Bitte nicht mehr anrufen! Auch nicht mailen!

rd | 14. August 2018, 16:35 | keine Kommentare

Ludger Kazmierczak, die unglaubliche Erfolgsgeschichte seines satirischen Jahresrückblicks geht auch nach einem Jahr Pause so weiter, als hungerte der Klever regelrecht nach einer zugespitzten Aufbereitung des Geschehens in seiner Heimat. Heute teilte Bruno Schmitz, selbst Kabarettist und Leiter des Kulturbüros Niederrhein, mit, dass alle zwanzig Veranstaltungen „Von oben herab“ in der Restauration zum Aussichtsturm bereits ausverkauft sind. Schmitz: „Alle 20 Veranstaltungen mit dem ,Satirischen Jahresrückblick – Von oben herab‘ mit Ludger Kazmierczak am Aussichtsturm sind ausverkauft. Seit letzten Dienstag schwappte ein Mailtsunami über uns herein. Mit dieser Stärke hatten wir nicht gerechnet.“ Wer nicht zum Zuge kam, wird zum Trost auf zwei weitere Veranstaltungen von und mit Kazmierczak verwiesen – im März 2019 in Goch (Kastell) und im April in Rees (Bürgerhaus). Und wer nicht so lange warten möchte: Kazmierczak, hauptberuflich immer noch WDR-Redakteur, führt am 1. September auch (anstelle von Jürgen Becker, der verhindert ist), erstmals durch die cinque-Sommernacht auf dem Festzelt hinterm Tiergarten.

Korrespondent und Kabarettist: L. Kazmierczak, am Turm angelehnt


Ein gebrochener Mann

rd | 14. August 2018, 16:23 | 12 Kommentare

Jens A., Tierarzt, Familienvater, 44 Jahre alt, könnte ein Mann in der Blüte seiner Jahre sein. Doch gearbeitet hat er seit dem 19. Oktober 2016 nicht mehr, seit Anfang des Jahres bezieht er eine Rente, und als er am Montag Vormittag in den Saal A 105 des Landgerichts Kleve trat, sahen die Zuschauer einen Menschen, der an den Folgen einer Straftat zerbrochen ist.

Zum Prozessauftakt verbarg der Angeklagte Theo H. sein Gesicht hinter einem Aktenordner. Rechts von H. sein Verteidiger Harald Gruhn

A. kam nicht allein, er kam in Begleitung seiner Frau und der ihn behandelnden Psychotherapeutin, und auch Cornelia Zander, die Zeugenbetreuerin des Landgerichts, war im Einsatz. Um ihm den Anblick seines Peinigers zu ersparen, musste der Angeklagte Theo H. (46) in einen anderen Raum gehen. Er durfte die Aussage seines Opfers nur per Videoschaltung verfolgen.

Der Tierarzt berichtete von den 14 Minuten am 19. Oktober 2016, die er in Todesangst verbrachte, die sein Leben aus der Bahn warfen und deren juristische Aufarbeitung nun die Aufgabe der 1. großen Strafkammer des Landgerichts Kleve unter Vorsitz von Richter Jürgen Ruby ist.

Schwere Körperverletzung und räuberische Erpressung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, so lautet die Anklage. Der Landwirt hatte in blinder Wut mit einer Eisenstange auf die beiden Tierärzte eingeschlagen, weil er angesichts eklatanter Mängel in der Schweinehaltung, die diese bei der Hofinspektion festgestellt hatten, eine Kürzung der Subventionen befürchtete.

Einem der beiden Kontrolleure, einer Frau, gelang nach einem ersten Schlag des Bauern die Flucht; die Tierärztin rief sofort die Polizei und verhinderte damit womöglich das Schlimmste. Ihr Kollege konnte nicht entkommen. Mit brüchiger Stimme berichtete er im Gerichtssaal, wie er die Attacke erlebte.

Nachdem die Kontrolleure die Mängel entdeckt hatte, ging Jens A. zurück zum Auto, um sein Handy zu holen. Mit der Kamera wollte er die Missstände dokumentieren. Er befand sich gerade in der hintersten Ecke des Schweinestalls, als Theo H. das Licht löschte. „Ich hörte ein Geräusch hinter mir und sah, wie er mit einer Stange in der Hand ausholte“, so A.

