(3/24): Werner Stalder: Ich und der Papst

rd | 03. Dezember 2016, 16:21 | keine Kommentare
290 Seiten über Gott und die Welt, insbesondere aber über die Päpste und Kranenburg

290 Seiten über Gott und die Welt, insbesondere aber über die Päpste und Kranenburg

Der Papst besucht Werner Stalder. „Das ist auf Dauer einfacher“, so Benedikt XVI. kalt lächelnd. [kleveblog, Dezember 2011, in einer fiktiven Jahresvorschau]

Es gibt Bücher, denen sieht man auf den ersten Blick an, dass sie etwas Besonderes sind. Das 292 Seiten starke Werk, das in der Buchhandlung Hintzen neben der Kasse auf dem Tresen liegt und den etwas verspielten Titel „Mein ‚gestaldertes‘ Leben“ trägt, gehört dazu. Es sind die Lebenserinnerungen von Werner Stalder, und wer den guten Mann kennt, weiß, dass also eine Menge Päpste drin vorkommen (3) und viele Schilderungen, die mit dem Engagement des Kranenburgers für die Kirche zusammenhängen. Die Kapitel heißen also „Pilgerfahrt nach Rom 1971“, „Erste Begegnung mit Papst Johannes Paul II. nach 1978“, „Bischof Antonio Baseotto in Nütterden 2003“. Das überrascht nicht wirklich, ist mit viel Freude am Detail beschrieben und dürfte die Bedeutung, die Werner Stalder seinem Tun beimisst, angemessen widerspiegeln.

Doch das ist, vielleicht nicht mengenmäßig, aber doch inhaltlich nur das halbe Buch. Die andere Hälfte der „77 bewegenden Jahre“, so der Untertitel der Autobiografie, behandelt ein Leben am Niederrhein durch den Lauf der Zeiten, und auch diesen Schilderungen wohnt eine eigentümlich warme, oder, um es mit den Worten des Autors auszudrücken, „gestalderte“ Sicht der Dinge inne.

Unser Haus

Unser Haus

Beispiel Hausbau 1973: „Im November 1973 konnten wir unser neues Haus einziehen. Wir waren glücklich, obwohl noch manches fehlte. Die Finanzierung war durch günstige Kredite, Bescheidenheit und vor allem durch größte Sparsamkeit gesichert. Die Hauseinsegnung nahm Kaplan Theodor Pleßmann vor.“

Das ist eine Miniatur, wie aus dem Holz für einen guten Altar geschnitzt.

Beispiel Weihnachten 1973: „Durch [meinen Arbeitgeber] Herrn Diehl bekam ich die Idee, [meiner Frau] Elisabeth einen Dackel zu schenken… Als schließlich Elisabeth den Deckel öffnete, sah sie in zwei kleine Hundeaugen. Vor Überraschung und Freude kamen ihr die Tränen… Wir tauften ihn ,Sonni‘. Vor der Christmette ging ich mit ihm am Renneken ohne Leine spazieren, da laut Züchter der junge Hund meinte, ich wäre seine Mutter. Plötzlich kam ein Auto, und ‚Sonni‘ sprang in das Bächlein. Ich sprang hinterher und konnte ihn retten. Pudelnass, unter meinem Mantel, kam ich mit den kleinen Kerl nach Hause. Sofort gab’s auf den neuen Teppich eine ,Bescherung‘. Viele wunderbare Erinnerungen verbinden wir mit ‚Sonni‘.“

Wer schreibt, hat im Grunde zwei Möglichkeiten. Entweder er sucht den größtmöglichen Abstand zu sich selbst, dann ist die Schreibkunst ein Handwerk, bei dem gewisse Regeln der Dramaturgie zu beachten sind, um den Leser an den Stoff zu fesseln. Oder aber, und dies ist die deutlich spannendere Variante, man betreibt eine Nabelschau, die einen verletzbar macht und die ihren Reiz aus der Nähe bezieht, die der Autor dem Leser zugesteht. Diese Nähe ermöglicht in diesem Fall den Blick auf die behagliche Nestwärme eines vom Glauben geprägten niederrheinischen Familienlebens, und das ist eine überraschend interessante Erfahrung.

„Meiner Frau Elisabeth, mit der ich 50 Jahre glücklich verheiratet bin“, so lautet die Widmung am Anfang des Werkes. Das Buch, es ist gewissermaßen ein Lob der Strecke, die am Ende eines gemeinsamen Lebens steht, und es ist die Aufforderung, sich selbst treu zu bleiben – auch wenn das vielleicht von anderen belächelt werden mag.

Und dann findet man wieder kleine Perlen wie den Fotohinweis: „Gottfried Evers, Klaus-Dieter Stade, L’Osservatore Romano, privat“.

