Tag des Marktes

rd | 17. Mai 2019, 13:49 | 13 Kommentare
In einem Land vor unserer Zeit: Markt Linde, ca. Mitte der 60-er Jahre

Sind so viele Märkte! Supermärkte, Möbelmärkte, Trödelmärkte, Weltmärkte, Drogeriemärkte, unsereins verbindet mit dem Wort Markt – vom lateinischen mercatus (Handel) – vermutlich nur noch selten die Urform des Marktes als einen Ort, an dem Verkäufer und Käufer zusammenkamen.

Kleve ist voller Märkte: Schweinemarkt, Fischmarkt, Kleiner Markt, Großer Markt, und das Foto oben mag einen Eindruck des Treibens vermitteln, das früher auf Märkten herrschte. Heute parken auf den meisten dieser Plätze Autos.

Das Bild, aufgenommen aus dem Turm der Versöhnungskirche, zeigt den Markt Linde, den letzten der verbliebenen Klever Märkte, der diesen Namen noch verdient. (In der Unterstadt gibt es wochentags auch ab und an ein paar Gemüse- und Blumenstände, aber sie als Markt zu bezeichnen, wäre etwas hoch gegriffen.) Doch auch Markt Linde scheint  allmählich der Welt zu entgleiten: Ursprünglich nahm er die komplette Fläche des Platzes an der Kreuzung Hagsche Straße/Ringstraße ein, seit einigen Jahre ist er jedoch bereits auf die Hälfte eingedampft (der Rest steht als Parkplatz zur Verfügung), die Zahl der Marktstände dürfte bei etwa einem Dutzend liegen.

Umso wichtiger, dass die verbliebenen Händler auf sich aufmerksam machen – und vielleicht beim Klever noch einen Umdenkensprozess einlkeiten. Warum sollte in Kleve nicht gelingen, was in vielen anderen Städten auch funktioniert – dass der Markt tatsächlich ein realer (und nicht virtueller) Treffpunkt für die Menschen ist, dass dort Lebensmittel frisch, direkt vom Erzeuger und in bester Qualität zu bekommen sind, und dass geklatscht und getratscht werden kann (eigentlich ein Klever Spezialgebiet).

Deshalb findet am Samstag, 18. Mai, an der Linde von 8 bis 13 Uhr der zweite „Tag des Marktes“ statt. „Wir wollen den Menschen zeigen, dass der Markt viel mehr als nur eine Handelsplattform ist, sondern gleichzeitig auch ein Treffpunkt und Ort zum Austausch“, sagt Nils Roth, Betreiber der beliebten Kaffeebude und einer der Organisatoren des Events. Neben Lebensmitteln (Erdbeeren, Spargel) gibt es am Samstag Informationen (Vereine stellen sich vor) und Kultur (Musik, Tanz, Theater). Also: Wenn es die Zeit erlaubt – nichts wie hin zum Markt! Schlechtes Wetter als Ausrede kann nicht gelten gelassen werden: Die Händler sind auch jede Woche da.



10 Jahre HSRW: Die Hochschule, die sie nicht geworden ist

rd | 16. Mai 2019, 14:01 | 42 Kommentare
Das Prinzip Hochschule: Jeder bekommt ein Stück vom Kuchen, manche Stücke fallen sogar richtig groß aus (Torte, die zur Eröffnung des Campus Kleve am 21. September 2012 verköstigt wurde)

Die Hochschule Rhein-Waal (HSRW) feiert in diesen Wochen ihr zehnjähriges Bestehen, ein Ereignis, das kleveblog natürlich nicht unkommentiert stehen lassen kann und will, sodass die geschätzte Leserschaft in nächster Zeit den einen oder anderen Artikel zu lesen bekommen wird, der den vermutlich nötigen Kontrapunkt zu den Jubelarien bilden wird, die außerdem noch in anderen Medien veröffentlicht werden. Möge der Leser sich am Ende selbst ein Bild machen!

