Ohne Nachfolger: Warum für den Bosch-Dienst Beyerinck Ende des Monats Schluss ist

rd | 23. November 2019, 13:20 | 8 Kommentare
Handarbeit im Maschinenraum: Manfred Beyerinck bei einer seiner letzten Reparaturen

Als Manfred Beyerinck zu arbeiten begann, mussten Autofahrer noch eine Kurbel drehen, um die Seitenscheiben zu bewegen. Kraftfahrzeuge waren im Prinzip nicht viel anders, als Carl Benz sie 1885 ersonnen hatte. Alles funktionierte mechanisch, und dafür gab es den Kraftfahrzeugmechaniker, auch Autoschlosser oder liebevoll Schrauber genannt. Vor der Elektrik hatten diese Männer (und es waren damals ausnahmslos Männer) einen Heidenrespekt, und von Elektronik sprach noch kein Mensch.

Doch ein Berufsleben reichte, um all das zu ändern. Heute sind Autos rollende Computer, ausgestattet mit allerlei Assistenzsystemen und Unterhaltungselektronik, mit Sensoren und Elektromotoren. Und mittendrin in dieser Entwicklung war Manfred Beyerinck, als er Anfang der siebziger Jahre nach der Ausbildung in Düsseldorf in den Betrieb der Eltern einstieg.

Die Ausbildung zum Kfz-Elektriker, die ihn in die Fußstapfen des Vaters (einem gelernten Elektromaschinenbauer) führen sollte, absolvierte er nach dem Abschluss der Realschule fern der Heimat. Beyerinck erinnert sich: „Am Montagmorgen bin ich um 5:25 Uhr mit dem Zug von Kleve nach Düsseldorf gefahren. Gewohnt habe ich mit anderen Lehrlingen von Henckel und von Demag in einem Wohnheim. Freitags um 19 Uhr war ich dann wieder zu Hause.“

Einer seiner Urahnen installierte die Turmuhr in der Schwanenburg

Nach der Ausbildung trat er in Kleve am Brücktor in den Familienbetrieb ein. Die aus den Niederlanden stammende Familie war schon immer geschäftlich aktiv, ein Vorfahre, der Uhrmacher war, erhielt im Jahr 1880 von der Stadt Kleve den Auftrag, die Turmuhr in der Schwanenburg zu bauen.

Manfred Beyerincks Urgroßvater Leonard gründete 1880 einen Betrieb für  Elektrotechnik, 1910 trat dessen Sohn Martin die Nachfolge an. Martin wiederum betraute 1950 seinen Sohn Leo mit der Führung des Betriebs. Nach dessen frühem Tod 1968 führte seine Witwe Margot den Betrieb weiter, 1992 übergab sie den Stab an ihren Sohn Manfred, der das Unternehmen somit in vierter Generation führte.

Eine fünfte wird es nicht mehr geben. Beyerinck, 64 Jahre alt, suchte extern nach einem Nachfolger. Ohne Erfolg.

„Ich habe mit der Innung und mit der IHK gesprochen, ich habe bundesweit Anzeigen geschaltet, sogar in Magazinen für Oldtimer, aber niemand hat sich gemeldet“, berichtet Beyerinck. „Ich bin aber mit meinem Problem nicht allein, ich weiß, dass allein im Nordkreis viele Handwerksbetriebe keinen Nachfolger finden.“

Es sei heutzutage schwierig geworden, Menschen zu finden, die mehr als vierzig Stunden in der Woche arbeiten wollen. „Wir leben heute in anderen Zeiten als damals, als ich in das Geschäft eingestiegen bin“, sagt Beyerinck.

Eigenhändig Löcher in die Hutablage gesägt

Als er anfing, bestand das Geschäft im wesentlichen aus den Komponenten Starter, Generator und Zündanlage. Irgendwas musste eingestellt, repariert oder ausgetauscht werden. Doch mit den Jahren wurden aus den fahrbaren Untersätzen mobile Wohnzimmer, und die brauchten Strom. In Kleve machte sich Beyerinck einen Namen als Fachmann für Auto-Hifi, wie das damals noch hieß. Er sägte noch eigenhändig Löcher für die Lautsprecher in die Hutablage.

