Hiltrud Leenders, 1955-2018

rd | 01. August 2018, 19:45 | 5 Kommentare

Hiltrud Leenders (Foto: Rowohlt/Philipp Lethen)

Diejenigen, die Hiltrud Leenders näher kannten, wussten, dass das Buch „Pfaffs Hof“ ihr Vermächtnis werden würde. Der Krebs, der sich in ihrem Körper festgesetzt hatte, war nicht aufzuhalten. Als das Buch am 26. Juni erschien, war sie bereits zu sehr von der Krankheit gezeichnet, als dass sie es noch hätte persönlich vorstellen können. Am vergangenen Wochenende ist die Autorin ihrem Leiden erlegen, und der Niederrhein ist um eine starke Persönlichkeit ärmer, die mit wachem Verstand und voller Feingefühl auf das Geschehen um sie herum zu blicken vermochte und die richtigen Worte dafür fand.

Hiltrud Leenders wurde 1955 geboren und arbeitete zunächst als Übersetzerin und Lyrikerin. Dieses literarische Schaffen fand zunächst unter geringer öffentlicher Anteilnahme statt. Doch das änderte sich, als sie das Genre wechselte und gemeinsam mit ihrem Mann, dem Chirurgen Dr. Artur Leenders und dem Psychologen Michael Bay als Trio Kriminalromane, die in Kleve und im Umland spielten, veröffentlichte.

1992 erschien der erste der Leenders/Bay/Leenders-Krimis, danach ging es beinahe im Jahrestakt weiter. Bücher wie „Königsschießen“, „Feine Milde“ oder „Jenseits von Uedem“ gehörten bald zur Standardausstattung eines niederrheinischen Bücherregals, und der literarisch gebildete Klever wusste stets um den Beziehungsstatus der beiden Hauptfiguren Helmut Toppe und Astrid Steendijk. Insgesamt 17 Bücher erschienen in der Reihe, die ersten noch beim Grafit-Verlag, alle anderen bei Rowohlt; der Verlag aus Reinbek bei Hamburg verhalf dem Autorentrio zu noch größerer Berühmtheit.

Geschrieben wurden die Romane von Hiltrud Leenders, die „vom Fach“ war, die Handlung dachten sich die zwei Männer und die Frau im abendlichen Runden bei dem einen oder anderen Glas Rotwein und der einen oder anderen Zigarette aus. Durch alle Bücher zog sich reichlich Lokalkolorit, sei es durch die Beschreibung von Orten oder durch das Platt, das einer der Protagonisten – Kommissar van Appeldorn – beharrlich spricht. Aber natürlich waren diese Romane allesamt Pageturner, bei denen die Handlung vorangetrieben wird und der Leser am Ende einen Täter präsentiert bekommt.

Das ist bei „Pfaffs Hof“ ganz anders. Das Buch beschreibt in sanften Sätzen eine Nachkriegskindheit in einem Dorf am Niederrhein. Ein junges Mädchen zieht mit seinen Eltern nach einer verunglückten Lebens-/Familienplanung nicht wie geplant ins Bergische Land, sondern in eine Baracke nach Nierswalde.

Die Geschichte, die unschwer zumindest in Teilen als Leenders‘ eigene Lebensgeschichte zu erkennen ist, zeichnet ein liebevolles, melancholisches Sittengemälde eines Dorfes, in dem an der Oberfläche zwar alles in Ordnung zu sein scheint, wo es jedoch bei näherem Hinsehen eine Vielzahl von kleinen und größeren Dramen gibt – von Ehebruch und Prostitution bis hin zur unbewältigten Nazivergangenheit. Das Buch endet, als die Erzählerin von der Grundschule zum Gymnasium überwechselt, also vom Dorf in die Stadt kommt.

Mal abgesehen davon, dass ein Niederrheiner, der heute 50 Jahre alt oder älter ist, eine Fülle von verloren gegangenen Alltagshandlungen wiederfindet, beispielsweise den Brauch, gekaufte Eier in Zeitungspapier einzuschlagen, rettet Hiltrud Leenders mit ihrem Buch auch zahlreiche Wörter vor dem Vergessen. So ist das Knie des jungen Mädchens nach einem Sturz zum Beispiel nicht blutig oder wund, sondern „aufgeschrappt“.

Hiltrud Leenders wurde nur 63 Jahre alt. Sie hinterlässt ihren Mann und zwei Kinder. Vielleicht wird es ihnen und den anderen Menschen, die ihr nahe standen, ein wenig Trost geben, dass sie in diesem anrührenden Buch weiterlebt. Der Niederrhein aber muss von nun an auf eine Stimme verzichten, von der man gerne noch sehr viel mehr gehört hätte.

Kindheit auf dem Dorfe: Hiltrud Leenders‘ Roman



Netto: 1. Supermarkt verbietet Begehung von Tiefkühltheken

rd | 01. August 2018, 10:21 | 7 Kommentare

Der kleine Aufkleber macht es deutlich: Bitte nicht betreten!

Man kann nur erahnen, was vorher in der Netto-Filiale am Markt Linde los war: Offenbar gab es verzweifelte Menschen, die auf der Suche nach Kälte wie im Delir über die Tiefkühltheken tanzten!

