Santa Barbara, Lima

rd | 13. Dezember 2014, 12:27 | 7 Kommentare
Barbara Hendricks im Gespräch mit Tony de Brum, Außenminister der Marshall Islands. Sein Inselreich säuft als erstes ab, wenn es weiter wärmer wird. Dann Holland.

Barbara Hendricks im Gespräch mit Tony de Brum, Außenminister der Marshall Islands. Sein Inselreich säuft als erstes ab, wenn es weiter wärmer wird. Dann Holland.

Wenn die Süddeutsche Zeitung in der Samstagsausgabe einen rundum positiven Artikel über einen schreibt, kommt das einer (medialen) Heiligsprechung gleich. Barbara Hendricks, die aus Kleve stammende Umweltministerin Deutschlands, ist jetzt dieses Glück widerfahren (hier der Link: Plötzlich Umweltministerin mit Leidenschaft). Mein Lieblingssatz darin: »Wer das Gespür dafür hat, der entdeckt hinter dem Wahnsinn multilateraler Verhandlungen, in dem einzelne Sätze über Kapitulation oder Durchbruch im Kampf gegen die Erderwärmung entscheiden können, so etwas wie eine kollektive Leidenschaft für eine bessere Welt.« Denn das deckt sich ein wenig mit dem, wie ich die Ministerin erlebte, als ich sie einen Tag lang im Berliner Politikalltagsbetrieb begleiten durfte. Der Artikel erschien damals im Magazin DER KLEVER (dessen neue Ausgabe jetzt im Handel erhältlich ist). Hier der Text von damals:

Aktenlesend im Dienstwagen

Aktenlesend im Dienstwagen

Die normale Seite der Macht

Morgens auf der Energiemesse, mittags in der Müllsortieranlage, nachmittags Empfang einer Schulklasse aus Kleve, abends eine Grundsatzrede in der Universität – und danach noch anderthalb Stunden beim Empfang des israelischen Botschafters – ein ganz normaler Tag im Leben von Umweltministerin Barbara Hendricks. DER KLEVER durfte die Kleverin in der Bundesregierung bei der Arbeit begleiten.

Die Besuche im Gasthaus „Früh“ sind seltener geworden, gleichwohl ist Barbara Hendricks in Kleve noch sehr präsent. Sie kann plötzlich neben einem bei Mensing an der Kasse stehen, oder bei Pia’s, dem Café ihrer Nichte, am Nebentisch sitzen und einen Kaffee trinken. Sie besucht gerne mit ihrer Lebensgefährtin das Museum Kurhaus, oder auch Konzerte, Klassik und Jazz, was das Wochenende in Kleve halt so hergibt.

Doch jetzt ist es Montagmorgen, und Barbara Hendricks, die Kleverin, ist Barbara Hendricks, die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

Der Tag beginnt mit der Humboldt-Rede. Die kennen Außenstehende nicht, aber im Ministerium war sie in den vergangenen Wochen sehr wichtig. In neuneinhalb Stunden soll Barbara Hendricks sie halten, am Sonntagabend hat sie den Entwurf erhalten – und sie war noch nicht ganz zufrieden. Im Büro ihres Ministeriums am Potsdamer Platz stehen die Deutschlandfahne und die Europafahne schräg hinter ihr. Hendricks sagt: „Da fehlt der letzte Schliff.“

Politik, das heißt immer auch Zeichen setzen. Die Humboldt-Rede soll so ein Zeichen sein. Sie soll über den Tag hinausweisen, weshalb ihr Thema Ökologie und soziale Gerechtigkeit heißt. Eigentlich ein gutes Thema, wenn man bedenkt, dass es eher die Wohlhabenden das Geld haben, ihr Haus klimagerecht zu sanieren und weniger Begüterte tendenziell auch seltener im Bioladen anzutreffen sind. Im Grunde ein sozialdemokratisches Thema.

Weiter beschäftigen kann sich Barbara Hendricks damit allerdings vorerst nicht, denn Politik heißt in Berlin auch: sich zeigen. Ein Referatsleiter und ein Redenschreiber setzen sich an das Manuskript, während Hendricks in Begleitung ihrer persönlichen Referentin ihr Büro im vierten Stock verlässt, den Aufzug ins Erdgeschoss nimmt und in dem bereits wartenden Audi A8 steigt.

