Graefenthal-Prozess: „Wir sind eine Glaubensgemeinschaft und kein Sex-Club“

Die Transformanten nannten ihn „Sonnenblume“: Der Angeklagte auf dem Weg in den Gerichtssaal, im Hintergrund seine drei Strafverteidiger Inez Weski, Pantea Farahzadi und Dr. Rüdiger Deckers
Kloster Graefenthal (Foto: Joachim Schäfer)

Bevor Anträge verlesen werden, beantragen die Verteidiger zunächst einmal, die Öffentlichkeit auszuschließen, woraufhin sich der Gerichtssaal leert, und er bleibt auch noch entvölkert, wenn anschließend die Kammer über den Antrag berät. Und wenn dann, im sechsten Monat der Verhandlung gegen den selbsternannten „Propheten“ von Graefenthal, Zuschauer zugegen sind, müssen diese das Geschehen aus Andeutungen rekonstruieren, wie in einem Puzzlespiel, bei dem drei Viertel der Teile abhanden gekommen sind.

Doch die Informationsfitzelchen, die am Dienstag nach außen drangen und zumindest etwas auf das nichtöffentliche Geschehen schließen ließen, hatten es in sich. Zuallererst scheint die 7. große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Christian Henckel entschlossen zu sein, das Verfahren noch in diesem Monat zu einem Ende zu bringen. Mit den beiden Vertretern der Staatsanwaltschaft und den beiden Verteidigern wurde ein Terminrahmen erörtert, an dessen Ende am 29. November ein Urteil gefällt werden würde.

Hintergrund: Der 30. November 2021 ist der letzte Dienst-Tag des Vorsitzenden Richters, ab dem 1. Dezember ist er im Ruhestand. Allerdings kündigte Verteidigerin Pantea Farahzadi, die neben Dr. Rüdiger Deckers den 59 Jahre alten Niederländer vertritt, dem schwerer sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, bereits neue Beweisanträge an. Der Terminplan wackelte also schon, bevor er überhaupt richtig beschlossen wurde.

Insbesondere herrscht in den Reihen der Verteidigung offenbar etwas Unmut darüber, dass das Gericht die Fortsetzung der Untersuchungshaft anordnete. Diese Entscheidung erging hinter verschlossenen Türen, allerdings sprach Farahzadi sie in der öffentlichen Verhandlung an. 

Der Umstand, dass der Niederländer auch nach nunmehr einem halben Jahr Gerichtsverhandlung den Saal A 105 in der Schwanenburg in Handschellen verließ, kann allerdings möglicherweise auch als Indiz für den Ausgang des Verfahrens gesehen werden. Wie ein Blick in das Gesetz zeigt, muss das Gericht bei Haftfortdauer den sogenannten „dringenden Tatverdacht“ angenommen haben.

Unterdessen kamen in den Anträgen der Verteidigung weitere Details zur Sprache, die offenbar schon vorher im Prozess eine Rolle gespielt haben. Von dem mutmaßlichen Opfer, der Eventmanagerin des Klosters, gibt es demnach offenbar eine Aussage, wie der „Prophet“ die sexuellen Übergriffe, die bereits im frühen Teenageralter begonnen haben sollen, legitimiert habe. Er soll gesagt haben, sie habe „eine alte Seele“.

Die Vorwürfe werden bekanntlich vom Angeklagten komplett bestritten.

Außerdem zitierte die Verteidigung aus einem Bericht des mutmaßlichen Opfers. Die Frau soll ihn verfasst haben, nachdem sie in den Niederlanden von Vertretern der Schulbehörde zur Rede gestellt worden war. Demnach antwortete die (damals noch heranwachsende) Frau den Beamten, die das sexuelle Geschehen innerhalb der Sekte thematisiert hatten, entrüstet: „Wir sind eine Glaubensgemeinschaft und kein Sex-Club!“

Doch das sieht die Frau heute wohl anders.

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10 Kommentare

  1. 10

    Je versponnener solche religiösen Sekten wirken, desto pragmatischer sind oft die Ziele der AnführerInnen. Die ökonomische Orientierung des „Propheten“ zeigt, dass er weiß, womit man wie Geld verdient und wie leicht sich naive, instabile Menschen manipulieren lassen. Seine JüngerInnen setzte der Mann aus triftigem Grund als billige Arbeitskräfte ein und versuchte, ihnen ihr Geld aus der Tasche zu ziehen.

    Viele MissbrauchstäterInnen fotografieren und filmen die Sexualstraftaten, die sie an ihren Opfern begehen, manchmal, um sich selbst damit sex. zu stimulieren, oft, um mit der Kinderpornografie Geld zu verdienen. […]

    [Der Angeklagte] wird als promiskuitiv und sex. ausbeuterisch geschildert. Sein Verhältnis zum Sex beschreibt er mit „Wir sehen unseren Körper als Tempel der Seele und halten ihn in Ehren“. Diese für spirituelle Kreis typischen blumigen Beschreibungen sollten nicht darüber hinweg täuschen, dass nicht nur die Männer dort oft besonders obszön eingestellt sind.

    Ich hoffe, die 25jährige, die offenbar fast ihr ganzes Leben in der Sekte verbracht hat, erhält ausreichend Schutz und die Gelegenheit zum äußeren und inneren Ausstieg.

     
  2. 9

    Die zur Zermürbung von OpferzeugInnen und Gericht bemühten Strategien sind bekannt. Der selbst ernannte Transformations-Prophet wird von Rüdiger Deckers verteidigt, einem Rechtsanwalt, der auch den letzten vor Gericht gestellten und schlussendlich wegen sex. Missbrauchs verurteilten Ettaler Täter („Pater Georg“) vertrat und von False-Memory-Deutschland als Podiumsgast auf ihre Veranstaltungen eingeladen wird.

    „Pater Georg“ (Jürgen R.) wurde nach langen Jahren der Prozessverschleppung schließlich 2016 wegen sex. Missbrauchs eines Jungen verurteilt. Sein Opfer, inzwischen ein junger Mann, hatte den miesen Strategien der Verteidigung vor Gericht widerstanden und der Angeklagte, den sein Orden zwischenzeitlich entlassen hatte, erwies sich ohne seinen Priesternimbus als jämmerliche Gestalt. Er hatte seine Verbrechen über das eigentlich in der Anklage formulierte Maß hinaus gestanden. Sein neuer Verteidiger hatte die Lage offenbar korrekt eingeschätzt, so dass Jürgen R. wegen seines Geständnisses mit einer relativ milden Strafe davon gekommen ist. Finanziert wurde Rüdiger Deckers Agieren durch die Ettaler Benediktiner, spez. Abt Barnabas Bögle. Bögle gab sich nach der Urteilsverkündung gegenüber den Medien von seinem ehemaligen Mitbruder enttäuscht und entsetzt. Wer sich ein wenig mit den sex. Realitäten des Ordenslebens auskennt, nimmt einem Ordensbruder von Ende Fünfzig so viel Naivität nicht ab.

    Gemäß dem Motto „Folgt der Spur des Geldes“: was genau betreibt die ADG Management Group?

     
  3. 7

    @6., Nur mal so

    Die Formulierung ist sicherlich Geschmackssache, aber Holzfachmann hat mit seiner drastischen Ausdrucksweise nur zum Ausdruck gebracht wie er das findet, was mutmaßlich der Angeklagte begangen hat und zwar widerlich. So verstehe ich den 5. Kommentar.

     
  4. 6

    Die fehlenden Latten treffen es doch gut. Würde es sonst auch so ausdrücken: Aussagen solcher Art sind – ob hier gemacht oder nicht – unsäglich perfide.

     
  5. 5

    @ 1 Steez
    Wenn ich das hier richtig verfolgt habe, geht das hier nicht um fehlende Latten aus irgendeinem Zaun, sondern um einen bestimmten Knüppel zwischen so manchen Beinen.

     
  6. 4

    @1 Steez „Wenn das tatsächlich wahr sein sollte“
    Und wenn das nicht wahr sein sollte, bzw. exakter gesagt, nicht beweisbar wäre und Aussage gegen Aussage stände, meinen Sie, dass der wohl alle Latten im Zaun hätte ?
    @3 Sex for fun „Kein Sex-Club, wohl wahr“
    Das stehr auch gar nicht im Raum, und das mit den Erwachsenen oder nicht, finde ich auch nicht so relevant.
    Bei einem Sex-Club oder auch einem Bordell gäbe es ja eine Beteiligung von Personen von Ausserhalb.
    […]

     
  7. 3

    Kein Sex-Club, wohl wahr. Sex-Clubs – hier zu Lande auch als Swingerclubs bekannt – lassen nur Begegnungen unter Erwachsenen zu.

     
  8. 2

    Die Zeit ist großartig für Gaukler, religiöser Scharlatane + politischer Idioten .Der „Prophet“ ist nur das Produkt einer gestörten Gesellschaft die nach solchen Psychopathen schreit + ihnen mehr wie gerne hinterher hechelt .😎

     
  9. 1

    …gibt es demnach offenbar eine Aussage, wie der „Prophet“ die sexuellen Übergriffe, die bereits im frühen Teenageralter begonnen haben sollen, legitimiert habe. Er soll gesagt haben, sie habe „eine alte Seele“.

    Wenn das tatsächlich wahr sein sollte, würde die Aussage des „Propheten“ belegen, dass er nicht mehr alle Latten am Zaun hat.