Das Buch „Mein ,gestaldertes‘ Leben“ wird über die Buchhandlung Hintzen vertrieben und ist zum Preis von 19,95 € erhältlich.



100 Prozent pleite! Strauss Innovation: Im Februar ist spätestens Schluss, sagt der Insolvenzverwalter

rd | 02. Dezember 2016, 15:33 | 7 Kommentare
Prozente als Konzept: Strauss Innovation

Bittere Nachrichten für die Mitarbeiter der Warenhauskette Strauss Innovation: Geschäftsbetrieb wird eingestellt

Das Ende der Prozente, die nächste Hiobsbotschaft im Advent: Für die Warenhauskette Strauss Innovation, die Klever Filiale am Fischmarkt eingeschlossen, ist spätestens Ende Februar Schluss, der Geschäftsbetrieb wird eingestellt. Dies teilte der Insolvenzverwalter Dr. Dirk Andres den Beschäftigten des Unternehmens heute mit. Ein schwerer Schlag für die Klever Innenstadt!

Hier die vollständige Pressemitteilung des Insolvenzverwalters:

Keine Fortführungslösung für Warenhauskette Strauss Innovation

Der Insolvenzverwalter des Unternehmens, Rechtsanwalt Dr. Dirk Andres, hat heute die rund 670 Beschäftigten über die anstehende Betriebseinstellung informiert
Da die Investorensuche ohne erfolgreichen Abschluss geblieben ist, kündigt Andres den stufenweisen Abverkauf bei der Langenfelder Warenhauskette an; das Gros der Filialen bleibt bis spätestens Ende Februar 2017 geöffnet

Der Insolvenzverwalter der Strauss Innovation GmbH, Rechtsanwalt Dr. Dirk Andres von der Kanzlei AndresPartner, wird den Geschäftsbetrieb der Langenfelder Warenhauskette stufenweise einstellen und mit dem Abverkauf beginnen. Das teilte er heute den rund 670 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in den bundesweit 57 Filialen und der Verwaltung mit.

Trotz intensiver Bemühungen konnte bisher kein Investor gefunden werden, der das Unternehmen und die Belegschaft übernimmt. „Ohne die Unterstützung durch einen oder mehrere Investoren ist es uns aufgrund von wirtschaftlichen und insolvenzrechtlichen Vorgaben nicht möglich, Strauss Innovation dauerhaft weiterzuführen”, sagte Andres, der seit Insolvenzantrag Ende September 2016 mit seinem Team intensiv an einer Fortführungslösung gearbeitet hat.

Nach derzeitigem Stand soll der Geschäftsbetrieb in den meisten der 57 Filialen bis Ende Februar 2017 aufrechterhalten werden. Dies gilt auch für die Filialen, deren Mietvertrag bereits zum 31. Dezember 2016 gekündigt ist. Hier kommt es darauf an, ob die jeweiligen Vermieter einer Verlängerung des Geschäftsbetriebs um einige Wochen über das Jahresende hinaus zustimmen. Gespräche dazu laufen. Bleibt die Einigung hierzu aus, wird der Geschäftsbetrieb entsprechend bereits zum 31. Dezember 2016 eingestellt. Verhandlungen zu Interessenausgleich und Sozialplan beginnen in der kommenden Woche.

Die Warenhauskette, die deutschlandweit 57 Verkaufsfilialen mit rund 670 Beschäftigten betreibt, hatte am 22. September 2016 bei zuständigen Amtsgericht in Düsseldorf Insolvenzantrag wegen Zahlungsunfähigkeit gestellt. Gestern hat das Gericht den Düsseldorfer Rechtsanwalt Dr. Dirk Andres, Partner der Kanzlei AndresPartner, zum Insolvenzverwalter der Strauss Innovation GmbH aus Langenfeld bestellt. Er war zuvor als vorläufiger Insolvenzverwalter damit befasst, die bestmögliche Lösung für die Warenhauskette und die Gläubiger zu finden.

Weitere Informationen:

Strauss Innovation ist eine Warenhauskette mit Sitz in Lagenfeld und beschäftigt bundesweit rund 670 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit 2014 ist dies der dritte Insolvenzantrag. Im Oktober 2015 war die Deutsche Mittelstandsholding GmbH (DMH) aus Frankfurt am Main als Investor eingestiegen, die seitdem große Teile des Handelsunternehmens fortführt.