Ein Audi A8 ist vielleicht nicht das optimale Gefährt für eine Umweltministerin, doch das Kennzeichen, das mit den Buchstaben SLS beginnt, verrät, dass der Wagen nicht ihre Wahl war. SLS steht für Saarlouis, den Wahlkreis von Peter Altmaier. Hendricks hat das geleaste Fahrzeug einfach vom Amtsvorgänger übernommen. Im Sommer, wenn der Vertrag ausläuft, wird eine andere Limousine angeschafft – eine, mit der die Umweltministerin wieder ein Zeichen setzen kann.

Pünktlich um 9:30 Uhr setzt der Fahrer Hendricks im Berliner Westen vor dem Eingang des Ludwig-Erhard-Hauses ab. Der Namensgeber war Bundeskanzler und Vater des Wirtschaftswunders, „Wohlstand für alle!“ war seine Devise. Jetzt heißt es: „Energieeffizienz für alle!“, denn in dem Gebäude werden die „Berliner Energietage“ veranstaltet.

Der Energiekonzern Vattenfall zeigt auf einem riesigen Flachbildschirm eine Animation, bei der sich niedlich gezeichnete Windräder drehen. Ein Heizkesselhersteller präsentiert stolz ein Produkt namens „Dachs“. Gefühlt jedes zweite Wort an jedem Stand dieser Messe heißt Effizienz, und der eine oder andere Stand präsentiert auf seinen Aufstellern auch einem Bundesadler, unter dem steht: „Gefördert durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.“ Ein Heimspiel also für die Ministerin.

Barbara Hendricks soll die „Keynote“ sprechen, wie das heute so heißt. Sie hat ein vorbereitetes Manuskript, aber das, so wird es der Redenschreiber später berichten, lässt sie links liegen. „Ich finde es gut, dass sie so geradeheraus und direkt spricht“, sagt der Redenschreiber. Hendricks redet frei, sie hat die Zahlen drauf und auch Wörter wie „IPCC-Bericht“. IPCC wird Ei-Pi-Ssi-Ssi ausgesprochen und steht für Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch Weltklimarat.

„Ich bin nicht nur Umweltministerin, ich bin auch Bauministerin. Das ist vielleicht eine besondere Herausforderung“, sagt Hendricks vor den Eröffnungsgästen. Die Wärmedämmung von Gebäuden, das ist nun die Baustelle der Ministerin. Aus dem Volk der Dichter und Denker sei eines der Abdichter und Dämmer geworden, spottete die Neue Zürcher Zeitung bereits.

Hendricks spricht darüber, dass der CO2-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 reduziert werden soll, darüber, dass bis zum Jahre 2050 die Hälfte des jetzigen Verbrauchs von Primärenergie eingespart werden soll. Das entspreche 500 Milliarden Euro, „ein solches Konjunkturprogramm kann man sich überhaupt nicht vorstellen“. Ihr Credo gegen die Klimakatastrophe: „Weil wir es können, müssen wir es tun. Diejenigen, die in der Welt am Klimaschutz interessiert sind, warten auf uns.“

Freundlicher Applaus, ein kurzes Fernsehinterview, dann ein Messerundgang, fünf, sechs Gespräche mit Ausstellern, von denen keines länger als drei Minuten dauert, eine Tasse Kaffee im Stehen, dann im Stechschritt – die Ministerin geht sehr schnell – zurück in die schwarze Limousine.

35 Minuten Fahrzeit zeigt das Navi an, es geht in den östlichsten Osten der Hauptstadt, an Marzahn vorbei nach Mahlsdorf. Während der Fahrt ackert sich Hendricks durch den Pressespiegel, zwei Stapel beidseitig bedruckten Papiers, wo ihr auffällt, dass der Bericht über ihren Redaktionsbesuch am Freitag bei den Westfälischen Nachrichten fehlt. Die Referentin verspricht nachzuhaken.

Außerdem findet Hendricks die Zeit, einige Fragen zu beantworten. „Ich bin nun seit 20 Jahren eine Person des öffentlichen Lebens, aber seit ich Ministerin geworden bin, ist die öffentliche Aufmerksamkeit deutlich höher.“ Ein Problem hat sie damit nicht, und in Berlin oder Kleve kann sie auch ganz privat unterwegs sein, ohne dass sich Menschentrauben um sie bilden.

Sie ist deutlich mehr unterwegs. Das Kleinklein der europäischen Regierungskonsultationen in Brüssel zählt sie schon nicht mehr, wohl aber die großen internationalen Konferenzen. London und Abu Dhabi waren in diesem Jahr schon, Lima, Nairobi und New York stehen noch bevor.