Zum Jubiläum lädt die Einrichtung unter anderem zu Tagen der offenen Tür, die an den beiden Standorten in Kleve (24./25. Mai) und in Kamp-Lintfort (14./15. Juni) abgehalten werden. Den HSRW-Verantwortlichen gelang es, als Moderator den 1LIVE-Reporter Daniel Danger zu verpflichten, der, wenn mich meine Hörerinnerungen nicht trügen, seinen Nachnamen Englisch ausspricht, sodass sich auch die Wortbedeutung Gefahr ergibt. Insofern ist der Mann gut gewählt: Auch wenn die Hochschule zwischen Donsbrüggen und Düffelward mittlerweile ein gewisses Ansehen genießt, ist der Ruf ab Düsseldorf und dahinter doch in einem Zustand, der sich irgendwo zwischen ramponiert und ruiniert bewegt.

Nach sechs Jahren jagte die schillernde Professorenschaft die Gründungspräsidentin Professor Dr. Marie-Louise Klotz vom Hof, nicht zuletzt infolge zahlreicher erratischer Entscheidungen und einer grassierenden Günstlingswirtschaft (zum Jubiläum wird die Dame übrigens wieder hervorgekramt). Dann quittierte nach einer Intrige der Vorsitzende des Hochschulrats den Dienst, ihm folgte zwei Jahre später die zweite Präsidentin, die sich ebenfalls düsteren Machenschaften ausgesetzt sah.

Der neue Vorsitzende des Hochschulrats, ein Professor aus Aachen, der schon einmal eine Anwaltskanzlei bemühte, um kleveblog die Verwendung des Wortes Dösbaddeligkeit in Zusammenhang mit seinem Agieren zu untersagen (natürlich vergebens), installierte als Interimspräsidenten einen 69 Jahre alten Professor der Elektrotechnik, der mit dieser gewissen Störrischkeit, zu der Menschen im Alter schon mal neigen, die These des vom Menschen gemachten Klimawandels negiert.

kleveblog versuchte dazu ein schriftliches Interview mit dem Interimspräsidenten zu führen. Bei manchen Antworten verwies Professor Menzel auf eine Präsentation, die er selbst zum Thema Klimawandel angefertigt habe. kleveblog erbat diese Präsentation, Menzel übersandte sie – und verbot unter drohender Anführung einiger Paragrafen, daraus zu zitieren. Man kann sich also etwa vorstellen, um welch krudes Machwerk es sich handelt. Kürzlich lud die Hochschule dann übrigens zu einem „Festival der Nachhaltigkeit“ – mit dem Bock als Gärtner.

Wie aber konnte es so weit kommen? Warum ist die Hochschule Rhein-Waal im Gegensatz zu den anderen Neugründungen in Nordrhein-Westfalen ein nie versiegender Quell des Staunens darüber, was in einer öffentlichen, vom Steuerzahler finanzierten Einrichtung des Landes so alles möglich ist?

Wer nach einer Antwort sucht, wird möglicherweise in einem Dokument fündig, das das Bild einer Hochschule zeichnet, die diese Hochschule dann nie geworden ist – es handelt sich um die Präsentation, mit der der Kreis Kleve sich im Mai 2008 erfolgreich um den Zuschlag für eine der neu zu gründenden Fachhochschulen beworben hat (Kreistag-Vorlage 24/406).

Wenn man dieses Dokument mit dem vergleicht, was sich in den vergangenen zehn Jahren zunächst in Emmerich, dann in Kleve und auch in Kamp-Lintfort entwickelt hat, drängt sich fast die Vermutung auf, dass die Gründungspräsidentin es nie gelesen hat. Klotz verfolgte auf jeden Fall von Anfang an andere Pläne.

Die Präsentation trägt die Überschrift: „Fachhochschule Kreis Kleve: Stärken der Region stärken!“ Darin heißt es, dass Kleve „wegen der urbanen Attraktivität, der Zentralität, der städtebaulichen Voraussetzungen und der Nähe zu den Niederlanden […] der am besten geeignete Standort im Kreis“ sei. Die Fachhochschule werde für eine Zielzahl von 2500 Studierenden konzipiert (aktuell: 7500, davon mehr als zwei Drittel in Kleve).