Die Kanzlei AndresPartner, Rechtsanwälte & Steuerberater, Insolvenzverwaltung & Restrukturierung, Partnerschaft mbB hat sich auf die professionelle Bearbeitung von Insolvenzverfahren spezialisiert. Die Partner der Kanzlei, darunter Rechtsanwalt Dr. Dirk Andres, werden von Insolvenzgerichten in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen als Insolvenzverwalter und Treuhänder bestellt. In zahlreichen Verfahren unterstützten die Rechtsanwälte der Kanzlei Unternehmen auch als Restrukturierungsbeauftragte sowie Sachwalter bei Eigenverwaltungen. Zu den bekanntesten Sanierungen der Kanzlei zählen die Heitkamp BauHolding, die TELBA AG, die Manss Fruchthandelsgruppe sowie die Maxdata Gruppe.



(2/24) Anwohner protestieren, aber das Ende der Spyckstraße in der Form, in der wir sie seit 100 Jahren kennen, ist nahe – sie wird verkönigsgartet

rd | 02. Dezember 2016, 00:55 | 7 Kommentare
Die Spyckstraße Anfang des 20. Jahrhunderts

Die Spyckstraße Anfang des 20. Jahrhunderts

Die Spyckstraße Anfang des 21. Jahrhunderts – mit erbosten Anwohnern (Angelika Paatz-Rürup, Matthias Bömler, Gisbert Meurs)

Die Spyckstraße Anfang des 21. Jahrhunderts – mit erbosten Anwohnern (Angelika Paatz-Rürup, Matthias Bömler, Gisbert Meurs)

Sie führt vom Interimsrathaus schnurgerade ins Herz der Stadt und hat einen Charme, der anderswo teuer erkauft werden muss und dann vintage oder shabby chic genannt wird, und der so ziemlich genau das Gegenteil von dem ist, wofür das Wort adrett steht – die Spyckstraße.

Der Straßenzug ist ein Klever Mikrokosmos mit der etwas eigenwilligen „Hinterspyck“-Nachbarschaft (und deren unvergessenen Festen), mit den Sozialwohnungen an den Bahngleisen, mit dem Klösterchen (zwei hochbetagte Nonnen leben dort noch, so ist zu hören) und mit den charmanten Siedlungshäusern im vorderen Teil, an denen das Wort Energieeffizienz abperlt wie Schmutz an einer Teflonpfanne.

Ginge es nach kleveblog, die ganze Straße würde unter Denkmalschutz gestellt – inklusive der schillerndsten Einwohner.

Aber es geht nicht nach kleveblog, eher schon nach dem Tiefbauamt der Stadt. Das wiederum hat in einer Analyse festgestellt, dass das Kanalsystem unter der Straße marode ist. Vor der Spyckschule zerbröselte im vergangenen Jahr ein Rohr, was eine aufwändige Notfallreparatur erforderlich machte.

Unterirdische Trümmerlandschaft: die Spyckstraße, wie sie kaum einer kennt

Unterirdische Trümmerlandschaft: die Spyckstraße, wie sie kaum einer kennt

Diesen unterirdischen Missständen will die Stadt Kleve nun erfreulicherweise ein Ende bereiten: Auf der Sitzung des Umwelt- und Verkehrsausschusses vom 8. September präsentierte Kai Sicker vom Tiefbauamt die Pläne zur Erneuerung der Straße. Die betrafen jedoch nicht nur den unterirdischen Teil – und deswegen sind die Anwohner alarmiert, vergrätzt und wütend.

Sie trafen sich auf einer Bürgerversammlung, an der 41 von 45 der Immobilienbesitzer im Bereich der vorderen Spyckstraße teilnahmen, und sie brachten einmütig ihren Unmut über das zum Ausdruck, was in der Straße geplant wird. „Das Vorhaben läuft unter dem Stichwort Harmonisierung von Ökologie und Autoverkehr“, berichtet Anwohnerin Angelika Paartz-Rührup. „Doch erreicht wird das glatte Gegenteil!“

Wie aber hat man das zu verstehen? Aus Sicht der Stadt Kleve ist die derzeitige Bepflanzung mit Bäumen der Gattungen Rotdorn, Weißdorn und Mehlbeere eher so 08/15 und ohnehin nichts von Dauer, da die einen knappen Meter breiten Pflanzbeete beiderseits der Straße viel zu schmal seien. Ergänzend dazu kamen die Umweltbetriebe der Stadt Kleve zu der Erkenntnis, dass die Bäume die Baumaßnahme ohnehin nicht überstehen würden und somit also weg könnten.

Die Autos wiederum parken in der Spyckstraße nach dem Prinzip Zufall. Mal links, mal rechts, wie es gerade passt. Das ist Anarchie!

