kleveblog-Sonntagsmatinee: Erstmals spricht Anton Zylstra (94) über seine Zeit als Besitzer des Kurhauses

So sah das Kurhaus aus, als Anton Zylstra es 1966 kaufte

Zu meinen Jugendtagen gab es sonntags um 10:30 Uhr im ZDF die Sendung „Sonntagsmatinee“, in der regelmäßig Juwelen der Filmgeschichte gesendet wurden, „Panzerkreuzer Potemkin“ beispielsweise – Werke, die sonst nirgendwo auftauchten, dem aktuellen Diskurs weitestgehend entrückt waren, und doch das Leben bereicherten. Daran denkend, haben wir diesen Beitrag genauso überschrieben – was darin steht, ist längst vergangen und überdeckt, und doch ist es interessant zu lesen, wie Anton Zylstra, der bekannte Klever Möbelunternehmer („Möbel Zylstra“) seine Zeit als Besitzer des Klever Kurhauses erlebt hat. Jenes Gebäudes also, welches heute ein Schmuckstück der Stadt ist, für dessen Erhalt sich alle gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Im folgenden nun erfahren wir, wie Anton Zylstra, nunmehr 94 Jahre alt, die Geschichte in Erinnerung hat, in seinen eigenen Worten:

Museum Kurhaus, „die Perle der Provinz“, so steht es in der Zeitschrift „Der Klever“. Richtig ist, dass das Museum Kurhaus nach dem Umbau mit einem 12-Millionen-Euro-Zuschuss der Landesregierung zu einem Juwel am Niederrhein geworden ist. Wie aber dargestellt, es sei damit vor dem Verfall gerettet worden, kann ich leider nicht bestätigen. Die Geschichte war nämlich eine andere, wie ich im folgenden versuche darzustellen:

Das Gebäude war Eigentum der Firma Terbuyken, die in der Halle eine Schuhfabrikbetrieb. Sie ging in Konkurs, der Besitz wurde mangels Interessenten vom Konkursverwalter übernommen. Dieser hat dann das marode Gebäude der Stadt angeboten, nachdem er den rechten Teil an Herrn Dr. Gorissen verkauft hatte. Die Stadtverwaltung lehnte den Ankauf ab, weil sie das Gebäude für abbruchreif hielt. So stand es in einem Bericht der Rheinischen Post.

Hierdurch aufmerksam geworden, habe ich mich mit dem Konkursverwalter in Verbindung gesetzt und mich dann zur Übernahme entschlossen. Wie der Zustand äußerlich war, ergibt sich aus einem beiliegenden Foto. Das war 1966. Das Hauptgebäude war von mehreren Mietern bewohnt, die kein Interesse an Ordnung und Sauberkeit hatten und allen Müll in den Hof warfen.

Ein Bild des Verfalls und der Verwahrlosung: Kurhaus, 1966

Nach der Übernahme begann für uns dann zunächst das große Aufräumen. Berge von Schutt lagen hinter dem Gebäude, und alle Keller sowohl unter dem Hauptgebäude als auch unter der Halle standen zwanzig Zentimeter unter Wasser, weil alle Abflussrinnen voll Schlamm verschüttet waren – Hauptgebäude und Halle hatten keine Kanalrohre. Wochenlang hat einer unserer Handwerker die Rinnen freigelegt.

Die Rückseite des Gebäudes. Noch 20 Jahre nach Kriegsende sind Einschusslöcher in der Fassade zu sehen
Die Renovierung ist im Gange

Ich selbst bin auf das Dach des Hauptgebäudes gestiegen und habe dort angeleint die Leckstellen mit Bitumen ausgebessert. Später wurde dann das ganze Dach neu eingedeckt mit Teerpappe mit Schiefersplit als neuestem Dachbelag, ausführende Firma war Winfried Janssen, Brahmsstraße. Vor Beginn aller Arbeiten mussten natürlich erst die Mieter ihre Wohnung räumen, nachdem sie mit meiner Hilfe neuen Wohnraum gefunden hatten.

Dann folgte etwa der Beginn der äußeren Sanierung. Hier war die Denkmalschutzbehörde in Bonn mitbestimmend. Diese bot keine finanziellen Beteiligungen, wie sie dies bei Herrn Dr. Gorissen getan hatte.

Für die Fassade musste Spezialmörtel aus Süddeutschland beschafft werden

Die Bauunternehmung Kempkes (existiert nicht mehr) erhielt den Auftrag, das ganze Hauptgebäude mit neuem Außenputz zu versehen. Hierzu musste auf Anweisung der Denkmalbehörde ein Spezialmörtel aus Süddeutschland beschafft werden. Es ergab sich, dass der obere Balkon nicht mehr stabil war. Der schadhafte Balkonboden musste entfernt, dann Stahlträger zur Verstärkung eingezogen und die Bodenfläche neu mit Zinkblech belegt werden. Ausführende Firma war Adolf Giesen, Hagsche Straße.

Im Balkongitter fehlende Zierstäbe mussten bei der Firma Thesing & Bussow (existiert nicht mehr) nachgegossen und dann wieder montiert werden. Am unteren Balkon waren die Konsolen total verschmutzt, fast schwarz. Hierfür habe ich eine Spezialfirma aus dem Krefelder Raum kommen lassen, die durch Sandstrahlbehandlung die Konsolen wieder in ihren ursprünglichen Zustand brachte.