Wörtlich heißt es unter Punkt 4: „Dies ist ein zusätzliches, wohnortnahes Bildungsangebot für ca. 40.000 Einwohner im Alter von 18-30 Jahren im Kreis Kleve und für alle, die an Weiterbildung interessiert sind.“ Bekanntlich hält sich die Zahl der Studierenden aus den Kreisen Kleve und Wesel in engen Grenzen, dafür sind deutlich mehr aus den Provinzen Maharashtra, Rajasthan und Uttar Pradesh gekommen. 

Die Vernetzung mit der Region sollte sich laut Präsentation in den dominierenden Studienfächern widerspiegeln: Die Schwerpunkte des ursprünglichen Konzepts wurden in den Bereichen Agrobusiness/Ernährungswirtschaft, Logistik und Maschinenbau gesetzt, weil diese Branchen in der Region bedeutend sind. Zumindest in Teilen wurde dieser Plan verwirklicht, inzwischen aber gibt es an der Hochschule 36 Studiengänge, deren Sinn sich insbesondere Praktikern aus der Wirtschaft nicht immer unbedingt erschließt.

Großen Wert legte der Kreis Kleve in der Bewerbung auf die duale Ausrichtung: „Die Studierenden sind an der Fachhochschule immatrikuliert und gleichzeitig in einem Ausbildungsverhältnis mit einem regionalem Unternehmen engagiert.“ Studenten, auf die das zutrifft, sind aber weder ein Kleve noch in Kamp-Lintfort zu finden, und wenn doch, dann höchstens eine Handvoll. Dazu ist die englischsprachige Ausrichtung (die insbesondere internationale Studenten anlockt) offenbar zu weit entfernt von der Arbeitswirklichkeit der niederrheinischen Unternehmen. Möglicherweise sind auch nicht alle der Studiengänge dafür geeignet.

Internationalität taucht indes schon auf – zumindest als Stichwort in der Bewerbung: „Die Fachhochschule Kleve wird sich international positionieren.“ Möglicherweise hatte die Gründungspräsidentin nur diesen Satz gelesen, nicht aber den folgenden: „Das betrifft nicht nur die Ausbildung (zum Beispiel verpflichtende Auslandssemester oder Auslandspraktika), sondern auch die grenzüberschreitende wissenschaftliche Zusammenarbeit (insbesondere mit niederländischen Hochschulen und Unternehmen).“

Die Niederlande mit der Ballungsregion Arnheim-Nimwegen direkt vor der Haustür sind für die HSRW immer noch terra incognita. Es gehen mehr junge Menschen von Kleve aus zum Studieren nach Nimwegen oder Arnheim als umgekehrt – und dies trotz der Studiengebühren, die im Nachbarland erhoben werden. Die Zahl der niederländischen Studenten in Kleve liegt trotz vielfältiger Bemühungen bei wenigen Dutzend. 

Die Bewerbung kalkulierte auch die Kosten für die Hochschule (das, was vom Steuerzahler getragen wird). In der Präsentation wird ein jährliches Gesamtbudget von „ca. 14 Mio. €“ prognostiziert. Wie so vieles andere auch, war auch diese Schätzung fern jeder Realität: Im Haushalt 2016 hatte das Land NRW tatsächlich bereits 38.986.500 Euro, also knapp 40 Millionen Euro, für die Einrichtung vorgesehen.

