NRZ Kleve: Angriff, Fremdbezug, Rückzug?

rd | 14. Dezember 2008, 18:09 | 6 Kommentare

Muss man sich Sorgen um die Lokalredaktion der NRZ in Kleve (bzw. Emmerich) machen? Bekanntlich haben Fachleute der Schickler Unternehmensberatung den WAZ-Konzern durchforstet, und in einem Akt bemerkenswerter und recht ungewöhnlicher Offenheit hat das Verlagshaus (oder sagt man heute Medienhaus?) eine für die Mitarbeiter gedachte Präsentation online gestellt. Ziemlich weit hinten, auf der 31. von 37 Seiten geht es um einige Lokalredaktionen. Der irritierende Einleitungssatz lautet:

Die Auflagenhöhe von einigen Lokalausgaben reicht voraussichtlich auch nach Optimierung nicht für den eigenständigen Erhalt aus.

Unter den “Ausgaben mit kritischer Auflagenhöhe” wird dann auch die NRZ-Ausgabe “Kleve, Emmerich” aufgelistet. Sie kam offenbar im dritten Quartal 2008 nur noch auf eine Auflage von 9872 Exemplaren (davon meines Wissens zwei Drittel Emmerich und ein Drittel Kleve). Laut der Schickler-Präsentation erwirtschaftete diese Ausgabe in den ersten drei Quartalen des Jahres ein Minus von 2,3 Millionen Euro, und der Effekt aus den geplanten Einsparungen wird mit gerade mal 100.000 Euro beziffert. Die Berater nennen unverbindlich drei strategische Handlungsoptionen kritische Fälle wie diesen: “Angriff (verstärktes Engagement, um Marktanteile zu gewinnen); Fremdbezug (Kooperation mit dem Mitbewerber, um ruinösen Wettbewerb zu verhindern); Rückzug (Aufgabe der Standorte)“.

Nun, unsereins weiß nicht, wie sich die Minuszahl errechnet hat, aber wahrscheinlich steht den WAZ-Chefs auch nicht großartig der Sinn nach methodologischen Erörterungen. Sie werden sich an den Zahlen festbeißen: Drei Millionen Miese sind übers Jahr gerechnet ein ganz schöner Brocken.

Und so wie die Dinge sich derzeit entwickeln, gewinnen wohl nur verwegene Naturen den Eindruck, irgendwelche Verlage haben Lust auf “Attacke”. Eine Kooperation mit der RP ist ebenfalls nur schwer vorstellbar. Wahrscheinlich haben nicht alle ein ähnlich sinnliches Verhältnis zu Zeitungen wie ich, aber wenn ich im Café morgens nicht mehr den Vergleich anstellen könnte: Was hat die eine, was hat die andere (bzw. was nicht), würde mir schon was fehlen. (Und das sagt ausgrechnet jemand, der das Internet volltextet, jene contentsaugende Krake, die alle in den Abgrund zieht (was aber noch zu beweisen wäre).)

Einen Kommentar schreiben





6 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 6. Müller

    Kleversindclever, Sie haben es auf den Punkt gebracht.

    Nach Kündigung der NRZ lese ich jetzt die RP und bin nicht sehr glücklich damit!!

     
  2. 5. Müller

    KelPeter, Sie wohnen m.W. in der Stadt, aber die Außenbezirke z.B. Bedburg-Hau wurde im Zustellservice sträflich vernachlässigt!!

     
  3. 4. KlePeter

    Mir würde die NRZ fehlen, denn die Vielfalt der Presselandschaft geht verloren und die verbliebene Presse ist mir jetzt schon zu unkritisch und linientreu.

    Dass der Zustellservice bei der NRZ nicht funktioniert kann ich nicht bestätigen. Bis auf zwei nachvollziehbare Ausfälle habe ich die NRZ in den letzten 20 Jahren immer pünktlich im Briefkasten gehabt.

     
  4. 3. kleversindclever

    Schön und gut. Bei den Todesanzeigen hat die RP die Nase vorne, aber was kritischen Journalismus und Distanz zur herrschenden Politik angeht, passt die RP unter die geschlossene Türe durch. Da gefällt insgesamt die NRZ besser (von 2 redaktionellen Aus(fällen)nahmen abgesehen.) Bei Auflösung der Lokalredaktion und Rückzug aus der Fläche, wäre das das Ende meiner Abonnentenzeit.

     
  5. 2. Müller

    Eine Ursache im schlechten “Abschneiden” der NRZ liegt im sehr schlechten Zustellsystem. Mal kommt sie pünktlich, mal verspätet, mal erst auf telefon. Anforderung usw.. Durch die Zentralisierung des Zustellsystem (Zentral von Essen aus, die garnicht den Klever Raum kennen) ist der Erhalt dieser Zeitung zum Glücksfall geworden. Dies war für mich der Grund, nach Jahrzehnten den Bezug der NRZ zu kündigen.

    Auch war die Erweiterung auf den Raum Kevelaer m.E. nicht klug!

    Der Lokal-Redaktion Kleve bin ich noch heute für ihre gute Arbeit dankbar!!

     
  6. 1. willy verführt

    Die Leute in der Kleinstadt wollen auch Totenanzeigen lesen mit guten Sprüchen wie: ” Wer am Ziel ist, hat Frieden” oder “Als die Kraft endlich zu Ende ging, waren wir alle erlöst”. “Guck mal Erna, der ist auch schon erledigt und wir leben noch!” Das gibt es verschärft nur in der RP, deren Kleinstadtreporter sind auch näher am Menschen dran als die von der NRZ!