Aldifloration: „… das gute Gefühl, einer der Ersten gewesen zu sein“

rd | 15. Juli 2018, 01:05 | 12 Kommentare

Dann mal einkehren!

Mit dem Arztberuf geht es bergab. In der neuen Ausgabe des Aldimagazins meine Woche überrascht den Leser die Information, dass ab dem 26. Juli weiße Tieffußpantoletten für 9,99 Euro verhökert werden, dazu weiße Hosen („Job-Style“) und weiße Poloshirts. Das Ganze unter der Überschrift: „Unsere Diagnose: Ein perfekter Auftritt“. Das Foto zu den Angeboten zeigt einen dreitagebärtigen Mann in den Dreißigern, um dessen Hals ein Stethoskop hängt und der einer etwa gleichaltrigen Frau auf einem weißen Handy etwas zu zeigen scheint – also der Inszenierung nach Ärzte im vertrauten Fachgespräch. Was aber die Frage aufwirft, ob der moderne Mensch nicht von Zweifeln befallen wird, wenn sein potenzieller Lebensretter ihm in weißen Tieffußpantoletten und in weißen Job-Style-Hosen entgegentritt. Günstiger wird die Behandlung dadurch ja vermutlich auch nicht.

Man sollte aber ohnehin nicht bis um 26. Juli warten, um die Aldifiliale am EOC aufzusuchen. Die präsentiert sich seit heute morgen, acht Uhr, frisch renoviert und lieferte ihren Kunden eine überzeugende Begründung, warum man am besten schon heute morgen nicht zum Freibad oder zum Flughafen fährt, sondern zur neugestalteten Filiale des Discounters. Sie lautet: „… das gut Gefühl, einer der ersten gewesen zu sein“. Unsere Diagnose: Aldifloration.

Dass aber ausgerechnet der Pfennigfuchser jetzt in Gefühl macht, liefert unserer heiteren Serie von Betrachtungen zum Endstadium des Kapitalismus (auch eine Diagnose) weitere Munition. Festzuhalten ist, dass das Vergrößern und Umräumen der Filiale ungezählten Kunden das ungute Gefühl liefern wird, an Alzheimer erkrankt zu sein – man findet nämlich nichts mehr wieder. Wein am Kopfende, der Brotbackautomat vorne rechts, die Pinienkerne nicht mehr über dem Tiefkühlfleisch, wie ein verrückt gewordener Staubsaugerroboter titscht man von Regal zu Regal, der geradlinige, hocheffiziente Einkauf vergangener Tage wird beträchtlich verzögert, dafür aber haben die Manager vermutlich ausgerechnet, dass die Aufenthaltsqualität um sieben Prozent steigt und die Verweildauer sogar um vier Minuten und dreißig Sekunden.

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Dafür aber braucht man nicht umbauen. Das schafft die Konkurrenz vom netto-Markt an der Linde ganz einfach dadurch, dass konsequent nur eine Kasse besetzt ist.

Soll man sich da nicht lieber gleich alles nach Hause liefern lassen? Ulla Popken, der Textilhändler für Nicht-Hungerhaken, ist da schon auf einem guten Wege: Ein Schaufenster des Geschäfts in der Unterstadt ist komplett mit dem Hinweis beklebt, dass man sich die gewünschten Teile auch online in die Filiale bestellen lassen kann. Mal sehen, wann die erste Kundin merkt, dass dieses Einkaufserlebnis noch mehr convenient gestaltet werden kann, wenn man sich die Sachen gleich nach Hause liefern lässt.

Schaufenster zum Cyberspace: Ulla Popken

Unterdessen ist die ehemalige DM-Filiale am Fischmarkt schnell wieder befüllt worden: Jack Jones heißt der neue Laden. Wer allerdings denkt, damit steige die Vielfalt der Anbieter in der Innenstadt, ist auf dem Holzweg: Jack Jones ist eine von 23 Marken des dänischen Bestseller-Konzerns, andere heißen zum Beispiel: Only und Vero Moda. Alles eine Sauce, fast wie in der DDR, nur ein bisschen bunter.

Doch selbst die Imitation von Vielfalt scheint nicht mehr auszureichen, die Lücken in der Klever Haupteinkaufsstraße zu schließen. Der staunende Betrachter der Zeitläufte muss sogar hinnehmen, dass die Insignien der modernen Welt, Firmenschilder von Telekommunikationsunternehmen, mirnichtsdirnichts aus der Stadt verschwinden. Die Vodafone-Filale am Hasenberg, die gewissermaßen den Umbruch der Medienwelt symbolisierte, zog sie doch in die Räume, in denen vorher Jahrzehnte die Geschäftsstelle der Rheinischen Post residierte, war Ende Juni plötzlich selbst nur noch Geschichte. Jetzt ein Leerstand, das skurrile Geschäft daneben gleich mit. Etwas weiter stadtabwärts Street One, Samoon, Drunkemühle, Schmidthausen – und natürlich der Dauerpatient Ex-Café-Lust, bei dem nun das deutlich aggressiver auftretende Maklerunternehmen Remax versucht, einen neuen Mieter (Gastronomen?) zu finden. Auch dort: Das Schaufenster eine große Werbefläche – vielleicht ist das die Zukunft?

Es gab Interessenten, doch die Vorstellungen waren wohl nicht deckungsgleich. Also, nach wie vor: ZU VERMIETEN (ehemals: Café Lust)

Genauer wissen das natürlich Leute, die in einer Werkstatt arbeiten, in der an der Zukunft geschmiedet und gefeilt wird. Richtig, in der Zukunftswerkstatt von Rheinischer Post und Volksbank Kleverland kamen Britta Schulz (Bürgermeisterin Stadt Kalkar), Thomas Görtz (Bürgermeister Stadt Xanten), Max Ingo Festing (ehemaliger Geschäftsführer Saturn), Ute Marks (Stadtplanerin und Ex-Chefin des Klever Stadtmarketings), Han Groot Obbink (Wunderland Kalkar), Joachim Rasch (Wirtschaftsförderer Stadt Kleve), Frank Ripkens (Volksbank Kleverland) sowie Matthias Grass und Marc Cattelaens (beide Rheinische Post) zusammen, um zu besprechen, wie es weitergehen soll.

Der Artikel hat die Überschrift: „Kleve: Eine Stadt sucht ihr Profil“. Muss man aber gar nicht, meint der Wirtschaftsförderer: „Wir sind die Schwanenstadt und wir sind eine Einkaufsstadt“, wird Joachim Rasch zitiert. Zur Befeuerung des ersten Teils hat die Stadt die Sitzschwäne aktiviert, für das zweite gibt es ja ein paar Geschäfte. Seine Vorgängerin Ute Marks sagte: „Wir brauchen eine Emotionalisierung. Die Menschen wollen etwas in Kleve erleben.“

Das aber deckt sich mit meinen Beobachtungen: Hier kannste was erleben.



„Tag der richtigen Berufswahl“

rd | 15. Juli 2018, 01:04 | 6 Kommentare

Kannte ich noch nicht. War gestern. Schnack unter Lehrern zum Beginn der Sommerferien.



Lebenslang!

rd | 12. Juli 2018, 22:06 | 2 Kommentare

Zum Prozessauftakt verbarg Tom K. sein Gesicht hinter einem Aktenordner

Eine Eigenheit von Jürgen Ruby ist es, am Ende der Urteilsbegründung auch der verlorensten aller Seelen einen aufmunternden oder versöhnlichen Satz mit auf den Weg in die Strafanstalt zu geben. Doch bei Tom K., den die 4. große Strafkammer des Landgerichts Kleve soeben zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt hatte, fehlten dem Vorsitzenden Richter offenbar die begütigenden Worte. „Die Sache ist hiermit erledigt“, mit diesem Satz endete die juristische Aufarbeitung des brutalen Mordes an dem Tankstellenpächter und Kirchenorganisten Robert C. aus Emmerich-Elten, der kurz vor Weihnachten nach einem Gewaltexzess mit mit einem Feuerlöscher erschlagen worden war.

Lebenslang – dieses Strafmaß hatte Staatsanwalt Marco Held in seinem Plädoyer verlangt, Rechtsanwalt Dr. Karl Haas, der als Nebenkläger den Adoptivsohn des Opfers vertrat, hatte sich dieser Forderung angeschlossen und zusätzlich 50.000 Euro Schmerzensgeld eingeklagt, und auch Tanja Reintjes, die Verteidigerin des gelernten Dachdeckers aus Kellen, hatte im Angesicht der eindeutigen Beweisaufnahme der Version der Ankläger weitestgehend folgen müssen und für eine „angemessene Bestrafung“ plädiert.

Der Angeklagte selbst, der im kommenden Monat 26 Jahre alt wird, hatte während des ganzen Prozesses geschwiegen. Allerdings hatte er sich bereitwillig an einer gefilmten Rekonstruktion der Tat beteiligt, und an weiteren Sachbeweisen bestand kein Mangel. Unmittelbar nach der Tat sandte er eine SMS an seine Freundin: „Ich habe richtig, richtig, richtig Scheiße gebaut. Fuck!“ Gestern, am fünften und letzten Prozesstag, meldete sich Tom K. erstmals zu Wort. Er sagte: „Es tut mir sehr leid, was ich getan habe, und ich bereue es zutiefst.“ Dieses Bedauern hatte er zuvor auch schon in einem Brief an den Adoptivsohn ausgedrückt, verbunden mit der Erwartung, den Rest seines Lebens hinter Gittern zu verbringen.

Dafür sorgte die 4. große Strafkammer gestern mit ihrem Urteil.

Nach Ansicht der Kammer führte eine Kombination mehrerer Umstände zu der schrecklichen Tat vom Dezember vergangenen Jahres. Den Anstoß gab eine sexuelle Begegnung der beiden Männer in der Wohnung des Dachdeckers im September vergangenen Jahres. Sie hatten sich über ein Internetportal kennen gelernt, am Brücktor in Kleve kam es dann nach Auffassung des Gerichts zum Analverkehr. Das hatte der Angeklagte zwar nie zugegeben, aber die Kurzmitteilungen des späteren Opfers sprachen eine andere Sprache. Richter Ruby: „Der Angeklagte hat darauf möglicherweise mit Abscheu vor sich selbst reagiert.“

Als bei Tom K. einige Monate später Finanzprobleme auftraten – unter anderem musste der Drogenkonsum konsumiert werden –, begann zielgerichtet die Suche nach einem Opfer. Ein früherer Arbeitgeber schied aus, weil der Familie hatte und sich deshalb offenbar so etwas wie Mitgefühl regte. Daraufhin rückte der Sexualpartner aus Elten ins Visier – ein 77 Jahre alter, allein lebender Mann mit einem nach Ansicht des Dachdeckers lohnenswert erscheinenden Vermögen.

„Das bestimmende Motiv war, dass er Geld haben wollte“, so Ruby – Mordmerkmal Habgier. 350 Euro hatte der Täter in der Wohnung gefunden, nachdem sein Opfer im Keller einer Vielzahl von Verletzungen erlegen war. Deshalb kam zum Schuldspruch wegen Mordes noch der wegen Raubes mit Todesfolge hinzu.

Die beiden anderen möglichen Mordmerkmale wollte die Kammer hingegen nicht gelten lassen. Heimtücke schied aus juristischen Gründen aus, weil das Opfer sich noch einmal zur Wehr setzen konnte und einen – beinahe sogar erfolgreichen – Fluchtversuch unternommen hatte. Mordlust sei ebenfalls nicht gegeben gewesen, auch wenn der Angeklagte Tötungsfantasien eingeräumt hatte. „Das Töten war nicht der einzige Zweck der Tat“, so die Einschätzung des Gerichts.

Bei der Einschätzung möglicher Einschränkungen der Schuldfähigkeit folgte das Gericht vollständig dem Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Jack Kreutz. Der Chefarzt der Rheinischen Kliniken hatte zwar Anzeichen für Persönlichkeitsstörungen gefunden, allerdings nicht in einem solchen Ausmaße, dass der Angeklagte vermindert schuldfähig oder sogar schuldunfähig ist. Auch der Drogenkonsum von Tom K. war nach Auffassung des Mediziners nicht so weit eskaliert, dass ein psychiatrisches Eingreifen erforderlich ist.


Ein anderer Blick auf Kleve

rd | 12. Juli 2018, 16:06 | 5 Kommentare

Mut zur Lücke: Kleve ca. Anfang der 60-er Jahre (Foto: Westdeutsch. Luftfoto, Flughafen Bremen, der Senator f. Häfen, Schiffahrt u. Verkehr, Bremen)

Dieses Foto entstand nach 1956 und vor 1969. Das wissen wir, weil bis 1956 der Wiederaufbau der Stiftskirche erfolgte, zunächst allerdings noch ohne Türme, die wurden dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gotteshaus erst 1969 wieder hinzugefügt.

Eine genaue Datierung wäre der ideale Stoff für eines der beliebten kleveblog-Sommerrätsel, davor scheut die Redaktion allerdings zurück angesichts des Desasters, das ein vergleichbares Foto vor einiger Zeit ausgelöst hatte.

Interessant ist das Bild, das die Buchhandlung Hintzen dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, weil es der Fülle an alten Aufnahmen (man glaubt ja mittlerweile, wirklich schon jedes Schwarzweiß-Foto der Stadt gesehen zu haben) eine neue, deprimierende Nuance hinzufügt.

Rechts von der Stiftskirche sehen wir eine kleine Baustelle und darum eine Brache, die noch bis in die Achtzigerjahre als begehrter, innenstadtnaher Parkplatz diente. Heute steht dort ein monumentales Bürogebäude, in dem lange die Volksbank beheimatet war und wo nun unter anderem die Redaktion der Rheinischen Post sowie Teile der Justiz ihren Sitz haben.

Links der Stiftskirche erkennt man ein heiteres Ensemble von Mehrfamilienhäusern, die irgendwann dem trutzburgartigen Neubau der Sparkasse weichen mussten. Oberhalb der Stiftskirche verläuft schräg quer durchs Bild die Hagsche Straße mit reichlich Baulücken.

Noch interessanter ist der Blick zur Stechbahn, die in spitzem Winkel rechts am Bildrand von der Hagschen Straße abzweigt. Gut zu sehen sind zwei quer zur Straße gebaute Häuser – die ehemalige Hilfsschule. Diese Häuser sind heute ebenfalls verschwunden und durch eine geistlose Gruppe von überdimensionierten Bürogebäuden ersetzt worden, die heute weitestgehend leer stehen oder hastig zu einem Studentenwohnheim umfunktioniert wurden.

Am oberen Bildrand noch die kleine Kirche an der Böllenstege mit dem Park, der nach rechts fast bis ans Ende der Straße reicht. Den hat Saturn an der einen Seite angefressen, an der anderen Seite der Kindergarten Böllenstege.

Fazit: Man erblickt ein Foto, das etwas älter ist, und kann gleich einen Roman stadtplanerischer Fehlentscheidungen schreiben.