Der erste Schlag traf seine Kollegin, die zu Boden ging. „Er stieg über sie hinweg und kam auf mich zu. Ich habe ihn angeschrien, er solle aufhören, doch es war zu spät. Er ist auf mich losgegangen und schlug mehrfach in Richtung meines Kopfes.“

A. versuchte, die Schläge mit dem Arm abzuwehren. Sein Ellbogen brach, der Unterarm brach, ein weiterer Schlag riss ihm die Brille vom Kopf. Beim Versuch wegzurennen, stürzte er und verdrehte sich das Knie. Theo H. verfolgte ihn in blindem Zorn und schlug weiter auf ihn ein. A. flehte um sein Leben, verwies auf Frau und Kinder. Der Bauer schlug weiter zu.

Der Angriff endete erst, als A. sagte, man könne doch eine Lösung finden. Daraufhin verlangte der Landwirt vom Prüfer, einen positiven Bericht abzufassen. Wenn von seinen Subventionen auch nur ein Prozent abgezogen werde, so drohte er, komme er zu A. nach Hause und werde ihn und seine Familie umbringen.

Wenig später erschien die Polizei und beendete den Angriff, doch die Folgen der Tat verfolgen den in Weeze lebenden Tierarzt bis heute. Die körperlichen Folgen – Schmerzen in Schulter, im Arm und in den Beinen sowie Bewegungseinschränkungen – sind das Eine. Weitaus gravierender sind die psychischen Beeinträchtigungen.

A. leidet unter permanenten Alpträumen und Angstzuständen, traut sich kaum aus dem Haus und erschreckt sich selbst beim Klingeln des Telefons. „Ich versuche mich, so gut es geht, abzulenken“, sagt er, „aber es gibt immer wieder Flashbacks und die Angst, dass es wieder passiert.“

Bericht vom 1. Prozesstag:

„Ich weiß nicht, wie lange der noch auf meinen Kollegen einschlägt…“

Tierärztin Alina B. im Notruf, der vor Gericht vorgespielt wurde

Der Notruf, der im Gerichtssaal vorgespielt wird, dauert sieben Minuten. Nach 44 Sekunden muss die Vorführung jedoch abgebrochen werden. Die Frau, die als Zeugin zu ihrem Anruf vom 19. Oktober 2016 befragt werden soll, verkraftet die Erinnerung an das Geschehen auf dem Bauernhof in Uedem-Keppeln nicht mehr. Vor der Unterbrechung war eine Frau mit Panik in der Stimme zu hören, die der Polizistin in der Einsatzleitstelle berichtet: „Kommen Sie schnell… Mein Kollege ist noch da drin, und ich weiß nicht, wie lange der noch auf den einschlägt.“

Zwei Tierärzte in Diensten des Kreises Kleve, ein Mann und eine Frau, waren zu einer angemeldeten Kontrolle bei Theo H. erschienen, einem Landwirt aus Keppeln, der Milchvieh hielt, Rinder züchtete und Schweine mästete. Bei den Schweinen fanden sie gravierende Mängel in der Haltung. „Es fiel uns auf, dass seit längerem ein teilweise hochgradiges Kannibalismusproblem vorlag“, so die Tierärztin gestern im Gericht.

Das heißt: Die Tiere bissen sich gegenseitig die Ohren ab, oder sie fraßen sich gegenseitig die Schwänze. Als die beiden Behördenmitarbeiter die Fälle fotografisch dokumentieren wollten, drehte der Bauer, der den Hof von seiner Mutter gepachtet hatte, durch. Er löschte das Licht im Schweinestall, griff zu einer 70 Zentimeter langen Eisenstange und schlug damit wahllos auf die beiden Behördenmitarbeiter ein.

Die Frau erlitt eine Platzwunde, konnte flüchten und die Polizei rufen. Der Mann trug mehrere Knochenbrüche und ebenfalls eine Platzwunde davon, schaffte es trotzdem irgendwie wegzurennen, wurde wieder eingeholt und erneut malträtiert. Erst als er um sein Leben bettelte und seine Kinder und seine Frau erwähnte, ließ Theo H. von seinem Opfer ab. 14 Minuten dauerte das Geschehen – 14 Minuten in Todesangst.

Wenig später konnten die Polizeibeamten den Gewalttäter in der Küche seines Wohnhauses festnehmen. Er leistete keinen Widerstand. Seit Donnerstag muss er sich wegen schwerer Körperverletzung, räuberischer Erpressung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit vor dem Landgericht Kleve verantworten.

