Kieferneckreminiszenzen

rd | 15. Juli 2019, 18:43 | 9 Kommentare
16 Jahre nach Kriegsende: Der bescheidene Traum von einer schöneren Welt
Unten links schliefen später die Kinder, oben wohnten Onkel Heinz und Tante Marga
Wilhelm de Loreyn hob im Sommer 1960 extakt 95,98 cbm Erdreich aus, Vater korrigierte die fehlerhafte Rechnung handschriftlich
Eiche rustikal geht, Neues wird kommen. Wie auch immer es aussehen mag: Viel Glück!

So viele Erinnerungen! Im Keller steht noch die Schüssel, die Mutter im Falle von Unpässlichkeiten neben das Bett stellte. Umzugskartons mit Kontoauszügen und Jacketts aus Hamburg. Die Stelle vor dem Fenster im Wohnzimmer, an der Vater den Mittagsschlaf hielt, bis er um zehn vor eins zurück zur Schreinerei radelte. Die wärmende Nachtspeicherheizung davor, längst entsorgt (Asbest). Der Teewagen, irgendwann in den sechziger Jahren angeschafft und damals vielleicht das Symbol eines bescheidenen Wohlstands, auf einem Foto ist er bereits zu sehen, und er steht immer noch in einer Ecke des Wohnzimmers. Die Esszimmertür, die meinem Bruder und mir als Fußballtor diente, als wir in einer der vielen Phasen, in denen wir vermutlich davon träumten, Berufsfußballspieler zu werden, mit Plastikbällen durch die Wohnung schossen. Das Kinderzimmer, mit dem Etagenbett (längst weg), das später, eigentlich bis zuletzt, als Telefonzimmer diente, nachdem etwa Ende der siebziger Jahre auch dieses Haus einen Anschluss erhielt (bis dahin ging man immer zum Nachbarn Knieriem, wenn tatsächlich einmal ein Anruf nötig erschien). Das Obergeschoss, in dem erst Tante Marga und Onkel Heinz wohnten (für eine kleine Miete, die wiederum zur Finanzierung des Hausbaus diente), dann eine alte Dame, und das dann, als eigene Kinderzimmer in Mode kamen, für die beiden Söhne und die Tochter freigeräumt wurde. Überall Holzdecken, wie sie damals (insbesondere von unserem Vater nach Feierabend) in so viele Räume gezimmert wurden. Türen aus Tropenholz, als noch niemand von den Verheerungen ahnte, die durch dessen Verwendung in den Ursprungsländern angerichtet wurde. Der Werkzeugkeller mit Unmengen von gelben Zollstöcken mit der Aufschrift: „Xylamon hält Holz gesund“. Mit Zimmermannsbleistiften und einem Schrank, in dem Schallplatten liegen, allen voran eine von Max Greger. Zurück ins Esszimmer, der Blick fällt auf ein Bücherregal, auch das ist schon auf den alten Bildern zu sehen, darin aus dem Bertelsmann-Verlag ein Volkslexikon mit Farbtafeln aller Länderflaggen sowie das Standardwerk „Ich sag dir alles“, in dem Flüsse der Länge nach aufgelistet werden und Staaten nach Größe und Bevölkerungszahl sortiert werden. Und mittendrin, im Format etwas herausragend und schon leicht zerfleddert, „Yoga für jeden“ von Karen Zebroff, von der Mutter zur Entspannung herangezogen, vielleicht auch schon im Kampf gegen die Trübsal in ihrem Gemüt. Alte Fotoalben zeigen die Schnappschüsse eines Lebens, die Hochzeit noch im Hause der Eltern der Mutter, erste gesellige Abende im neuen Heim, der Kirschbaum mit den Kaninchenställen in der Südostecke des Grundstücks, die Kinder kommen und spielen im Garten, aus einer Vespa wird ein Fiat 500 ein Käfer ein Passat, es wird angebaut, die Schiebetür!, Kindergeburtstage, Nachbarschaftsfeste, Familienfeiern, zu denen das gute Geschirr mit dem Goldrand aus dem Wohnzimmerschrank geholt wurde. Der Bowletopf, die Strohuntersetzer, die Likörgläser, die Schublade, in der der Jahreskalender der Tageszeitung lag sowie die Kugelschreiber und der Tesafilm in der rotblauen Plastikdose. Die Ordnung der Dinge, die über das eigene Leben hinaus Bestand zu haben scheint, bis ein Notartermin vereinbart wird, und der Ort, der von 1965 bis 1986 das eigene Zuhause war, der Ort, in dem ich die ersten Worte gesprochen und die ersten Schritte gemacht habe, und der Ort, der meinen Eltern Stolz und Selbstbewusstsein und Sicherheit gab, dieser Ort also in neuen Besitz übergeht. Mögen also all diese Räume mit neuem Glück erfüllt werden! Das Werden und Wesen der eigenen Familie aber, das fast auf den Tag genau vor 59 Jahren mit dem Ausheben einer Baugrube auf der Schmelenheide in Hau begann, muss fortan in unseren Gedächtnissen bewahrt bleiben. Ein Container steht schon in der Einfahrt bereit, um die Dinge, die das Leben waren, aufzunehmen.



