Innere Unruhe in der Sternbuschklinik: Patienten verunsichert, Ärzte und Therapeuten frustriert, LVR kündigt „innovative Konzepte“ an

rd | 07. September 2020, 14:54 | 105 Kommentare
Blick auf die Sternbuschklinik: Patient in eigener Sache?
Die Pflegedienstleitungen Heinz-Gerd Giesen und Sibel Eriel freuen sich mit der der Ärztlichen Direktorin Anita Tönnesen-Schlack (2.v.l.) und dem Kaufmännischen Direktor Stephan Lahr (r.) über das neue Stationsgebäude in Bedburg-Hau – anderswo rumort es mächtig

Der Bezug eines neuen Stationsgebäudes auf dem Gelände der LVR-Klinik in Bedburg-Hau war ein Ereignis, das aus Sicht der Verantwortlichen perfekt dokumentierte, wie gut es um die psychiatrische Versorgung der Menschen am Niederrhein bestellt ist. 23 Millionen Euro investierte der Landschaftsverband Rheinland, fünf Stationen aus der ehemaligen Wadtberg-Klinik konnten umziehen, der Wechsel erfolgte während des normalen Klinikalltags und verlief „reibungslos“.

Von einer „deutlichen Verbesserung der psychiatrischen Versorgung“ sprach die Ärztliche Direktorin der Klinik, Anita Tönnessen-Schlack. Nicht nur Patientinnen und Patienten würden sich in den „modernen, lichtdurchfluteten Räumen wohl fühlen“, sondern auch die Mitarbeitenden fänden „wesentlich verbesserte Arbeitsbedingungen vor“.

Anlass also für gute Laune, und Aufbruchstimmung, das sollte anlässlich der Eröffnung Ende August dokumentiert werden. „Qualität für Menschen“, so wirbt der LVR für seine Arbeit, und die Freude über das neue Stationsgebäude sollte diesen Anspruch unterstreichen.

Gerade einmal fünf Kilometer von diesem Neubau entfernt sieht die Welt des psychiatrischen Alltags allerdings ganz anders aus. Für viele Menschen aus Kleve und Umgebung ist die Sternbuschklinik in den vergangenen Jahrzehnten die erste und verlässliche Adresse gewesen, wenn es um die Behandlung von psychischen Erkrankungen ging.

Doch das ändert seit einiger Zeit: Ärzte und Therapeuten gehen oder werden versetzt und werden aufgefordert, „Patienten auszusortieren“. Patienten erhalten Anrufe, dass sie fortan nicht mehr behandelt werden können. „Es ist ein Trauerspiel“, sagt ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Welche Bedeutung die Klinik für die medizinische Grundversorgung hat, zeigt die Zahl von 2500 Menschen, die dort pro Quartal in der Ambulanz behandelt werden. Die Ärzte und Therapeuten kümmern sich um die gesamte Bandbreite der psychischen Störungen, von Depressionen über Angst- und Zwangsstörungen bis hin zu bipolaren Erkrankungen und Schizophrenie. Patienten, die zuvor stationär versorgt wurden, werden in der ambulanten Station weiter betreut.

Unter der Leitung von Oberarzt Dr. Adam Krakiewicz und unter der Aufsicht von Chefärztin Dr. Marie Brill waren fünf psychiatrische Fachärzte sowie weitere fünf Psychologen und Psychotherapeuten und natürlich Krankenpflegepersonal in der Ambulanz tätig. „Eigentlich wäre noch mehr Personal nötig gewesen“, so der Mitarbeiter. „Doch die neue Maxime ist: Lieber weniger Patienten behandeln.“

Den Kurs in der Sternbuschklinik bestimmt Anita Tönnessen-Schlack. Nach der Verabschiedung von Dr. Brill wurde sie vom LVR zur neuen Ärztlichen Direktorin ernannt. Ein neuer Stil hielt Einzug. Für die Sternbuschklinik bedeutete dies, dass immer wieder Ärzte und Therapeuten abgezogen wurden, um die Lücken in der Forensik zu stopfen. Eine Therapeutin, so wird berichtet, sei aus dem Urlaub zurückgekommen und habe erst beim Einschalten des Computers angesichts eines leeren Terminkalenders von ihrer Versetzung erfahren.