Vom Vorsitzenden Richter Jürgen Ruby zu dem Ereignis befragt, meinte er : „Das war natürlich ein großer Fehler.“ Seine Aussage, in kurzen Sätzen und mit monotoner Stimme vorgetragen, machte deutlich, dass er sich durch die Prüfung in seiner Existenz bedroht sah. Wenige Wochen zuvor war auf seinem Hof eine Scheune niedergebrannt und hatte seinen Traktor zerstört. Es folgte eine Rechnung von über 10.000 Euro von der Feuerwehr, die Versicherung legte sich quer – und dann kamen auch noch die Prüfer, von deren Bericht es abhing, ob er für die Schweine Subventionen erhielt. Als er sah, welche Richtung die Kontrolle zu nehmen drohte, verlor er die Fassung: „Vor lauter Wut habe ich dann mit der Eisenstange geschlagen.“

Der Prozess wird am 13. August mit der Vernehmung des zweiten Veterinärs fortgesetzt. Der Tierarzt leidet seit dem Angriff an schweren Angstzuständen, die ihm selbst einfachste Alltagstätigkeiten unmöglich machen. Seit dem Vorfall ist er dienstunfähig und in dauerhafter psychologischer (teilweise stationärer) Behandlung. Seine Zeugenbefragung soll zu seinem Schutz ohne die Anwesenheit des angeklagten Landwirts durchgeführt werden.

Der Prozess wird am 20. August mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt. 





Die Krieg-Erklärung, oder: Der Elementarschaden der Hochschule Rhein-Waal

rd | 10. August 2018, 11:29 | 81 Kommentare

Um die berufliche Zukunft von Dr. Heide Naderer wird man sich keine Sorgen machen müssen. Um die Zukunft der Hochschule Rhein-Waal (HSRW) schon. Die angesehene Wissenschaftsmanagerin soll in Kleve wie ein räudiger Hund vom Hof gejagt werden. Das beschloss der Hochschulrat der HSRW in seiner Sitzung am Mittwoch in Kamp-Lintfort, indem er dafür votierte, ein Abwahlverfahren einzuleiten, versehen mit ein paar Begleiterscheinungen, die zumindest auf ein abgekartetes Spiel hindeuten. Die Prozedur dürfte in der untadelig verlaufenen Karriere von Naderer am Ende als ein nicht repräsentativer Ausreißer stehen bleiben. Womöglich wird es sogar heißen: „Was, Sie haben das drei Jahre ausgehalten? Respekt!“

Für die Hochschule ist der Vorgang jedoch ein Elementarschaden. Die Einrichtung hat ihre Ideale und Prinzipien verraten, und sie hat der ganzen Fachwelt gegenüber ein klares Signal gesetzt: Wer hier ernsthaft seinen Job machen will, kann gehen.

Willkommen zurück in der Ära Klotz, die mit dem Auftrag, eine neue Hochschule aufzubauen in Kleve (genau genommen: Emmerich) 2009 an den Start ging. Doch das Gebilde, das sie schuf, war in weiten Teilen keine Hochschule, sondern die Simulation einer Hochschule, ein Gebilde, das Außenstehenden und Duodezfürsten vorgaukelte, im Inneren laufe tatsächlich eine Art akademischer Betrieb ab. Es war vor allem Klamauk, es war auch Bereicherung im Spiel, und alle – bis ins Ministerium für Wissenschaft und Kultur in Düsseldorf – wussten darum.

Gründe, warum Naderer gehen (oder bleiben) soll, spielen längst keine Rolle mehr. Das hat Professor Dr. Aloys Krieg, der Vorsitzende des Hochschulrats, in erfrischender Klarheit offenbart, als er in der Pressemitteilung zur Entscheidung des Gremiums einen entlarvenden Satz unterbrachte, die Krieg-Erklärung: „Zu den Gründen nimmt der Hochschulrat im laufenden Verfahren keine Stellung.“ Wie sollte er auch, es gibt ja auch keine – zumindest keine, die man der Öffentlichkeit als ernstzunehmende präsentieren könnte. Krieg selbst hat öffentlich geäußert, dass er mit der Arbeit der Präsidentin zufrieden sei.

Der aktuelle Senat der Hochschule: Gruppenbild mit Strolchen und Dolchen (Foto: HSRW) 

Die Logik dann aber ist: Die geleistete Arbeit interessiert hier überhaupt keinen. Wenn Naderer gegangen wird und die Suche nach einem Nachfolger beginnt, wird eine Stellenanzeige in der Wochenzeitung „Die Zeit“ geschaltet, Interessenten, die bislang noch nichts von der Hochschule Rhein-Waal gehört haben, werden danach googeln, auf Berichte wie diesen stoßen – und, sofern sie noch bei Trost sind, denken: Warum soll ich mir das antun? Wie gesagt, Elementarschaden.

