Transformanten-Prozess: Fangfragen per Whatsapp

Der Prophet trägt Schwarz: Prozessauftakt in der Schwanenburg

Der 133. Anklagepunkt im Prozess gegen den selbsternannten Guru von Graefenthal lautet auf Freiheitsberaubung – dem 58 Jahre alten Niederländer wird neben den 132 Fällen sexuellen Missbrauchs zudem vorgeworfen, das mutmaßliche Opfer gegen seinen Willen auf dem Gelände des Klosters festgehalten zu haben. Darauf allein stehen bis zu fünf Jahre Haft.

Bei weiteren Zeugen musste die Öffentlichkeit am Freitag wieder draußen bleiben

Am Freitag, 13. August, dem achten Verhandlungstag vor dem Landgericht Kleve, war nun erstmals seit dem Prozessauftakt im Juni wieder die Öffentlichkeit zugelassen – und einige Zuschauer waren auch da. Mehrere Mitglieder der Religionsgemeinschaft hatten dauerhaft zu den Sitzungsterminen die Schwanenburg besucht, auch wenn sie nur vor dem Gerichtssaal Platz nehmen durften.

Nun konnten die Zuschauer zumindest die Aussage einer Zeugin hören. Es handelte sich um eine ehemalige Servicekraft des Klosters, die ein freundschaftliches Verhältnis zu der Eventmanagerin entwickelte, die über Jahre missbraucht worden sein soll. Ihre Aussage brachte einiges Licht in die Entwicklungen, die schließlich zur groß angelegten nächtlichen Razzia im Oktober vergangenen Jahres führten, in deren Verlauf die damals 25 Jahre alte Frau nach Angaben der Ermittler „befreit“ wurde. Bekanntlich wird dies von Seiten der Transformanten komplett bestritten.

Die Aussage der Servicekraft aber war angetan, die Darstellung der Anklage zu untermauern. Dass die Eventmanagerin eine Beziehung zu einem bekannten Gocher unterhielt, der mit der Sekte nichts zu tun hatte, war ihr nicht entgangen. Sie hatte die beiden auf dem Weihnachtsmarkt der Stadt Goch gesehen. Der Eindruck der Zeugin: „Die haben sich nie geküsst. Aber sie sah glücklich aus. Ihre Ausstrahlung. Das habe ich öfter wahrgenommen.“

Die Zeugin berichtete auch, dass sich die damals 25-Jährige vor ihren Auftritten außerhalb des Klosters regelmäßig umgezogen hatte. Im Kloster seien nur Kleider erlaubt gewesen, weshalb sie für Termine außerhalb eine Jeanshose im Auto mitgenommen und dort auch angezogen habe. Der Zeugin sagte sie: „So fühle ich mich, wie ich mich fühlen will.“

Zweimal verabredeten sich die beiden Frauen zu einem Essen. Einmal in einem Steakhouse in Goch, und einmal in dem damals noch als „Bar & Brot“ firmierenden Lokal an der Schlossstraße in Kleve.

Am 10. September bekam die Zeugin dann, wie andere Freunde auch, eine lange Nachricht, die mit den Worten begann: „Wie ihr alle wisst, liegt mir das Kloster Graefenthal sehr am Herzen…“ Es handelte sich um eine Art Schuldeingeständnis – und der Zeugin und auch den Menschen in ihrem Bekanntenkreis, die von der Beziehung wussten, war sofort klar, dass die Eventmanagerin unmöglich die Autorin dieser Nachricht gewesen sein konnte.

Einen Tag später gab es eine weitere Nachricht: „Danke für deine lieben Worte, aber mein Herz hat mir das schon länger gesagt …“ Als Ende September eine Nachricht der Zeugin unbeantwortet blieb, ging sie davon aus, dass die Eventmanagerin nicht mehr im Besitz ihres Handys ist.

Um das zu überprüfen, ersann sie eine Fangfrage. Sie schlug per Whatsapp vor, nochmals im Kevelaerer Restaurant „Herr Lehmann“ essen zu gehen, wohl wissend, dass sie dort noch nie gewesen waren. Die Idee dahinter: Wenn der Fehler nicht bemerkt wird, kann die junge Frau aus Graefenthal nicht mehr über ihr Handy verfügen, denn sie hätte den Fehler ja bemerkt. Doch es kam keine Antwort, auch nach einer erneuten Nachfrage nicht.

Im Freundeskreis wuchs die Unruhe, und man schaltete die Polizei ein. 23 Tage nach der nicht beantworteten Nachricht stürmte die Polizei das Gelände. Die Zeugin: „Als ich erfahren habe, was da los gewesen ist, habe ich mich sofort aus eigenem Antrieb bei der Polizei gemeldet.“ Für die Bereitschaft, eine Aussage zu machen, ließ die Eventmanagerin später ihren Dank übermitteln.

Der Prozess wird am Dienstag, 17. August, um neun Uhr fortgesetzt.

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