Von wegen „alternativlos“! Muss es am Bahnhof wirklich eine Unterführung sein?

Schwedisches Modell für Kleve?

Es geht drunter, es geht drüber, oder aber, es geht, wie in Kleve, drunter und drüber.

Willkommen bei den Millionenfestspielen zur Querung zweier Bahngleise am Ende einer Strecke, die von Düsseldorf in die Provinz führt. Ganz aktuell ließ die Deutsche Bahn mitteilen, dass sie die existierende Überführung für marode hält und lieber heute als morgen abreißen möchte (siehe RP-Artikel: Bahn will Fußgängerbrücke am Bahnhof abreißen). Somit wäre Handlungszwang gegeben.

Tiefbauamtschef Bernhard Klockhaus, in der Abenddämmerung seiner Karriere in Kleve, betrachtet die Unterführung der Gleise, wie sie als Alternative geplant ist, als sein Vermächtnis an die Stadt. Insgesamt soll das Bauwerk 17 Millionen Euro kosten, weil aber große Teile davon bezuschusst werden (was nichts anderes heißt, als dass andere Steuerzahler sie bezahlen), soll der Teil, der aus der Klever Stadtkasse (und somit von den Klever Bürgern) bezahlt werden muss, sich auf „lediglich“ 4,6 Millionen € belaufen. So gesehen natürlich eine Art von „Schnapper“. Rein rechnerisch würde sich jeder Bürger mit rund 90 Euro am Bau des Tunnels beteiligen.

Doch damit allein ist es nicht getan. Wenn die Unterführung kommt, und derzeit wird dieses Vorhaben als „alternativlos“ dargestellt, muss auch der Wohnmobilstellplatz weichen – der trotz seiner wenig pittoresken Lager ein Magnet für Reisende ist, die diese Art des Lebenswandels in ihren späten Jahren für sich entdeckt haben. Damit der Stadt kein Schaden entsteht, soll ein neuer Platz errichtet werden, wofür nochmals ca. eine halbe Million Euro aufgewendet werden müssten.

Die bisherigen Planungen zeigen einen voluminösen Tunnel, der so üblich ausgelegt ist, dass in den Zeichnungen natürlich von einem möglichen „Angstraum“ keine Spur zu sehen ist. Aber: Kennt jemand eine Unterführung, die nicht doch relativ schnell merkwürdig riecht und verrapsackt aussieht?

Dass statt einer Unterführung eine ebenerdige Möglichkeit geschaffen wird, die Gleise zu klären, lässt die Bahn angeblich nicht mit sich machen. Hier wurde schon der Vorschlag gemacht, den Bahnhof einfach um eine Zuglänge nach Osten zu verlegen, was problemlos möglich wäre, da das Bahnhofsgebäude ohnehin nicht mehr für Reisezwecke genutzt wird, sondern der Krankenkasse AOK und den Klevischen Verein als Sitz dient. Die Gleise dahinter könnten entfernt werden, was eine ebenerdige, bequeme Wegführung ermöglichen würde. (Die Weiterführung der Strecke bis nach Nimwegen wird nicht kommen, die Chance ist lange verpasst.) Aber warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?

Aber warum drunter, wenn nicht auch drüber eine Option wäre? Das Foto oben zeigt eine Überführung in der schwedischen Kleinstadt Ängelholm, die mit 27.500 Einwohnern gerade einmal halb so groß ist wie Kleve. Wir sehen eine einladende Treppe, eine Überquerung, in der die Reisenden vor Wind und Wetter geschützt sind, und natürlich zwei Aufzüge für Menschen mit Behinderungen oder schwerem Gepäck. 

Da sich das Bauwerk in Schweden befindet, ist anzunehmen, dass die Interessen aller Arten von Bahnreisenden gebührend berücksichtigt worden sind. Eine Überführung dieser Art ließe sich auf einem Bruchteil des Raumes verwirklichen, den die Unterführung verschlingen würde.

Dass diese Überführung 17 Millionen Euro gekostet hat, erscheint nicht vorstellbar. Nehmen wir als Hausnummer mal fünf Millionen Euro, was schon hoch gegriffen erscheint: Dann sinkt der Eigenanteil der Stadt Kleve auf gut eine Million Euro. Die Stadt Kleve könnte also drei Millionen Euro Kosten vermeiden und müsste nicht wie augenblicklich über die Dörfer gehen, um nach allen möglichen Einsparmöglichkeiten zu suchen. Und zusätzlich dazu könnten die Planer auch den Wohnmobilstellplatz unangetastet lassen – nochmals eine halbe Million Euro Kosten weniger.

