Geistige Schlagsahne, so what? 8219 Tagestouristen, so what?

rd | 31. Januar 2011, 11:07 | 10 Kommentare

(2. Aktualisierung) Manchmal fällt der Groschen pfennigweise, oder: Kleve, das Paris des Rheinlandes (konservativ betrachtet). So what? Beginnen wir bei Manfred Zeiner, der 1986 mit dem Thema »Saisonverlauf im Reiseverkehr Ursachen – Meßmethoden – ökonomische Bedeutung« an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zum Dr. oec. publ. promoviert wurde und seit 2003 die Geschäfte der dwif-Consulting GmbH, München, führt. Ein Mann von Welt, ein Mann vom Fach, der seinen Vortrag gerne mit der lässigen Floskel so what? abrundet… (So berichtete es Olaf Plotke (Kurier am Sonntag) seinem Notizblog).

Zeiner erstellte im Auftrag der Kleve Marketing GmbH auf der Basis von 300 Telefoninterviews eine zwölfseitige Broschüre zum Tourismus in Kleve. Endlich liegen verlässliche Zahlen auf dem Tisch, freute sich Ute Schulze-Heiming, Chefin des Stadtmarketing. Und damit angesichts der ermittelten Werte niemand zum Höhenflug ansetzt, wurden niederländische Tagesgäste gar nicht erst eingerechnet. Oder um mit Dr. Zeiner zu sprechen. »Diese Zahlen sind sehr konservativ.« Schulze-Heiming sekundierte, als das Werk in der vergangenen Woche im Hotel Cleve vorgestellt wurde: »Die Niederländer rechnen wir als geistige Schlagsahne noch obendrauf.«

Also, Tagestouristen nicht niederländischer Herkunft pro Jahr in Kleve. Und was hat Dr. Zeiner da »statistisch« mit seinen 300 Telefoninterviews so herausgefunden? 3 Millionen Menschen. Drei Millionen? Eine große Zahl, fürwahr. Was sie konkret bedeutet, fördert eine kleine Rechnung zutage: 3.000.000 geteilt durch 365 gleich 8219 Tagestouristen pro Tag (und dann noch die Niederländer obendrauf, die Schlagsahne).

Rein rechnerisch: 80 Busse à 100 Passagiere pro Tag hier? Selbst wenn man alles Omis und Opis, die morgens mit dem Rad von Bedburg-Hau nach Kleve fahren, einrechnet, kommt man dann auf 8219 Menschen pro Tag? Oder noch mal anders gerechnet: Früher, als der 1. FC Kleve noch Heimspiele hatte, merkte man es dem Stadtbild durchaus an, wenn 3000 Zuschauer den Bresserberg ansteuerten – es herrschte Chaos. Und unsere schöne Stadt verkraftet tagtäglich mehr als die doppelte Menge, ohne dass es großartig auffällt? Und dann noch die Niederländer obendrauf!

Jetzt lehne ich mich mal ein kleines bisschen aus dem Fenster und sage: Da stimmt was nicht.

(Im Café Lust habe ich Ute Schulze-Heiming getroffen und die folgende Information erhalten: Dr. Zeiner hat bundesweit 108.000 Menschen nach ihren Ausflugszielen befragen lassen. Als Tagestourist gilt nur, wer mindestens 50 Kilometer fährt und sechs Stunden vor Ort ist. Die Omi aus Bedburg-Hau scheidet also aus. Das macht es nur noch unglaublicher.)

p.s. Dr. Zeiner reiste übrigens mit dem Zug. Er kam am frühen Abend in Kleve am Bahnhof an – und konnte sofort am eigenen Leib erfahren, wie die Besuchermassen Kleve auf den Kopf stellen. Er war nämlich kein Taxi da. Und auch keine Hinweistafel mit einer Rufnummer. Nach einer Viertelstunde war es ihm trotz dieser Widrigkeiten gelungen, einen Wagen zum Hotel Cleve zu organisieren.

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  1. 10. Messerjocke

    Lawyerboy hat mich auf eine Idee gebracht. Meistens unterlaufen den Menschen, die sich mit Titeln schmücken, genau so viele Patzer, wie uns Normalbürger auch (ich erinnere an die Rheinbrücke in Griethausen).

    Der Manni Zeiner sitzt also in seinem Münchner Büro und muss eine Telefonumfrage in Kleve durchführen, hat aber auf die stisseligen Niederrheiner keinen Bock. Also denkt er sich, er ruft einfach nur eine Person an, die Ahnung hat und pauschal antworten kann und damit wäre der Job erledigt.

    “Ich heiße Manfred, also rufe ich auch einen Manfred an”, dachte er sich und durchstöberte das Telefonverzeichnis nach einem Manfred in Kleve. “Manfred, Manfred… Manfred Opgenorth! Und der ist auch noch Kommunalpolitiker, kennt sich aus… Telefon: 02821-60…”

    STOP! Was passiert jetzt, wenn man vergisst, dass die Telefonanlage für’s Amt eine Null benötigt? Richtig, man landet nicht beim verdienstvollen CDU-Kommunalpolitiker Manfred O. in Kleve-Hau, 02821-60xxx sondern bei Viktor Ostermann, Oskar-von-Miller-Ring 1, München, ausgerechnet Rechtsanwalt! Telefon: (089)2821-60

    Den Rest kann man sich denken. Der Anwalt Viktor Ostermann aus München wird dem Dr. oec. publ. Manfred Zeiner -ebenfalls aus München- erst einmal dermaßen den Marsch geblasen haben (wegen § 7 UWG und so…), dass Manfred Z. völlig frustriert einfach irgend welche Zahlen nach Kleve gemeldet hat. Und schon haben wir das Malheur!

