Zum ersten, zum zweiten, zum dritten Mal insolvent: Galeria Karstadt Kaufhof sucht neuen Retter, Filiale in Kleve hängt (mal wieder) am seidenen Faden

Nicht auszumalen, wenn nichts mehr ginge

Wie müssen sich eigentlich die Mitarbeiter des Kaufhofs in Kleve fühlen? Sind sie noch stolz, Teil einer anderthalb Jahrhunderte währenden Warenhaustradition zu sein, die 1879 mit der Eröffnung eines kleinen Ladens für Garne, Stoffe, Knöpfe und Wollwaren durch Leonard Tietz in Stralsund begann? Oder haben sie sich schon in die fatalistische Gewissheit ergeben, kleine, womöglich bald überflüssige Rädchen in einem längst überholten Geschäftsmodell zu sein, dem nun der Garaus droht?

Im Grunde ist die kleine Filiale in Kleve das Brennglas, das die ganze Geschichte des Unternehmens fokussiert. Der Wirtschaftswunder-Stolz, nach den Entbehrungen des Krieges den Menschen mitten in der Stadt endlich wieder „tausendfach alles unter einem Dach“ bieten zu können. Mit einem Geschäftsführer namens Hubert Wetzels in Kleve, der lange Jahre blieb und am Ende so eine Art Staatspräsident des Einzelhandels war, so gravitätisch trat er auf, wenn er wie ein kapitalistisches Orakel das Auf und Ab des Weihnachtsgeschäfts und der Saisonschlussverkäufe verkündete. Die Welt des Konsums kannte aber im Großen und Ganzen jahrzehntelang nur eine Richtung – immer mehr.

Doch hinter den Kulissen gab es immer schon so eine Art Erosion. Irgendwann musste die Lebensmittelabteilung im Untergeschoss weichen (mit Karpfen in Aquarien), irgendwann das Café im ersten Obergeschoss. All dies ließ sich noch übertünchen, indem das Schlagwort von der Modernisierung ins Feld geführt wurde. So, wie manch alternder Mann sich noch lange der Jugend zurechnet, indem er Sneaker trägt.

Das kosmetische Programm alles half allerdings nicht mehr, als das Internet seinen Raubzug antrat. Insbesondere das Versprechen der Allverfügbarkeit war in einer Filiale kaum durchzuhalten, selbst wenn diese wie in Kleve 6000 m² Verkaufsfläche umfasste. Das Internet war größer und schneller. So, wie ein enttäuschter Liebhaber mit seinem jugendlichen Konkurrenten in eine Rivalität zu treten versucht, offerierte der Kaufhof (der mittlerweile Galeria hieß) in seinem Schaufenstern auf riesigen Bildschirmen die Möglichkeit 24/7 online zu bestellen. Es wirkte kämpferisch, und es war doch eine Kapitulationserklärung.

Der (vorerst?) letzte Akt in Kleve war der Umbau zu einer Vorzeigefiliale für den gesamten Konzern. 2,5 Millionen € investierte das Unternehmen, ein halbes Jahr lang war das Warenhaus eine verrückte Baustelle, danach aber präsentierte es sich den Klevern (und Niederländern) wie ein generalüberholter Playboy. Das war durchaus gelungen, mit einem behutsam angepassten Sortiment (Haushaltswaren!) und einen dezent roughen Industriechic. Zugleich aber blieb das neue Konzept (Stichwort: Lokales Forum) Stückwerk, denn es gelang nicht einmal wie geplant, in ein Café zurück in die Filiale zu holen. Dennoch soll das Geschäft gut gelaufen sein, so war es aus dem Unternehmen zu hören. Aber was nützt das, wenn ganz am Ende die Kasse doch nicht mehr stimmt?

Als die zweite Insolvenz im März des vergangenen Jahres abgewickelt worden war, verzichteten viele Gläubiger auf viel Geld. Die Signa-Holding, die Muttergesellschaft von Galeria Karstadt Kaufhof sagte indes weitere Unterstützungen in Höhe von 200 Millionen € zu. Das erste Viertel davon sollte im Februar überwiesen werden. Da die Signa-Holding allerdings selbst insolvent ist, wird das Geld nicht mehr fließen.

