Zeitzeichen Schlussgong – das Ende einer Ära in der Herzogstraße

rd | 27. Januar 2018, 17:53 | 3 Kommentare
Markenzeichen Wollpullover: Helmut van Bebber am Tresen seines Ladenlokals in der Herzogstraße, vor sich ein paar Singles – ein Bild, das es nicht mehr lange geben wird

Markenzeichen Wollpullover: Helmut van Bebber am Tresen seines Ladenlokals in der Herzogstraße, vor sich ein paar Singles – ein Bild, das es nicht mehr lange geben wird

Nach 31 Jahren, zwei Monaten und 28 Tagen ist in der Herzogstraße eine Ära zu Ende gegangen und ein Geschäft von der Bildfläche verschwunden, das diese Straße wie kein zweites geprägt hat: Helmut van Bebber hat nach mehr als drei Jahrzehnten sein Antiquariat Zeitzeichen geschlossen, nachdem die dreiköpfige Eigentümergemeinschaft für das Haus, zu der der Händler selbst gehört, auf die Offerte eines Interessenten eingegangen ist, die Immobilie zu kaufen, um dort ein anderes Gewerbe zu starten. Derzeit ist van Bebber in seinem Ladenlokal noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt.

Geplant hatte Helmut van Bebber das Ende nicht, erst vor einem knappen halben Jahr hatte er noch renoviert und sein Ladenlokal um die Räumlichkeiten des nebenan gelegenen Geschäfts Surium erweitert – doch es kommt oft anders, als man denkt.

„Zuerst fiel es mir alles andere als leicht, das Ladenlokal aufzugeben“, sagt van Bebber. „Doch mittlerweile habe ich mich mit dem Gedanken anfreunden können. Ein bisschen runterfahren, das finde ich gut.“

Ganz aufhören möchte er nicht: Er plant, noch ein Lager zu unterhalten (mehr oder minder zentral in der Stadt gelegen, es gibt schon die eine oder andere Idee), dieses allerdings nur noch einen Tag für den Publikumsverkehr zu öffnen.

Kleve aber wird in wenigen Wochen ein kleines Juwel des Handels fehlen. Wo sonst konnte es einem schon passieren, dass einem ein Mataré-Holzschnitt angeboten wurde, der sich nicht einmal im Werkverzeichnis des Künstlers fand? Oder dass eine Sammlung bestehend aus 1200 Rasierapparaten zum Verkauf stand? Der Autor selbst wird künftig eine verlässliche Quelle für gelungene Weihnachtsgeschenke, zum Beispiel Sektkelche aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, vermissen. Sehr, sehr schade – aber es ist Helmut van Bebber zu gönnen, auch einmal samstags frei zu haben.

Das Aus für das Geschäft zieht allerdings noch ein nicht zu unterschätzendes Problem nach sich. Helmut van Bebber organisierte auch stets an den verkaufsoffenen Sonntagen den Bücherbummel in der Herzogstraße, der ein bisschen intellektuelles Flair in die Stadt brachte. Doch auch diese Aufgabe möchte er abgeben. „Das Kapitel Herzogstraße ist für mich abgeschlossen“, sagt er. Aber: Wer sonst hat die Energie und Lust, in die Fußstapfen des Antiquars zu treten?

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Ein Porträt von Helmut van Bebber, geschrieben von Helga Diekhöfer, erschien Anfang des vergangenen Jahres im Magazin Der KLEVER. Hier der vollständige Text:

Der Antiquar

Wer trödelt, gewährt der Zeit Raum. Wer trödelt, dessen Herz schlägt nicht im Takt der modernen Welt. Dafür erfreut sich seine Seele an Dingen, die der Verstand in ihrem besonderen Wert nicht zu erfassen vermag. Ein Beispiel gefällig? Sektflöten, ein halbes Jahrhundert alt. Einem Klever standen sie im Weg, als er seinen Wohnzimmerschrank aufräumte. Wohin also damit? Er brachte sie zu Helmut van Bebber. Der Antiquar und Trödelhändler kauft solche Schätze an, bietet sie wieder an – und macht daraus ein Leben. Nehmen wir uns die Zeit für eine Spurensuche in der Schatzkammer, im Antiquariat „Zeitzeichen“ in der Herzogstraße.

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Eines Tages kommt eine Kundin ins Antiquariat „Zeitzeichen“. Sie sammelt alte Fotografien aus dem 19. Jahrhundert und sucht ein besonderes Motiv: „Da muss ein Herr drauf sein, der in einer Hand eine Zigarre hält und in der anderen ein Paar weiße Handschuhe.“ Wie Helmut van Bebber an diesem Tag von der Kundin lernt, ist das ein typisches Motiv aus den späten 1890er Jahren. Die Dame wird fündig und ist glücklich.

