„Der Institution Zoll erheblichen Schaden zugefügt“ – Schuldsprüche gegen Emmericher Zöllner

rd | 26. Januar 2020, 19:25 | 3 Kommentare
Zwei Zöllner aus Emmerich wirkten bei einem großangelegten Schmuggel mit – jetzt wurden sie vom Landgericht Kleve verurteilt

Die beiden Zollbeamten versahen jahrelang untadelig ihren Dienst, doch dann wurden sie Teil eines kriminellen Systems, das für Verbrechen verantwortlich war, die nach Überzeugung des Landgerichts Kleve „in dieser Dimension herausragend und im Umfang einmalig“ waren. Am Freitag fielen nun nach einem mehrwöchigen Prozess die Urteile.

Der Haupttäter machte sich nach Auffassung des Gerichts der Beihilfe zum bandenmäßigen Schmuggel in 230 Fällen schuldig, davon 174 in Tateinheit mit Untreue, und er verletzte das Dienstgeheimnis – dafür muss er für drei Jahre und drei Monate hinter Gitter. Der zweite Täter, nach Auffassung der Kammer „willfähriger Urlaubsvertreter“ in dem kriminellen Konstrukt, erhielt wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung in 31 Fällen (davon 26 in Tateinheit mit Untreue) eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Insgesamt seien Zollabgaben und Umsatzsteuern in Höhe von 2,7 Millionen Euro hinterzogen worden. 

Der tatsächliche Schaden, für den die beiden Männer verantwortlich sind, dürfte noch weit höher liegen. Denn jede der insgesamt 261 verurteilten Schmuggeltaten steht für einen Container aus China, dessen Zollabfertigung manipuliert wurde. Doch nach Erkenntnissen der Fahnder, sind in den Jahren 2012-2014 mehr als 600 Container auf unkorrekte Weise abgefertigt worden.

Befüllt waren die Behältnisse mit Schuhen, Textilien und Plastikkrempel. Mithilfe eines raffinierten Schemas wurden die Waren deutlich geringwertiger deklariert, als sie es tatsächlich waren – aber gerade so hoch, dass es nicht verdächtig wirkte. Dabei halfen vertrauliche Unterlagen aus dem Zoll, die der Haupttäter durchgestochen hatte. Durch die Falschdeklaration verminderte sich der zu entrichtende Zoll und die Umsatzsteuer. 

„Korrektes Handeln war nicht vorgesehen“, sagte der Vorsitzende Richter der Wirtschaftsstrafkammer, Christian Henckel, in der mündlichen Begründung des Urteilsspruchs. Dann nämlich hätten die beispielsweise für Italien bestimmten Waren einfach nach Palermo verschifft werden können. Stattdessen landeten sie in Hamburg, und dann wurde durch die Hintermänner, die bereits in zwei gesonderten Verfahren verurteilt wurden, das Zollamt Emmerich mit der Abfertigung der Importe betraut.

Die Absurdität des Vorgangs liegt auf der Hand: Warum sollten die Importeure 900 Kilometer zusätzliche Fahrtstrecke in Kauf nehmen? In Wahrheit fanden die Fahrten, außer für zuvor sorgsam ausgewählte „Showcontainer“, auch gar nicht statt. Die beiden Beamten an ihren Schreibtischen in der niederrheinischen Provinz winkten die Container einfach so durch.

Finanzielle Vorteile, das brachte die Verhandlung zutage, hatten die beiden Männer davon nicht. Dem Haupttäter, mittlerweile 67 Jahre alt und nicht mehr im Dienst, attestierte das Gericht eine „besondere emotionale Verbindung zum Zollamt Emmerich“. Henckel: „Der Erhalt dieses Zollamt zwar ihr Lebensinhalt.“ Zum Hintergrund: In einem internen Bewertungssystem erhielt die Behörde für die hohen Abfertigungszahlen besonders viele Punkte. Das bewahrte das Amt vor einer möglichen Schließung. 

Die Motivationslage des 61 Jahre alten Kollegen blieb unklar, das Gericht hielt ihn für einen bewusst handelnden Urlaubsvertreter. Auf keinem Fall seien ihm die Container „einfach so durchgerutscht“, wie er es dem Gericht glauben machen wollte. Seine Dienste seien auch nötig gewesen, damit das kriminelle System „wie am Schnürchen“ laufen konnte – schließlich habe man die Containerschiffe nicht auf hoher See anhalten können, wenn der Kollege gerade im Urlaub gewesen sei.