Dr. Krakiewicz ist mittlerweile im Ruhestand, ein anderer, langjähriger LVR-Kollege wechselte in ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), weitere Kollegen haben gekündigt, Ersatz ist nicht in Sicht. Personalgespräche sollen mitunter etwas „ruppig“ verlaufen. Eine Warteliste wurde dem Vernehmen nach geschlossen, weil sie zu voll war. Unter der Hand werden Hinweise weitergereicht, was man seinem Hausarzt sagen soll, um dennoch eine Behandlung zu erzwingen.

Derzeit arbeiten in der Ambulanz nur noch drei Ärzte. Ein weiterer Arzt wird bald aus der Ambulanz versetzt und seine 500 Patienten mitnehmen. Die zwei Ärzte, die bleiben, reichen gerade einmal, um im Quartal 700 bis 800 Patienten zu behandeln, sodass rechnerisch eine Lücke von 1200 Patienten bleibt, die nicht mehr in der Sternbuschklinik versorgt werden können. Pro Quartal, wohlgemerkt.

„Es ist ein Skandal! Wir tragen etwas mit, das schief läuft“, so der Eindruck des Mitarbeiters. Das Geschehen zieht möglicherweise sogar Kreise über die Sternbuschklinik hinaus. In den vergangenen Monaten gab es zwei gravierende Vorfälle in der Forensik (eine Geiselnahme im Mai, eine Brandstiftung im August). Zumindest die Frage darf gestellt werden, ob die vielfachen Personalrochaden da eine Rolle gespielt haben können.

Der LVR wehrt sich gegen die Kritik aus den eigenen Reihen. In einer Stellungnahme der Kliniksprecherin heißt es: „Wir bestätigen gerne noch einmal, dass die LVR-Klinik Bedburg-Hau mit ihren Ambulanzteilen, so auch dem in der Sternbuschklinik in Kleve, auch in Zukunft ihrem Versorgungsauftrag nachkommt.“ Die Frage, ob Patienten „aussortiert“ werden, blieb unbeantwortet. Man sei derzeit dabei, Verbesserungen und innovative Konzepte in unseren Psychiatrischen Institutsambulanzen einzuleiten und umzusetzen, hieß es stattdessen.

Der Landschaftsverband Rheinland (Köln) teilte in einer Stellungnahme mit: „Die LVR-Klinik Bedburg-Hau passt Ihre Behandlungsangebote und Strukturen an sich ändernde Rahmenbedingungen, z.B. an die demographische Entwicklung oder Behandlungserfordernisse, an. Diese Anpassungen können auch Veränderungen in der Organisation oder Personalstruktur einzelner Bereiche bedeuten und haben das Ziel, die uns anvertrauten Menschen angemessen und bedarfsgerecht entsprechend unseres Versorgungsauftrags zu behandeln und zu betreuen. Aktuelle Veränderungen dienen z. B. der Verbesserung der Gemeindenähe und dem Angebot spezialisierter Behandlungen und wirken sich positiv auf die Situation der Patienten aus. Wir bitten um Verständnis, dass wir uns darüber hinaus zu internen Arbeitsprozessen nicht äußern.“



Fernsehstunde im Gerichtssaal: Strafkammer zeigt WDR-Dokumentation über FKK van Goch

rd | 04. September 2020, 17:35 | 2 Kommentare

Für Ulla O., die gemeinsam mit ihrem Mann Johannes auf der Anklagebank sitzt, waren die letzten 29 Minuten und 7 Sekunden der Verhandlung am Freitag wohl so etwas wie eine nostalgische Erinnerung an die Zeiten, als die Welt der Prostitution an der Benzstraße in Goch noch in ihrem Sinne „in Ordnung“ war. Als die gelernte Bürokauffrau durch die Medien dieser Welt gereicht wurde als Expertin und Qualitätskontrolleurin in Sachen käuflicher Liebe.

Das war so, weil die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts, vor der sich das Ehepaar wegen verschiedener Abgabevergehen mit einem unterstellten Gesamtschaden in Höhe von 1,9 Millionen Euro verantworten muss, eine Fernsehstunde abhielt. Der Vorsitzende Richter Christian Henckel ließ eine 2018 ausgestrahlte WDR-Dokumentation abspielen, bei der die Journalistin Donya Farahani im Rahmen der Reihe „Donya unterwegs im Westen“ eine Woche in dem Gocher Bordell als Thekenkraft arbeitete und sich bei ihrer Tätigkeit sowie bei den Gesprächen mit Prostituierten, Freiern, Mitarbeitern und auch der Chefin Ulla O. filmen ließ.

