Das Leben ist eine Baumarktstelle

rd | 13. März 2014, 17:49 | 2 Kommentare

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(Fotos: Udo Kleinendonk) Früher gab es „Bedarfs“-Handlungen, das Fachgeschäft für Bastelbedarf versorgte einen beispielsweise zuverlässig mit Klebstoffen und Papieren. Wie sich die Welt des individuellen Konsums in den vergangenen Jahren, oder besser gesagt Jahrzehnten gewandelt hat, zeigt demgegenüber geradezu exemplarisch ein kulturphilosophisch inspirierter Gang durch einen Baumarkt, dessen neueste und Maßstäbe setzende Inkarnation uns in Kleve in Gestalt des neuen, heute eröffneten Hagebaumarktes von Rudolf Swertz am Ende der Flutstraße begegnet.

Der Weg durch die schier endlosen Flure, die beiderseits meterhoch mit Ware bepackt sind, zeigt, dass dieses Geschäft nicht mehr singuläre Bedürfnisse befriedigt, sondern sich des ganzen Lebens angenommen hat. Dieses Leben, es ist ein fortwährendes „Home improvement“, eine Optimierung der eigenen vier Wände und des angrenzenden Gartens oder Balkons.

Der Mensch an sich kann dieses Improvement nicht ewig fortführen. Irgendwann hat er keine Lust mehr, an der Volkshochschule noch eine Fremdsprache zu lernen. Irgendwann merkt er, dass er nicht mehr so gut Basketball spielen kann wie die Jungen. Irgendwann mag auch die Spannkraft des Beziehungslebens zumindest ein wenig nachlassen. Dann aber lockt der Baumarkt mit seinem breit gefächerten Angebot an Herausforderungen, denen das Glücksversprechen, sie meistern zu können, als immanente Garantie innewohnt.

Was immer der rastlose, moderne Mensch sich vorzunehmen gedenkt, Badsanierung, Fußbodenverlegung, Terrassenausbau, Wandbemalung, Innenraumbeleuchtung, Einbruchsicherung, Dachabdichtung, er macht daraus, um die Werbekampagne des Konkurrenten Hornbach zu zitieren, ein Projekt, welches mit einem Besuch der Kultstätte Baumarkt zu beginnen hat.

Im Geschäft wird idealerweise ein Bediensteter angesprochen, der einen in die Gemeinschaft der Baumarktjünger aufnimmt (der Hagebaumarkt-Slogan „Hier hilft man sich“ drückt dies geradezu perfekt aus, assoziiert er doch nonchalant die Adenauersche Definition des Klüngels („Man kennt sich, man hilft sich“)).

Rituell wird der mehr oder minder kostspielige Besitzerwechsel einer Vielzahl von benötigten Dingen vereinbart („Dazu brauchen Sie aber auch eine 17-er-Muffenzange arretierbarem Anstellwinkel“), und schon kann der Mensch, der üblicherweise in seinem beruflichen Alltag in völlig entfremdeten Prozessen tätig ist und keinerlei Fertigstellungsekstasen mehr erleben darf, in den heimischen vier Wänden etwas anfangen und zu einem erfolgreichen Ende führen. Insofern sind die Baumärkte von heute eben keine Bedarfshandlungen mehr, sondern wahre Glücksmaschinen – vorausgesetzt, das Waschbecken hält.

Auch Hoeness hätte etwas mehr Baumarkt und etwas weniger Derivat gut getan.

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2 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 2. otto

    Fast, nein wirklich, eine literarische Beschreibung einer Entwicklung bis zum Jetzt.

    Dem gewollten Bedarf aufs Maul geschaut, den Vorhang der Wirklichkeit ein wenig zur Seite geschoben.

    Sehr gute Begleitfotos von Udo.

    (pers. Gesamturteil xxxxx)

     
  2. 1. HP.lecker

    Schön geschrieben, rd. Gefällt mir!