Ein kleiner Strich für einen Fahrbahnmarkierer, ein großer Strich für die Stadt Kleve

Teamwork: Konstantin Bastron am Farbwagen, Aleander Gildenberger gießt Triflex-Asphaltfarbe (reinweiß) nach, und Kollege Marc Langen kümmert sich um die Leitkegel

Es gibt ein altes Foto, das zeigt, wie Legionen von Radfahrern über die Ringstraße fahren. Es handelte sich um Mitarbeiter der Schuhfabrik Hoffmann, die entweder zur Arbeit fuhren oder nach Feierabend den Heimweg antraten. Der Pedaleure waren so viele, dass kein Zweifel darüber bestehen konnte, wem die Straße gehörte. Dann aber kam das Automobil, und der darwinistische Verteilungskampf um den öffentlichen Asphalt drängte die Radfahrer an den Rand. Viele mieden die Straße ganz, Generationen von Schülern allerdings, die mit dem Rad zum Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums fuhren, hatten das zweifelhafte Vergnügen, frühmorgens und mittags eingekeilt in einer Blechlawine, meistens aus Personenkraftwagen bestehend, aber auch mit vielen Lastwagen und Bussen darin, unterwegs zu sein. Und es wunderte einen beständig, dass niemand daran Anstoß nahm, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Kleve sich rühmt, eine fahrradfreundliche Stadt zu sein.

Dann kam die SPD, und dann kam Pascale van Koeverden. In der SPD hatte man die Erfahrungen anderer Städte (wie zum Beispiel Berlin) zur Kenntnis genommen, dass in der Corona-Krise mehr Menschen aufs Rad stiegen und folglich neue Radwege her mussten. Das Zauberwort hieß „Pop-up-Radweg“, und flugs stellte die von Christian Nitsch geführte Fraktion auch in Kleve den Antrag, einen solchen Radweg einzurichten. Die Ringstraße bot sich an.

Doch die Verwaltung sträubte sich. Es werde ohnehin in Bälde die Straße umgebaut, und dann kämen die Radfahrer doch zu ihrem Recht. Warum also jetzt unnötig Geld ausgeben, so die Ansicht von Tiefbauamtsleiter Bernhard Klockhaus. Die CDU sah es ähnlich. Doch Pascale van Koeverden, in der Stadtverwaltung die „Fahrradministerin“, sah dies ganz anders und schrieb unmittelbar vor der entscheidenden Ratssitzung (in der geplant war, den SPD-Antrag abzuschmettern) eine flammende Mail an den Bürgermeister.

Allerdings war es nicht nur die Kraft ihrer Argumente, sondern wohl vor allem ein ausgedünnter Ratssaal in der Stadthalle, der plötzlich eine Mehrheit für den Radweg ermöglichte – wenn auch erst nach mehrfacher Abstimmung, weil zuvor ein Zählfehler festgestellt wurde, und auch da nur mit einer Stimme Mehrheit (24:23). Bürgermeister Wolfgang Gebing (CDU) hätte das Zünglein an der Waage sein können, doch er wohnt an der Ringstraße und erklärte sich für befangen. So gab es einen hachdünnen Sieg für die Radfraktion, und dann ging alles ganz schnell.

Die Stadt Kleve informierte Straßen.NRW über die geplante Veränderung, und die Behörde leitete den Umbau sofort in die Wege: Seit dem heutigen Mittwoch, nur einen knappen Monat nach der Abstimmung, sind die Profis der Markierungsfirma ABV-Bau aus Inden damit beschäftigt, die Streifen aufzubringen. Morgen werden noch mittels einer Schablone die Fahrradsymbole aufgebracht, und dann hat Kleve seinen ersten Pop-up-Radweg!

Jeder Strich muss sitzen: 1 Meter Farbe, 1 Meter Lücke
Und immer gibt es einen, der den Schuss nicht gehört hat…

Deine Meinung zählt:

38 Kommentare

  1. 36

    @35. Niederrheinstier

    Als du das letzte mal an mir vorbei galoppiert bist, hatte ich danach eine Gehirnersch

     
  2. 35

    @ 33 (Fehler sind nicht menschlich)
    Mmuuuh, 33, Errare non humanum est, die Fussg

     
  3. 32

    @rd „Wo soll das sein?“

    Einfach mal den gestrichelten Linien zum Ende Folgen, einmal kurz vor Kreuzung Ringstra

     
  4. 29

    Hab mir diesen Aufmalradweg genauer angesehen heute. Zwei Parkende Autos auf der Rechten Seite in Richtung Lindenallee,

     
  5. 27

    @25
    Warum denn aus meiner Niederlage? Ich bin weder Mitglied der CDU noch habe ich sonst irgendwie was mit der CDU zutun. Ich fand lediglich, dass der B

     
  6. 24

    @23 man kann es halt nicht jedem recht machen. Ich finde es war eine starke und faire aktion, aus welchen beweggr

     
  7. 23

    @16 Rebecca: Naja, „Geste“ ist hier wohl eine sehr charmante Beschreibung daf

     
  8. 18

    @14 Alles Neu
    Die Unsitte besteht meiner Meinung nach nicht nur im Wiederrechtlichen Halten/Parken. Sie beginnt schon in der Garage der Anwohner, diese ist n

     
  9. 7

    @3 Messerjocke @6 Der Beobachter: Das in Kleve durchzusetzen ist nicht einfach. „Rote“ Radwege passen nicht in die politische Landschaft. 😉
    Aber das Beispiel zeigt, dass es durchaus m

     
  10. 6

    Auch wenn es noch ein weiter Weg zur fahrradfreundlichen Stadt in Kleve ist, so ist diese -doch mit recht wenig Umsetzungsaufwand in der K

     
  11. 3

    Eigentlich hat die SPD – von mir aus der Bundes- und Landespolitik der letzten Dekaden frei abgeleitet – als gr

     
  12. 1

    Ein Fahrradschutzstreifen ist es geworden. PopUp konnte leider nicht durchgesetzt werden. Aber immerhin: „Auch ein schlechter Radweg ist besser, als gar kein Radweg“.