Dann entdeckten die Amerikaner ihre Liebe zum Mercedes. Die waren damals in Europa noch nicht mit Klimaanlage ausgestattet, das heißt, die Limousinen mussten für den Export nachgerüstet werden. „Das war so eine Phase“, so Beyerinck. Alles waren so Phasen. CD-Spieler, Standheizungen, Navigationssysteme, heute kommen selbst in Sitzen und Außenspiegeln Elektromotoren zum Einsatz. 

Doch Beyerinck möchte sich damit nicht mehr beschäftigen. Er ist froh, dass er vor der Aufgabe des Geschäfts alle Mitarbeiter bei anderen Betrieben unterbringen konnte – und räumt derzeit den Laden aus. Am 31. Dezember muss – nach 61 Jahren – das Bosch-Schild abgeschraubt werden, darauf wies der Konzern den Chef schriftlich hin. 

Ob er sich freuen soll, weiß er noch nicht

Beyerinck sagt, dass er auf ein erfülltes Berufsleben zurückblickt: „Ich möchte gemeinsam mit meiner Frau Roswitha bei allen Kunden bedanken, die uns in der ganzen Zeit die Treue gehalten haben“, sagt. Und freut er sich auf den Ruhestand, auf die neue Phase seines Lebens? Beyerinck: „Das weiß ich noch nicht.“

Auf jeden Fall wird er sich nicht mehr die Hände waschen müssen, bevor er einen Kaffee trinkt. 

Indizien eines Arbeitslebens

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8 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 1. Markus van Appeldorn

    Spätestens seit den 2000er-Jahren kaufen Deutsche ein Auto nur noch mit Klimaanlage. Nicht, weil sie die selbst unbedingt bräuchten, sondern deshalb, weil ein Gebrauchter ohne Klimaanlage schlicht unverkäuflich wurde.

     
  2. 2. jean baptiste

    Das wird wohl nicht der letzte Reparaturbetrieb sein, der seine Segel freiwillig streicht.
    Mit meinem Vater habe ich in meiner Jugend noch Elektromotoren bei seinem Vater Leo überprüfen und neu wickeln lassen, er selbst (und vor nicht all zu vielen Jahren auch seine Mutter im Laden) haben mich immer fachkundig bedient.
    Aber mit der neuen Technik der elektronischen Diagnose und dem Hang zum Modultausch kann man keinem Übernahmekandidaten mehr raten, so einen Betrieb weiterzuführen.
    Heute scheinen Elektro-Automobile mit Batterie und später mit Brennstoffzelle das Gelbe vom Ei zu werden, morgen wird es wahrscheinlich der komprimierte Wasserstoff als Antrieb sein, und eigentlich könnten wir schon heute auf E-Fuels umschalten.
    Bei so viel Unsicherheiten kann kein sinniger Mensch mehr ein tragendes Konzept für eine neu zu beginnende Selbständigkeit in einem zu übernehmenden Altbetrieb finanzieren.
    Manfred Beyerinck wünsche ich einen schönen Ruhestand, er hat`s verdient.

     
  3. 3. Herbert Jöken

    Und wiedereinmal schließt ein Traditionsbetrieb seine Tore….eine sehr traurige Entwicklung, leider kein Einzelfall. Es gehen immer mehr kleinere Betriebe verloren, die tagtäglich von früh bis spät für ihre Kunden da sind, ihnen im Alltag mit Rat und Tat zur Seite stehen, persönlich und nicht selten als “Retter in der Not”. In Zeiten von “Hotlines” und ” online Helpdesk” geht ein wertvolles Stück miteinander verloren. – Auch für mich wird diese Entscheidung bald anstehen. Genau wie Herr Beyerinck kennen wir unsere Kunden seit Jahrzehnten und unsere Kunden uns. Es haben sich daraus Freundschaften entwickelt und “man kennt sich”. Schade…….

     
  4. 4. Husky

    Berufe kommen, Berufe gehen. So ist das halt.