Natürlich hat sie die Handynummer der Bundeskanzlerin und schreibt ihr gelegentlich auch eine SMS, „die dann auch immer sehr schnell beantwortet werden“, so Hendricks. „Wir haben einen guten Kontakt, aber ich bin niemand, der sich aufdrängt.“ Wenn es darum geht, mal „ebkes“, wie der Niederrheiner sagt, was abzustimmen, fängt sie Angela Merkel am liebsten am Rande von Parlamentssitzungen ab.

In ihrem Ministerium ist sie für die Rettung der Welt zuständig, die auf den großen Klimakonferenzen generalstabsmäßig geplant wird. Die entscheidende Konferenz findet Ende 2015 in Paris statt, „eine Riesenaufgabe“. In Deutschland arbeitet sie dazu noch am Nationalen Hochwasserschutzplan, den sie mit dem Naturschutz verknüpfen möchte. „Doch das ist eine Aufgabe von zehn oder zwölf Jahren“, so Hendricks.

Will sagen: Wenn die Umsetzung erfolgt, wird sie wohl nicht mehr im Amt sein. Sie ist am 29. April 62 Jahre alt geworden, das Ministeramt ist die Krönung ihrer politischen Laufbahn. Sie kämpft für Klima und Kröten – und als Bauministerin auch für lebenswerte Städte. „Womit wir uns hier beschäftigen, das berührt direkt die Lebensumgebung der Menschen. Das ist eine große Chance.“

Um 11:23 Uhr erreicht der schwarze Audi sein Ziel, ein Gewerbegebiet in Mahlsdorf, wo der Recyclingkonzern Alba eine Müllsortieranlage unterhält. Israel hat die Wiederverwertung von Rohstoffen für sich entdeckt, nun besucht der israelische Umweltminister Amir Peretz Berlin und lässt sich zeigen, wie vollautomatisch Plastiktüten von Joghurtbechern getrennt werden. Barbara Hendricks begleitet ihn.

Es ist laut, die Luft steht und riecht stechend süßlich, und die Amtskollegen blicken auf kilometerlange Förderbänder voller Müll. Ganz am Ende stehen noch ein paar Menschen, deren Job daraus besteht, die letzten Fehler im ansonsten automatischen Sortierprozess auszubügeln. Dem Minister erklärt die Minsterin: „Wenn man die Gerätschaften einmal hat, ist es gar nicht so schwierig.“

Beim Termin sind einige Journalisten zugegen, unter anderem ein Mann von der Süddeutschen Zeitung und eine Frau von der FAZ. Sie sind allerdings weniger an der Müllgeschichte interessiert, sondern möchten von Hendricks ein Statement zu den Plänen der Energiewirtschaft, ihre gesamten Kernkraftwerke in eine Art „Bad Bank“ auszulagern. Hendricks steht vor riesigen Ballen sortierter Kunststoffabfälle und sagt, was sie schon mehrfach gesagt hat, aber offenbar noch nicht jedem: „Die technische und finanzielle Verantwortung für den sicheren Betrieb, den Rückbau und für die Endlagerung liegt bei den Konzernen.“

Nach den Sekundärrohstoffen ist die Zeit reif für Nährstoffe – selbstverständlich ist das Mittagessen für Barbara Hendricks ebenfalls ein offizieller Termin. Gespeist wird in einem für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Raum im Hotel Interconti, Gesprächspartner ist wieder Umweltminister Amir Peretz. Viel mehr als Smalltalk sei bei solchen kurzen Kontakten auf höchster Ebene nicht möglich, wird sie später sagen. Und sich mit ihrer Referentin kurz über den Geschmack der Lavendeltörtchen austauschen, die es zum Dessert gab.

Unterdessen warten im Reichstag im Marie-Juchacz-Saal der SPD-Fraktion 17 Schüler des Theodor-Brauer-Hauses auf die Ministerin. Besuch aus dem Klever Wahlkreis, Basisarbeit, Präsenz zeigen. Es ist die Generation Kapuzenpulli, 17 Männer, die Metallwerker lernen. Ob sie hinterher einen Job kriegen – vielleicht, vielleicht auch nicht. Ob sie dieser Termin interessiert – vielleicht, vielleicht auch nicht. Ob sie wissen, wer Marie Juchacz war? Sicher nicht. Barbara Hendricks erklärt es: „Marie Juchacz war die erste Frau nach Einführung des Frauenwahlrechts, die im Parlament gesprochen hat.“ Ob die Botschaft bei den Gästen ankommt – vielleicht, vielleicht auch nicht.