Königsgarten, Anfang 21. Jahrhundert: Parkbuchten für Bäume

Königsgarten, Anfang 21. Jahrhundert: Parkbuchten für Bäume

Wie aber sieht die Antwort aus? Salopp gesagt, wird auch die Spyckstraße verkönigsgartet. Darunter ist ein Straßenbauprinzip zu verstehen, an dessen Ende alle Straßen gleich aussehen. Sie haben ordentlich markierte Parkbuchten (mal links, mal rechts), sie haben Bäume, die sich perfekt in das Ensemble der Parkbuchten einfügen, sie haben einen gepflasterten Bürgersteig und sehen einfach adrett aus. Leider aber auch ein bisschen klinisch tot. Die Prozedur haben schon über sich ergehen lassen die Triftstraße, die Waldstraße, der Königsgarten, die Kermisdahlstraße usw. und so fort.

34 Bäume, Alleecharakter: die Planungen der Stadt

34 Bäume, Alleecharakter: die Planungen der Stadt

Konkret beklagten die Anwohner nun in einer Pressekonferenz im Lokal „Zum Kronprinzen“, dass diese Planungen bedeuten, dass nach Angaben der Anwphner 111 Bäume gefällt werden und 30 Parkplätze wegfallen. Künftig soll es 34 Bäume beiderseits der Straße geben, und diese solle durch die neue Art der Bepflanzung einen „Alleecharakter“ erhalten. Aus Sicht der Stadt Kleve erscheint auch der Schnitt bei den Parkplätzen nicht problematisch, da es in diesem Bereich nur „ca. 40 Wohneinheiten“ gebe, für die 68 Stellplätze ausreichten.

Dieser Einschätzung liegt, so berichten die Anwohner, jedoch ein Zählfehler zu Grunde, denn in dem Bereich des ersten Bauabschnitts (von Goethestraße bis Bahnübergang) befinden sich 45 Wohnhäuser mit 118 Wohneinheiten, was nach Anwendung des korrekten Rechenschemas und nach Abzug aller Parkplätze in Höfen und Einfahrten Eigenbedarf von exakt 123 Plätzen am Straßenrand ergebe.

Nun möchten die Kritiker allerdings nicht als kleinliche Parkplatzzähler verschrien werden, und auch nicht als Bürger, die sich durch diese Proteste davor drücken möchten, an den Kosten der Baumaßnahme beteiligt zu werden (die liegen etwa zwischen 4000 € und 8500 €, je nach Größe des Grundstücks und der Bebauung) – ihnen geht es vielmehr darum, dass der einzigartige Charakter der Straße gewahrt bleibe. „Eigentlich möchten wir der Stadt Kleve das Konzept vor die Füße werfen“, so Angelika Paatz-Rürup erbost. „Unser Wunsch ist, dass die Straße so bleibt, wie sie ist.“


Er ist wieder da – der kleveblog-Adventskalender!

rd | 01. Dezember 2016, 22:47 | keine Kommentare

Never go away from success, heißt es im amerikanischen Sport. Wenn Nowitzki trifft, gebt ihm weiter den Ball! Eine erfolgreiche Veranstaltung in unserem kleinen Nachrichtenangebot war im vergangenen Jahr der Adventskalender mit 24 Geschichten an 24 Tagen (genau genommen sogar noch ein paar mehr). Deshalb unternehmen wir den ambitionierten Versuch, das Kunststück auch in diesem Jahr zu vollbringen. Klar, nicht jede dieser Geschichten wird erfreulichen Charakters sein, wie schon der Auftakt unter Beweis gestellt hat. Dennoch werden wir uns bemühen, ein wenig weihnachtlichen Glanz auch in der virtuellen Welt unseres Content Management Systems erstrahlen zu lassen. Wir wünschen viel Vergnügen!


(1/24) B.O.S.S. Medien vor dem Ende: Alle Mitarbeiter gekündigt, Lage „sehr ernst“

rd | 01. Dezember 2016, 01:37 | 9 Kommentare

Vor gerade einmal zwei Wochen verschickte die Druckerei B.O.S.S. Medien GmbH, seit einigen Jahren in Goch ansässig und zuvor eine feste Größe in der Klever Unternehmerschaft, einen Newsletter an ihre Kunden. In dem Mailing wurde stolz verkündet, für eine Auszeichnung nominiert worden zu sein und damit „zu den besten Druckern des Jahres 2016“ zu gehören.

Einer der besten – sicher. Wirtschaftlich erfolgreich – leider nein: Nicht einmal eine Woche nach dem Versand stellte der Geschäftsführer des Unternehmens, Dirk Engelen, den Antrag, die seit Ende 2015 geltende „Insolvenz in Eigenverwaltung“ aufzuheben. Das Amtsgericht Kleve gab dem Antrag statt und setzte den bekannten Düsseldorfer Rechtsanwalt Horst Piepenburg als Insolvenzverwalter ein.