Als nach dem Prozessauftakt der Film hier auf kleveblog verlinkt wurde, entspann sich eine lebhafte Diskussion darüber, wie authentisch der Film wirklich ist. Auf der einen Seite gab es den Standpunkt, dass die gezeigten Beispiele zu einer klischeehaften Romantisierung beitragen, etwa wenn die aus Ungarn stammende Protagonistin erzählen darf, dass sie nur noch ein paar Monate im „FKK van Goch“ arbeiten möchte, um dann mit dem verdienten Geld in ihrer Heimat ein Altenpflegeheim zu betreiben.

Auf der anderen Seite hielten Diskutanten dem entgegen, dass so immerhin ein Einblick in die Arbeitswirklichkeit möglich werde. Allerdings hat der Film einige Szenen, etwa einen vor laufender Kamera auf der Tanzfläche ausgeführten Sexualakt, die zumindest den Verdacht aufkeimen lassen, hier hat vielleicht die Betreiberin oder wer auch immer etwas nachgeholfen, um ein paar spektakuläre Bilder zu liefern.

Man weiß es nicht, aber immerhin hatte zu Beginn des Prozesses Ulla O. über ihren Anwalt einräumen lassen, dass bei der RTL-2-Bordelltester-Dokumentationsreihe „Rotlichtexperten im Einsatz“ gar nichts stimmte und alles inszeniert war. Davon ist der WDR natürlich weit entfernt, und wenig überraschend – Sex sells – ist im Wikipedia-Eintrag zu der Journalistin nachzulesen: „Ihre Reportage aus einem Bordell am Niederrhein gehört zu den erfolgreichsten Filmen im Dokukanal des WDR auf YouTube.“

Das alles spielte jedoch am Freitag bei der öffentlichen Vorführung des Werks im Saal A 105 des Landgerichts im Kleve keine Rolle, wobei die Frage, wie der offenbar etwas exhibitionistisch veranlagte Freier, der auf der Tanzfläche zur Tat schritt, mit der Prostituierten den Preis für die Leistung vereinbart und wie er bezahlt hat, vielleicht doch für die Beweiserhebung von Bedeutung sein könnte, denn bisher hieß es von Seiten der Angeklagten immer, es handele sich um selbstständig tätige Frauen.

Von den Mitarbeitern des Westdeutschen Rundfunks ist an dieser Stelle keine Aufklärung zu erwarten. Die Staatsanwaltschaft hatte offenbar nachgefragt, ob Donya Farahani zu den Umständen der Filmaufnahmen etwas sagen möchte, allerdings eine Absage erhalten (was das gute Recht der Journalistin ist).

So mussten die Anwesenden mit dem vorlieb nehmen, was der Bericht hergab. Am Anfang, während eine barbusige Mitarbeiterin einen Mann zu einem „Verrichtungszimmer“ geleitet, heißt es: „Erst flirtet sie, dann verhandelt sie den Preis, und dann kann sie mit dem Gast aufs Zimmer gehen, so läuft das.“ Es klingt, als hätte bei der Passage ein Steuerberater den Text vorgegeben.

Eine Minute später erklärt Donya Farahani: „Die Frauen sind selbständig. Sie zahlen 40 Euro Eintritt, 10 Euro [davon] gehen als Vorsteuer ans Finanzamt. Den Preis mit den Freiern machen die Prostituierten selber aus. [Jetzt leicht angeekelt klingend:] Los geht es schon ab 35 Euro – für 20 Minuten Sex. Nach oben sind die Preise aber offen.“ Woher die Untergrenze kommt, wenn die Frauen doch selbständig arbeiten, wird nicht erläutert.

In Minute 23 besucht die Reporterin, von der Kamera begleitet, die über dem Bordell wohnende Ulla O. in ihrem Büro. Süß die Szene, wie Ulla O. zunächst ihre drei kläffenden Minihunde beiseite räumen muss, um Donya Farahani Einlass zu gewähren. Im Büro stehen zwei große Monitore, von denen die Chefin aus das Geschehen im Erdgeschoss verfolgen konnte, auch, wie Kamera 7 zeigt, während sich die Frauen umkleiden.

