Raudi123: „… und dann habe ich zugeschlagen“

rd | 13. Juni 2018, 19:54 | keine Kommentare

So präsentierte sich der Täter auf Facebook

Zum Prozessauftakt verbarg Tom K. sein Gesicht hinter einem Aktenordner

Vor dem Landgericht Kleve begann der Prozess gegen Tom K. (25), der angeklagt ist, den Tankstellenpächter Robert C. (77) aus Elten Ende vergangenen Jahres umgebracht zu haben – erschütternde Videorekonstruktion des Tatablaufs

Das Geräusch eines berstenden Schädels habe er hören wollen, sagte Tom K. dem Psychiater. Als er das Krachen der Knochen gehört hatte, rauchte der 25 Jahre alte Klever eine Zigarette der Marke R1, bestellte sich ein Taxi und ließ sich von Elten nach Kellen zu seiner Freundin fahren. Die bat er, ihn in den Arm zu nehmen. Ein bisschen zu kuscheln. Denn Tom K. wusste für sich: „Mein Leben ist vorbei.“

Das aber stimmt nicht ganz. Tom K. sitzt schweigend im Saal A 103 des Landgerichts Kleve, wo die 4. große Strafkammer (Schwurgericht) unter Vorsitz von Richter Jürgen Ruby über seine Verantwortung für die Tat vom 14. Dezember des vergangenen Jahres verhandelt. Vorbei ist das Leben seines Opfers, des 77 Jahre alten Tankstellenpächters und Kirchenorganisten Robert C. aus Elten.

Zahlreiche Medienvertreter und Zuschauer sind zugegen, als die Anklage gegen den gelernten, zuletzt aber arbeitslosen Dachdeckergesellen verlesen wird. Aus Mordlust und Habgier habe Tom K. den Mann aus Elten getötet, so die Staatsanwaltschaft. Schon die Verlesung der Mord-Anklage hält viele unfassbar grausame Details bereit.

Tom K. möchte zu all dem nichts sagen. Allerdings lässt das Gericht am Nachmittag eine Videorekonstruktion der Tat vorführen, zu der sich der 25-Jährige unmittelbar nach seiner Verhaftung bereit erklärt hatte. Die Prozessbeteiligten sehen also, wie K. durch das Haus des Opfers läuft und in seinen Worten den Tathergang schildert.

K., in einem blauen Pulli mit über den Kopf gezogener Kapuze, steht am Bett des Opfers und sagt: „… und dann habe ich zugeschlagen.“ K. steht im Flur an der Haustür und sagt: „… dann ist er noch mal hoch, dann habe ich immer wieder mit der Handkante zugeschlagen.“ K. steht im Keller neben der Treppe – das Video zeigt deutlich sichtbar Blutspritzer allerorten – und sagt: „Da kam ein komisches Geräusch, dann habe ich sofort nochmal zugehauen, dann war es vorbei.“

Zuletzt war es ein fünf Kilogramm schwerer Feuerlöscher, der neunmal auf den Kopf des am Boden liegenden, bereits bewusstlosen Opfers geschlagen wurde. Zuvor waren auch zwei Küchenmesser und ein Elektroschocker zum Einsatz gekommen. Auf dem Weg zu seiner Freundin hinterließ K. eine Sprachnachricht: „Ich habe richtig, richtig Scheiße gebaut.“

Die schiere Brutalität machte fassungslos. Das spätere Opfer und der Täter hatten sich über einen Internet-Chat kennen gelernt, wie der Leiter der Mordkommission vor Gericht berichtete. Die beiden Männer tauschten zahllose Botschaften mit eindeutig sexuellen Inhalten aus, bis es Ende September vergangenen Jahres in der Wohnung von Tom K. am Brücktor in Kleve zu einem ersten Treffen kam.

Danach passierte einige Zeit lang nichts, ehe bei dem arbeitslosen Klever das Geld, das er für seinen ausufernden Drogenkonsum benötigte, knapp wurde. Ursprünglich hatte er die Idee, seinen früheren Arbeitgeber zu überfallen, doch das Vorhandensein von Frau und Kindern ließ ihn von diesem Opfer abrücken. So fiel die Wahl auf den Mann, mit dem er in seiner Wohnung einmal Sex gehabt hatte. „Das war ein leichtes Spiel in meinen Augen“, sagte K. gegenüber der Polizei – ein alleinstehender, alter und körperlich unterlegener Mann.

Am 14. Dezember des vergangenen Jahres kam es zum zweiten, diesmal verhängnisvollen Aufeinandertreffen der beiden Männer. Der eine erhoffte sich Sex und fand den Tod, der andere suchte Geld und fuhr mit 350 Euro in der Tasche zurück nach Kleve.

Die Polizei kam schnell auf die Spur des Dachdeckers. Der hatte im Handy seines Opfers zwar Kurzmitteilungen und Telefonverlauf gelöscht, nicht aber eine Mail, in der auf eine neue Chat-Nachricht von einem gewissen „Raudi123“ hingewiesen wurde. Als die Ermittler das Internet-Gespräch einsahen, fanden sie den Hinweis auf das erste Treffen am Brücktor samt Namen: „Bei K. klingeln!“

Als die Polizei kurze Zeit später ebenfalls bei K. klingelte, hatte dieser schon mit seiner baldigen Festnahme gerechnet. In seinem Internet-Verlauf hatte er bei Google Antwort auf die folgende Frage gesucht: „Wie lange dauern Mordermittlungen?“ Im Fall von Tom K. waren es von der Entdeckung der Tat bis zu seiner Festnahme exakt 95 Stunden.

Der Prozess wird am 25. Juni um 10 Uhr mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt.

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