Nimmt Gestalt an: die neu verputzte Fassade
Wieder im Top-Zustand: das Kurhaus nach den umfangreichen Renovierungsarbeiten

Um die teils zerstörten Balustraden an den unteren Balkonvorbauten wieder zu erneuern, wurde eine Stukkateurfirma aus Nimwegen beauftragt, eine Gussform abzunehmen. Diese Firma dann auch im inneren großen Empfangsraum die Decken instandgesetzt. Allein für die Anstreicherarbeiten zur Instandsetzung der Decken und Türen mussten damals über 20.000 DM ausgegeben werden.

Die Firma Marliani (existiert heute nicht mehr), Hoffmannallee, war das ausführende Unternehmen, das nach dem Neuputz des Gebäudes die ganze Außenhaut sowie alle Fenster mit neuem Anstrich versehen hat, alles unter der Aufsicht der Denkmalbehörde, deren Angestellter wöchentlich zur Stelle war. Welcher Aufwand und welche Kosten damit verbunden waren, lassen die Fotos wohl erkennen, die beiliegen. Über die umfangreichen Arbeiten im Inneren des Gebäudes und meine ursprünglichen Pläne für das Kurhaus will ich mich gar nicht weiter auslassen. Ich glaube, die Fotos sprechen für sich, wer was für den Erhalt des Kurhauses getan hat.

Nutzung als Möbellager. Heute würde man vielleicht sagen: Moderne Kunstinstallation

Deine Meinung zählt:

8 Kommentare

  1. 8

    Fassen wir zusammen

    Das Gebäude womit die Stadt heute gerne rumprollt würde es nicht mehr geben wenn die Stadt sich damals durchgesetzt hätte? (Abriss…)

     
  2. 7

    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Ich schließe mich @1 Messerjocke und @3 Gerd Driever an. Ohne Investor wäre diese Perle vor die Hunde gegangen.

    Mich würden die Pläne für den Innenausbau und die Widrigkeiten sehr interessieren. Ich würde vermuten, auf Behördenseite saßen nicht gerade Problemlöser? Umso bemerkenswerter das Engagement des, ich wiederhole: Investors.

    Viel zu wenig bekannt diese Geschichte. Danke Herr Zylstra!

     
  3. 6

    Wo genau befindet sich eigentlich die Position der damals gefundenen eisenhaltigen Quelle für den Kurbetrieb?

     
  4. 5

    Hochinteressant!

    Was ist die Besonderheit des rechten Teils des Gebäudes? Weiso gab es dafür Zuschüsse und für den linken Teil nicht? Wieso hat Heer Zylstra sich darauf eingelassen, alles privat zu bezahlen und trotzdem den Denkmalschutz im Nacken zu haben?

    Ich hätte gesagt :Ok, wenns keine Zuschüsse gibt, dann kaufe ich auch nicht. Dann habt Ihr die Ruine selber am Hacken.

    Interesant auch dass es bereits 20 Jahre nach dem Krieg mit ausgebombten Städten wieder Geld für ÖD-Planstellen für Sesselfurzer gab….Denkmalschutz war sicher keine unverzichtbare Aufgabe beim Wiederaufbau des Landes.

     
  5. 3

    Gerd Driever
    Ein wunderbares Beispiel dafür, dass privates Eigentum und unternehmerische Initiative längst aufgegebenes (öffentliches) Kulturgut erhalten und für die Nachwelt bewahren können. Ich habe als Kind (Jahrgang 1955) noch den jämmerlichen Zustand des Gebäudes kennengelernt. Als Jugendlicher habe ich noch das “Möbellager” und das in erstaunlicher Eigenleistung restaurierte Gorissen-Gebäude kennengelernt. Ich sage auch offen, dass ich von der Renovierung des gesamten Gebäudekomplexes begeistert war und bin. Das die Stadt Kleve heute über diese vorzeigbare Perle verfügt, und das weiß man nach diesem Artikel besser einzuschätzen, hat Kleve vor allem den zwei hartgesottenen Personen Zylstra und Gorissen in besonderer Weise zu verdanken. Jedenfalls ich bedanke mich dafür an dieser Stelle bei Herrn Zylstra, aber auch für das erzählte Beispiel unternehmerische Initiative.

     
  6. 2

    Die Stadt Kleve kann Herrn Zylstra dankbar sein, dass er das Kurhaus vor dem Verfall gerettet hat. Unvorstellbar welch ein Verlust es gewesen wäre, wenn man dieses Gebäude abgerissen hätte. Mal eine Baumaßnahme, die die Stadt wirklich reicher gemacht hat.

     
  7. 1

    Wieder zweierlei Geschichtsschreibung! Danke für die Aufklärung, Ralf. Wer etwas vom Bauwesen versteht, dem wird schnell klar, dass die oben beschriebenen Maßnahmen elementar für den Erhalt des Gebäudes waren. Dass später überhaupt noch etwas von dem Objekt übrig war, haben wir wohl offensichtlich Herrn Zylstra zu verdanken.