Ein paar Sätze später hat Barbara Hendricks allerdings das Eis gebrochen, und die coolen Jungs trauen sich, Fragen zu stellen. Warum macht sie Politik? „Wenn man Politik machen will muss man sich für Menschen interessieren und bereit sein, Verantwortung über sein enges Lebensumfeld hinaus zu übernehmen.“ Wie wird man Ministerin? „Man kann die Zielsetzung verfolgen, aber man kann es nicht planen.“

Im Fall von Barbara Hendricks war es so, dass im Zuge einer komplizierten Arithmetik in der SPD noch eine Frau aus Nordrhein-Westfalen für das Kabinett fehlte. So wird man Ministerin, in der Tat nur bedingt planbar.

Was ist mit der Arbeitsbelastung? „Ich schätze, dass ich rund 70 Stunden pro Woche arbeite, auch an vielen Wochenenden. Das ist viel, aber ich beklage mich nicht, mein Beruf ist hochinteressant und vielfältig.“ Es folgt noch der Appell, unbedingt wählen zu gehen, dann geht es gemeinsam im Aufzug zurück ins Erdgeschoss. Auf der Fahrt wird mit einem der beiden Mitarbeiter des Abgeordnetenbüros noch rasch ein ganz alltägliches Problem geklärt – ein Schornsteinfegertermin..

Zurück in die schwarze Limousine, zurück ins Ministerbüro. Es wartet – die Humboldt-Rede! Sie ist inzwischen überarbeitet, allerdings versehentlich auf weißem Papier ausgedruckt. Intern soll jedoch nur Papier verwendet werden, das auch sofort als Umweltpapier erkannt werden kann. Wieder so ein Zeichen, ebenso wie die Werbekugelschreiber des Ministeriums, die eine hölzerne Hülse haben.

Der Referatsleiter bespricht die Änderungen, ganz zufrieden ist die Ministerin immer noch nicht. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch und geht, keine zwei Stunden vor dem Termin, die Rede Seite für Seite durch. Die Sitzung mit ihrem Stab, in der ihre Sommerreise geplant werden soll, wird auf Mittwoch verschoben. Um 17:37 Uhr, 23 Minuten vor dem geplanten Termin heißt es endlich: „So, die Rede ist gedruckt!“

Hendricks Sekretärin fragt ihre Chefin, ob sie Handy, Lesebrille und Schlüssel eingepackt habe, ihre persönliche Referentin verstaut die 24 doppelseitig bedruckten Seiten in einer blauen Mappe, und auf geht’s zur Humboldt-Universität. Bei der Ankunft wird Barbara Hendricks von einem jovial gestimmten Professor Michael Kloepfer begrüßt, der sie dem Publikum mit dem folgenden Worten vorstellt: „Man ist als Bundesumweltministerin im akademischen Berlin angekommen, wenn man die Humboldt-Rede gehalten hat!“

Dann präsentiert der Professor den Gästen ein schmales, braunes Büchlein – er hat in seiner Unibibliothek die 1980 erschienene Doktorarbeit von Barbara Hendricks ausgegraben, „Die Entwicklung der Margarineindustrie am unteren Niederrhein“, und zitiert daraus gutgelaunt die Einleitung: „Mein Entschluss, die vorliegende Arbeit zu schreiben, war zunächst dadurch begründet, Aspekte der Wirtschaftsstrukturgeschichte einer vernachlässigten Region, des unteren Niederrheins, darzustellen. Hier wiederum war das Interesse an meiner Heimat ausschlaggebend“ So etwas zu schreiben, sagt Professor Koehler, würde sich heute niemand mehr trauen.

So wie in dem alten Text ist Barbara Hendricks heute noch – in ihrer ganzen Art im Grunde etwas aus der Zeit gefallen. Sie ist in einem angenehmen Sinne unspektakulär, unkompliziert und uneitel. Geradeheraus, wie ihr Redenschreiber meint.

