Man hätte wissen können, dass etwas faul ist, wenn morgens um drei Uhr bei -7° nur elf Menschen warten

rd | 20. Februar 2018, 14:51 | 10 Kommentare
Dienstag, 21. November, 7:34 Uhr vor der Ausländerbehörde an der Nassauerallee: Menschen warten darauf, warten zu dürfen

Wer dieses Gebäude sieht, ist schon von der Nassauerallee 81 bis zur Nassauerallee 18 vorgedrungen

Ein Student der Hochschule Rhein-Waal, der sich gegen Bezahlung für andere in die Warteschlange vor der Ausländerbehörde einreiht, um seine knappe Kasse aufzubessern, hat auf der offiziellen Facebook-Seite der HSRW eine flammende Anklage gegen die Situation, die Antragstellern dort zugemutet wird, erhoben. Bekanntlich hatte der Kreis Kleve vor einigen Wochen die ehemalige Architektenvilla an der Nassauerallee 81 zu einem zusätzlichen Wartebereich umfunktioniert, um die Lage etwas zu entschärfen. Wer vor der Öffnung des Gebäudes dorthin kommt – und alle Antragsteller aus dem gesamten Kreis Kleve, ob sie nun ein Auto haben oder mit dem Fahrrad aus Rees anreisen, müssen diese Anlaufstelle nutzen –, erlebt nun, dass er in einer Schlange wartet, um für den Wartebereich zugelassen zu werden, der wiederum einen Zugang für den eigentlichen Wartebereich in der Behörde an der Nassauerallee 18 ermöglicht, allerdings nur, wenn man Glück hat und rechtzeitig kommt.

Irgendwie scheint der Kreis Kleve, der sich sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit der Hochschule rühmt, vergessen zu haben, dass mit dem Umstand, dass mehrere tausend visapflichtige Studenten in die Stadt strömen, auch ein deutlich höherer Verwaltungsaufwand verbunden ist. Und von den Flüchtlingen, die vor mehr als zwei Jahren überraschend kamen, nun aber nicht mehr überraschend da sind, haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Besagter Student also reihte sich am Donnerstag, 8. Februar, in der Dunkelheit und Kälte in die Schlange der wartenden Menschen ein. Er schreibt: „Kürzlich haben die Verantwortlichen ein System eingeführt, das jeden Tag nur den ersten 50 Menschen, die kommen, ihr Anliegen bearbeitet bekommen. Um sicher zu gehen, dass man sein Anliegen vortragen kann, muss man also einer der ersten 50 Menschen sein. Das heißt, es ist ein verrücktes Rattenrennen geworden! Wir müssen nun also gegen drei Uhr morgens dort auftauchen und dem Ego der Kreis Klever Oberherren schmeicheln, um einer der ersten 50 zu sein. Richtig gelesen, drei Uhr morgens, wenn die Temperatur bei -7°C liegt. Habt ihr je eine schwangere Frau bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt unter freiem Himmel in einer Schlange warten sehen? Wir haben!“

Am vergangenen Donnerstag aber war etwas anders als sonst, schreibt der Student weiter. Als er um 2:55 Uhr an der Nassauer Allee angelangte, war er der Dritte in der Reihe. „Bis um 5 Uhr waren insgesamt nur elf Menschen erschienen, was mir etwas verdächtig vorkam, weil in der vergangenen Woche waren zum gleichen Zeitpunkt schon 45 Leute in der Schlange. Interessanterweise gab es einen Aushang in deutscher Sprache, dass das Amt an diesem Tag geschlossen sei. Die wenigsten in der Schlange sprachen Deutsch, sodass ihnen lange Zeit nicht klar war, dass das Amt an diesem Tag überhaupt nicht öffnen würde. Also wurde uns nach zwei Stunden Warterei in der Kälte klar, dass wir die Leidtragenden eines schlechten Witzes geworden waren. Vielleicht verlange ich etwas viel, aber ein Hinweis in Englisch wäre eine gute Idee gewesen, wenn klar ist, dass die meisten der Wartenden kein Deutsch können.“

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Ist es allen Ernstes zuviel verlangt, diesen Hinweis auch in englischer Sprache zu verfassen? Es muss ja nicht mal ein vollständiger Satz sein, so was wie „office closed today“ hätte schon gereicht! Es gibt übrigens auch Google Übersetzer. Der ergänzende Hinweis, dass dafür die Behörde am Tag zuvor geöffnet hatte, dürfte dem beklagenswerten Dutzend, das am Donnerstag gekommen war, wie eine besondere Form der Verspottung vorgekommen sein.

