1000 Meisterwerke: Volksbank-Azubis

rd | 11. August 2007, 18:24 | 5 Kommentare

Mannschaft

Wir sehen das Werk eines unbekannten Fotografen, das der Auftraggeber anlässlich der Einstellung von sieben Auszubildenden mit einigen Zeilen zur erwünschten Deutung an die lokale Presse überreichte: “Hier im Stadion wie auch in der Volksbank Kleverland weiß man: Mannschaftsgeist ist wichtig”, sagt eine Frau, die der Öffentlichkeit als “Ausbildungsleiterin Tanja Gubbels” vorgestellt wird.

Wie es um den Mannschaftsgeist der Volksbank Kleverland bestellt ist, erschließt sich dem Betrachter erst durch die Analyse der Aufstellung, die im Sport auch als “System” bezeichnet wird. Das Geldhaus spielt ein lupenreines 4-1-2-1-2-System, wobei der Lichtkünstler den beiden Stürmern, die als “Personalmanager Joachim Beisel” und “Vorstandssprecher Frank Ruffing” bezeichnet werden, durch die Wahl der Perspektive eine offenbar überragende Bedeutung zumisst. Zum restlichen Ensemble halten die beiden Stürmer etwa zwei Meter Abstand, und – wenn die Figur an der Spitze der dahinter liegenden, leicht verschobenen Raute als Tanja Gubbels identifiziert werden kann – wird die Entrückheit der beiden Herren noch offensichtlicher. Denn nur scheinbar flankieren die beiden Offensivspieler die mit Businesskostüm verfremdete Mittelfeldspielerin im Zentrum des Bildes, so wie in einschlägigen Videos meist mehrere Frauen sich um einen Herrn in der Mitte bemühen.

Die Distanz zwischen den beiden ersten Bildebenen, die Position des Balles bei den beiden Offensivspielern sowie die rautenhafte Verbindung mit drei der sieben Azubis verweist die Frau ins Glied. Ihre Aufgabe in diesem Ensemble scheint es zu sein, Abstand zu halten zwischen “denen da oben” und den jungen Menschen, die sich vielleicht noch Illusionen über Aufstiegsmöglichkeiten im Berufsleben hingeben. Für die sieben Berufsanfänger sind die dritte, vierte und fünfte Bildebene reserviert worden, und die Mimik des linken Angreifers macht ersichtlich, dass – gäbe es auch noch eine sechste, siebte und achte Bildebene – er sie gerne noch weiter in Richtung Dienstboteneingang platzieren würde.

“Der Star ist die Mannschaft”, sagte einst Berti Vogts, und diese Fotoarbeit macht auch an kleinen requisitorischen Details deutlich, dass dies in der Volksbank Kleverland offenbar eine andere Bedeutung hat als im Rest der Welt: Das subalterne Personal ist auf einer Werbeplane postiert, die leicht als Logo des Geldhauses zu identifizieren ist, womit offenbar ausgdrückt werden soll, dass sie auf den sicheren Untergrund eines Unternehmens angewiesen sind, um in der harten Welt des Kapitalismus bestehen zu können. Nur die beiden Alphatiere Ruffing und Beisel dürfen vorrücken auf den Rasen, der die Welt bedeutet.

Insgesamt also vermutlich eine stimmige Darstellung der real existierenden Machtverhältnisse in einem kleinen Geldinstitut am Rande der Republik, wenn nicht ein monströs aberwitziges Detail das sorgfältig konstruierte Hierarchieidyll konterkarieren würde: Es sind keine Zuschauer zu sehen. Die Tribüne – so leergefegt, wie wir das sonst nur aus internationalen Begegnungen kennen, die nach Zuschauerkrawallen auf Geheiß der UEFA unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden mussten.

