Sigrun Hintzen: Neues Beuys-Buch mit einer besonderen Geschichte

Veröffentlichung auf Umwegen: Sigrun Hintzen

Zeitungsartikel und andere Produkte des Tageschriftstellertums, aber auch Blogeinträge und erst recht Postings in den sozialen Netzwerken haben eine Halbwertszeit, die sich mitunter in Stunden berechnen lässt, so schnell sieht die Welt, die darin beschrieben wird, schon wieder ganz anders aus.

Insofern kann man das Gefühl der Befriedigung, das Sigrun Hintzen erfasste, als sie eine vor 30 Jahren geschriebene Seminararbeit zum Thema „Beuys und die Musik“ in die Hand nahm und auf ihre Eignung zu einer aktuellen Veröffentlichung prüfte, gut verstehen: „Ich musste so gut wie gar nichts ändern“, so die studierte Musikwissenschaftlerin. Was sie als Studentin herausgefunden hatte, hielt auch einer Überprüfung nach drei Jahrzehnten stand.

Sigrun Hintzen stellte ihr 90 Seiten starkes Buch, das im Tectum Verlag (Baden-Baden) erschienen ist, in der vergangenen Woche der Presse vor. „Ich habe den Text geschrieben als Studentin an der Universität Köln, Hauptfach Musikwissenschaft, Nebenfach Kunstgeschichte. Ich war total froh, dass ich das Thema ‚Beuys und die Musik‘ ergattert hatte und dann für die Recherche alles aufgesogen, was ich finden konnte. Es eröffnete sich für mich ein Beuys-Musik-Kosmos, ein Universum.“

Anfang 1992 war die Arbeit fertig. Die Arbeit wurde mit einem 24-Nadel-Drucker ausgedruckt, falls noch jemand weiß, was das ist, und stieß bei der Bewertung durch die Professorin Antje von Graevenitz auf Begeisterung: „Eine herausragende Arbeit“, steht handschriftlich auf dem Titelblatt. Die Professorin wollte sogar, dass Sigrun Hintzen, die damals noch Speh hieß, daraus eine Dissertation macht. Doch sowohl dieser Plan wie auch eine Buchveröffentlichung damals scheiterten, unter anderem an den Bildrechten, die im Falle von Joseph Beuys immer ein Problem sind. Die Arbeit verschwand in der Schublade.

29 Jahre vergingen. Dann bekam Sigrun Hintzen Anfang des Jahres von Bettina Paust den Auftrag, für das von ihr verantwortete Beuys-Handbuch (vor wenigen Wochen erschienen, 99 Euro) den Beitrag zum Thema Beuys und Musik zu verfassen. Bei der Recherche stieß sie auf eine neue Dissertation. In dieser wissenschaftlichen Veröffentlichung entdeckte sie zu ihrem großen Erstaunen zwei Dutzend Stellen aus ihrer 30 Jahre alten Arbeit – ohne, dass sie als Quelle benannt wurde.

Hintzen nahm mit dem Tectum Verlag Kontakt auf, wies auf den Plagiatsfall hin – die Verantwortlichen reagierten umgehend. Die Dissertation wurde zurückgezogen, stattdessen erhielt die Klever Musikwissenschaftlerin das Angebot, ihr eigenes Buch zu veröffentlichen. Gesagt, getan, und so können kunstsinnige Menschen, die sich für die Rolle und Bedeutung von Musik im Werk von Joseph Beuys interessieren, nun in einem kompakten Buch alles Wissenswerte dazu erfahren. Die Kapitel heißen beispielsweise „Das Erdklavier“, „Die Sibirische Symphonie“, oder „Klavierspiel nach Sauerkraut“. Das Buch kostet 26 Euro.

Da die Bildrechte natürlich nach wie vor ein Problem darstellen, gibt es in dem Buch keine Abbildung, für das Titelbild allerdings griff die Autorin auf die Arbeit eines Studenten zurück, der in seiner Abschlussarbeit die berühmte Beuys-Performance „Ja ja ja nee nee nee“ in einer Partitur übertragen hat – und natürlich ist der Urheber, Edi D. Winarni, genannt, wie sich das gehört.

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