Der Tag war natürlich jener Donnerstag, an dem Altweiberkarneval gefeiert wurde. Dass Menschen aus anderen Kulturkreisen, denen womöglich auch gerade nicht so nach Feiern zumute ist, diesen Tag nicht auf dem Zettel haben, sollte eigentlich eine Grundannahme sein. Den Mitarbeitern der Behörde, so sie denn überhaupt alle feiern wollten, sei die Teilnahme an Frohsinnsveranstaltungen auch gegönnt – allerdings in einem Epizentrum des Frohsinns, dem Gericht, fanden am Donnerstag Vormittag noch reihenweise Sitzungstermine statt.

Der Student kommt zu der traurigen Einschätzung, dass die Ausländer der Verwaltung schlichtweg egal sind. „Ich höre solche Beschwerden nun schon seit mindestens anderthalb Jahren. Wenn eine Regierung ein kaputtes System binnen anderthalb Jahren nicht reparieren kann, kann es nur eine Erklärung geben: Wir Ausländer spielen überhaupt keine Rolle! Warum läuft es im Finanzamt und beim Bürgerbüro rund, während die Ausländerbehörde so kläglich versagt? Man könnte zu der Erkenntnis gelangen, dass die Ausländerbehörde eine Vendetta gegen Ausländer führt, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um Studenten oder Asylbewerber handelt. Wir sind verzweifelt, und unser Rattenrennen um drei Uhr morgens ist nur eine Verhöhnung durch die so genannte Erste-Welt-Gesellschaft“, so der wütende Schluss des Eintrags.

Microsoft Word, A4 Querformat, ausgedruckt und mit Tesafilm an die Tür geklebt – für Google Übersetzer reichte der Einsatz dann aber nicht mehr…

Microsoft Word, A4 Querformat, ausgedruckt und mit Tesafilm an die Tür geklebt – für Google Übersetzer reichte der Einsatz dann aber nicht mehr…



kleveblog-Einparkhilfe

rd | 19. Februar 2018, 12:03 | 12 Kommentare

(Aktualisiert, mit einer weiteren wichtigen Regel:)

Mäuerchen sind für Verlierer

Mäuerchen sind für Verlierer

Fehler: Grundsätzlich ist es zwar richtig, Tiefgarageneinfahrten so zu benutzten, dass rechts noch ein Radfahrer vorbeifahren kann. Aber was, gnädige Frau, wenn nun ein Lkw entgegenkommt?

Lösung: Tiefgaragen dürfen nur von Menschen befahren werden, die auch ein Y-Chromosom haben. Alles andere führt zu Chaos.

Fehler: Die Heckklappe bleibt beim Einparken geöffnet. Dadurch ziehen möglicherweise gesundheitsschädliche Abgase in den Innenraum.

Lösung: Innenraum mit einem Vorhang vor den Abgasen schützen.

Ein Wintertraum: Parkplatz Linde

Ein Wintertraum: Parkplatz Linde

Fehler: Ca. 20 Pkw-Fahrer haben die weißen Linien ignoriert.

Lösung: Alle abschleppen!

Rücksichtslose Volkswagen-Fahrer

Rücksichtslose Volkswagen-Fahrer

Fehler: Der Fahrer des Volkswagens nimmt dem Fahrer des Marcedes 350 SL den Platz zum ordnungsgemäßen Einparken.

Lösung: Wegen immer größerer Autos schreibt die Straßenverkehrsordnung in ihrer neuesten Fassung vor, dass rechts und links jeweils immer zwei Parkplatz frei bleiben müssen. Der VW-Fahrer hätte also nicht dort parken dürfen. Er hat sich dem Mercedes-Fahrer gegenüber sehr rücksichtslos verhalten.



Leidenschaftlicher Blick auf Goch

rd | 18. Februar 2018, 21:35 | 14 Kommentare
In der Gemeinschaft sind wir stark (Kalbecker Str.)

In der Gemeinschaft sind wir stark (Kalbecker Str.)

Würde ich anstelle des Schweins auch empfehlen

Würde ich anstelle des Schweins auch empfehlen

Toll!

Toll!

Schöne Menschen in der Fußgängerzone

Schöne Menschen in der Fußgängerzone

Wer traut sich schon, mit Alberto Moravia zu werben

Wer traut sich schon, mit Alberto Moravia zu werben?