Dem Juristen blieb angesichts der desolaten Lage des Unternehmens keine andere Wahl, als keine vier Wochen vor Weihnachten allen rund 70 Mitarbeitern die Kündigung auszusprechen. „Die Situation ist sehr ernst“, so Piepenburg im Gespräch mit kleveblog.

Wer die Produktionsräume der Druckerei im Gewerbegebiet Goch-West betritt, mag das kaum glauben. Die Maschinen laufen hochtourig, zahlreiche Aufträge warten noch darauf, erledigt zu werden.

Doch die Zukunft sieht anders aus, neue Aufträge fehlen. Als bei B.O.S.S. die Kunden im Oktober, dem ersten der normalerweise in der Druckbranche umsatzstarken „Weihnachtsmonate“, ausblieben, zog die Geschäftsführung die Notbremse.

„Bitter“, so Geschäftsführer Dirk Engelen, sei dies für die Beschäftigten nach fast einem Jahr des engagierten Kampfes um den Erhalt des Unternehmens. Nun werde der vorhandene Auftragsbestand abgearbeitet, zum Ende des Jahres sei Schluss. Je nach Kündigungsfrist laufen die Arbeitsverträge noch bis Ende Februar. Rechtsanwalt Piepenburg hat mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung zum Interessenausgleich abgeschlossen.

Die Abwicklung der Insolvenz ist das vermutlich traurige Ende eines Traditionsunternehmens aus dieser Region. Ursprünglich war die Firma ein Familienunternehmen, das in der Klever Stadtmitte ansässig war. Der Klever Boss-Verlag wurde 1872 vom Winfried Romen gegründet, der sich als Herausgeber des Clevischen Volksfreunds häufig mit der Obrigkeit anlegte und zigmal vor Gericht stand. Als er den Ärger leid war, verkaufte er seinen Verlag 1875 an Friedrich Boss, Lehrer an einer katholischen Armenschule.

Boss starb allerdings nur neun Jahre später, 1884, im Alter von nur 44 Jahren. Von da an führte seine Witwe Gertrud Boss den Verlag. Heute erinnert eine nach ihr benannte Straße im neuen Gewerbegebiet an der Querallee an die erfolgreiche Geschäftsfrau, die den Grundstein dafür legte, dass das Unternehmen als Buchverlag einiges Renommee erlangte.

Der Glanz hielt sich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, unter anderem, weil Boss die Herstellung der berühmten Dumont-Kunstreiseführer verantwortete, die damals, in Vor-Internet-Zeiten, jeder Bildungsreise mit sich zu führen hatte, wenn er auf seinen Urlauben kein Museum und keine Kirche auslassen wollte.

B.O.S.S. in Goch: Neuer Firmensitz seit zehn Jahren (Foto: B.O.S.S.)

B.O.S.S. in Goch: Neuer Firmensitz seit zehn Jahren (Foto: B.O.S.S.)

Als Boss Mitte der achtziger Jahre in eine Schieflage geriet, übernahmen die leitenden Angestellten die Firma. 48 Mitarbeiter blieben in der neuen B.O.S.S. Medien GmbH. Die eigentümliche Schreibweise mit den Punkten zwischen den Buchstaben hatte juristische Gründe. 2004 kaufte B.O.S.S. Medien die Klever Druckerei Bösmann, 2006 erfolgte der Umzug in ein neu errichtetes Gebäude im Industriegebiet West in Goch.


Domino-Day im ältesten Gewerbe: Die nächsten Bordelle fallen

rd | 01. Dezember 2016, 00:43 | keine Kommentare

Die Serie begann mit dem Emmericher Bordell Fun Garden, und seitdem ist es ein wenig wie in der Fernsehshow Domino Day: Alle paar Monate kippt ein neuer Sex-Betrieb, weil die Ermittlungsbehörden – beflügelt durch das wegweisende Urteil im ersten Verfahren – das aktuelle Geschäftsmodell im ältesten Gewerbe aus den Angeln heben. Der neueste Schlag, bei dem die Staatsanwaltschaft Kleve erneut federführend zu Werke ging, traf gleich fünf Betriebe, darunter einen Emmerich und weitere im Großraum Gelsenkirchen sowie in Mönchengladbach.

Wie in den früheren Verfahren geht der von den Ermittlern unterstellte Schaden in die Millionenhöhe, indem Arbeitsentgelte vorenthalten sowie Lohn- und Ertragssteuern hinterzogen worden seien. Wie immer, sagen die Manager, die Frauen arbeiteten selbständig, was sich jedoch in den bisherigen Fällen als fantasievolle Umschreibung der Realität in den Clubs herausgestellt hatte.