Am 6. Januar berichtete die Neue Zürcher Zeitung, dass Galeria Karstadt Kaufhof unmittelbar vor der Insolvenz stehe. „Anfang nächste Woche muss Galeria Insolvenz anmelden – wenn nicht noch ein Wunder geschieht“, hieß es in dem Artikel, dem eine gewisse seherische Qualität nicht abgesprochen werden kann.

Galeria-Chef Olivier van den Bossche nannte den neuerlichen Insolvenzantrag einen „Befreiungsschlag“. In einer Pressemitteilung wird er mit dem folgenden Satz zitiert: „Die Insolvenzen der Signa-Gruppe schädigen Galeria massiv, behindern das laufende Geschäft und schränken durch hohe Mieten und teure Dienstleistungen die künftige Entwicklungsmöglichkeit stark ein.“ Nun suche das Unternehmen einen neuen Eigentümer. Gespräche mit potentiellen Investoren seien bereits im Gange. Galeria betreibt aktuell noch 92 Warenhäuser und beschäftigt etwa 15.000 Mitarbeiter – unter anderem eben das Kaufhaus in Kleve, in dem gut 50 Menschen beschäftigt sind.

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13 Kommentare

  1. 11

    Unter der Signa Holding GmbH gibt es ein schwerdurchschaubares Firmengeflecht auf ca. 10 -12 Ebenen.

    Nun dient eine Holding als Dachgesellschaft der risikoarmen Verwaltung des Vermögens; während das risikoreiche operative Geschäft von den Tochtergesellschaften ausgeführt wird.

    Daher stellt sich auch die Frage, wie es sein konnte, dass über die Signa Holding GmbH das Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Die Bilanz von 2022 hätte auch spätestens bis zum
    30.09.2023 eingereicht werden müssen.

     
  2. 10

    Die Insolvenz geht von der Signa Gruppe aus. Galeria Karstadt Kaufhof hängt da im Nachgang nur mit drin.

     
  3. 9

    Die Zeiten der großen Kaufhäuser sind vorbei und funktionieren vielleicht noch in Berlin (KaDeWe), Düsseldorf (Galeria), Paris (Lafayette), London (Harrods) – aber hier ? Im Ruhrgebiet ?
    Selbst diese Tempel wie Centro lassen vom Gefühl her nach und die Auswahl der Läden geht auch in die „Allerweltsrichtung“ irgendwelche Shops dazwischen, was weiß ich.

    Die einzigen Städte wo die City noch als solche zu bezeichnen ist, scheint mir Düsseldorf zu sein. In Duisburg war ich ewig nicht mehr. Bocholt soll auch noch ganz nett sein und Münster.
    Natürlich weiterhin Nijmegen und Arnheim , Amsterdam aber in Holland ist das eh anders (kleine Nischenläden die dort funktionieren aber hier halt nicht).
    Nach Kleve zieht mich nix mehr hin, Goch auch nicht, Emmerich 20 Jahre nicht gewesen.

    In Kleve sollte man sich wirklich Gedanken machen, was kommt/kann nach Kaufhof/Galeria dorthin.

    Aber ohne Moos nix los…man darf auch nicht vergessen, dass Geld wird knapper für die Menschen, die Lebenshaltungskosten (Miete und vor allem Energie) lassen nicht mehr viel übrig.
    Der „Normalverdiener“ von heute ist der „Geringverdiener“ von Gestern.

     
  4. 8

    Man kann sich jetzt aufregen oder nicht, herumlamentieren, besserwissen oder vielleicht noch hoffen? (Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt…….aber sie stirbt!)
    In Kleve sollte jetzt recht schnell darüber nachgedacht werden, wie diese Immobilie zeitnah genutzt werden kann.
    Ludger Kazmierczak meinte ja in seinem Jahresrückblick „die Butze wäre für einen weiteren Barbershop ja dann doch wohl etwas zu groß!“ (die Miete meinte er damit sicherlich nicht!)
    Wenn die Planung der neuen Nutzung dann genauso schnell geht wir bei Minoritenplatz……..

     
  5. 7

    “ Er betont, dass der Laden gut in Schuss sei und schwarze Zahlen schreibe. “

    Mit Stromrechnung von den Stadtwerken ? Oder ohne Stromrechnung von den Stadtwerken ?
    Mit Optionen auf die Aktien der Commerzbank im Jahresabschluss ? Oder ohne Optionen
    auf die Aktien der Commerzbank im Jahresabschluss ?

