter des Kreises in die Unterkünfte gehen und weitere Proben nehmen. Dort leben auch Menschen, die in Hotels, im Gartenbau, in der Landwirtschaft usw. arbeiten. Und natürlich sind die Bewohner abends in den Supermarkt gegangen oder am Wochenende in die (gerade wiedereröffneten) Kneipen. Das klingt nicht gut.

Die Kommunen haben die Sammelunterkünfte gezählt und kamen auf die folgenden Zahlen: Emmerich 40; Kranenburg 18; Goch 24; Kleve 51. Vermutlich aber sind es noch mehr, da anzunehmen ist, dass nicht jede Wohnung erfasst worden ist.

Probeweise ist in der Corona-Tabelle eine zusätzliche Zeile für den heutigen Tag eingefügt worden. Sie zeigt, dass die Zahl der aktuell erkrankten Menschen von 52 auf 78 gestiegen ist, die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen auf 45 und die als Richtwert herangezogene Zahl je 100.000 Einwohner auf 14,5. Das ist mehr als doppelt so viel wie auf Basis der ersten Meldung. Ab einem Wert von 50 sollen die Beschränkungen des öffentlichen Lebens wieder verschärft werden. Im Landkreis Coesfeld passierte das, nachdem dort wegen einer Infektionswelle unter den (vorwiegend osteuropäischen) Mitarbeitern des Schlachthofs Westfleisch dieser Wert überschritten wurde.

Wegen der angeblich schleppenden Behandlung des Themas steht Landrat Wolfgang Spreen seit Tagen in der Kritik, insbesondere von Bürgermeister Peter Hinze (Emmerich). Die Rheinische Post hat sich dieser Sicht angeschlossen. Spreen erwiderte auf die Vorhaltungen: „Leiharbeiter sind auch Menschen mit Grundrechten.“ Da ist ihm bedingungslos zuzustimmen, auch wenn das einige möglicherweise anders sehen (wollen). Der Fehler liegt ohnehin eher im System, das aber weitestgehend toleriert worden ist (wenn die Leiharbeiter nicht gerade in die eigene Nachbarschaft einquartiert worden sind).

Hier die Pressemitteilung im Wortlaut:

Am heutigen Mittag (26. Mai) ist dem Kreis Kleve eine Liste der Personen übermittelt worden, die in dem fleischverarbeitenden Unternehmen VION im niederländischen Groenlo arbeiten, dort auf SARS-Cov2 getestet wurden und im Kreisgebiet Kleve wohnen. Es handelt sich um 88 Mitarbeiter des Unternehmens, von denen 26 positiv getestet wurden. Die Untere Gesundheitsbehörde des Kreises Kleve hat unverzüglich mit den erforderlichen Maßnahmen begonnen

Hier die aktualisierte Tabelle: Gesamtüberblick Corona Kreis Kleve


Kleiner Hinweis

rd | 25. Mai 2020, 18:10 | keine Kommentare
Coronavirus, von van Gogh skizziert

Auch wenn derzeit nicht mehr täglich eine Meldung zum Corona-Geschehen veröffentlicht wird, die Tabelle wird weiterhin jeden Tag aktualisiert. Das heißt, wer den Link speichert, kann sie jederzeit aufrufen. Oder auf den Link in einem älteren Artikel klicken, das führt auch jeweils zu der neuen Tabelle. Aktuell vier Neuerkrankungen, 30 Fälle in den vergangenen sieben Tagen sowie 55 derzeit als erkrankt geführte Menschen.

Hier die aktualisierte Tabelle: Gesamtüberblick Corona Kreis Kleve