 So sieht es aus, wenn jeder sein Stück Kuchen bekommen hat


Grundschule An den Linden: Größte Gefahr bleibt Sitzenbleiben

rd | 07. Mai 2019, 17:46 | 40 Kommentare
Schüler müssen nichts befürchten außer schlechte Noten

Sie sind mit dem Leben davongekommen, jetzt können sie wieder dafür lernen – die Schüler der Grundschule An den Linden in Kleve. Gerade eben gab die Stadt Kleve das Ergebnis von Messungen bekannt, mit denen Spezialisten die Konzentration von Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) in drei renovierten Klassenräumen bestimmten. „Im Ergebnis ist festzustellen, das alle Richtwerte RW I (Vorsorgewerte) unterschritten werden. Es besteht hinsichtlich flüchtiger PAK kein Handlungsbedarf“, schreibt Gutachterin Dr. Andrea Frank-Mokroß in ihrem 22 Seiten langen Gutachten. In der (subjektiven) sensorischen Bewertung befand die Expertin, dass ein Raum muffig und zwei nach Mottenkugeln riechen, die Intensität dieser Wahrnehmungen sei allerdings in allen Fällen „akzeptabel“. 

Doch entscheidend sind ohnehin die Aussagen hinsichtlich der Schadstoffe. Mit Hilfe des Probeentnahmegeräts Desaga GS 312 wurden jeweils zwei Stunden in jedem Klassenraum jeweils rund ein Viertel Kubikmeter Raumluft angesaugt und auf möglich schädliche Bestandteile untersucht. 

Für die genannten PAK gibt es zwei Richtwerte. Wird der zweite überschritten, besteht nach gegenwärtigem Wissensstand Handlungsbedarf. Der erste Richtwert hingegen benennt eine Konzentrationsgrenze, bei der – ebenfalls nach gegenwärtigem Wissensstand – selbst bei lebenslanger Exposition keine Schäden an Leib und Leben zu erwarten sind. In Kleve blieben die Messwerte in allen drei Räumen sogar unter diesem niedrigeren Wert. 

Der Aktionskünstler und Bildhauer Max Knippert, Vertreter der Elternpflegschaft, hatte gestern noch in einem offenen Brief (auch als Kommentar auf kleveblog veröffentlicht) die Informationspolitik der Stadtverwaltung harsch kritisiert. „Das Sachverständigenbüro Mokroß hat die PAK-Konzentration in der Grundschule An den Linden am 18.4.2019 festgestellt und dokumentiert. Das Ergebnis liegt der Stadt und allen Fraktionen seit Wochen vor: mit 2.900 mg/kg ist die Belastung 48 mal höher als zulässig! Wenn wir verhindern bzw. ausschließen wollen, dass unsere Kinder erkranken, dann muss jetzt umgehend gehandelt werden!“

Nun sieht es offenbar so aus, dass nicht gehandelt werden muss. 

Der erste Bericht von kleveblog zu dem Thema: Müssen Grundschüler wissen, was Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe sind?

Der offene Brief von Max Knippert von gestern: Sehr geehrte Bürgermeisterin…

Das komplette Gutachten: Gutachten zur Untersuchung der Innenraumluft auf flüchtige polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) GS An den Linden (3 Räume)


T. L., der Darknet-König aus Kleve: Abi am Stein, im 5-er BMW zur Schule, Computerkeller im Elternhaus

rd | 04. Mai 2019, 15:01 | 18 Kommentare
Ein fröhlicher Junge mit einer dunklen Seite, von der niemand etwas ahnte: T. L.

(Aktualisiert, mit weiteren Informationen zu Verhaftung und zur Schusswaffe) Einmal, zu Zeiten, als T. L. noch Oberstufenschüler im Freiherr-vom-Stein-Gymnasium war, hatte er fünf Euro Schulden bei einem Mitschüler. Für die Rückzahlung machte T. ein ungewöhnliches Angebot: Er könne das Geld auch in Bitcoin, der virtuellen Kryptowährung, die nur als Berechnung auf Servern existiert, bekommen. Der Mitschüler lehnte dankend ab – und bekam Bares. T. war indes schon in der virtuellen Welt unterwegs, und zwar dort, wo in der Anonymität richtig Geld geschaufelt wird.