     
  6. 5

    Nicht das Internet hat den Kaufhof getötet

    Der Kaufhof hat das Internet verschlafen (genau wie Quelle z.b.) man hätte Anno 2000 schon mit „Wir liefern! Kostenlos! Innerhalb von 2-3 Tagen“ machen können. Was ein gewisser „Buchhändler“ aus dem „fernen Amerika“ plötzlich anbot. Dies wurde von Quelle, Neckermann, Kaufhof, Karstadt und diversen Buchhändlern belächelt mit „Das macht keiner!“ „Wenn wir nicht hingucken geht das wieder weg“ abgetan. Mein Amazonkonto ist tatsäch von Anno 1999.

    Mittlerweile liefert dieser „Buchhändler“ Same Day und hat ein Angebot das die komplette Innenstadt von Köln kaum abdecken könnte, geschweige denn kleinkleckersdorf Kleve. und „Kaufstadt“ sind die letzten beiden sterbenden Dinosaurier und sie werden sterben.

    Und „Kaufhaus von Kleve“ wie soll das bitte existieren? Da gibts dann doch keine „Masseneinkaufpreise“ mehr, sprich der Laden würde noch teurer als er eh schon ist werden. Was ist das bitte für ein Geschäftsmodel? Wieviel Miete nimmt Herr Zevens denn? Gar keine? Könnte sowas vielleicht zu den schwarzen Zahlen beitragen?

    Der Pleitehof soll erstmal die 600 Millionen zurückzahlen. Ich will mein Steuergeld zurück das man dem Österreicher in die Körperöffnungen gedrückt hat…

     
  7. 4

    „Es geht auf jeden Fall weiter“ das sagt Hauseigentümer Zevens über die Zukunft von Galeria in Kleve.
    Unternehmer Bernd Zevens ist wie immer vorbereitet, hat auch Ideen, wie es weitergehen könnte, falls das Warenhaus schließen müsste. „Unser Vorteil ist, dass der Mieter und wir erst vor kurzem gemeinsam 2,5 Millionen Euro in das Haus investiert haben“, sagt der Klever. Er betont, dass der Laden gut in Schuss sei und schwarze Zahlen schreibe. Falls es im Zuge des Insolvenzverfahrens notwendig sei, weitere Filialen zu schließen, sei die Klever die letzte, die davon betroffen wäre, so Zevens: Die Umsätze stimmen, es werde Gewinn gemacht. „Es ist ja nicht so, als ob wir hier die Hände in den Schoß legen und uns keine Gedanken darüber machen, falls es zu dem Schlimmsten kommt. Wenn es nicht geht, dann machen wir das eben selbst“, sagt er. Eine Idee sei: „Man könnte beispielsweise hingehen und das Haus unter dem Namen KvK, also Kaufhaus von Kleve, weiterbetreiben.“

     
  8. 3

    Diese Entwicklung war abzusehen.
    Die Chance das der Standort erhalten bleibt oder durch jemanden anderes übernommen wird sind gering. Heute hat Gerrit Heinemann, ein Experte vom Niederrhein, dazu Stellung genommen. (https://www.kleinezeitung.at/wirtschaft/17977641/handelsexperte-ueber-signa-kontrolle-hat-in-dieser-gruppe-definitiv)

    Die Wirtschaftsförderung wollte die nächsten Jahre die Attraktivität der Innenstadt steigern.
    Das war schon eine Herausforderung die jetzt nicht kleiner geworden ist.

    Mitte Februar beginnt voraussichtlich die eigentliche Abwicklung und ein langer Leerstand, mit all seinen Folgen droht.

    Kleve sollte sich jetzt selber einen Gefallen tun und schnell mit dem Eigentümer alternative Nutzungen überlegen…

     
  9. 2

    Wieso wurde u.a. so viel deutsches Steuergeld hinter her geworfen? Im benachbarten Österreich hat man sich seinerzeit mit Unverständnis, sehr darüber gewundert!

     
  10. 1

    Die inzwischen insolvente Signa Holding soll die Jahresabschlüsse 2019, 2020 und 2021 verspätet eingereicht haben, alle zusammen verspätet am 29.09.2023. Der Jahresabschluss 2022 soll noch fehlen, obwohl am 30.09. 2023 fällig.
    Das könnte also noch spannend werden.