„Ich will wissen, wie Ulla O. das Bordell organisiert“, so Donya Farahani. Die Chefin, die zuvor schon hatte erklären lassen, dass dazu die Software WiSo Mein Büro zum Einsatz gekommen sei, berichtet: „Das ist praktisch der Vertrag. [Ich mache] mit jeder einzelnen einen Vertrag. Das ist die Zusicherung, dass sie dann auch wirklich unter diesen Rahmenbedingungen arbeiten möchten…“

Alle diese Erläuterungen entsprechen genau der Version der Verteidigung – und sind so ziemlich exakt das Gegenteil von dem, was die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage behauptet. Mehr als wahrscheinlich also, dass die beiden Seiten wie gestern auch schon, selbst bei kleinen Anlässen sich gegenseitig attackieren und der Vorsitzende Richter Mühe hat, die Streithähne wieder zu beruhigen. Der Prozess wird am Dienstag um 13 Uhr fortgesetzt.

Kamera 7 blickt in die Umkleidekabine der Prostituierten

Hier der Bericht zum Prozessauftakt: RTL2-Bordelltesterin vor Gericht: Die Sendung hatte mit der Wirklichkeit nichts zu tun



Dreister Überfall mittags auf Juwelier Rüger, Täter flüchteten in blauem Seat Leon

rd | 04. September 2020, 16:14 | 7 Kommentare
Fachkraft für Verbrechensbekämpfung am Tatort (Foto: Der Kalkarer)

Die vermeintlichen Kunden kamen kurz vor der Mittagsstunde, und sie trugen mehr als nur die vorgeschriebene Mund-Nasen-Bedeckung: Zwei mit Sturmhauben maskierte Männer haben heute am helllichten Tag den Juwelier Rüger an der Hoffmannallee überfallen – anschließend flüchteten sie in einem blauen Seat Leon in Richtung Autobahn.

Im Polizeibericht heißt es: „Gegen kurz vor 12 Uhr am Freitag hörte der Besitzer eines Juweliergeschäfts an der Hoffmannallee Geräusche aus dem Verkaufsraum seines Geschäftes. Als er nachschaute, traf er auf zwei männliche Personen, die ihre Gesichter mit Sturmhauben verdeckt hatten. Während der eine Täter den Juwelierinhaber mit einer Schusswaffe bedrohte, schlug der zweite Täter Vitrinen ein und ergriff mehrere Schmuckstücke. Danach flüchteten die beiden Männer ersten Angaben nach in einem blauen Seat Leon über die Brahmstraße in Richtung Mittelweg. Nach ersten Ermittlungen führte der weitere Fluchtweg der Täter auf die A57 in Fahrtrichtung Krefeld. Die Fahrnung dauert an. Zum Wert der Beute können bislang noch keine Angaben gemacht werden. Verletzt wurde bei dem Überfall glücklicherweise niemand.“


Blitzeinschlag in der Schwanenburg: Wird es für immer 18:37 Uhr bleiben?

rd | 03. September 2020, 19:36 | 16 Kommentare
Einfach mal innehalten und den Tag gepflegt um 18:37 Uhr beginnen
Kategorie: Wolkenblitz
Die Steuerungseinheit der Turmuhr: 6 Schaltkreise, 0 Strom

(Aktualisiert, mit zusätzlichen Informationen zum Einschlag) Als am 28. August um 18:37 Uhr und 33 Sekunden ein Blitz der Kategorie „starker Knaller“ in den Schwanenturm einschlug, stand die Zeit sofort still. Eine negative Ladung von neun Kiloampere ergoss sich für den Bruchteil einer Sekunde in die Steuerungseinheit der Turmuhr und verschmurgelte sämtliche sechs Schaltkreise des Geräts, mit denen sowohl das gemächliche Fortschreiten der Zeiger wie auch die Glockenschläge kontrolliert werden. Ein Schaden von historischer Dimension!

Um sich das Ausmaß des energetischen Impacts zu verdeutlichen, sei darauf hingewiesen, dass schon bei einem einzigen Ampere 6,2 Trillionen Elektronen pro Sekunde unterwegs sind. 9 Kiloampere (9 kA) stehen dann, eine (realistische) durchschnittliche Dauer des Blitzes von einer Zehntelsekunde angenommen, für 5,58 Trilliarden Elektronen. Das ist eine unvorstellbar große Zahl. Wenn man pro Stunde ein Elektron zählen würde, wäre man nach einem Tag erst bei 24. Erst nach 232,5 Trillionen Jahren wäre man fertig – wenn man solange durchhielte.