Fahrschulwerbung, state of the art

Fahrschulwerbung, state of the art

Meditationsübung

Meditationsübung


Dieter Dormann, 1956-2018

rd | 15. Februar 2018, 19:27 | keine Kommentare
Dieter Dormann (Foto: Rheinische Post)

Dieter Dormann (Foto: Rheinische Post)

Es gibt in der deutschen Sprache das selten genutzte Wort „unprätentiös“, das ein Auftreten beschreibt, welches zurückhaltend und ruhig ist. Dieter Dormann war im besten Sinne des Wortes ein unprätentiöser Mensch, so war er schon, als er Mitte der achtziger Jahre zur Lokalredaktion der Rheinischen Post stieß, schon damals rauchend und vorzugsweise Strickpullover tragend, und so ist er Zeit seines Lebens geblieben, zuletzt beispielsweise, wenn er zu einer Zigarettenpause vor die Redaktion trat (auch das meistens im Pullover), und dort, am Hasenberg, einer kleinen Unterhaltung nicht abgeneigt war, auch dann nicht, als die Krankheit schon ihr Zerstörungswerk begonnen hatte.

Lakonisch, so wie es seine Art war, erzählte er von seiner Operation und von bevorstehenden Behandlungen, die jedoch gegen einen übermächtigen Gegner nur das Ziel haben konnten, ihm Zeit abzuringen. Gut anderthalb Jahre nach der Diagnose Gehirntumor, die ihn zu Beginn eines Italien-Urlaubs ereilte, starb Dieter Dormann nun im Alter von 61 Jahren. Der Journalismus in Kleve verliert einen besonnenen Vertreter seines Fachs, einen Mann, der noch die Gabe hatte zuzuhören und der das Staunen nie verlernte. (Beides sehr wichtig im Beruf des Journalismus.)

Nach seinen Anfängen in der Klever Lokalredaktion absolvierte Dieter Dormann, der eigentlich Lehrer werden wollte, aber in Jahrgängen mit zu vielen Absolventen keine Aussicht auf eine Stelle hatte, ein Volontariat in der Hauptredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf und war danach viele Jahre für den Reiseteil zuständig, später dann auch für die Reportage-Seite der Zeitung. Vor gut einem Jahrzehnt kehrte er auch beruflich in seine niederrheinischen Heimat zurück und arbeitete wieder in der Redaktion, in der seine Laufbahn begann. Dieter Dormann lebte mit seiner Frau in Keeken in einem ländlichen Idylle und träumte davon, im Ruhestand, der bereits in Sichtweite zu sein schien, wieder mehr zu reisen. Das war ihm nicht mehr vergönnt.

„Dieter Dormann redete nicht viel. Wenn er aber etwas sagte, dann hatte es Gewicht“, schrieb die Rheinische Post in ihrem Nachruf auf den Kollegen. „Er sprach bedacht, mit Hintergrund und klarer Meinung. Er war für die Redaktion wichtig, weil er offen und ehrlich Notwendiges in die redaktionsinterne Diskussion einbrachte. Er hatte viel Verständnis für die jungen Kollegen. Er verstand sich als ihr Mentor.“ Sein ehemaliger Kollege Christian Breuer ergänzte auf Facebook: „Ich habe ihn als einen Kollegen kennengelernt, der mit einem einzelnen hörbaren Atemzug, einem kurzen Nicken oder Stirnrunzeln und einem angedeuteten Lächeln sehr viel mehr sagen konnte als die meisten Menschen in einer langen Erklärung.“

Das ist gut und richtig beobachtet und soll an dieser Stelle nur um einen Kniff des Lokaljournalismus ergänzt werden, den ich von Dieter Dormann lernte und nie vergessen habe – den großzügigen Einsatz des Wortes „stolz“. Wenn Dieter Dormann von der Einweihung eines neuen Feuerwehrgerätehauses oder von der Eröffnung einer Kaninchenzüchterausstellung in die Redaktion zurückkehrte, fand sich mit großer Zuverlässigkeit in den von ihm verfassten Beiträgen das besagte Wort: „Mit Stolz blickte der Löschzugführer auf den Neubau.“ Oder: „Stolz präsentierte der Züchter den prämierten Deutschen Widder.“

Man mag das für eine Petitesse halten, aber die Wortwahl bezeugte, dass Dieter Dormann auch dem vermeintlich Kleinen und Nebensächlichen mit Achtung und Respekt begegnete und die Gefühle der Menschen, über die er schrieb, aufnahm. In diesem Sinne können die Redakteure der Rheinischen Post stolz sein, einen Kollegen wie Dieter Dormann in ihren Reihen gehabt zu haben.