Doch hier liegen die Dinge offensichtlich anders: Vermutlich haben die beiden Frontmänner durchaus ein Sensorium für die Fragilität ihrer Situation, die allerdings im Kleingehege einer regionalen Bank gut zu kontrollieren ist. Doch im Fußballstadion herrscht auf den Rängen eine massive Konzentration von Fachwissen und Umsturzbereitschaft – und von beiden Seiten attackiert, dürften die Alphatiere vor einer Situation stehen, die nicht mehr zu beherrschen ist: Aus der Sicht des Experten entlarvt sich die scheinbar sinnvolle Aufstellung als absurde Konstruktion – welcher Trainer würde seine ältesten Kräfte in die Sturmspitze beordern und eine Abwehr aus Jungspunden zusammenstellen? Noch größer indes dürfte die Angst vor einer pöbelnden Menge sein: Zwar trägt die Bank den Namen des Volkes, aber womöglich ist die gähnende Leere Ausdruck der Befürchtung, dass grölende Chöre proletarischer Fans (“Ausziehen! Ausziehen!”) die Würde des ständekapitalistischen Idylls unterminieren.

So übermittelt uns diese Komposition so eindringlich wie nur wenige andere eine Vorstellung von der Vergeblichkeit aller kapitalistischen Anstrengungen, eine Fassade der Bedeutung zu errichten (“Weg frei zur Karriere”, ist die dazu gehörige Pressemitteilung betitelt). Sobald man etwas genauer hinschaut, sieht man nur – nackte Angst.



Alles planieren!

rd | 11. August 2007, 16:59 | 4 Kommentare

PressemeldungEben noch hatte ich mit Hilfe von Photoshop einige weitere schöne Bodenplatten für die Klever Innenstadt entworfen (mehr hier), da meldet die Lokalpresse schon, dass “im Bereich des historischen Stadtkerns unterirdisch zahlreiche Rückstände mittelalterlicher sowie frühneuzeitlicher Bauten zu finden (sind), die Rückschlüsse auf die Veränderung der Siedlungsstruktur in Kleve zulassen… Aus diesem Grunde hat das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege beantragt, den historischen Stadtkern von Kleve in die Liste der ortsfesten Bodendenkmale einzutragen.” Ein bisschen schade für die Eigentümer von Grundstücken, die beispielsweise mal einen Keller ausheben wollen: “Veränderungen im Bodenbereich (bedürfen) einer denkmalrechtlichen Erlaubnis.” Deshalb mein erweiterter Vorschlag: Alles planieren, das Gelände versiegeln und mit folgender Bodenplatte versehen:

Bodenplatte

Schandfleck in Kleve | kleveblog (21.01. 16:47): [...] [...]...
ralf.daute (02.01. 13:02): So war's gedacht… und später gibt's dann die Inhalte nur noch für teure...
W.M.H. (02.01. 12:35): Diese Seiten machen ja süchtig!...
Hymerborn – neuer Stadtteil entdeckt | kleveblog (02.11. 03:05): [...] Die Idee, den Besitzern von Wohnmobilen in Innenstadtnähe einen Stel...


Glücksenten aus dem ER

rd | 07. August 2007, 21:16 | keine Kommentare

Der Emergency Room Kleves, das ist die Chirurgische Ambulanz des St.-Antonius-Hospitals. Hier treffen sich Amateurfußballer (nach Foulspiel), Handwerker (nach motorischen Aussetzern) und Discokids (nach Stoffwechselexperimenten).
In der vergangenen Woche, Freitag Abend, 23 Uhr, war die Chirurgische Ambulanz zum ersten Mal nach vielen Jahren auch wieder mein medizinischer Fluchtpunkt. Die Frage: War die Sitzkante einer Turnhallenbank stärker als das Schienbein meines Sohnes (4)? Ich ahnte nichts Gutes – nicht nur wegen des Knochens. Zu viele Discokids im Warteraum, alle Dienst habenden Ärzte unterwegs zu Unfällen, „Ohne Versichertenkarte geht hier gar nichts“ usw. usf.
Und dann das: Eine (trotz Hochbetrieb und nächtlicher Stunde) äußerst freundliche und engagierte Krankenschwester. Auch der Arzt erwies sich als sehr zuvorkommender und entspannt-sachlicher Zeitgenosse, der sogar den besorgten Vater (=mich) beruhigen konnte: „Das lassen wir zur Sicherheit röntgen, um einen Bruch auszuschließen.“
Seine wohldosiert empathische Profimiene fünfzehn Minuten später sagte mir dann schon vor dem ersten Wort, dass das mit dem Ausschließen nicht so ganz hingehauen hatte – „aber wahrscheinlich alles ganz unproblematisch“. Arzt und Schwester versorgten den Bruch fachgemäß mit einer Gipsschiene – und bewirkten mit vielen guten Worten, dass ein Kind trotz eines bis zum Oberschenkel eingepackten Beines zufrieden die Klinik verließ (mit einer Glücksente aus Plastik, die ihm die Schwester zugesteckt hatte, fest umklammert in der Hand).
Wenn der Anlass an sich nicht etwas frustrierend gewesen wäre, müsste man sagen: „Wir kommen gerne wieder!“ (Dass die ganze Sache übrigens kein Zufall war, zeigte sich am nächsten Morgen bei der „Gipskontrolle“ – nochmals ein sehr nettes Gespann!)