Geradeheraus ist auch die Humboldt-Rede, die so lange vorbereitet wurde. „Neue Impulse für den Umweltschutz“, so der Titel. Sie zitiert Wilhelm und Alexander von Humboldt, sie spricht davon, dass der Umweltschutz eine „unglaubliche Erfolgsgeschichte“ sei, und sie stellt „eine Frage des Jahrhunderts: wie können die ökonomische, die ökologische und die soziale Vernunft miteinander verbunden werden, wie können die Interessen des Menschen und die der Natur wieder in eine Balance gebracht werden, wieder harmonieren?“ Ganz am Ende kommt ihre Lieblingsabsolventin der Humboldt-Universität zu Wort, die verstorbene ehemalige SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. Die habe gesagt: „Wer sich nicht bewegt, hat schon verloren.“

Für die Diskussion der Rede bleibt noch eine knappe halbe Stunde, die allerdings nur noch am Rande die Jahrhundertfrage der Ministerin streift. Stattdessen melden sich Vertreter von Umweltverbänden, die von Barbara Hendricks wissen wollen, wie sie dazu steht, dass gewisse Windrad-Standorte in Brandenburg den Roten Milan und den Schreiadler gefährden.

So ist das im Ministeralltag: Eben noch in der Müllsortieranlage, dann im Interconti. Eben noch Wilhelm von Humboldt, dann der Schreiadler.

Um 19:30 Uhr verlässt sie den Festsaal der Universität und lässt sich wieder zum Interconti fahren, es ist der letzte Pflichttermin des Tages. Der israelische Botschafter hat zum Empfang geladen, gefeiert wird der 66. Jahrestag der Ausrufung des Staates Israel.

Das Hotel gleicht einem Hochsicherheitstrakt, selbst im Festsaal stehen auffällig viele athletische Anzugträger mit kurzen Haaren und einem Knopf im Ohr. 1400 Gäste sind da, unter ihnen die Verlegerin Friede Springer, der ehemalige Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel, der Grünen-Politiker Volker Beck, der Regierungssprecher Steffen Seibert und Andreas Claus, Bürgermeister der Stadt Uebigau-Wahrenbrück aus dem Landkreis Elbe-Elster.

Barbara Hendricks soll das Grußwort halten, unbeeindruckt von einem vielstimmigen Chor aus Cocktailgesprächen hält sie ihre kurze Rede. Danach tritt Amir Peretz ans Mikrofon. Früher war er mal Verteidigungsminister, berichtet er, und in dieser Zeit sei niemand anderes als er es gewesen, der gegen alle Widerstände ein Raketenschutzschild habe entwickeln lassen. Stolz schildert er, wie das System innerhalb weniger Sekunden herannahende Flugkörper erfasst, ihre Flugbahn berechnet und sie vollautomatisch attackiert. Ach ja, Umweltpolitik sei auch ganz nett.

Hendricks lässt sich noch eine kleine Portion vom koscheren Buffet bringen, trinkt ein Glas Weißwein und bahnt sich den Weg nach draußen – um schon nach wenigen Metern von Andreas Claus, dem Provinzbürgermeister, gestoppt zu werden. Sein Ort sei für Briketts bekannt, doch jetzt gebe es auch irgendetwas mit Photovoltaik, ob das die Ministerin nicht interessiere. Die persönliche Referentin vergibt eine Visitenkarte, eine Mail soll folgen. Ein paar Meter weiter stellt sich der Oberbürgermeister von Celle in den Weg, auch er buhlt um Aufmerksamkeit. Wieder werden Visitenkarten getauscht.

Um 21 Uhr verabschiedet sich die Ministerin vom Gastgeber, um 21:02 Uhr steigt sie ein letztes Mal an diesem Tag in ihre Dienstkarosse. „Eigentlich früher als sonst, wenn abends noch Sitzungstermin anstehen, bin ich selten vor elf Uhr zuhause.“ In ihrer Wohnung wird sie sich in bequemere Klamotten werfen, noch einen Tee zubereiten, den Fernseher auf der Suche nach irgendeiner Nachrichtensendung einschalten und nebenbei noch den Pressespiegel komplett durcharbeiten, denn dazu hatte die Zeit am Mittag nicht gereicht.

Und morgen ist dann ein neuer Ministertag, der so ähnlich sein wird und doch ganz anders. Wie jeder Tag.



