Sparkassenfusion: Der Emmericher Patient

rd | 01. Juli 2016, 17:10 | 5 Kommentare

Prächtiges Bauwerk, auch mit 50: Rheinbrücke Emmerich (Foto: Christian Flock)

Über diese Brücke musst du gehen, das sagt sich so einfach (Foto: Christian Flock)

(Foto: Christian Flock)[/caption]Eine der beliebtesten Waffen aus dem Arsenal der klassischen Rhetorik ist die Ablenkung, insbesondere im Falle eigener Schwäche. So gesehen, verhielt sich Frank Ruffing, Vorstandschef der Volksbank Kleverland, wie aus dem Lehrbuch, als er bei der Bilanzpressekonferenz seines eigenen Instituts herumätzte: „Im Gegensatz zur Sparkasse kommen wir ohne staatliche Hilfe aus.“

Der Satz bezieht sich auf die öffentlichen Gelder, die in die Stadtsparkasse Emmerich-Rees fließen, um sie „fit“ zu machen für die Fusion mit den Sparkassen aus Kleve und Straelen, die im Vergleich mit dem Geldinstitut von der gönne Kant geradezu blendend dastehen.

Hier der Überblick:

Die erste massive Geldspritze kam im Jahr 2012, als der Kreis Kleve, der vorher mit der Stadtsparkasse Emmerich-Rees überhaupt nichts am Hut hatte, 7,5 Millionen Euro als Kapitalrücklage und weitere 2,5 Millionen Euro als Einlage eines stillen Gesellschafters zuschoss.

Damals las sich die Bilanz des Geschäftsjahres wie die Diagnose eines todgeweihten Patienten:

„Es ergibt sich ein Konzernbilanzverlust in Höhe von 902 Tsd. €, der deutlich unterhalb des Vorjahresniveaus liegt. Wesentlich für den Ausweis eines Bilanzverlustes war die Neubewertung latenter Steuern, die zu einem Steueraufwand in Höhe von 1.982 Tsd. € geführt hat. Die Bewertung einer Unterbeteiligung aufgrund werterhellender Erkenntnisse hat abweichend zum Einzelabschluss der Sparkasse zusätzlich zur Belastung des Ergebnisses in Höhe von 1.062 Tsd. € geführt. Neben einem reduzierten Zins- und Provisionsüberschuss waren Mehraufwendungen im Bereich der Personal- und Sachaufwendungen zu verzeichnen. Das Bewertungsergebnis Kreditgeschäft fiel ungünstiger aus als geplant. Das Bewertungsergebnis Wertpapiergeschäft wird getragen durch Zuschreibungen sowie der Hebung von Kursreserven in Verbindung mit der angestrebten Bilanzkürzung. Der ausgewiesene Konzernbilanzverlust ist deutlich niedriger als im Vorjahr, das Konzernergebnis entspricht jedoch nicht unseren Erwartungen.“ (Bilanz 2012)

Die zweite monetäre Infusion wurde Anfang der Woche bekannt, als der Emmericher Bürgermeister Peter Hinze gemeinsam mit seinen Kämmerer Ulrich Siebers vor die Presse trat und bekannte, dass aus dem Haushalt der Stadt am Rhein zusätzliche 12,18 Millionen Euro in die Kasse der Sparkasse fließen, um deren „notorischer Eigenkapitalquote“ (NRZ) auf Fusionsniveau zu heben. Wann und wie (und unter welchen Bedingungen) das Geld fließen soll, ist nicht bekannt.

Bisher ebenfalls nicht bekannt ist außerdem die Tatsache, dass auch der Kreis Kleve noch einmal tief in die Tasche greift (mit rund 9 Millionen €), um den Zusammenschluss perfekt zu machen. Nur diese Summe erklärt auch, wieso der Kreis auf 50,3 Prozent der Anteile an dem neuen Institut „Sparkasse Rhein-Maas“ kommen kann.

Wie gestern schon berichtet, werden die Vorstände der Banken nicht müde, der Politik die geplante Fusion, die am Montag besiegelt werden soll, als „alternativlos“ zu verkaufen. Allerdings ist aus Kreisen der Politik auch die Befürchtung zu hören, dass die Zuwendungen aus der öffentlichen Hand womöglich auch als verbotene Subventionen interpretiert werden könnten. Außerdem wird geargwöhnt, dass auch in den Krisenzeiten zwei Posten in der Bilanz der Stadtsparkasse Emmerich-Rees zuverlässig auf hohem Niveau blieben – der der Vorstandsbezüge und der der Rückstellungen für die Altersversorgung der Vorstände.