Die Logik des Hochschulrates ist in seiner Reflexionstiefe etwa anzusiedeln zwischen einer Aufsichtsratssitzung bei Schalke 04 in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts („Trainer muss weg“) und einem Dorfparlamentsbeschluss, einen Bauern zu enteignen, um eine Umgehungsstraße zu bauen. „Im höheren Interesse“, „um Schaden von der Allgemeinheit abzuwenden“, hinter solchen wolkigen Formulierungen zieht man sich dann zurück, wiegt gravitätisch das Haupt und senkt den Daumen.

Erinnert sich überhaupt noch jemand an den Anfang dieser Geschichte? Also nicht an die denkwürdige Sitzung am 5. November 2014, als Naderer trotz Anwesenheit aller Granden aus Stadt und Kreis sich mit einer Stimme Mehrheit gegen die Gründungspräsidentin durchsetzte. Nicht an die Unterschriftensammlung eines Professors aus der Fakultät Technologie und Bionik, mit der dieser trotz der erfolgten Wahl den Amtsantritt von Naderer verhindern wollte. Und auch nicht an die Obstruktion der Kanzlerwahl im Februar vergangenen Jahres, die zur – verständlichen – Demission des damaligen Hochschulratsvorsitzenden Prof. Dr. Gerard Meijer führte, der sich vermutlich sinngemäß fragte: Warum tue ich mir das an?

Die Kette der Ereignisse, die in dem Beschluss von Mittwoch kulminierten, begann mit Befindlichkeitsstörungen, die einige Professoren – unter dem Siegel der Anonymität – Ende 2017 dem neuen Hochschulratsvorsitzenden Prof. Krieg mitteilten. Krieg nahm das diffuse Gejammere ernst und gab dem Vorgang überhaupt erst das Gewicht.

Reflexion: An der Hochschule Rhein-Waal keine Stärke (Foto: Klaus Oberschilp)

Krieg ist Mathematiker, 62 Jahre alt und blickt dem Sonnenuntergang einer den Zahlen und Variablen gewidmeten Karriere entgegen. Den Fehler, der ihm in seiner Funktion als Vorsitzender des Hochschulrats der HSRW unterlaufen ist, dürfte er aus den Klausuren seiner Studenten kennen. Man begeht am Anfang einen kleinen Irrtum, rechnet ab da aber folgerichtig weiter, merkt, dass man auf der falschen Spur ist, rechnet immer wütender und wütender, um sich doch nur umso weiter von der Lösung zu entfernen.

In dieser Rechnung ist die Personalie Naderer nur ein Nebenstrang des Geschehens. Es geht um die Hochschule Rhein-Waal. Der Treppenwitz ist: Mit seiner Entscheidung, ein Abwahlverfahren in die Wege zu leiten, legt der Hochschulrat Hand an das Fundament der Institution, die zu schützen er eigentlich beauftragt ist. Das ist traurig für die HSRW (und deren engagierte Mitarbeiter, die es ja auch gibt). Sie werden sich, wenn nicht noch eine überraschende Wendung eintritt, schon bald im Mehltau des Klüngels wiederfinden.


Schlüsseldienst-Prozess: Angeklagte werden weggeschlossen – „betrügerisches Gesamtkonzept“

rd | 08. August 2018, 10:51 | 2 Kommentare
Karl Leo S.  soll für sechs Jahre und sechs Monate in Haft

Nachdem Christian Henckel, Vorsitzender Richter der Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Kleve, geduldig und detailreich die mehrjährigen Haftstrafen erläutert hatte, wandte er sich zum Schluss persönlich an Karl Leo S., den das Gericht als Hauptverantwortlichen ausgemacht hatte. Karl Leo S., so der Richter, habe erwachsene Kinder, denen er als Vater etwas vorlebe. „Sie sollten ihnen, wenn das alles einmal erledigt ist, etwas Anständiges vorleben!“

Wenn das einmal alles erledigt ist, das wird allerdings einige Zeit dauern: In dem aufsehenerregenden Prozess, der Anfang des Jahres begonnen hatte und dem jahrelange Ermittlungen der Staatsanwaltschaft vorangegangen waren, wurde Karl Leo S. wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, Steuerhinterziehung (100 Fälle) und Vorenthaltens von Arbeitsentgelten (404 Fälle) zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Sein mitangeklagter Geschäftsführer Christian S., vom Gericht eher als Handlanger gesehen, erhielt wegen der gleichen Delikte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten.