Die nun ins Visier geratenen Tatverdächtigen aus der Türkei und aus Bulgarien, von denen gestern fünf verhaftet wurden, gaben sich jedoch offenbar mit diesem an sich schon lukrativen Geschäftsmodell nicht zufrieden. In den neuen Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft auch wegen gewerbs- und bandenmäßigen Computerbetrugs: Die Täter sollen Geldspielautomaten so manipuliert haben, dass die Gewinnwahrscheinlichkeiten zu Lasten der Kunden verändert waren.

Nach dem Fun Garden, bei dem den Ermittlern bei einer Razzia die komplette schwarze Buchführung in die Hände gefallen war, war bereits den Betreibern eines weiteren Betriebs im Rechtsrheinischen sowie dem eines Bordells in Kalkar der Prozess gemacht worden. Vor einigen Monaten sorgte die Durchsuchung des Gocher „Sauna-Clubs“ FKK van Goch, deren Betreiberin als Bordelltesterin im Privatfernsehen zu einiger Berühmtheit gelangt war, für Schlagzeilen. Und derzeit wird vor dem Landgericht in Kleve gegen die aus China stammenden Hintermänner eines Sex-Clubs im Kranenburger Gewerbegebiet Hammereisen prozessiert. Die Anklage von Staatsanwalt Hendrik Timmer umfasste 160 Seiten, und auch in diesem Fall geht im Kern um Menschenhandel, Steuerhinterziehung und um das Vorenthalten von Arbeitsentgelten.

*

Hier die gemeinsame Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Kleve und des Hauptzollamtes Dortmund vom 30. November:

Seit den Mittagsstunden werden im Großraum Gelsenkirchen, in Mönchengladbach und in Emmerich zahlreiche Geschäftsräume und Wohnungen durchsucht. Rund 380 Einsatzkräfte der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, der Steuerfahndungen Düsseldorf und Bochum sowie der Polizei durchsuchen 28 Geschäftsräume und Wohnungen. Die Durchsuchungen sind das finale Ergebnis umfassender, monatelanger Ermittlungen, die durch den Zoll, die Steuerfahndungsstellen Düsseldorf und Bochum und die Polizei erfolgten. Fünf Tatverdächtige sind auf Grund von Haftbefehlen festgenommen worden. Die Beschuldigten einer türkisch-bulgarischen Tätergruppe sind dringend verdächtig, in großem Stil Arbeitsentgelte vorenthalten, Lohn– und Ertragssteuern hinterzogen sowie und bandenmäßige Umsatzsteuerhinterziehung und gewerbs- und bandenmäßigen Computerbetrug bei Geldspielgeräten begangen zu haben. Die laufenden Durchsuchungen dienen dem Auffinden von Beweismitteln, es sollen aber auch Vermögenswerte gesichert werden. Den Beschuldigten wird vorgeworfen, u.a. in verschiedenen Saunaclubs vermeintlich selbständige Prostituierte beschäftigt zu haben, die tatsächlich so in die Betriebsabläufe eingebunden waren, dass es sich um abhängig beschäftigte Arbeitnehmerinnen handelte. Anmeldungen zur Sozialversicherung und die Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen unterließen die Beschuldigten ebenso wie die Meldungen und Zahlungen der Lohnsteuern. Allein aus diesen Straftaten ergibt sich laut Tatvorwurf seit 2009 ein Schaden in Höhe von fast 3 Mio. EUR. Darüber hinaus betrieben die Beschuldigten in Saunaclubs und Spielhallen Geldspielgeräte, die sie so manipuliert sein sollen, dass die Gewinnwahrscheinlichkeit zu Lasten der Kunden verändert wurde. Den Beschuldigten soll es darauf angekommen sein, durch die Manipulationen auf Kosten der Kunden höhere Gewinne zu erzielen. Durch die Abgabe unrichtiger Steuererklärungen sollen die Beschuldigten auch Umsatz- und Ertragssteuern verkürzt haben. Der verursachte Schaden liegt laut Berechnungen der Ermittlungsbehörden bei mehr als 5 ½ Millionen Euro.


Route 66 -> Route Krohnestraße

rd | 29. November 2016, 21:48 | 5 Kommentare

Nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft, die eine Haftstrafe von sieben Jahren gefordert hatte, verließ der Angeklagte in einer Verhandlungspause den Gerichtssaal und teilte seinen Anwalt mit, er leide an Herzbeschwerden. Dann war er weg.

So blieb dem Landgericht Kleve nichts anderes übrig, als den 52 Jahre alten Gastwirt in Abwesenheit zu verurteilen – zu einer Haftstrafe von fünf Jahren, schuldig wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung von vier Aushilfskräften in der Gaststätte Route 66 am Regenbogen.