Seine Mitschüler an der Schule in Kleve bekamen den wachsenden Wohlstand als erste vor Augen geführt. T., ein Jahr älter als seine Jahrgangsstufenkameraden, kam irgendwann mit einem 1-er BMW zur Schule. Schon einige Monate später wurde das Fahrzeug ausgetauscht, statt mit dem Kleinwagen fuhr T. nun in einem üppig ausgestatteten 5-er BMW vor. Das erregte bei den Mitschülern Aufsehen, und es kamen Fragen auf, woher der plötzliche Wohlstand stammt. L. sagte, er mache im Internet Geschäfte. 

Welche Geschäfte aber? Einen Hinweis hätte vielleicht das Autokennzeichen des 5-er BMW geben können, es beinhaltete die Zahlenfolge 420. Zufall? Die Reihung – gesprochen: four-twenty – gilt in den USA als Codewort für Cannabis-Konsum. In der Jahrgangsstufe wussten einige, dass er sehr aktiv im Internet unterwegs war, wie genau aber, darüber erzählte er nichts. Wer ihn zu Hause besuchte, erlebte einen gastfreundlichen, höflichen und zuvorkommenden Menschen, der im Keller seines Elternhauses eine Mischung aus Jugendzimmer und Computerlabor unterhielt. Mehrere großformatige Bildschirme waren in Betrieb. Nicht wirklich ungewöhnlich aber in diesen Jahrgängen.

L.s Leistungskurse am Stein-Gymnasium waren Mathematik und Pädagogik, drittes Abiturfach war Informatik. In der Abizeitung, in der die Schüler sich immer gegenseitig hochnehmen, witzelten die Autoren über ihn in Form eines neckischen Beitrags, der die ahnungsvolle Überschrift „Haftbefehl“ trägt. Darin heißt es:

„Haftbefehl für T. L. (auch bekannt unter den Pseudonymen […]), CEO von T. Enterprises, aufgrund des Verdachts von folgenden Straftaten

  • Illegales Glücksspiel (Poker, Roulette, Billard, Arschloch, UNO, Werwolf) nach § 0,9 JzGB (Jugendzentrumsgesetzbuch)
  • Lärmbelästigung durch exzessive Partys […]
  • Kunsthehlerei […]
  • Besitz von Super Silbernen Haselnüssen nach § 420 JzGB“

L.s Kellerraum mit den Rechnern wird in dem Text als „Jugendzentrum“ bezeichnet, das für „spielsüchtige Jugendliche“ zu einem „zweiten Zuhause“ geworden sei. Weiter heißt es in dem Beitrag: „Spaß, wir haben nur 1 Joke gemacht, du bist verhaftet wegen sexy. Wir haben dich lieb und danke, dass du ein so korrekter dude bist und für die schöne Zeit im Jugendzentrum.“

Eines seiner Vorbilder, so erzählte T. L. mal, sei der schillernde Internet-Unternehmer Kim Dotcom. Dotcom, als Kim Schmitz in Kiel geboren, betrieb vor einigen Jahren Filesharing-Plattformen (z. B. Megaupload), die dazu genutzt wurden, Urheberrechtsverletzungen zu begehen. Die mutmaßlichen Copyright-Verstöße riefen die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden auf den Plan, die 2012 eine Verhaftung des mittlerweile in Neuseeland lebenden Unternehmers erwirkten und sich seitdem um seine Auslieferung bemühen. Dotcom, der auf Kaution frei kam, setzt sich vor dem höchsten Gerichtshof Neuseelands gegen die Auslieferung zur Wehr.

Der schillernde Lebensstil des selbsternannten Internet-Milliardärs wirkte offenbar anziehend. Gleichwohl hob sein Bewunderer aus Kleve nicht komplett ab. Es gab zwar das teure Auto, und auch eine Lavalampe für 4000 Euro war auch mal drin, doch T. L. wohnte weiterhin bei seinen Eltern und begann nach dem Abi eine Lehre mit bescheidenem Gehalt – passend zu seinen Fähigkeiten ließ er sich als Programmierer bei einem IT-Unternehmen im Rechtsrheinischen ausbilden.