An diese Episode erinnert sich van Bebber noch heute, weil sie das zentrale Wesensmerkmal seines Geschäfts beschreibt: Er handelt mit Dingen, deren Wert durch die Sammelleidenschaft seiner Kunden bestimmt wird. So handelt van Bebber gewissermaßen mit dem Flüchtigsten, was unsere Welt zu bieten hat – mit Zeit. Geronnen in Gegenstände, deren Wert sich der rationalen Natur vieler Menschen nicht immer sofort erschließt. Oder gar nicht.

Knarrend öffnet sich die Tür zum Ladenlokal in der Unterstadt. Schon steht man auf der purpurroten Fußmatte mit dem geschäftstüchtigen Spruch „Tritt ein, bring Geld herein“, der allerdings nur in die Irre führt. Wahrscheinlich das Geschenk eines wohlmeinenden Freundes.

Hier geht es um alles, und trotz eines erforderlichen Maßes an Geschäftssinn jedoch nur nebensächlich ums Geld. Scheine und Münzen scheinen eher den Zweck zu haben, den sich stets wiederholenden Prozess des Ankaufens, Anbietens und Verkaufens geschmeidig zu halten.

Hier, das ist das Reich von Helmut van Bebber, in dem jeder reichlich findet, was er sucht oder wo einem Dinge schicksalshaft begegnen oder wieder begegnen: eine alte Insel-Ausgabe „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph von Eichendorff, eine John-Lennon-Biographie, eine Brockhaus-Ausgabe in vierundzwanzig Bänden, Ölgemälde von Bernd Schulte, dem Schüler von Achilles Moortgart, eine Single mit dem Titel „Ohne Schüsterkes kan Kleef niet leeve“ oder gar ein paar alte Ausgaben des Pegasus, der Schülerzeitung des Stein-Gymnasiums.
Mal eben die Nummer „Pegasus 11“ aufgeschlagen, schon taucht der Besucher ein in die Klever Geschichte des Jahres 1969. Notiert sind die Berufswünsche der Abiturienten des Jahres: „Klaus Albers (Jurist), Wolfgang Dähne (Arzt), Wolfgang Macke (Journalist), Friedhelm Olfen (Kirchenmusiker), Hans-Joachim Tebartz (Wirtschaftswerbung) und Helmut Tönnissen (Betriebswirt)“. Jeder weitere Gegenstand birgt eine weitere Geschichte, oder mehrere, und nicht gefestigte Naturen laufen Gefahr, sich darin zu verlieren. Manche Kunden fühlen sich so zum Verweilen eingeladen, dass daraus zwei Stunden oder mehr werden können. „Ich hab auch schon mal welche abends eingeschlossen“, sagt van Bebber trocken. Zum Glück haben diese sich aber nach dem Abschließen noch bemerkbar machen können.

Helmut van Bebber ist umgeben von seinen Schätzen, wovon er jeden einzelnen jederzeit zu orten weiß, obwohl das aufgrund der Fülle und Unterbringung in verwinkelten Räumen gar nicht so einfach erscheint. Das Warenwirtschaftssytem des Mannes – sein Gehirn, das muss reichen.

Umso schöner aber für den Besucher des Antiquariats, der auf persönliche Entdeckungsreisen gehen kann und dann mit einer Trophäe in der Hand zurück zum Ladentisch kommt. Helmut van Bebber ist derweilen präsent, manchmal nur in Hörweite.
Überaus geerdet und tiefenentspannt gibt er geduldig Auskünfte, sinnt nach, achtet auf sein Gegenüber, denkt mit, kombiniert.

Das, was er hier macht, war schon von klein auf sein Ding: Verkaufsausstellungen zu arrangieren. Im Jahr 1955 in Kranenburg als drittes von vier Kindern der Eheleute Josef und Mechthild van Bebber geboren, organisierte er bereits als Volksschüler im Hause seines Großvaters Josef van Bebber eine Kinder-Fluxus-Ausstellung zusammen mit seinem sechs Jahre älteren Bruder Claus.

Sein Großvater hatte damals als Museumsleiter des örtlichen Museums Katharinenhof „Sinn“ für das Vorhaben der Kinder. Vorher hatte Helmut im November 1963 als achtjähriges Ströpken die Fluxus-Ausstellung von Joseph Beuys im Hause der van der Grintens besucht, die offensichtlich einen bleibenden Eindruck hinterließ. Auch die Brüder van der Grinten statteten der Kinder-Ausstellung damals einen Besuch ab und die Jungs machten ein erstes Tauschgeschäft: Zwei ihrer „gebastelten“ Kunstwerke tauschten sie gegen zwei Holzschnitte von Hans und Franz-Josef van der Grinten.