Die beiden Männer aus Geldern hatten die Deutsche Schlüsseldienst-Zentrale betrieben – und damit ein durch und durch unanständiges Geschäft begründet. Es handelte sich, so die Kammer gestern in ihrem Urteil, um ein „betrügerisches Unternehmen“, das Kunden in ganz Deutschland massiv getäuscht habe.

Kern der Täuschung waren die zahllosen Anzeigen in den „Gelben Seiten“, die vorgaukelten, es gebe in allen möglichen Städten ortsansässige Schlüsseldienste. In Wahrheit landeten die Anrufer in einem Callcenter in Geldern, von wo aus dann Monteure ausgesandt wurden, die serienweise unfachmännische Türöffnungen durchführten und dafür auch noch Wucherpreise in Rechnung stellten.

Keine 67 Millionen, keinen Porsche und keine Corvette

Vorsitzender Richter Christian Henckel

Henckel stellte die Frage, wie das Geschäft der Deutschen Schlüsseldienst-Zentrale wohl ausgesehen hätte, wenn die Anzeigen korrekt formuliert gewesen wären. Er beantwortete sie, an die Angeklagten gewandt, selbst: „Dann hätten Sie sicher keine 300.000 Aufträge bekommen, sicher keinen Umsatz von 67 Millionen Euro gemacht und sicher auch keinen Porsche und keine Corvette gehabt.“

Der Kammer zufolge handelte es sich bei der Deutschen Schlüsseldienst-Zentrale um ein „betrügerisches Gesamtkonzept“, das über Jahre hinweg betrieben wurde. Wirtschaftlich machte das Firmenkonstrukt mit unzähligen, scheinbar selbstständigen Schlüsseldiensten keinen Sinn, die einzige Konstante war nach Auffassung des Gerichts die, „dass auf jeder Stufe eine Bereicherung stattfinden sollte“.

Getäuscht wurden die Menschen, denen die Haustür vor der Nase zugefallen war, und die im Glauben daran, einen örtlichen Spezialisten gerufen zu haben, dreist über den Tisch gezogen wurden und oftmals ein Vielfaches des üblichen Preises für eine Türöffnung bezahlen mussten.

Getäuscht wurden auch die Behörden, denen vorgegaukelt wurde, die Monteure seien selbstständige Unternehmer. So gingen dem Fiskus Lohnsteuereinnahmen sowie Sozialversicherungseinnahmen (1,9 Millionen Euro) verloren.

Hinzu kam, dass die Deutsche Schlüsseldienst-Zentrale dem Finanzamt auch Umsatzsteuer vorenthielt, indem sie den Verdienst der Monteure aus den eigenen Umsätzen herausrechnete. Statt Umsätzen von 66 Millionen Euro wurden so nur 36 Millionen Euro gemeldet. Das allein ergab nach Auffassung des Gerichtes eine Steuerverkürzung von 5,6 Millionen Euro über den angeklagten Zeitraum von neun Jahren.

Zur Rollenverteilung zwischen beiden Angeklagten fand die Wirtschaftsstrafkammer klare Worte. Beide seien für die Taten verantwortlich, allerdings habe Christian S., nominell zwar Geschäftsführer des Unternehmens, eher als eine Art Betriebsleiter fungiert, während Karl Leo S. zwar im Hintergrund blieb, aber in Wahrheit der Mastermind hinter dem ganzen Konstrukt war. „Das größte Talent von Karl Leo S. ist sein Gespür für die Menschen, derer er sich bedienen kann“, so der Vorsitzende Richter.

Über das betrügerische Gebaren des Unternehmens hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Medienberichte gegeben, zudem war Karl Leo S. 2004 wegen dieser Masche bereits einmal verurteilt worden. Daraus habe dieser aber offenbar nur die Lehre gezogen, seinen Betrug fortan noch raffinierter zu vollziehen, so die Kammer. Es ist den hartnäckigen Ermittlungen von Staatsanwalt Hendrik Timmer und seinem Team sowie der akribischen Beweisaufnahme des Gerichts zu verdanken, dass dieser Sumpf nun endlich trockengelegt werden konnte.