Familie J. war schon lange raus, jetzt ist auch ihr Haus weg

rd | 11. Juli 2019, 15:30 | 6 Kommentare
Die Baggerschaufel macht alles gleich, dem Erdboden gleich

Das Baufieber grassiert in Kleve, allerorten sind Abrissbagger am Werk, um Platz für neue, moderne (seniorengerechte) Wohnungen zu schaffen. Eben erst machten Fachkräfte an der Spyckstraße die etwas verrufenen weißen Häuser dem Erdboden gleich. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewoge plant dort den Neubau von 64 Wohnungen; die Entwürfe, die heute in der Rheinischen Post zu sehen waren, wirken recht gefällig.

Doch nicht nur in der Unterstadt, auch auf den Heideberg wird Platz gemacht. Seit Anfang der Woche zerstört ein Bagger zwei Altbauten – ein seit langem leerstehendes Ladenlokal und ein Wohnhaus, welches viele Jahre eine vielköpfige Familie J. beherbergte (die Abkürzung bringt nicht wirklich was). Deren Mitglieder mit ihrem nicht immer an der Norm orientierten Lebensstil gehörten auf eine liebenswerte Art und Weise zum Bild der Stadt. Familie J. und ihr Sammeltransporter, ein beigefarbenes Wohnmobil, welches auf wundersame Weise immer wieder durch den TÜV kam, haben allerdings längst das Weite gesucht, wohin auch immer. Das Haus stand seit Monaten leer. Nun wird offenbar das Areal, bestehend aus den beiden Grundstücken und der vermutlich im Krieg entstandenen Baulücke dazwischen, großflächig überplant. Wie, wird noch in Erfahrung gebracht.

Kein Zuhause, nirgends: Bagger auf Trümmergrundstück, mit Zimmerdecke im Greifer


Eine überraschende Geschichte, die in Weeze ihren Anfang nimmt

rd | 09. Juli 2019, 19:27 | 5 Kommentare
Weeze, Startpunkt eines überraschenden Erlebnisses

Gemeinhin gewinnt unsereins schnell den Eindruck, unser Gemeinwesen stehe kurz vor dem Ende. Jeder denkt nur noch bis zur Grenze seines eigenen, zugeschotterten Vorgartens. Allerorten Familien, die ihre zarten Töchterlein im SUV zur Gesamtschule helikoptern, auf dass sie freitags zum Rathaus ziehen und den Klimaschutz einfordern. Und die Politik! Ratlos, verlogen, korrupt, siehe Gorch Fock, siehe Migration, siehe Europa.