Doch der Weg seines Lebens führte Helmut van Bebber nicht geradewegs ins Zeitzeichen, sondern, wie es sich für einen Trödler gehört, auf Umwegen.

Während sein Bruder Claus sich als Künstler verwirklichte, entschied sich Helmut nach Beendigung der Schulzeit zuerst für ein Studium der Sozialpädagogik in Mönchengladbach. Danach nahm er eine Stelle beim Jugendamt Düsseldorf an. Eine sichere Stelle, feste Arbeitszeiten, geregelter Urlaub. „Warum gehst du nicht zu Onkel Werner in die Werkstatt, der gibt dir ’ne Festanstellung“, sangen einst „Die Ärzte“.

Manchmal ist das Einfache nicht der Weg zum Glück. Nach einem Jahr entschied sich van Bebber um und widmete sich wieder dem, womit er schon während des Studiums Geld nebenbei verdient hatte – dem Handel mit gebrauchten Gegenständen. Alte Möbel, Bücher, Trödel, Krempel.
1982 gründete er mit zwei Freunden in seiner Heimat ein kleines Haushalts- und Entrümpelungsunternehmen.

Zu einem eigenen Geschäft kam er vor nun beinahe einunddreißig Jahren, im November 1986, als das Ladenlokal an der Herzogstraße 10 zufällig leer stand. (Vormals war es „Gossens Lederwaren“, die zur Kavariner Straße umzogen und inzwischen unter dem Namen Boßmann firmieren.)

Ein klassisches Antiquariat, das normalerweise auf Druckerzeugnisse beschränkt ist, war illusorisch, das war schnell klar. Um ein erfolgreiches Geschäft zu führen,
musste van Bebber nach dem Kundeninteresse gehen. Und dazu gehörten in den 80ern auch abgelaugte Weichholzmöbel: Kommoden, Schränke, Tische. Allmählich vollzog sich der Wandel des Schwerpunkts hin zum heutigen Warenangebot mit Büchern, Bildern und Grafik aus der Region, Porzellan und Keramik sowie vergangener Tonkunst. Vor dreißig Jahren waren noch Druckerzeugnisse von der Zeit des Ersten Weltkriegs gefragt, inzwischen geht es um Fotos vom „Krieg am Niederrhein“ (im Zweiten Weltkrieg) und um Flugblätter vom „Schnellen Brüter“ in Kalkar – auch die Jungen werden alt.

Vorhanden ist das alles, aber man muss sich erst mal dorthin durcharbeiten:
Gleich hinter der Ladentür, im Hauptraum, wird man zur Zeit empfangen durch den Anblick eines alten, abgewetzten 50er Jahre Friseurstuhls, umgeben von Kisten mit Druckerzeugnissen und Schallplatten, die noch auf genaue Sichtung warten. Zwischendurch kommt ein Stammkunde aus dem benachbarten Mook in Holland herein, um kistenweise Waren abzuliefern und gleichzeitig nach Singles für seine Jukebox zu suchen.

Ein weiterer Raum ist der Literatur gewidmet – mit Büchern bis zur Decke. Weiter geht es durch den schmalen Flur zu einem Lichthof mit niederrheinischen Gemälden. Links davon findet sich der kleine Raum mit den Schallplatten und Sammlerstücken aus den 50-er Jahren. Am Ende des Ganges rechts darf der Kunde dann ausschließlich in Kunstbänden stöbern, immerhin sortiert nach Künstlern, Joseph Beuys ist prominent vertreten.

Das Angebot ist überbordend, aber wo kommt das alles her? „Die Leute melden sich. Manche kommen mit einem Tragetäschchen mit fünf Büchern vorbei, andere haben eine komplette Wohnungsauflösung zu bieten oder nur ein Bücherregal zu leeren“, sagt van Bebber.

Damit er nicht ständig ein Schild „Bin mal eben weg“ an die Tür hängen muss, hat er es so eingerichtet, dass er die „Haustermine“ morgens macht und sein Geschäft nur am Nachmittag öffnet. „Die Dinge, die ich ankaufe, zum Beispiel Klever Kunst, sind je nach Zeitgeist manchmal mehr, manchmal weniger wert. Da muss der Kunde überlegen, ob er nicht doch Spaß dran hat und das Bild behalten möchte.“ Fast täglich branden neue alte Sachen an. Der Ankauf erfolgt gegen Quittung. Nur bei sehr wertvollen Dingen, gefragten Gemälden zum Beispiel, arbeitet van Bebber auf Provisionsbasis.