Die Kammer stellte auch heraus, dass durch die Verbrechen nicht nur finanzielle Nachteile für die Bundesrepublik entstanden seien, auch der Ruf der Behörde sei beeinträchtigt worden. Henckel: „Sie haben dem Staat – dem Gemeinwesen – erheblichen Schaden zugefügt. Und sie haben durch ihr Handeln der Institution Zoll erheblichen Schaden zugefügt.“



Rekonstruktion der Herzogstraße

rd | 23. Januar 2020, 11:53 | 6 Kommentare
Blick auf die freigelegte (und nun wieder verdeckte) Fassade des Hauses Herzogstr. 2
Blick in die Herzogstraße Anfang des 20. Jahrhunderts: Bis zur Einmündung Grabenstraße stehen noch keine Häuser
Hochzeitsfoto auf der Straße: Maria und Johannes Bossmann im Mai 1953 (der Knirps links im Bild ist der Gastwirt Manni Royen)
Kramt in Erinnerungen: Maria Bossmann, die ihre Kindheit und Jugend in dem Haus Nr. 2 verbrachte

(Dieser Artikel wurde im Sommer vergangenen Jahres angekündigt und ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins Der KLEVER erschienen.)

Als Handwerker im August die Fassade des Wohn- und Geschäftshauses an der Herzogstraße 3 – heute eine Gaststätte – freigelegten, kam unter der Holzverkleidung ein überraschendes Stück Klever Einzelhandelsgeschichte zum Vorschein. Die Fassade war mit zwei Geschäftsnamen bemalt: Die linke Hälfte des Gebäudes war einst der Sitz der „Kauf-Stätte Pfennig“, wie in roten Frakturbuchstaben auf der Wand zu lesen war. In der rechten Hälfte bot der Aufschrift nach C. Rauch Schreibwaren feil. 

Als kleveblog das Foto veröffentlichte (Nicht mehr ganz so neu in der Klever Geschäftswelt) und fragte, ob jemand mehr zu dieser weithin unbekannten Vergangenheit des Hauses wisse, meldete sich ein Leser und sagte, der Buchstabe C stehe für Cilly, und bei der im Februar verstorbenen Cilly Rauch handele es sich um eine geborene Hübecker. Sie habe eine Schwester, die Maria Bossmann heiße, die noch lebe und die sicher gerne über die Geschichte des Hauses berichte.

„Das stimmt“, sagt Maria Bossmann. „Ich bin in dem Haus geboren.“ Sie ist heute 91 Jahre alt und lebt in einer Seniorenwohnung an der Hagschen Poort. Beim Besuch hat sie Fotoalben, Familienbücher und alte Dokumente vor sich ausgebreitet, die das Kleve wieder erstehen lassen, das unter der Fassadenverkleidung verborgen war.

Die Großeltern mütterlicherseits von Maria Bossmann hatten das Haus 1914 in der Baulücke eingangs der Herzogstraße errichten lassen. Streng genommen, ist es dem Hausbau sogar zu verdanken, dass Maria Bossmann überhaupt das Licht der Welt erblickte. Denn ihr Großvater hatte damals seine Tochter zu einem Besuch der Schreinerei Hübecker an der Spyckstraße mitgenommen, um Holzarbeiten in Auftrag zu geben. Johanna Loock, genannt Hanneke,  erblickte in dem Betrieb, an einem Klavier übend, einen feschen jungen Mann namens Arnold Hübecker und verliebte sich in ihn. Die beiden heirateten, 1928 kam Maria Bossmann zur Welt.

In den Kindheitstagen von Maria Bossmann betrieb der Großvater im Erdgeschoss links einen Friseursalon, ihre Mutter wiederum hatte ein Hutmachergeschäft, das im Erdgeschoss rechts seinen Platz hatte. Die Großmutter war als Zahnärztin tätig und unterhielt im Haus eine Praxis. „Da stand noch ein Zahnarztstuhl mit einem Bohrer mit Fußantrieb bei uns im Haus“, erinnert sich Bossmann. „Das fanden wir als Kinder immer ganz toll.“

Zu den Kindheitsfreundinnen von Maria Bossmann gehörte eine Hannelore Rütter, deren Eltern als Mieter im dritten Stock wohnten. Der Vater war Katholik, die Mutter Jüdin. Nach der Machtergreifung der Nazis zog die Familie, die Mutter landete im KZ und überlebte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte die Familie noch einmal in die Herzogstraße zurück – um Abschied zu nehmen. „Wir wandern nach Amerika aus“, sagte Hannelore Rütter. 