    Der “Mediengestalter” der 1998 eingeführt wurde stirbt ja auch schon wieder aus.

    Warum man jetzt aber wieder gegen “Hotline” oder “Help Desk” Wettern muss. Soll bei jedem blöden “Ich hab kein Internet” Problem ein Techniker gleich vor ort kommen obwohl man das eben selbst lösen kann oder wie? Oder soll jemand von Google kommen weil man sein Telefon nicht bedienen kann?…

     
  5. 5. Benno

    Schade, einfach nur schade…
    Eine Werkstatt, die auch wusste , was zu machen ist, ohne dass vorher alles ausgelesen werde musste.
    Welche Werkstatt kann heute noch ein Auto reparieren, ohne vorheriges Fehlerauslesen? Ich weiß keine. Die „richtigen Schrauber“ gibt es leider immer seltener.
    Ihnen Herr Beyerinck wünsche ich einen langen „Unruhestand“ und danke für Ihre immer gute Arbeit.

    Benno

     
  6. 6. Chewgum

    Mein Onkel ist Kfz-Meister und hat die Autos der ganzen Familie repariert. Schon als Junge hatte er die Faszination für alles mit Rädern und Motor.

    Als die Kühlerhaube unseres Autos verzogen war, weil mein Vater meinen 14-jährigen Bruder fahren ließ auf einem Wirtschaftsweg, kam mein Onkel noch am selben Abend vorbei und nahm den Schaden mit Taschelampe in Augenschein. Die Reparatur erfolgte alsbald, kein Nachbar bekam was mit.

    Ordentliche Kfz-Werkstätten sind oder waren auch immer Orte der Rettung.

    Bald werden wir Kurse brauchen, um ein Auto bedienen zu können. Ich will auch kein Auto, das mich beim Einsteigen begrüßt.

     
  7. 7. Alfred A.

    Das war noch eine Werkstatt!!!! Handwerklich auf “Topniveau” !!!
    Durch Empfehlung aus dem Bekanntenkreis wurde ich vor Jahren Kunde bei Beyerinck.
    Die Mitarbeiter und das Ehepaar Beyerinck waren immer hilfbereit und darauf bedacht
    Problemlösungen zu finden.
    Ich habe die Werkstatt geschätzt und bedaure das jetzt “Schluß” ist.
    Ihnen Herr Beyerinck wünsche ich ein schönes, langes “Rentnerdasein” und bedanke mich für die immer gute Arbeit.

    Alfred A.

     
  8. 8. Ge.Org

    Absprung zum richtigen Zeitpunkt

    Im Rahmen der Digitalisierung werden solche Geschäftsmodelle in einer extremen Geschwindigkeit aussterben. Insofern hat Manfred Beyerinck im letzten Moment das Richtige getan.

    Es ist absehbar, dass wir schon in 300-600 Wochen kein eigenes Auto (Stehzeug->steht ohnehin mehr als 95% der Zeit herum und fährt nicht) mehr besitzen müssen, tanken, Räder zum Winter und Frühling wechseln, Inspektion machen, waschen, staubsaugen, Reparaturen… Im Zuge des autonomen Fahren, der Elektromobilität und einem Wandel der Mobilität insgesamt werden all diese Berufe weitestgehend verschwinden, dafür aber andere neu entstehen– und die Mobilität wird deutlich günstiger, sicherer und einfacher werden.

    Ein spannende Zeit, ein spannender Wandel, den wir miterleben können, leider – wie immer – mit Gewinnern und Verlierern.

    Zum Thema Digitalisierung war ich vorletzten Montag von der Sparkasse zu einem hervorragenden Vortrag von Jörg Heynkes eingeladen, in dem die Thematik ausführlich beleuchtet wurde.

    Wer sich dafür interessiert, ab der 13. Minute beginnt in dem Youtube-Video ein weitestgehend ähnlicher Vortrag, wie er ihn in der Wasserburg Rindern abhielt.

    Sehr empfehlenswert!

    https://youtu.be/eVTbAm6-DrI?t=775