Auflösungserscheinungen an der Hagschen Straße

rd | 21. Februar 2019, 12:34 | 9 Kommentare
Time to say arrividerci?
Renovieren geht anders: Eiscafé Panciera
Vergebens gewartet: Ali

Ganz oben in der Ecke, an der Kreuzung Linde, investiert die evangelische Kirche in den nächsten Monaten drei Millionen Euro, um die in die Jahre gekommene Versöhnungskirche zu renovieren. Die moderne Architektur des Gotteshauses ist zwar interessant, allerdings wirkt sie auf viele Menschen spröde und abweisend. Das dürfte sich in Zukunft ändern, so dass der Anfang der Straße deutlich einladender wirkt.

Doch was kommt dann?

Der Passant, der sich stadtabwärts bewegt, sieht sich gleich mehrfach mit Auflösungserscheinungen konfrontiert. Den Anfang macht die Geschäftsstelle der NRZ, die seit wenigen Wochen geschlossen ist. Die Scheiben des Ladenlokals sind verklebt, wie zu hören war, vergingen zwischen der Mitteilung der Schließung und deren Vollzug gerade einmal drei Tage.

Wenige Meter weiter wird derzeit auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine der traditionsreichsten Eisdielen der Stadt, das Eiscafé Panciera, komplett entkernt. Ein Ansprechpartner ist nicht auszumachen, allerdings wirken die Arbeiten weniger wie eine Renovierung und etwas mehr wie „Die Räume sind im Ursprungszustand zu übergeben“. Das wäre sehr schade, insbesondere der Garten im rückwärtigen Bereich war Anfang des Jahrtausends ein beliebter Treffpunkt für Freunde kalter Speisung.

Auch das Ladenlokal des Friseurs Marmaris steht leer. Allerdings zog der Betreiber in das Geschäftshaus gegenüber der ehemaligen Post, sodass er der Hagschen Straße erhalten geblieben ist (und sich sogar vergrößert hat). In dem benachbarten Ladenlokal, dort hat ein Schneider die Nachfolge des netten, kleinen Cafés mystic Garden angetreten, hängt auch schon wieder das Schild eines Immobilienmaklers.

Der größte Einschlag aber steht am 13. März bevor. Kurz vor Frühlingsanfang schließt der Textil-Discounter Zeeman („So einfach kann es sein“) seine Filiale an der Hagschen Straße – und beschert dem Straßenzug damit einen riesigen Leerstand, der vermutlich nicht schnell wieder beseitigt werden kann.



Kleiner Klopfer ganz groß: Karneval kann kommen

rd | 20. Februar 2019, 13:23 | 7 Kommentare
Stolz präsentieren die Mitarbeiter des Edeka-Markts Brüggemeier ihr Werk

Mauern stehen gemeinhin für Wiederständigkeit, für Abgrenzung und Zurückweisung. Wie anders müssen sich diese beiden freundlichen Mitarbeiter des Edeka-Marktes Brüggemeier gefühlt haben, als der Filialleiter sie mit dem Auftrag betraute, einen Wall aus Fünfundzwanziger-Packs von Likör-Varietäten zu bauen, die unter dem Namen „Kleiner Klopfer“ vertrieben werden. Im Supermarkt selbst ist die Bestimmung des Bauwerks seine Auflösung, idealerweise ist bis Aschermittwoch der gesamte Vorrat verkauft. Diejenigen, die an der Zerlegung des Walls beteiligt sind, Mauerspechte gewissermaßen, verbinden mit jedem dieser Bausteine die mannigfache Möglichkeit, Trennungen zu überwinden und neue Verbrüderungen anzustoßen.

Ein sanft geschwungenes Mauersegment, wie oben abgebildet, ist bereits zum Preis von 2037 Euro und 60 Cent zu haben. Würde die komplette US-amerikanisch-mexikanische Grenze mit einer Mauer in dieser Gestalt abgesichert, käme dies den amerikanischen Steuerzahler deutlich billiger als die derzeit von Präsident Trump geforderten 5,7 Milliarden Dollar. Ein „beautiful wall“ aus „Kleinen Klopfern“ würde nach einer konservativen kleveblog-Kalkulation nur 1,019 Milliarden Euro kosten, und er würde die Verständigung zwischen den beiden Nationen vermutlich deutlich befördern. Die Frage ist allerdings, ob der Hersteller des „Kleinen Klopfers“, die Wolffstore GmbH aus Nettetal, überhaupt in der Lage ist, so viel von dem Zeug zu produzieren.



Eine Art Service

rd | 20. Februar 2019, 12:55 | keine Kommentare
Im Hamburger Hafen kamen die Container aus China an, doch statt nach Emmerich zum Zoll gingen sie direkt nach Polen

Es ist nicht bekannt, welche Anklagen die Staatsanwaltschaft Kleve derzeit noch vorbereitet, doch aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte es in diesem Jahr am Landgericht in Kleve keinen größeren Prozess mehr geben. 23 Verfahrensbeteiligte sind im Schwurgerichtssaal der Schwanenburg auszumachen: die fünfköpfige Wirtschaftsstrafkammer unter Vorsitz von Richter Christian Henckel, sechs Rechtsanwälte (weitere zwei waren zum Prozessauftakt nicht dabei), zwei Dolmetscher, zwei Staatsanwälte, zwei Mitarbeiter des Zolls, sicherheitshalber jeweils ein Ergänzungsrichter und ein Ergänzungsschöffe – und natürlich die vier Angeklagten, der Importeur selbst sowie drei Kaufleute, die für die Abwicklung der Geschäfte zuständig waren.