Verkehr (2): Fiasko am Opschlag

rd | 06. August 2007, 09:22 | keine Kommentare

Im unermüdlichen Bestreben, die Klever Unterstadt für den Autoverkehr noch unpassierbarer zu machen als im Oktober 1944, können weitere große Fortschritte gemeldet werden:

Auf fulminanten 72 Druckzeilen versuchte die Rheinische Post am Samstag ihren Lesern zu erklären, was die Stadtverwaltung nun am Opschlag plant – da dürften selbst Navigationssysteme kapitulieren. Schon der erste Satz lässt das Unheil erahnen: “Die Ausfahrt auf der unteren Herzogstraße in die Bahnhofstraße ist aufgrund der zum Teil eingeschränkten Sichtverhältnisse nicht unproblematisch.” Übersetzung: Wir haben uns da mal was ausgedacht. Später im Text: “Der Opschlag, der durch eine entsprechende Markierung auf eine Einspurigkeit zurückgeführt wird, lässt künftig den Verkehr nur noch in eine Richtung, nämlich von der Herzogstraße bzw. von den Minoritenparkplätzen in Richtung Brücktor zu.” Übersetzung: Mit reichlich Farbe auf der Fahrbahn sorgen wir dafür, dass die Autofahrerei auf der ursprünglich dreispurigen Straße bald ein Ende hat.”

Besonders freuen dürfte die “Kreisunfallkommission”, die angeblich die ganze Aktion initiiert hat, die folgende Veränderung: “Umgedreht wird auch die Einbahnrichtung in der Bensdorpstraße. Der Verkehr fließt dann in umgekehrter Richtung von der Herzogstraße in Richtung Kreisverkehr.” Für den ortsunkundigen Benutzer des Kreisverkehrs heißt dies, er findet eine Abbiegemöglichkeit vor, die er nicht nutzen darf. (Vorschlag: Die Sache präventiv gleich an alle Fahrschulen nach Holland durchgeben.) Ebenfalls sehr schön: “Die Stadt Kleve erhofft sich durch die neue Verkehrsabwicklung, die auch nach der städtebaulichen Erneuerung des Opschlags nicht mehr geändert wird, zum einen eine höhere Verkehrssicherheit, aber auch eine Stärkung des Einzelhandels in der unteren Herzogstraße.” Folgende Hinweise zum Verständnis: Zahl der mir bekannten Unfälle in dem Bereich: null. Eine Steigerung kann nur bedeuten, dass man sogar gesünder aus der Ecke wieder rauskommt. (Wellnesskreuzung? Anknüpfung ans alte Kurbad Cleve??) Zweitens: In allen Teilen der Welt hat es sich als enorm wirtschaftsfördernd erwiesen, große Bereiche einfach von allen Zugangsmöglichkeiten abzuschneiden (z. B. Nordkorea). Aber die Stadtverwaltung “hofft” ja auch nur, und falls dieses Vorhaben überraschenderweise doch scheitern sollte – geändert wird sowieso nichts mehr.
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