Die Zahlen sind im Bundesanzeiger nachzulesen und also kein Geheimnis.

Im Geschäftsjahr 2013 erhielten die beiden Vorstände Horst Balkmann und Gregor Reinen insgesamt 483.000 Euro. Den Pensionsrückstellungen für die beiden wurden weitere 327.000 Euro zugeführt.

Im Geschäftsjahr 2014 summierten sich die Vorstandsbezüge auf 499.000 Euro. Für die Pensionsrückstellungen wurden 546.000 Euro beiseite gelegt.

Die Zahlen für das Geschäftsjahr 2015 sind noch nicht verfügbar, obwohl sie eigentlich längst hätten veröffentlicht werden müssen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, dass sie sich auf einem ähnlichen Niveau bewegen.

Im Geschäftsjahr 2012 wurden die Zahlen noch nicht standardmäßig veröffentlicht.

Das aber heißt: Wenn man die gesamte Unterstützung aus der öffentlichen Hand zusammenrechnet (also die 10 Millionen aus dem Jahr 2012 und die Begleitmusik zur aktuellen Fusion), kommt man auf rund dreißig Millionen Euro – und davon wiederum sind bereits mehr zehn Prozent ausgegeben worden zur Bezahlung der Vorstände und deren Alterssicherung.

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5 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 5. Niederrheinstier

    Schlechter Deal! 2008 hat der Kreis schon einmal 30 Mio EUR locker gemacht. Aber damals gab es noch die Hochschule Rhein-Waal dafür. Immerhin! Und jetzt??? Weiß jemand, auf welche geplatzten oder notleidenden Kredite (zusätzlich zu der Vorstandssaturierung) das insgesamt 30 Mio EUR große Loch zurückgeht? Eigentlich hat Emmerich doch eine große Industriebetriebe, die ansehlich laufen. Und investiert haben diese Industriebetriebe in den letzten Jahren auch immer wieder. Ob der Hafen und die Hafenbahn auch so gut laufen, weiß ich nicht. Oder sind möglicherweise Spekulationsverluste aus Zeiten der Finanzkrise die Ursache (eventuelle Fehlinvestitionen im Decaying Kingdom können ja noch nicht der Grund sein – die werden erstmals die Bilanz 2016 verhageln können)?

     
  2. 4. Jane Doe

    Abschaffen!! Alle Banken, den Aktienmarkt die Spekulationen…. alles verbieten und abschaffen!!!!!

    Zum Vorstandsgehalt: Wieviele Beschäftigte (z.B. in Rindern) hätten von der Hälfte dieses Gehaltes bezahlt werden können?
    Warum verdient der Chef das 10 fache der Angestellten? In Köln liegt das Gehalt des Spakassendirektors bei über 1 Mio Euro…. Ist das noch normal? Man rationalisiert die Basis weg, raubt den Kunden mit zwangsläufigen Transaktionskonsten sowie überteuerten Krediten und Dispozinsen aus und rechtfertigt solche Gehälter… unglaublich.. Gieriges Pack!!!

     
  3. 3. Markus van Appeldorn

    Also B.R., wenn man auf einen Kredit in Höhe von 12,81 Millionen Euro 18 Millionen Euro zurückzahlt, macht das bei 5,19 Millionen Euro Zinsen über die gesamte Laufzeit eine Gesamtbelastung von beinahe 50 Prozent Zinsen.

     
  4. 2. B.R.

    Zusätzlich vom Kämmerer gemachte Angaben zum aufgenommenen Kredit in Höhe von 12,18 Millionen Euro:
    30 Jahre Laufzeit, jährliche Rückzahlung 600.000, jährliche Zinsbelastung im Mittel 180.000

    Das läßt auf einen vereinbarten Zinssatz von ca. 2,8 % schließen. 10 jährige Bundesanleihen notieren mit – 0,1 %,
    30 jährige Bundesanleihen mit + 0, 3 %.

    Gibt es irgendeine Begründung dafür, dass ein kommunaler Kredit hier wesentlich teurer ist als Bundeskredite ?

     
  5. 1. Markus van Appeldorn

    Ich kalkuliere mal, die Klever wollten auch endlich mal eine eigene Bad Bank besitzen, um im ganz großen Business mitmischen zu können.