Aus der Zeit des Nationalsozialismus ist Maria Bossmann noch vieles in Erinnerung, und es ist ihr wichtig, die Erinnerung daran zu bewahren. Als Maria etwa zehn Jahre alt war, hatte das Regime die Menschen jüdischen Glaubens bereits gezwungen, einen gelben Stern an der Kleidung zu tragen. Einmal sah sie einen Träger eines solchen Sterns und wollte ihren Vater darauf aufmerksam machen: „Da läuft ein Jude!“ Es war das einzige Mal, dass sie ihren Vater richtig zornig erlebte: „Das sind genauso Menschen wie du und ich.“ Ihr Vater fiel im Februar 1945 im Krieg. 

Die Herzogstraße 3 war auch das Elternhaus des Klever Künstlers Jupp Brüx. Die Familie lebte in dem Haus in einer Wohnung in der zweiten Etage. Doch an den Maler und Bildhauer, der 1944 in Kleve an Malaria verstarb, hat Maria Bossmann nur eine, ganz spezielle Erinnerungen.

Schon zu Lebzeiten hatte sich der lebensfrohe Künstler mit seinem Tod befasst – und vorhergesagt, dass der Leichenzug es nicht bis zum Klever Friedhof schaffen werde, weil die Gesellschaft zuvor im Lokal „Zu den vier Winden“ einkehre und dort versacke. So ähnlich kam es: Als der Sarg des Künstlers zum Friedhof getragen wurde, erinnert sich Maria Bossmann, gab es einen Fliegeralarm und die Trauergesellschaft musste tatsächlich in der Gaststätte Schutz suchen. 

Marias beste Freundin aus Kindertagen wohnte in einem Haus schräg gegenüber. Sie hieß Hilde Kreikamp; ihre Eltern betrieben ein Spielwarengeschäft, das den meisten Klevern (zumindest etwa bis Jahrgang 1970) noch ein Begriff sein dürfte. Als Maria Bossmann am 1. Mai 1953 kirchlich heiratete, machte ein Mitglied der Familie auf der Herzogstraße ein Foto der Hochzeitsgesellschaft. Der Bräutigam Johannes Bossmann trägt Zylinder, im Hintergrund ist der Schriftzug Kreikamp noch zu erkennen – und bei dem ungelenk wirkenden Knirps links im Bild handelt es sich um den späteren Gastwirt Manni Royen.

Anfang der fünfzige Jahre endete auch Maria Bossmanns Zeit in der Herzogstraße. Zunächst zog das junge Ehepaar in eine Wohnung am Opschlag, Anfang der sechziger Jahre – in ein neu gebautes Haus am Kieferneck in Bedburg-Hau.

Bossmanns Schwester Cilly hingegen betrieb in ihrem Elternhaus noch den Schreibwarenhandel, dessen Schriftzug bei den Bauarbeiten im Sommer zutage trat. Ende der fünfziger Jahre gab sie das Geschäft auf, die Immobilie ging an einen auswärtigen Interessenten, der mit der Familie bekannt war. An die benachbarte „Kauf-Stätte Pfennig“ hat Maria Bossmann keine Erinnerung.

Von vielen anderen Geschäften in der Straße ist nicht einmal mehr ein Schriftzug erhalten. Die Straße hatte zwar das Glück, die Bombardements des Zweiten Weltkriegs weitgehend unversehrt zu überstehen, und verströmt immer noch viel architektonischen Charme – auch wenn in einigen der Häuser mittlerweile Daddelhallen und Wettbüros darin heimisch geworden sind.

Als die Herzogstraße noch die Eintrittspforte in die Stadt war, präsentierte sich die Häuserzeile als quirliges Geschäfts- und Vergnügungszentrum: Gleich das erste Haus, heute ein Spielsalon, war etwa Anfang der sechziger Jahre die Blumenhandlung Nizza. Deren Nachbar Siegfried Hebben, der dort eine Imbissbude betrieb. Die Familie ist dem Gewerbe bis heute treu geblieben.

Links im Erdgeschoss von Nummer 3 befand sich in dieser Zeit das Malergeschäft Brunn, dessen Schild „PVC Belag“ links am Eingang ebenfalls noch erhalten geblieben ist. An der Einmündung Grabenstraße kam die Metzgerei Adler, gefolgt vom Lebensmittelgeschäft Korgel, einer Zigarrenhandlung und dem Café Baumann, in welchem gerade einmal für drei Tische Platz war.

In Richtung Ecke Opschlag gab es dann noch den Fahrradhändler Hemsen, den Friseur Ferdi Jansen und das Süßwarengeschäft Hitbrink. Die Hintbrink-Tochter Maria wurde später die Ehefrau des Unternehmers Karl Kisters.  An der Ecke selbst, damals strategisch günstig am Klever Hafen gelegen, firmierte die Spedition Heeck, deren Schriftzug an der Fassade noch zu erkennen ist.