Der goldene Schwan, der auf der Spitze des Turms thront, kommt interessanterweise nicht als Zielpunkt des Einschläge infrage. Er ist durch einen Blitzableiter gesichert. Die Vermutungen gehen dahin, dass der hochenergetische Elektronenfuror direkt in einen Uhrzeiger einschlug – wodurch er dann freie Bahn zum Uhrwerk und der angeschlossenen Elektrik hatte. Die quirligen, ambigen Elementarteilchen, die sich mit der Geschwindigkeit des Lichts fortbewegen, haben dort zwar keinen äußerlich sichtbaren Schaden hinterlassen, allerdings blicken die drei Flüssigkristallmonitore so tot in die Welt wie die Anzeige eines solargetriebenen Taschenrechners, der zwanzig Jahre in einem Bergwerk gelegen hat.

Doch damit nicht genug. „Wir wissen nicht, ob das Uhrwerk beschädigt ist“, so Udo Trepmann, der Hausmeister der Schwanenburg. Der Techniker ist informiert, wie man so schön sagt, in diesem Fall handelt es sich um die Mitarbeiter der auf Turmuhren spezialisierten Firma Eduard Korfhage & Söhne. Die Fachleute der Firma aus dem niedersächsischen Melle („Tradition – Erfahrung – Fortschritt“) haben ihr Erscheinen für die 38. Kalenderwoche angekündigt. Die beginnt erst am 14. September.

Eine sofortige Reparatur erwartet allerdings niemand, vielmehr rechnen die Verantwortlichen damit, dass die vagabundierenden Elektronen mit ihrer negativen, auf Zerstörung ausgerichteten Ladung auch im Uhrwerk Schäden angerichtet haben, die den Austausch von Bauteilen erforderlich machen. Dabei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Spezialteile, die nicht in irgendwelchen Kisten herumliegen, sondern die ihrerseits erst bestellt werden müssen, und womöglich sogar erst eigens angefertigt werden müssen. „Bis die Uhr wieder läuft, das wird noch dauern“, so Trepmann. Bis dahin bleibt es in Kleve immer 18:37 Uhr, wenn man zum Turm schaut.

Die Zeit rast? Nein, sie steht. Halten wir inne und schauen in uns. Mors certa, hora incerta.


Christoph Peters’ „Dorfroman“: Der erste Roman über den Schnellen Brüter – bzw. über uns, die wir mit dem Wahnsinn aufgewachsen sind

rd | 03. September 2020, 12:13 | 19 Kommentare
Aufgewachsen im Schatten der Brüter-Baustelle: Autor Christoph Peters (Foto: Luchterhand)
Zentrum des Widerstands: Melkstall von Bauer Maas (Foto: Phoenix) Unten: Das Freundschaftshaus, wie es sich heute präsentiert (Fotos: Christoph Peters)
Demonstranten 1977 in der Kalkarer Innenstadt (Foto: Screenshot aus einem Video von Heinrich Theissen)
Der Schnelle Brüter, wie er sich heute präsentiert: als Freizeitpark (Foto: Buchcover)

So schnell kann ein Leben gehen: Eben träumt man noch davon, ein Tierforscher zu werden, dann ist man so halb in eine Revolution verstrickt, zieht in die Welt, und, ehe man sich versieht, ist man wieder zu Besuch am Niederrhein und kümmert sich um die Verhältnisse im Elternhaus, die schwierig geworden sind, weil der Vater an Demenz erkrankt ist.

Geschichten wie diese dürften der Generation der Baby-Boomer, also der in den sechziger Jahren geborenen Menschen wohlvertraut sein, viele können Vergleichbares erzählen, aber niemand macht es mit einer so mitfühlenden Melancholie wie der aus Kalkar stammende Autor Christoph Peters, der in diesen Tagen seinen neuen Roman, Titel: Dorfroman, veröffentlicht hat.

Peters ist 1966 in Kalkar geboren, und wenn in dem 411 Seiten starken Werk eine Kindheit und Jugend am Niederrhein beschrieben wird, so darf man fröhlich annehmen, dass viel eigenes Erleben in das Werk eingeflossen ist. Aber wie eigen war es wirklich? Schon auf den ersten paar Seiten schildert der Autor ein paar Dinge so genau, dass ich dachte, er hätte auch in meinem Kopf gesessen – nachts vom Vater geweckt zu werden, um Cassius Clay boxen zu sehen, Kaninchen schlachten, evangelische Klassenkameraden wegen ihrer Religion bemitleiden, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Allerdings ist Peters’ Roman weitaus mehr als eine sentimentale Reise in die eigene Vergangenheit, und das liegt an der großen Handlung des Romans – er erzählt davon, wie der Schnelle Brüter, das Kernkraftwerk, das nie ans Netz gegangen und heute ein Freizeitpark ist, in die Gemeinschaft des Dorfes Hönnepel (im Buch: Hülkendonck) einbricht, die Bewohner entzweit und eine Widerstandsbewegung entfacht, die schließlich 1977 zu einer großen „Stopp-Kalkar!“-Demonstration und dem bis dahin größten Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik führte.