Doch nun hat die Filiale die Konsequenzen gezogen und dem wirren Treiben ein Ende bereitet: Aufkleber auf den Kühlthekenabdeckungen weisen ab sofort unmissverständlich darauf hin, dass diese nicht mehr betreten werden dürfen.

Schlimme Unfälle, die sich ereignen können, wenn während einer Kühlthekenbegehung die Abdeckung von einem anderen Kunden, der auf der Suche nach einer Pizza ist, bewegt wird und so der oben stehenden oder tanzenden Person gewissermaßen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, sodass er in die Tiefkühlbrombeeren fällt und sich schwer verletzt (und als Supermarktötzi wiederentdeckt wird, wenn keiner etwas merkt), können so vermieden werden.

Ein kleiner Beitrag, der unsere Welt wieder ein wenig besser macht! Danke, Netto!



Hochschule: Die fabelhafte Welt des Matthias G.

rd | 31. Juli 2018, 17:09 | 38 Kommentare

Deutungshoheit vom Welterklärer?

Wer gehofft hatte, an der Hochschule Rhein-Waal könnte nach der Entscheidung von Präsidentin Dr. Heide Naderer, im Amt zu bleiben, erst einmal in Ruhe die Semesterferien genießen und danach vielleicht einfach mal vernünftig weiter gearbeitet werden, hatte den Game-of-Thrones-Modus des handelnden Personals unterschätzt – und so hatte Matthias Graß, bekanntlich der Cheferklärbär des Lokalteils der Rheinischen Post, am Samstag die Gelegenheit, die Sicht der anonymen Intriganten auf 142 Zeilen genüsslich auszubreiten. Blöd nur, dass er sich am Ende verplapperte.

Nach einer kurzen Nacherzählung der Geschehnisse zählt Graß genussvoll eine Liste von Abgängen auf, die es unter Naderers Führung gegeben hat – vermutlich, um den Beweis einer angeblichen Schreckensherrschaft zu führen. Gegangen sind demnach Kanzlerin Bibiana Kemer, Christin Hasken und Karsten Koppetsch.

Schauen wir einmal etwas genauer hin: Der Wechsel von Bibiana Kemner war nichts anderes als ein Karriereschritt, sie trat in die Leitung der deutlich größeren Hochschule Niederrhein in Krefeld ein. Christin Hasken war Pressesprecherin, die kommen und gehen schon mal, jetzt spricht sie fürs Wuppertal Institut, auch gut. Karsten Koppetsch ging in der Tat von Bord, weil der Finanzdezernent sich durch die Annahme eines Postens als Geschäftsführer der Scientific Freshers Real Estate GmbH der beiden Professoren Thorsten Brandt und Dirk Untiedt für alle Zeiten für höhere Aufgaben disqualifiziert hatte.

Im nächsten Absatz beschreibt Graß auf die Beziehung zwischen Prof. Gerard Meijer und Dr. Heide Naderer und gelangt zu der Erkenntnis, der Niederländer habe die Präsidentin „stets protegiert“. Meijer, im europäischen Wissenschaftsbetrieb einer der profiliertesten Köpfe und aktuell Direktor des Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft, wird den perfiden Halbsatz vermutlich staunend gelesen haben. Er hat Naderer einfach ihre Arbeit machen lassen, bevor er nach einem bemerkenswerten Akt der Obstruktion im Senat die Brocken hinwarf (einige in Kleve haben immer noch nicht kapiert, welcher Schaden da angerichtet wurde).

Am Ende schließlich, nachdem Naderer immerhin zugestanden wird, dass ihr Konzept die Hochschule zu konsolidieren, richtig sei, wird die Situation im Präsidium analysiert. Für das Gremium hatte Naderer eine Neuaufstellung ins Spiel gebracht, die ohnehin nötig wurde, weil ein Professor aus Kamp-Lintfort zurückgetreten war. Also eine Kabinettsumbildung gewissermaßen, eigentlich Alltag in allen möglichen Organisationen.

Aber ach!, im Zuge einer solchen Umbildung müssten Graß zufolge die „renommierten und nicht nur intern anerkannten Professoren Jens Gebauer und Marion Halfmann gehen“. Das mit dem „renommmiert“ und „intern anerkannt“ lässt kleveblog jetzt mal großzügigerweise unkommentiert stehen. Aber Renommee ergibt sich nicht automatisch daraus, wenn „kanarienvogel211“ einen Wikipedia-Beitrag schreibt.

Immerhin wird so klar, woher der Wind weht, der die heiße Luft speist, die dem Zeitungsleser als knallharte Analyse verkauft wird. Danke dafür!


Schöne Orte (XVI, Edition Auswärtsspiel)

rd | 30. Juli 2018, 14:53 | 2 Kommentare

Eleganz in Konsistenz: Brummi-Treff, Kamp-Lintfort

Dieser Imbiss an einer Ausfallstraße im Süden von Kamp-Lintfort hat einen ästhetischen Perfektionsgrad von 99 Prozent. Das eine Prozent wäre noch zu gewinnen, wenn die Geschäftsleitung sich entschlösse, die anthrazitfarbenen Pflanzsteine durch alte LKw-Reifen zu ersetzen. Gestern leider geschlossen, aber ich vermute mal, dass die Frikadellen sensationell sind.