Zwar teilte die Ehefrau wenig später in den sozialen Netzwerken mit, ihr – von ihr getrennt lebender – Mann werde sich in Kürze stellen, doch daraus wurde nichts. Mal hieß es, der Wirt sei auf Mallorca, dann wiederum, er laufe hier in der Gegend umher. Auf jeden Fall war er 96 Tage wie vom Erdboden verschluckt.

Dann machte er (aus seiner Sicht) einen Fehler – er nutzte seine EC-Karte. Diese kleine finanzielle Transaktion brachte die Justizbehörden wieder auf die Spur des Verurteilten – und gestern vermeldete Gerichtssprecher Alexander Lembke den Fahndungserfolg: Der Gastwirt konnte im Raum Krefeld verhaftet werden. Derzeit sitzt er in der JVA Willich ein, in Kürze soll er ins Klever Gefängnis an der Krohnestraße verlegt werden.

(Das Route 66 heißt mittlerweile Nachtschicht und hat nichts mehr mit dem Fall zu tun.)


Guter Rat: Sekundarschule wird Gesamtschule, einstimmig beschlossen!

rd | 29. November 2016, 00:27 | 19 Kommentare
Nachsitzen: Der Stadtrat beriet den Widerspruch der Bürgermeisterin – und kam zu neuen Erkenntnissen (Foto: Stadt Kleve)

Nachsitzen: Der Stadtrat beriet den Widerspruch der Bürgermeisterin – und kam zu neuen Erkenntnissen (Foto: Stadt Kleve)

Bürgermeisterin Sonja Northing hatte hoch gepokert, als sie den Widerspruch gegen den Ratsbeschluss einlegte. Und sie setzte sich durch!

Mitte November hatten die Klever Stadtverordneten mit den Stimmen von CDU und Grünen (und gegen die von SPD, Grünen, FDP, Offenen Klevern und der Bürgermeisterin) einen Überraschungscoup der Christdemokraten durchgedrückt, nicht die bestehende Sekundarschule in eine Gesamtschule umzuwandeln, sondern die Neugründung einer solchen Gesamtschule durchzuführen.

In einer langen, aber etwas lahmen Begründung schob die CDU nach, bis 2018 sei es nicht zu schaffen, der umgewandelten Gesamtschule passende Räume zu verschaffen. Bei einer neu gegründeten Gesamtschule hätte man etwas länger Zeit. Hinter den Kulissen war immer auch kolportiert worden, dass es (zumindest auch) um Personalfragen (Schulleitungsstellen) gehe.

Northing jedenfalls passte der Überraschungsbeschluss überhaupt nicht, und sie legte, einmalig in der Geschichte der Stadt, eben jenen Widerspruch ein, weil sie „um das Wohl der Stadt“ fürchte. Dann muss der Rat binnen zwei Wochen noch einmal zusammenkommen und beweisen, dass er es ernst meint mit dem ursprünglichen Beschluss – oder eben nicht.

Stichwort „oder eben nicht“: Einstimmig kassiert der Rat gestern in seiner Sondersitzung vor mehr Zuschauern als beim 1. FC Kleve seinen Neugründungs-Beschluss. Nun wird die bestehende Sekundarschule, so, wie es sich die meisten Eltern gewünscht hatten, in eine Gesamtschule umgewandelt. Hier das entscheidende Statement von CDU-Fraktionschef Wolfgang Gebing im Wortlaut:


Belegschaft in Sorge: Wird Ipsen nach China verkauft? 勞動力護理:如果易普森賣給中國?

rd | 25. November 2016, 18:05 | 24 Kommentare
China kann manchmal näher sein, als man denkt: Firmensitz von Ipsen an der Flutstraße

China kann manchmal näher sein, als man denkt: Firmensitz von Ipsen an der Flutstraße

Die Unruhe in der Belegschaft ist so groß, dass sogar bereits einen Brief an die Klever Bundestagsabgeordnete Dr. Barbara Hendricks geschrieben wurde. Darin äußern ungenannte „Ipsen Freunde“ die Bitte, dass die Umweltministerin ihren Kabinettskollegen Sigmar Gabriel einschalten möge. Es geht um die Klever Firma Ipsen, ein Traditionsunternehmen mit mehr als tausend Beschäftigten weltweit (davon 300 in Kleve). Auf dem Gebiet der Wärmebehandlungsanlagen ist Ipsen Weltmarktführer.

Ein Beispiel: Derzeit ist das Unternehmen vom Niederrhein der einzige Ofenhersteller, der Austrittsdüsen von Raketen im Ganzen wärmebehandeln kann, wodurch diese viel hitzebeständiger und leistungsfähiger sind als Konkurrenzprodukte. Auch in den Triebwerken amerikanischer Kampfjets finden sich solche Düsen.