Peters selbst sagt: „Vor 20 Jahren habe ich mich in dem Roman ,Stadt Land Fluß‘ schon einmal mit dem Dorf am Niederrhein beschäftigt, in dem ich aufgewachsen bin. Was ich damals weggelassen habe, war, dass in eben diesem Dorf, nahe Kalkar, während der 1970er und 80er Jahre ein Kernkraftwerk gebaut wurde, das ,der Schnelle Brüter‘ hieß und einige der größten Anti-Atomkraft-Demonstrationen der alten Bundesrepublik unmittelbar vor unserer Haustür vorbeiführte. Mein Vater war während meiner gesamten Kindheit auf Seiten der AKW-Befürworter engagiert, was einer der Gründe für heftige pubertäre Auseinandersetzungen und meine eigene politische Emanzipation wurde.“

Wie der Riss sich durchs Dorf zieht, wie Bauer Maas zur Symbolfigur des Widerstands wurde, wie der Kirchenvorstand in Hönnepel vom Bischof geschasst wurde, weil er sich den Landverkauf widersetzte, wie schillernd es in der basisdemokratischen Anti-AKW-Bewegung zugeht, die sich im Melkstall des Bauern einquartierte, all dies fließt in den Roman ein. Die Geschehnisse sind noch nicht so lange her, aber es fühlt sich schon an wie aus einem anderen Leben. Und dann sieht man Bilder aus Weißrussland und denkt, so viel anders war das damals hier auch nicht.

1971 begannen die Planungen zum Bau des Reaktors, 1977 war die große Demonstration, 1979 war das Bauwerk betriebsbereit, wurde aber nie mit Kernbrennstoff befüllt, 1985 fiel die Entscheidung, den Brüter stillzulegen. 1995 kaufte ihn der holländischer Investor van der Most, der daraus den skurrilsten Freizeitpark der Welt machte. Wie es im KernWasserWunderland (mittlerweile: Kernie) zugeht, habe ich 2003 in einem Artikel für die Rheinische Post schreiben dürfen: Kirmes in Tschernobyl.

Auch Peters widmet sich der wundersamen Wendung und beschreibt einfühlsam das Schicksal des DJs, der in dem für erwachsene Vergnügungen reservierten Teil des Parks seiner Arbeit nachgeht: „Vermutlich hatte [der DJ] sich seine Karriere auch anders vorgestellt: Paraden in Berlin oder New York mit tausenden von Ravern aus der ganzen Welt, Türsteher-bewehrte Auftritte in angesagten Clubs, exklusive Partys für die globalisierten Szene. Eine Weile lief es vielleicht ganz gut, er war zweite oder dritte Garnitur bei Events, für die man sich nicht mehr schämen musste, jedes Mal die Hoffnung auf den ganz großen Durchbruch. Dann kamen andere Zwanzigjährige mit noch unerhörteren Beats, vielleicht wurde ein Kind geboren, Unterhaltszahlungen, Mieterhöhungen, irgendwann das Angebot, hier regelmäßig für berechenbares Geld mittelalte Mittelschichtler aus der nordwesteuropäischen Provinzregionen zum Tanzen zu animieren. Jetzt hüpfen Abend für Abend genau die Leute vor seiner Bühne, denen er hatte entkommen wollen.“

Das Buch ist reich an solchen Beobachtungen. Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen. Der „Dorfroman“ ist im Luchterhand Literaturverlag erschienen und zum Preis von 22 Euro in Buchhandlungen (z. B. Hintzen, Hagsche Straße), erhältlich. Für kleveblog-Leser (so, wie ich sie einschätze) ein Buch, das gelesen werden muss. Eigentlich aber für jeden, der den Niederrhein verstehen lernen will. Und für jeden, der es genießen kann, wenn jemand mit wachen Augen auf unsere merkwürdige Welt schaut.

Fun fact: Der Dorfroman dürfte auch der erste Roman sein, in dem die Hochschule Rhein-Waal erwähnt wird. In Cleve könne man Agrartechnologie studieren, heißt es, vielleicht könne man im Haus der Eltern ja einen Studenten einquartieren, der dort dann auch nach dem Rechten sehe. Passt.

Teil 1 der Phoenix-Dokumentation über den Bau des Brüters