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  1. 7. Peter Wanders

    Fakt ist: Die Erwärmung findet statt, ob nun menschlich verursacht oder, wie einige Erdöl- und Gasfans behauptet, natürlich.
    Diese Erwärmung hat Folgen für den Niederrhein und Kleve.
    Für 2 Grad Erwärmung, das die das offizielle EU-Ziel, sagen Klimaforscher u.a. der Uni Rostock nach einer gewissen Zeit der Anpassung, eine Erhöhung des Meeresspiegels von minimal 14,00 m und bis zu 25.00 m vorher.
    Rijkswaterstaat gibt keine Antwort auf die Frage, wie man dann den Rhein von Lobith bis zur Nordsee bekommt.
    Die Klever Unterstadt, die Gewerbegebiete, Rindern und Kellen liegen auf 12,50 – 13,50 m über NN.

    Mehr Wärme bedeutet mehr Feuchtigkeitsfassungvermögen der Luft, damit gibt es mehr und vor allem heftigere Niederschläge.
    Die Zahl der Stürme hat nicht zugenommen, aber die Zahl der Unwetterereignisse, insbesondere Starkregen hat sich in der BRD seit 1970 verdreifacht.

    Auch Kleve muss sich auf diesen Wandel vorbereiten. Dabei lenkt die Diskussion, ob die Erwärmung natürlich ist oder von Menschen gemacht, nur unnötig vom Thema ab.

     
  2. 6. laloba

    „… sodass die Erwärmung ein natürlicher Vorgang ist“

    Supi, da können sich ja alle zurücklehnen …

    Barbara Hendricks gibt als Umweltministerin bisher noch keine glückliche Figur ab.

     
  3. 5. Wolfgang Look

    @Bruno. Die Mehrzahl der Experten sowie der letzte Weltklimabericht halten fest, das –der Mensch– wesentlich für die Erhöhung der Treibhausgase mit den Folgen der Erwärmung der Erde ist und den möglichen Naturkatastrophen ist. Er holzt die Wälder ab, läßt Gebiete durch Übernutzung austrocknen. stößt Gase mit Autos und Fabriken in die Luft, verbrennt fossile, klimaschädliche Energien, versenkt Chemikalien in die Erde, ruft das weltweite Aussterben von Tier- und Pflanzenarten usw.
    Details über den Bericht hier: http://www.ipcc14.de/

     
  4. 4. G.Bruno

    Dem Klima und insbesondere der Sonne dürfte diese Konferenz herzlich egal sein.
    Von was für einer Hybris müssen Menschen erfasst sein, wenn sie glauben sie könnten die Erderwärmung lenken oder begrenzen?
    Erdgeschichtlich leben wir in einer sich ihrem Ende nähernden Kaltperiode, sodass die Erwärmung ein natürlicher Vorgang ist. Der Einfluß menschlicher CO2-Emmissionen ist im Vergleich zur steigenden Sonnenaktivität fast bedeutungslos. Statt die Erwärmung also sinnlos weiter zu bekämpfen, sollten wir uns auf die Erwärmung einstellen und aus ihr unseren Nutzen ziehen.
    Das was in Deutschland derzeit unter „Klimaschutz“ abläuft, halte ich daher für eine gigantische Ressourcenverschwendung ohne Sinn und Nutzen!

     
  5. 3. rd

    @Wolfgang Look Deshalb fand ich den Satz in dem SZ-Artikel ja so gut. Das Ziel ist so abstrakt, dass es einem schon eine Art autosuggestiven Enthusiasmus abverlangt.

     
  6. 2. Wolfgang Look

    Nix mit „prima Klima in Lima“. Die Konferenz war weitgehend erfolglos. Die Vereinbarungen sind dürftig und – wie schon die Erfahrungen der Vergangenheit mit Kyoto zeigt, ist mehr als fraglich, das wesentliches umgesetzt wird. Die Interesse sind zu verschieden, die gegenseitigen Vorwürfe zwischen den Klimmafressern Industriestaaten und den aufstrebenden Staaten zu hart. Es fehlen auch übergeordnete Strukturen, die Verträge effizient durchsetzen können, genau hinschauen, Sanktionen verhängen bei Mißachtung der Verträge. Weitgehend gilt das Prinzip der Empfehlung, Freiwilligkeit. Wirtschaftliche Interesse an fossilen Energieträgern sind zu dominant.

     
  7. 1. Kle-Master

    BH soll ja laut NRZ vom 11. Dezember bei der UN-Klimakonferenz einen Schwächeanfall erlitten haben
    und deswegen mehrere Termine hat absagen müssen. Damit befindet sie sich in guter Gesellschaft mit
    der Kanzlerin und dem geübten Brauch.