Wer bei ihm einkauft, trägt ebenfalls Spuren des Lebens. Ganz junge Kunden tummeln sich eher selten in der aus ihrer Sicht wunderlichen Welt des „Zeitzeichens“, wer 50 Jahre und älter ist, erblickt in den Gegenständen vermutlich sein eigenes Leben – und ist gerade davon angezogen. Und dann gibt es die Kunden, die auf der Suche nach einem ausgefallenen oder gezielten Geschenk sind oder „nur mal durchgucken“ wollen. Auch Niederländer gehören zu den Stammkunden des Antiquariats. Sie schauen einfach immer vorbei, wenn sie Kleve einen Besuch abstatten.

Und es gibt natürlich die „Heimatsammler“, die alles horten, was mit der Klever Industrie- und Firmengeschichte zu tun hat. Sie suchen etwa nach der Blechdose von XOX oder Bensdorp oder nach einem Buch über die Schuhfabrik Hoffmann oder nach Ansichten niederrheinischer Windmühlen. Selbst die Klever Museen sind ab und an Kunden, so wie kürzlich, als van Bebber einen 16-mm-Film über „Ewald Mataré in seinem Atelier“ mitsamt Abspielgerät anzubieten hatte.

Um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, gehört das Klappern dazu. Das heißt: Büchermärkte besuchen und Kontakte knüpfen: Auftritte bei Straßenfesten,
bei verkaufsoffenen Sonntagen, auf dem Moyländer Weihnachtsmarkt oder im Kolpinghaus Kleve. Nicht zu vergessen der „BücherBummel“, den van Bebber mit einer kleinen Gruppe von Ladeninhabern aus der Taufe hob und bereits zum 27. Mal mit viel Liebe organisiert. Er erinnert sich nur allzu gerne an eine überaus erfolgreiche Aktion in den Neunzigerjahren mit dem Titel „Hinter Glas“. Hier hatten sich die damaligen Händler der Straße mit Klever Künstlern zu einem Projekt zusammengeschlossen mit dem Ziel einer Ausstellung hinter jedem Ladenfenster. Mit von der Partie waren u.a. Günther Zins, Willy Oster, Gerd Borkelmann und eine junge Malerin namens Astrid Feuser. Van Bebber erinnert sich sichtlich amüsiert: „Da hingen dann Stahlrohrplastiken von Günther Zins quer durch einen Friseurladen und Malereien von Astrid Feuser tauchten zwischen den Würsten auf.“

Wie aber lebt ein Mann, der tagtäglich in die Tiefen der Vergangenheit eintaucht und die Geschichten zur Geschichte in sich aufsaugt, privat? Wie in einem Museum? In einer Wohnung, vollgepackt mit Sammelsurium? „Ganz anders“, sagt van Bebber. Er wohnt mit seiner Frau Helga Albrecht in Materborn: „ Zu Hause sind wir spärlich eingerichtet, mit viel Platz. Privates und Geschäftliches bleiben klar getrennt: Die Ware bleibt im Laden und Sachen von zu Hause wandern nicht ins Geschäft.“

Aber er wird doch umgeben sein von vielen Büchern und ständig lesen? Nein, auch das nicht. Aber: „Ich bin an Kunst interessiert und besuche gerne die Museen in der Region.“
Und wie zur Demonstration zeigt er die neuesten Schätze in seiner Sammlung: zwei
Lithographien von Stephan Balkenhol, eine seltene Tuschezeichnung von Ernst Schönzeler aus dem Jahr 1957 und ein Original-Plakat zur Fluxus-Ausstellung von „Josef Beuys“ (damals schrieb er sich noch mit „f“) von diesem denkwürdigen November 1963 damals in Kranenburg.

Jene Ausstellung, die den jungen Helmut van Bebber zu seinen ersten Geschäften inspirierte. Ein Kreis schließt sich. Ein Leben wird rund.

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3 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 3. Biersexuell

    Laden war prima, allerdings wollte er mir nie die Lp-Sammlung verkaufen! Vielleicht jetzt? P.S: und bei den Preisen nicht allzusehr an den Rock-Pop Katalog halten, die sind doch nur fiktiv und gelten zuallererst für reine Mint-Platten! Mach´s mal gut, man sieht sich!

     
  2. 2. thats it

    Ich war lange (leider) nicht bei Herrn van Bebber. Ich wünsche Ihm alles Gute für die Zukunft. Sein Laden wäre erhaltenswert. Kleve verliert erneut ein Kleinod der Muse.

     
  3. 1. Wolfgang Look

    der Artikel enthält eine schöne Beschreibung des Besuchs eines Antiquariats, obwohl ich meinen Aufenthaltsort nicht verlasse, reise ich in eine Art “goldenes Zeitalter”, eine alte Welt, die schön, besonders, erhaben, fern und doch nah ist, Buch und Mensch sind mehr als eins, aber doch weniger als zwei!