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9 Kommentare

  1. 9

    Solche Überführungen gibt es auch in Deutschland, in Plattling in Bayern überspannt eine solche mit Treppe und Aufzug sogar 22 Gleise. Zu meiner Zeit fuhren die Busse nach der Haltestelle Bahnhof weiter zum KAG.
    Für den Preis der Unterführung könnte man wahrscheinlich die nächsten 50 Jahre Busse vom Bahnhof zum KAG fahren lassen

  2. 8

    Geht es bei den 17 Mio Euro überhaupt tatsächlich in erster Linie um den Bau einer Unterführung? Oder könnte es nicht vielmehr so sein, dass ein gewisser Herr Uhrengehäuse damit der (Klever?) Baubranche zu seinem Abschied noch ein lukratives Bauprojekt zuschustern möchte? Zumal bei einem deratigen Projekt durchaus noch die Chance auf saftige Nachschläge á la Rathaus-„Renovierung“ besteht – z.B. wegen gar nicht so unwahrscheinlichen Altlasten und Bombenfunde, unerwartet hart verdichtetem Boden oder aus dem von @4 beschriebenen Grund.

  3. 7

    Wenn die Deutsche Bahn die Fußgängerbrücke offiziell für „marode“ erklärt hat, und abreißen wird, wäre sie dann nicht auch für einen neuen barrierefreien Zugang zum Bahngleis verantwortlich und auch finanziell dafür zuständig?
    Haben sich die Kommunalpolitiker mit den zuständigen Verantwortlichen der Deutschen Bahn, diesbezüglich in Verbindung und in Verhandlung gesetzt?

    Gibt es deshalb seit Jahren immer diese Bahnkomplikationen, um dieser Angelegenheit zu entkommen, weil Kleve sozusagen von der Bahnverbindung „abgeschnitten“ wurde?

  4. 6

    Mal ganz abgesehen davon, dass ich bis heute nicht verstehe warum im Rangierbereich zwischen van-den-Bergh-Straße und der Bahnhofstraße keine ebenerdige Querung möcglich ist, finde ich die Lösung aus Schweden eine sehr gute Alternative. Aber ich höre auch schon die Tunnelfreunde mit den Hufen scharren. Hohe Betriebskosten, Aufzüge ständig kaputt, zu klein für die Massen an Schülern die ständig dort durchlaufen, etc.
    Gibt es überhaupt eine fundierte Untersuchung wieviel SchülerInnen dort überhaupt täglich die Bahnseite wechseln werden? Meines Erachtens kommt die überwiegende Mehrheit mit dem Zweirad oder dem Elterntaxi direkt zur Schule. Wurde schon mal darüber nachgedacht den Schulbusverkehr zukünftig am neuen KAG vorbeifahren zu lassen? Ist das beim alten KAG in Kellen nicht auch so?
    17 Millionnen für einen Tunnel, ich bin fassungslos.

  5. 5

    Die Klever Verantwortlichen sind doch innovationsresistent, man will partout eine übel riechende und bepinkelte Unterführung. Gibt’s ja schließlich in anderen Städten auch, da will man doch in Kleve nicht zurückstehen…

  6. 4

    Hat man vergessen, dass es auch im Bereich Bahnhof viel Grundwasser geben könnte, das die Baumaßnahmen einer Unterführung erschweren könnte?
    Wurden schon Maßnahmen zur Prüfung ergriffen und wenn ja, zu welchem finanziellen Aufwand?

  7. 1

    Gute Idee Ralf, du scheinst aber einen wichtigen Faktor zu vergessen: wir sind in Kleve!

    Eine Sache die mir dazu einfällt wo Du die ebenerdige Lösung beschreibst: In Düsseldorf auf dem Weg zum Stadion laufe ich jedes Mal über S-Bahn-Gleise, ohne Ampel, ohne Schranke, ohne Unterführung. Dort steht einfach auf beiden Seiten so eine „zick-zack“ Sperre, ähnlich wie an der Schwanenburg an der Treppe neben der Commerzbank.

    Wäre das nicht die einfachste Lösung? Denn Züge würden diese Stelle, außer vielleicht ausnahmsweise mal zum rangieren, nie passieren.