Nach 35 Jahren! Der Schuster vom EOC ging auf leisen Sohlen

rd | 20. Januar 2020, 14:13 | keine Kommentare
Gürtel, Schlüssel, Sohlen: Franz Denissen in seinem Ladenlokal

Es war, um im Bilde zu bleiben, ein Abschied auf leisen Sohlen, lediglich ein kleiner Aufsteller auf dem gelben Tresen verwies, versehen mit dem Dank an die treue Kundschaft, darauf hin: Franz Denissen hat zum Jahresende seinen Betrieb, den allseits bekannten „Schuh-Service und Schlüssel-Dienst“ im EOC an einen Nachfolger übergeben – und damit ist die Riege der Schuster aus Kleve, einst ein Zentrum der deutschen Schuhindustrie, um einen weiteren Handwerker geschrumpft.

Denissen ist 62 Jahre alt, und von diesen 62 Jahren verbrachte er mehr als die Hälfte, 35 Jahre, in der Werkstatt und kümmerte sich um die kleinen Probleme des Alltags. Als er anfing, in Kleve zu arbeiten, stand das Einkaufs-Centrum Oberstadt (EOC) noch nicht, und in der Schuhfabrik Gustav Hoffmann war noch ein großer Arbeitgeber in der Stadt (produziert wurde allerdings bereits in Portugal). Denissens Betrieb war dem damaligen Supermarkt „Super 2000“ angegliedert. Dass er sich dort Jahrzehnte um durchgelaufene Sohlen und zu kopierende Schlüssel kümmern würde, war in seiner Lebensplanung ursprünglich nicht vorgesehen. Doch rückblickend sagt er: „Ich habe alles richtig gemacht.“

Denissen hatte orthopädischer Schuhmacher gelernt und eine Stelle in einem Betrieb in Rees gefunden. Dann aber erhielt er aus betrieblichen Gründen die Kündigung und war arbeitslos. Was tun? Er erfuhr, dass in dem kleinen Betrieb in Kleve jemand gesucht wurde. „Eigentlich wollte ich nur zwei Wochen bleiben“, erinnert er sich. Aus den zwei Wochen wurden dann erst einmal sieben Jahre, die er als Angestellter arbeitete, und dann noch einmal 28 Jahre, in denen er sein eigener Chef war.

Würde man alle Sohlen, die Denissen geklebt hat, aneinanderreihen, käme man vermutlich einmal um den Äquator, auf jeden Fall aber sehr weit. Doch nun ist die letzte Sohle geklebt. Für viele Kunden war der Besuch beim Schuster im EOC aber nicht nur die Erfüllung eines Reparaturwunsches, sondern auch die geschätzte Möglichkeit, ein wenig Konversation über Gott und die Welt zu betreiben. Jetzt freut sich Denissen aber auf seinen Ruhestand. Lange Zeit sah es sogar so aus, als würde er keinen Nachfolger finden, doch dann meldete sich ein Unternehmer aus Duisburg, der das Geschäft jetzt fortführt.

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