Staatsanwalt Hendrik Timmer, der die Ermittlungen führte, wirft dem Quartett, allesamt Männer mittleren Alters, Schmuggel in großem Maßstab vor – so groß, dass die 468 Anklagepunkte nicht im einzelnen verlesen werden können. Sind es überhaupt 468? Der Richter wies darauf hin, dass es sich möglicherweise bei zwei jeweils einzeln aufgeführten Anklagepunkten um tatsächlich vier handeln könnte (wir wären also bei 470), fünf andere jedoch offenbar versehentlich doppelt gezählt wurden (also 465).

Um die Dimensionen des Falles zu verstehen, muss man wissen, dass jeder dieser Punkte für einen Container steht, der von China aus über Hamburg den Weg nach Polen fand. In den Containern waren Schuhe, Textilien, Spielzeug und andere geringwertige Güter. Manche bargen Waren im Wert von über 400.000 Euro, doch der höchste den Behörden gegenüber angegebene Betrag belief sich laut Anklage auf 36.348 Euro. Daraus resultiert, so die Rechnung der Staatsanwaltschaft, eine Verkürzung der Zollabgaben und Umsatzsteuern von insgesamt 6.063.301 Euro und 57 Cent.

Für die Aufklärung des Sachverhalts hat das Gericht 22 Verhandlungstage angesetzt, den letzten am Freitag, 14. Juni. Doch ob es tatsächlich so schnell geht, steht in den Sternen. Am ersten Verhandlungstag zeigten sich die Verteidiger von drei der vier Angeklagten etwas konsterniert, dass der Vorsitzende Richter ihnen einen USB-Stick mit weiteren Akten übergab. Das seien 1000 Seiten gewesen, monierte eine Anwältin.

Auch der Umstand, dass zwei der Angeklagten chinesische Wurzeln haben (einer ist allerdings deutscher Staatsbürger), sorgt für Verzögerungen. Zum Prozessauftakt beispielsweise war nicht eindeutig zu klären, wo der Hauptangeklagte in Polen seinen Wohnsitz hatte. Drei der vier Männer auf der Anklagebank entschieden sich zunächst einmal dafür, gar nichts zu sagen.

Der vierte dagegen, der Chinese mit der deutschen Staatsangehörigkeit, der bei einer Import-Firma in Neuss angestellt war, räumte die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft im wesentlichen ein. „Ich weiß das mein Handeln nicht richtig war. Ich möchte der Anklage nicht widersprechen, ich bin größtenteils damit einverstanden.“ Zu seiner Motivation, sich an den Taten zu beteiligen, sagte der 52-Jährige: „zu der Zeit dachte ich, ich bin im Kundenservice. Und es ist auch Service, die Kunden zufriedenzustellen.“

Die Kunden waren Hintermänner aus China, die das Geld auch schon mal bündelweise zu der Neusser Firma brachten und dort für den Fall der Fälle auch Firmenstempel und Blankorechnungen hinterlegten. Die Mailadresse des Auftraggebers begann – im Geschäftskundenverkehr eher unüblich – mit der Buchstabenkombination XYZ.

Möglich wurde der gigantische Schmuggel nur, weil auch Mitarbeiter des Zollamtes in Emmerich an den Vergehen beteiligt waren. Sie bescheinigten den Importeuren, dass die Waren nicht in Hamburg, sondern in Emmerich verzollt werden. In Wahrheit gingen die Container mit den komplett falsch deklarierten Waren direkt nach Polen. Gegen die drei Zollbeamten läuft ein gesondertes Verfahren.

Der Prozess wird am Dienstag, 26. Februar, fortgesetzt.


Ein schöner Tag, um in 50 Metern Höhe zu arbeiten

rd | 18. Februar 2019, 18:09 | 14 Kommentare
Luft nach oben, Blick nach unten: Arbeiter am Pylon

Biete sicheren Arbeitsplatz mit besten Aufstiegsmöglichkeiten, Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit erwünscht – die Stellenanzeige klang so verlockend, und dann befindet man sich am Ende in schätzungsweise 50 Metern Höhe auf einem filigranen Gerüst am Pylon der Emmericher Rheinbrücke, und der Chef sagt: „Legt noch eine Lage drauf! Und noch eine! Ihr wolltet doch hoch hinaus, in die Chefetagen der deutschen Wirtschaft, dort, wo die Luft dünn wird!“

14 Stockwerke misst das Gerüst am Klever Pylon der Brücke bereits, am Ende der Montage dürften es rund 30 sein. Derzeit können Menschen, die den Rhein überqueren, bestaunen, wie sich das Bauwerk in mählichem Tempo emporarbeitet. Nach der Fertigstellung kommen die Anstreicher, die der stählernen Hülle einen neuen Rostschutzanstrich verpassen. Wie aber wird man sie an den Einsatzort gelockt haben? Rosige Aussichten?

Der Motorenlärm wird in Etage 14 nur noch die Ahnung eines Säuselns sein, und die Aussicht dürfte sein: Unbezahlbar!

Info Pylone der Emmericher Rheinbrücke (Wikipedia): Das Bauwerk besitzt zwei 76,7 m hohe Stahlpylone. Die Stiele der Pylone sind oben mit 5,8 m Richtung Brückenachse geneigt und durch einen 5,5 m hohen Querriegel verbunden. Der trapezförmige Stielquerschnitt hat auf den Flusspfeilern die Außenabmessungen von 4,0 m in Brückenlängsrichtung und 3,25 m in Querrichtung sowie am Pylonkopf von 2,5 m sowie 3,25 m. Über die Pylone sind zwei Tragkabel, die aus 61 Einzelseilen bestehen, mit 45 cm Außendurchmesser im Abstand von 16,8 m geführt.