Die Frage ist, ob ihm dort noch viel beigebracht werden konnte. Denn T. L. war mit seinen Geschäften hochkonspirativ unterwegs, wenn das stimmt, was Fahnder in ihren langwierigen Ermittlungen seit Juli 2017 zusammengetragen haben. Demnach betrieb er von Kleve aus zusammen mit zwei älteren Kompagnons die Handelsplattform Wall Street Market (WSM), auf der mit fast allem gehandelt wurde, was nicht gehandelt werden darf  – gestohlene Dokumente, ausgespähte Daten und, nach Erkenntnissen der Ermittler mit einem Anteil von 80 Prozent, Drogen. Marihuana eben, aber auch Kokain, Heroin und Amphetamine.

T. L. und seine Komplizen selbst stellten nur die elektronische Logistik für die Geschäfte zur Verfügung, sie betrieben die Plattform in einem als Darknet bezeichneten Bereichs des Internets, der größtmögliche Anonymisierung bietet und für den ein spezieller Browser namens Tor benötigt wird.

Doch alle Raffinesse konnte nicht verhindern, dass deutsche und amerikanische Fahnder dem 22 Jahren alten Klever und seinen beiden Kompagnons aus dem Landkreis Esslingen und Bad Vilbel (29, 31) auf die Schliche kamen. Schon seit 2017 liefen die Ermittlungen – und sie wurden in den vergangenen Wochen erheblich intensiviert, als sich Hinweise mehrten, dass die drei Männer das (virtuelle) Geld aus der Plattform abziehen und auf eigene Konten umleiten wollten. Exit Scam heißt dieses Vorgehen, und es trifft Leute , die sich selbst nicht unbedingt bei der Polizei beschweren können, dass ihnen bei ihren illegalen Geschäften Geld abhanden gekommen ist. Also eine vergleichsweise sichere Sache, um zusätzlich an Geld zu kommen.

Am 16. April vollzogen die Wall-Street-Market-Betreiber den Fischzug, seitdem war die Seite in einen Wartungsmodus geschaltet. Für die Ermittler bot sich die Chance, frische Beweise zu sammeln und zugleich zu verhindern, dass Geld beiseite geschafft und gewaschen wird. 

Die entscheidende Spur war ein UMTS-Stick, mit dem man sich mobilen Internet-Zugang verschaffen kann und der auf einen verdächtigen Namen registriert war. Das Bundeskriminalamt war in der Lage, die Aktivitäten mit diesem Stick zu überwachen und fand heraus, dass dieser zwischen dem 5. und 7. Februar 2019 bei L. in Kleve und bei seinem Arbeitgeber im rechtsrheinischen Raum aktiv war. Weitere Beweise wurden zusammengetragen, die L, mit der Plattform in Verbindung brachten – ähnliche Login-Namen sowie Nennungen von Drogen und Kryptowährungen.

Die Ermittler sammelten alles an Daten, was sie zu L. finden konnten und fanden mit Hilfe der niederländischen Polizei heraus, dass der Klever auf der Programmierplattform Github einen Account unter dem Namen „codexxx420“ führte. Auf dem Gitlab-Server wurde in einer Datenbank mit dem Namen „tulpenland“ die Software für Wall Street Market gepflegt, getestet und weiterentwickelt, und L. hatte dort einen Administrator-Account unter dem Namen „coder420“.

Im Rahmen der Durchsuchung wurden auch Accounts von L. beim Kurznachrichtendienst Twitter und bei Apple überprüft. Dabei fand Leroy Shelton, Special Agent des FBI bei der Cyber Crime Squad in Los Angeles, folgende Beweismittel:

  • Bilder von virtuellen Währungen (Bitcoin, Monero)
  • ein Bild mit einem Bezug zu der Gitlab-Plattform
  • Bilder, die L. beim Konsum von Marihuana zeigen
  • Verschiedene Bezüge zur Zahl 420, unter anderem das Kfz-Kennzeichen und ein Schild über seinem Bett.