Auf der gegenüberliegenden Seite, so erinnert sich Maria Bossmann, praktizierte ein Tierarzt, außerdem waren dort die Bäckerei Oster, das Lebensmittelgeschäft Uyl, der Zigarrenhändler Vierboom und ein Friseur ansässig. Glamour verströmte das Hotel Europäischer Hof, dessen Verglasung sich zum Teil bis heute erhalten hat.

Am Opschlag betrieb eine resolute Frau van der Steen eine Fahrradwache. Sie sprach mit westfälischem Akzent und ermöglichte es den Klevern für kleines Geld, dort ihre Räder sicher bewacht abzustellen. Wie so viele gute Ideen verschwand auch diese irgendwann in der Versenkung, um heute in den Großstädten wiederbelebt zu werden.

„Wenn ich mal nicht mehr bin“, sagt Maria Bossmann, „gehen all diese Erinnerungen verloren.“ Bis auf den hier niedergeschriebenen, sehr kleinen Ausschnitt eines reichen Lebens, der dann vermutlich in ferner Zukunft zurate gezogen wird, wenn bei der nächsten Renovierung des Hauses die Wärmedämmplatten entfernt werden und eine neue Generation auf die alten Fassadenbeschriftungen stoßen wird.



HSRW: „Rund ein halbes Dutzend“ duale Studenten

rd | 23. Januar 2020, 11:36 | 17 Kommentare
Einmal mehr verworrene Informationen aus der Hochschule (Foto: K. Oberschilp)

Sind es fünf? Oder doch sieben? Wenn einem das „halbe Dutzend“ gerundet präsentiert wird, wohnt der Information gewollt eine gewisse Unschärfe inne. Zehn werden es wohl nicht sein, acht hingegen könnte noch unter „rund ein halbes Dutzend“ fallen. Vielleicht aber auch nur vier, wir wissen es einfach nicht, und der Bericht, dem wir diese Zahlenangabe entnehmen, macht sich auch nicht die Mühe, es präziser zu fassen: Studium und Beruf unter einem Dach (RP). Und so erfährt der Leser der Lokalzeitung heute sogar ganz ohne Bezahlschranke, dass es in der Fakultät Technologie und Bionik der Hochschule Rhein-Waal derzeit „rund ein halbes Dutzend“ junger Menschen gibt, die zugleich studieren und eine Ausbildung absolvieren.

Welche genaue Zahl sich auch immer dahinter verbergen mag, sie ist relativ erschreckend für eine Einrichtung, die mantraartig kommuniziert, sich mit der Wirtschaft in der Region vernetzen zu wollen. Seit nunmehr zehneinhalb Jahren. Es kommt aber, man will es kaum glauben, noch verrückter: Die Heimatzeitung stellt uns zwei dieser vier oder fünf oder sieben dualen Studenten vor. Und nun, lieber Leser, rate, wer der Arbeitgeber der beiden jungen Männer ist. Zitat aus dem Artikel: „Das Besondere: Ihr Ausbildungsbetrieb ist die Hochschule Rhein-Waal.“ Anders formuliert: Die HSRW backt sich ihre Wirklichkeit selbst.

Rechnet man die beiden jungen Männer also ab, bleiben aus dem gesamten Einzugsgebiet der Hochschule noch zwei, drei oder fünf weitere Menschen, die Studium und Berufsausbildung kombinieren. „Es könnten mehr sein“, sagt denn auch die Ausbildungsleiterin der beiden, Angelika Michel. Offenbar aber geht die Zahl in Wahrheit noch weiter zurück: Denn als kleveblog vor gut einem halben Jahr über die wahren Zahlen zu Studienabschlüssen an der Hochschule berichtete (Bilanz des Scheiterns) spielte am Ende des Beitrags auch das duale Studium eine Rolle – und da waren es, ausweislich der Zahlen der Hochschule selbst, exakt zehn duale Studenten in der Fakultät Technologie und Bionik. Oder, um es anders auszudrücken: rund ein Dutzend.


Klever Einzelhandelsarchäologie

rd | 22. Januar 2020, 15:46 | 9 Kommentare
Frisch freigelegt in der Großen Straße

Der Schuhhändler Arbell in der Großen Straße wird derzeit renoviert. Und links vom Eingang trat ein Logo zu Tage, an dessen Existenz ich mich noch schwach erinnere: Quick-Schuh. Aber wann genau gab es dieses Geschäft?