     
  2. 9. Der Laie

    wie sagte schon in den 80er Jahren ein Dozent an der Uni, wenn sie nichts konkretes haben, treffen sie eine Annahme.
    Eine Annahme treffen ist besser als garnichts zu haben.

    Also, wie puscht man den Bedarf für ein schickes neues Marketing Domizil, natürlich mit positiven Besucherzahlen,
    und erforderlichen Platzbedarf für die Beratungsgespräche.

    Der Jobmotor ” Kurverwaltung Bad Cleve” braucht natürlich mindestens 5 Praktikanten der Hochschule neben 10 festen neuen Mitarbeitern zur Ausgabe der Kurkarten.

    Die Probebohrungen am Kurhaus haben ja bisher kein befriedigendes Ergebnis gebracht, aber sobald die Zusammensetzung und Heilwirkung des Brackwassers geklärt ist,
    werden durch den ersten Meisterbürger die Anträge zum Bad Cleve gestellt.

    Der Studiengang Health Science an der Hochschule ist ja kein Zufallstreffer, in Kleve können Studenten hautnah erleben und praktizieren wie man aus dem nichts etwas schaffen kann.

    Früher nannte man so etwas träumen und Luftschlösser bauen, aber dafür gab es keinen Bachelor Abschluss.

    PS. Die ersten Vorplanungen für kombinierte Ferien- und Studenten Wohnungen in ruhiger zentraler Lage laufen schon.

    – Satire aus-

     
  3. 8. Welte3nbummler

    Zum Thema Busgröße:
    “Die Größe von Reisebussen kann von etwa 30 bis über 59 Plätze betragen. Moderne Reisebusse sind oft als Hochdecker oder Doppeldecker ausgelegt und können 70 Personen und mehr befördern. Durch die höhere Bauweise erhalten die Fahrgäste eine bessere Sicht, was vor allem bei Stadtrundfahrten von Vorteil ist.” (Quelle: Wikipedia)

    Da in Kleve keine Hoch- oder Doppeldeckerbusse gesichtet wurden, sind es 140 Busse täglich. Wo parken die?

    Nimmt man den Individualverkehr sind es täglich 4.110 PKW (mit 2 Personen besetzt).

    Wieviel Parkplätze hat Kleve eigenlich insgesamt?

     
  4. 7. Kunde

    Schaum und Sahne schlagen hat in Kleve lange Tradition. So wurde die Fa. van den Bergh 1888 in Kleve gegründet.

     
  5. 6. Wolkenkuckucksheim

    Ja, ja das Stadtmarketing!

    Wie der Herr, so’s Gescherr.

    Aber nun mal ernst: Die festgestellte Zahl von 3.000.000 Tagesbesuchern trifft nur für das Jahr 2010 zu, denn das waren alles Interessenten für die Unterstadtbebauung 😉

     
  6. 5. Lawyerboy

    Nun,lange brauchte ich nicht überlegen. Dr. oec. publ. Zeiner scheint hier kein Fehler unterlaufen zu sein. Er hat lediglich dieses KLEVE (PLZ 25779) im hohen Norden in der Nähe von Heide betrachtet. Das ihr da nicht selber drauf gekommen seit. 🙂

     
  7. 4. RumsdieKuh4Ever

    @Rainer Hoymann

    Eventuell wurden Suggestivfragen a la RP gestellt.

    “Glauben Sie es wäre von erheblichem Vorteil, wenn Sie ihre Schwiegermutter/Schiegertochter/Schwiegersohn bei der nächsten Androhung einer mehrtägigen Heimsuchung gleich für die gesamte Dauer im Hotel unterbringen und sich dort ganz kurz für etwa 5 Minuten mit ihnen treffen?”

    Ich stelle mir gerade vor, was Ihre Kollegen wohl sagen, wenn ein Pensionsinhaber seine Kreditanfrage für den geplanten Anbau mit diesem Gutachten untermauert. 🙂

     
  8. 3. Exkleverin

    So viel? Kaum zu glauben. In der Nachbarstadt Kevelaer schätzt man 800.000 Pilger im Jahr… So viele Menschen wie in Kevelaer sieht man (ausgenommen verkaufsoffene Sonntage) aber nicht auf Kleves Shoppingmeile. Da kommt frau ins stauen…

     
  9. 2. Rainer Hoymann

    @alle

    Was hat denn die Analyse gekostet?
    (300 Telefonate, 12seitige Broschüre, ein PowerPoint-Vortrag)

    Vielleicht ist eine Umsatzbeteiligung vereinbart? 🙂
    “Fast 90 Prozent der deutschen Touristen in Kleve sind Tagestouristen, die insgesamt drei Millionen Menschen ausmachen. Sie geben – laut Studie – 82,8 Millionen Euro im Jahr aus: Im Durchschnitt 27,60 Euro pro Tag. Auf gewerbliche Übernachtungen entfallen 95 000 Kunden, die 9,7 Millionen Euro in Kleve lassen. Privatvermieter (30 000) und Camper (7000) könnten ihr Angebot noch ausweiten. ”
    http://www.derwesten.de/staedte/kreis-kleve/Wie-weckt-man-die-Sofa-Schlaefer-id4211775.html

     
  10. 1. LJ

    Bei einer Umfrage unter 10 Personen kam heraus, das pro Jahr 0 [sic!] Tagestouristen nach Kleve kommen. Das ich nur Freunde aus Süddeutschland befragt habe interessiert ja dabei nicht wirklich :D.