In potenziellen Zukunftstechnologien wie dem „3-D-Metalldruck“, die eine neue Art der Wärmebehandlung erfordern, steht Ipsen ebenfalls an der Speerspitze des Fortschritts. Dazu ist das Unternehmen Allianzen mit anderen Herstellern eingegangen, deren Grundvoraussetzung absolute Verschwiegenheit und Vertraulichkeit sind. Es geht also um unschätzbares, hochsensibles Technologie-Know-how.

Das aber sehen viele Mitarbeiter von Ipsen nun gefährdet, denn sie wollen erfahren haben, dass ihr Unternehmen verkauft werden soll. Derzeit gehört Ipsen zum Portfolio der Anlagegesellschaft Quadriga Capitals in Frankfurt. Als potenzieller Käufer wird der chinesische Konzern ACME Furnaces China genannt. Auf welchen Feldern das Unternehmen mit Sitz in Changsha, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hunan, unterwegs ist, zeigt ein im Internet verfügbarer Film (siehe unten). Es sind viele Raketenstarts und Flugzeuge zu sehen.

In dem Brief an Hendricks befürchten die Mitarbeiter einen „gigantischen Know-how-Transfer“ und machen sich „große Sorgen um den Fortbestand der Firma Ipsen in Kleve“. In den Verkaufsbestrebungen sehen sie „reine Profitgier“ am Werk, die die Zukunft der Mitarbeiter und deren Familien außer Acht lasse.

Von der Geschäftsführung von Ipsen sowie von Quadriga Capitals war heute keine Stellungnahme zu erhalten.


Sekundarschule: „Wir schaffen das nicht!“, sagt Klever CDU

rd | 22. November 2016, 17:08 | 28 Kommentare
Wohnzimmer: Bild mit Symbolcharakter

Lebenslanges Lernen ist ortsunabhängig

Man hat es schon halb vergessen, was im Sommer vergangenen Jahres geschehen ist. Zu Tausenden, nein, zu Zehntausenden, nein, zu Hunderttausenden strömten Menschen aus verheerten Weltgebieten quer durch Europa nach Deutschland, und sie wurden willkommen geheißen und gut versorgt. „Willkommenskultur“, das war damals so ein Wort, und von der Bundeskanzlerin, die am Sonntag verkündet hat, sich erneut zur Wahl zu stellen, kam ein an Schlichtheit und (eben dadurch auch) an Souveränität kaum zu überbietender Satz: „Wir schaffen das!“

Nun kann man über alles streiten, man kann über die langfristigen Folgen debattieren, aber so richtig aus dem Weg räumen kann man nicht: Wir alle haben das geschafft – unter kurzfristiger Zuhilfenahme von Sporthallen, von Feldbetten, von Festivalduschen…

Wir in Kleve stehen aber nun offenbar vor einem Problem, vor dem man nur noch kapitulieren kann. Das Problem heißt: Räume für eine Sekundarschule im übernächsten Jahr finden! Eben noch konnten auch im Stadtgebiet Hunderte von Flüchtlingen mit der Kunst der Improvisation untergebracht werden, und, es lässt sich nicht anders sagen, diese logistische Mammutaufgabe wurde bemerkenswert reibungslos bewältigt. Jetzt aber werden Räume gesucht, in gut einem Jahr wohlgemerkt, um Sekundarschüler – wie viele eigentlich genau? – unterzubringen.

In ihrer Pressemitteilung, mit der die CDU ihre plötzliche Kehrtwende vor einer Woche im Rat unterfüttert und sich für die Neugründung einer Gesamtschule ausspricht (anstatt die bestehende Sekundarschule umzuwidmen), heißt es: „Man braucht kein Wahrsager zu sein, um zu wissen, dass die Bauten der Gesamtschule in Rindern nicht – wie zugesagt – im Jahre 2018 fertig sein werden. Auch die Gebäude der Schule an der Hoffmannallee teilen das gleiche Schicksal. Das bedeutet: Die Gesamtschule wird in großen Teilen noch immer an der Hoffmannallee oder sonst wo untergebracht sein, die jetzige Sekundarschule verbleibt an der Ackerstraße in dem alten Gebäude des ehemaligen Sebus-Gymnasiums. Eine umgewandelte Sekundarschule braucht bereits 2018 [Hervorhebung von mir] geeignete Räumlichkeiten für eine Oberstufe. Es bleibt die Frage: wo???“

Die Kurzform dieser Sätze lautet, im größtmöglichen Gegensatz zur Parteichefin: „Wir schaffen das nicht!“

Aber, so die kleveblog-Frage zum Thema, kann man nicht viel, viel mehr schaffen, wenn man sagt: Wir versuchen es (und improvisieren zur Not ein wenig)?

Hier die Pressemitteilung der CDU Kleve im Wortlaut: