Corona, nächstes Opfer: Tagungshotel Schloss Gnadenthal schließt

Wo entstehen jetzt die Gags für die nächste Stunksitzung? Seit vielen Jahren trifft sich das Ensemble der legendären Kölner Karnevalssitzung auf Schloss Gnadenthal in Donsbrüggen, Kabarettist Bruno Schmitz und seine Kollegen erarbeiten in der idyllischen Abgeschiedenheit des Landsitzes die Witze für die Sitzungen der nächsten Session. Doch damit ist es nun vorbei: Das Tagungshotel in dem klassizistischen Schloss, 1704 von Johann Moritz von Blaspiel auf den Ruinen eines Augustinerklosters errichtet, stellt nach vier Jahrzehnten zum 30. Juni seinen Geschäftsbetrieb ein.

Schloss Gnadenthal 1745, Kupferstich von Hendrik Spilman

„Wir hätten es uns auch anders vorgestellt…“, so formulierte es das Betreiberquartett (Petra und Winfried Radomsky, Renate Kramer und Dieter Schlensog) in einem Brief, der vor wenigen Tagen an die Kunden, Gäste und Freunde der Einrichtung ging. Und wieder einmal ist es die Pandemie, die dem Geschäft den Garaus machte.

Eigentlich waren die Betreiber schon einige Zeit auf der Suche nach einem Nachfolger für das Anwesen in Donsbrüggen, dessen Zugang über eine 400 Meter lange Kastanienallee führt. „Eine Übernahme war in trockenen Tüchern“, heißt es in dem Brief. „Dann kam Corona. Seit einem Jahr ein Hoch und Runter. Betrieb auf. Betrieb zu. Wie es weitergeht, ist unklar.“

Auf jeden Fall aber ohne die Betreiber: „Wir haben für uns entschieden, wir beenden unsere Arbeit zum 30.06.2021, auch aus Altersgründen.“ Nach Bar & Brot von Eva de Schrevel und Zu den 4 Winden der Eheleute Matthias ist Gnadenthal der dritte bekanntere gastronomische Betrieb der Stadt, der Corona zum Opfer fällt. Die Immobilie Gnadenthal selbst ist seit 2008 in Besitz der Stiftung Geldersch Landschap en Geldersche Kasteelen. Sie bekam es als Schenkung der Familie von Hoevell, die in der Orangerie wohnhaft blieb.

Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Um 1481 wird der Name „Vallis Gratiae“ („Tal der Gnade“) erstmals urkundlich erwähnt. Im Mittelalter befand sich an dieser Stelle der „Hof Ganswick“, der im 15. Jahrhundert in ein Kloster umgewandelt wurde. Die Abtei wurde im Achtzigjährigen Krieg (1568-1648) zerstört. Auf den Grundmauern des Klosters wurde 1704 das historische Schloss Gnadenthal im Barockstil erbaut. Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte die Familie von Hoevell zu Westerflier es im Stil des Klassizismus.

Bekannt wurde Gnadenthal  unter anderem als Geburtsort von Jean Baptiste Cloots, der am 24. Juni 1755 dort das Licht der Welt erblickte, später den Namen Anacharsis annahm und sich als visionärer Vordenker für die Freiheit der Menschen der Französischen Revolution anschloss, in deren Wirren er allerdings den Kopf verlor. Cloots wiederum war ein Idol für Joseph Beuys, der sich so sehr mit dem Freiheitskämpfer identifizierte, dass er sich zeitweise „Josephanacharsis Clootsbeuys“ nannte.

Das Hotel verfügt über 37 Zimmer mit insgesamt 78 Gästebetten. Für Tagungen gibt es sieben Säle in unterschiedlicher Größe, nutzbar als Tagungsraum und Seminarraum. Umgeben wird die Anlage von einem fünf Hektar großen Park mit einem Spiegelweiher an der Südseite. Gnadenthal liegt im Natur- und Landschaftsschutzgebiet der Düffel, das Schloss steht unter Denkmalschutz.

Woher stammt der Name Gnadenthal? Am 12. April 1469 übergab der Klever Propst Hermann van Braekel den infolge von Kriegswirren aus Uedem vertriebenen Augustinermönchen den umgebauten Gutshof gegen eine jährliche Summe von 58 Goldgulden als „schatz- und dienstfreies Eigentum“. Sie bezogen um 1470 ihr neues Quartier und gaben ihrem Konvent den Namen „vallis gratiae“ (Tal der Gnade), der 1481 zur Fertigstellung der Klosterkirche erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Wann wurde das Kloster zerstört? Während des Spanisch-niederländischen Kriegs wurde das Kloster am 4. April 1590 beim Kampf um Schenkenschanz von niederländischen Truppen erst belagert, dann geplündert und schließlich in Brand gesteckt. Der Konvent zog mit Genehmigung des Klever Herzogs Johann Wilhelm im Jahr 1603 wieder nach Uedem. Das Baumaterial der Klosterruine verkauften die Augustiner am 18. August 1663 an den brandenburgischen Statthalter Johann Moritz von Nassau, der die Steine für den Umbau der Schwanenburg nutzte.

Wie wurde Gnadenthal zum Schloss? Am 24. November 1670 wechselte Gnadenthal den Besitzer: Die Augustiner tauschten das Anwesen mit dem Freiherrn Werner Wilhelm von Blaspiel (auch Blaespeil und Blaespeyl) gegen drei Bauernhöfe in Uedem. Sein Sohn Johann Moritz, preußischer Minister und Patenkind des Johann Moritz von Nassau, ließ das Barockschloss samt weitläufigem französischem Garten errichten. Zeitgenossen rühmten Gnadenthal nach seiner Fertigstellung als einen der schönsten Adelssitze am Niederrhein.

Woher kam Familie Cloots? Nach dem Tod Johann Moritz’ im Jahr 1723 war das Schloss vorübergehend unbewohnt, denn die Witwe Dorothea Henriette, geborene van Hoft, ging an den Potsdamer Hof, wo sie 1745 Oberhofmeisterin der Prinzessin Amalie von Preußen wurde. Anstatt ihrer bewohnte der Kaufmann und Bankier Thomas Franciscus von Cloots das Anwesen ab dem 6. Dezember 1747 zur Miete. Dorothea Henriettes Erben verkauften ihm das Schloss am 11. September 1748 für 35.000 holländische Gulden. Eines seiner acht Kinder war Johann Baptiste, der spätere Anacharsis. 

Woher kam Familie von Hoevell? Eine Enkelin Thomas Franciscus’, Clara Francisca Cornelia Maria, heiratete am 11. Juni 1806 den Baron Arnold Johann Antonius von Hoevell zu Westerflier und Wezeveld und brachte das Schloss damit an diese Familie. Der neue Eigentümer ließ das Herrenhaus gemäß dem Zeitgeschmack im klassizistischen Stil umgestalten und gab dem Gebäude damit im Wesentlichen sein heutiges Aussehen. Auf ihn ist auch der englische Landschaftsgarten zurückzuführen, den er anstelle des symmetrischen Barockgartens anlegen ließ. Sein Erbe trat 1862 der Freiherr Otto von Hoevell an.

Was passierte im 20. Jahrhundert? Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Schloss durch Artilleriebeschuss beschädigt. Auch die Belegung des Gebäudes zuerst mit Soldaten der deutschen Wehrmacht und anschließend mit kanadischem Militär tat der Bausubstanz nicht gut. Nachdem alliierte Truppen das Klever Land Ende Februar/Anfang März 1945 besetzt hatten, plünderten zudem britische Soldaten das Anwesen, sodass die Familie von Hoevell bei ihrer Rückkehr im Juni 1945 ein leeres Schloss vorfand.

Ab 1946 betrieben Franziskusschwestern in einer Hälfte des Herrenhauses ein Altenheim. Ab Mai 1947 wurde das komplette Anwesen als Seniorenheim der Stadt Kleve bewirtschaftet. Mit der Fertigstellung des Franziskusheims in der Klever Spyckstraße endete 1977 diese Art der Schlossnutzung. Der drohende Leerstand und damit einhergehender Verfall konnten dadurch verhindert werden, dass Angehörige der amerikanischen Luftwaffe für die nächsten vier Jahre im Herrenhaus Quartier bezogen. Das (vorerst) letzte Kapitel der jahrhundertelangen Geschichte des Anwesens, seine Nutzung als Tagungshotel, begann im Frühjahr 1981 – und endet nun exakt vierzig Jahre später.

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11 Kommentare

  1. 11

    Mittlerweile haben die Geschäftsführer Insolvenz angemeldet, letzte Gehaltszahlungen stehen noch aus…….

     
  2. 10

    @zzz Nee, so „Wir würden uns freuen, wenn es Ihnen möglich wäre“-Typen waren das mit Sicherheit nicht. Wenn ich mich recht an eine Facebook-Diskussion zu dem Vorfall entsinne, ist der neue (?) Besitzer der Immobilie auch Inhaber einer Zeitarbeitsfirma, der seine osteuropäischen Mitarbeiter zu einem kleinen Sondereinsatz herausbeordert hatte.

     
  3. 9

    Hantelstangenkultur habe ich mir zur Feier des Tages selbst ausgedacht 😉 Aber ich denke, man kann sich vorstellen das es somit eher nicht der Typ “Peter Zwegat” war….

     
  4. 8

    „Hantelstangenkultur“ – das Wort kannte ich noch nicht. Auf Facebook war zu lesen, dass der von der RP als Pächter benannte Mann in Wahrheit gar nicht der Pächter ist, bereits vor vier Jahren eine Kündigung ausgesprochen worden sei und diverse Prozesses geführt worden seien. Alles sehr mysteriös.

     
  5. 7

    @ Beler: Dann frag den lieben Ismael mal, warum dort vor wenigen Wochen ein Großaufgebot seriöser niederländischer Schuldeneintreiber mit äußerst breiten Schultern angeklopft hat, was dann einen großen Polizeieinsatz und Verkehrschaos an der Gruft zur Folge hatte… Das Aufgebot an dicken niederländischen Karren und Freunden der guten alten Hantelstangenkultur war nicht zu übersehen.

     
  6. 6

    Die Villa Nova an der Ecke Gruft-/Tiergartenstraße schließt ihre Pforten und ist das nächste Opfe, Corona sei schuld, sagt Betreiber Ismael Ucar der das griechische Restaurant führte – es er wird nicht mehr öffnen und erhebt nun Vorwürfe gegen die Stadt Kleve

     
  7. 5

    Hatte dort ein sehr schöne ZIVI-Zeit
    (1989-90)
    Es kamen dort interessante Menschen zu Besuch. Brachten manchmal ihre eigene 200 Teesorten und Tofu mit
    Waren eher keine typischen
    Niederrheiner

     
  8. 4

    ..ein echter Verlust für Kleve… hoffentlich gibt es noch eine Lösung für die Zeit nach Corona …..

     
  9. 3

    Mmuuuh, RD, ist den trotz der Unklarheit über die Zukunft von Schloss Gandenthal wenigstens sicher, dass es nicht in Kürze auch von so einer eigenartigen Kommuuuhne wie den Transformanten oder so betrieben wird, mmuuuhNachfrage?

     
  10. 1

    War, glaub ich, mal eine der begehrtesten ZIVI-Stellen hier im Umkreis. Als es noch Pflichtdienst gab. Lange her. Ein Jugendfreund hatte das Glück