„Ausgehend von diesen Informationen glaube ich, dass L. [bei Wall Street Market, Anm. der Red.] der Administrator mit dem Account  ,coder420‘ war“, schreibt der Special Agent. Am Tag, als L. verhaftet wurde (23. oder 24. April), fanden die Beamten des BKA in der Wohnung an seinem Computer den UMTS-Stick, mit dem der Klever sich den Online-Zugang zu dem Marktplatz verschafft haben soll. 

Die Ermittler schreiben auch, dass die drei Männer zuvor bereits einen ähnlichen Marktplatz betrieben haben, genannt German Plaza Market (GPM). Es war möglich Finanztransaktionen nachzuverfolgen, die Kryptogelder bei einem der drei Beschuldigten mit dieser Plattform in Verbindung bringen. Virtuelle Gelder, die per Exit Scam aus der Plattform abgezogen wurden, landeten im September 2016 auf den Servern von Wall Street Market – die Plattform ging für die User aber erst einen Monat später in Betrieb. „Das Muster zeigt, dass die Administratoren von GPM wahrscheinlich die gestohlenen Gelder von GPM zu WSM überwiesen und dann WSM gestartet haben“, ist der Schluss, den Special Agent Shelton daraus zieht.  Das Ende von German Plaza Market war möglicherweise der Finanzschub, der L. die Anschaffung seiner Limousine ermöglichte.

Nicht ins Bild von T. L. als einem freundlichen und umgänglichen Menschen passt die Waffe, die die Polizisten bei der Hausdurchsuchung in Kleve fanden. War die Pistole einfach nur eine Bestellung im Darknet (L. wusste ja, wie es geht), oder weil er befürchtete, sich Feinde gemacht zu haben? Nach Aussagen von Bekannten habe die Waffe dem Vater von T. L. gehört; es habe sich um eine 4-mm-Pistole gehandelt („Mäusekaliber“), für die lediglich eine Waffenbesitzkarte beantragt werden muss. Waffen mit diesem Kaliber sind wegen der geringen Mündungsenergie zur Selbstverteidigung ungeeignet.

Screenshot von Wall Street Market: Im Menü sind die Drogen sortiert, dazu gibt es weitere Rubriken wie Fälschungen, Juwelen & Gold und Betrug

Der jetzt ausgehobene Wall Street Market war nach Erkenntnissen der Ermittler die zweitgrößte Handelsplattform der Welt im Darknet. Auf Wall Street Market gab es 5400 Verkäufer, 1,15 Millionen Kunden und zehntausende Artikel waren erhältlich. In seiner Klage spricht Special Agent Shelton davon, dass mindestens ein Todesfall (ein Käufer von Fentanyl aus Florida) mit dem WSM in Verbindung gebracht werden kann. Der Verkäufer wurde zu einer Haftstrafe von zwölf Jahren verurteilt.

Bei den Beschlagnahmungen fielen den Fahndern neben 550.000 Euro Bargeld Bestände an Kryptowährungen im Wert von knapp zehn Millionen Euro in die Hände. Die Einstellungen der Wall-Street-Market-Software offenbarten den Ermittlern, dass die Zahlungseingänge zu gleichen Teilen durch drei geteilt wurden. Die Überweisungen fanden monatlich statt. Die drei mutmaßlichen Betreiber sitzen nun in Untersuchungshaft, ihnen wird „gewerbsmäßige Verschaffung einer Gelegenheit zur unbefugten Abgabe von Betäubungsmitteln“ vorgeworfen. Laut Staatsanwaltschaft drohen bis zu 15 Jahre Haft.

„Ich kann es immer noch nicht fassen“, berichtet ein Mitschüler. „Vor drei Jahren hat er mit mir Abitur gemacht, und nun ermitteln FBI und Europol gegen ihn, und seine Geschichte steht in der New York Times.“

Die Schlagzeile aber hatten die Macher der Abizeitung für ihren Mitschüler vorhergesehen  – vermutlich aber nicht mit der kriminellen Wendung. Auf der Fotoseite mit zahlreichen Abbildungen des Klevers findet sich das Motto: „Ich mach story“.