Dann, die Wechselfälle des Lebens hatten mich nach Köln expediert, wo ich an einer äußerst lehrreichen Veranstaltung zur Geschichte der Schrift teilgenommen hatte, fällte ich auf dem Rückweg eine schicksalhafte Entscheidung: Im Duisburger Hauptbahnhof entschloss ich mich gegen 18 Uhr, die Rheinseite zu wechseln und das letzte Stück der Strecke nach Kleve mit dem Niers-Express zurückzulegen. Das bedeutete wiederum, zunächst die paar Kilometer bis Krefeld zurückzulegen, von wo aus der Regionalexpress, abfahrend von Gleis 2, die letzte Etappe des Weges absolvieren sollte. Alles easy, dachte ich, was regen sich die Leute nur so über die Bahn auf, läuft doch.

Wenige Minuten später hatte ich im Geiste Exekutionen für alle Verantwortlichen angeordnet.

Auf der Bahnhofsanzeige war als Endhaltestelle nicht Kleve, sondern Weeze angegeben, dazu plärrte die Durchsage: „Die Halts in Goch, Bedburg-Hau und Kleve entfallen.“ Bittere Tränen flossen über mein Gesicht, ich sah mich schon in den Fängen des Schienenersatzverkehrs, ein fürchterliches Wort, das den Schrecken der Sache halbwegs angemessen wiedergibt. Fünf Minuten später war ich allerdings gezwungen, die Hinrichtungen rückgängig zu machen – für eine Sperrung wegen einer zu entschärfenden Bombe können nun beim besten Willen weder Pofalla noch sämtliche Kleinkopferten der NordWestBahn zur Rechenschaft gezogen werden.

Ich fügte mich also in mein Schicksal und bestieg den Zug, der mich in einen Ort bringen sollte, den ich (womöglich zurecht) noch nie in meinem Leben besucht hatte. Kempen. Nieukerk. Aldekerk. Geldern. Kevelaer. Weeze, alle raus! Auf dem gegenüberliegenden Gleis stand wie angekündigt auch der Zug, der irgendwann nach der Entschärfung die Fahrt vollenden sollte. In Weeze ist allerdings nicht ersichtlich, wie der Reisende dorthin gelangt. Hinweisschilder zur Unterführung waren wohl im Etat nicht vorgesehen. Der Masse folgend, fand sich allerdings der Weg hin zum Bahnhofsvorplatz, wo allerlei mürrische Reisende auf- und abgingen und darauf warteten, die letzten Etappen zurücklegen zu können.

Auf dem Parkstreifen parkte ein Wagen, an dessen Beifahrertür ein junger Mann stand, der mehrfach fragte, ob jemand nach Goch müsse. Er gehörte ebenfalls zu den Gestrandeten und war von seiner Liebsten in Weeze abgeholt worden, und jetzt waren im Auto noch zwei Plätze frei – und die bot er den Reisenden an, einfach so. Nun musste ich zwar nicht nach Goch, sondern nach Kleve, aber Goch ist auf alle Fälle schon mal näher am Ziel. Für den Rest werde sich schon eine Lösung finden, dachte ich, ein Mensch, dem Optimismus nicht ganz fremd ist.

Sie fand sich auch tatsächlich, aber auf ganz unerwartete Weise. Ein kurzer Wortwechsel zwischen Beifahrersitz und Rückbank ergab, dass ein zweiter Zufallspassagier ebenso wie ich Kleve als Ziel hatte. Der junge Mann fragte seine Freundin: „Sind wir heute nett?“ Das war natürlich eher rhetorisch, denn kurzerhand setzten sie die Fahrt bis nach Kleve (knapp vor meiner Haustür) fort, verweigerten wacker jede Entschädigung, brachten den Mitreisenden zum Klever Bahnhof (wo sein Auto stand) und traten dann die Heimfahrt zum Abendessen an.

Ich aber dachte: Solange es noch solche Menschen gibt, wird dieses Land nicht dem Untergang geweiht sein. Eine schöne, eine überraschende Erfahrung!


Vorschau 2020: Rammstein in Nimwegen (86 Euro, natürlich binnen Minuten ausverkauft)

rd | 08. Juli 2019, 13:20 | 12 Kommentare

Schon jetzt steht fest: Das Kulturereignis des kommenden Jahres in Kleve findet in Nimwegen statt. Was aber nicht schlimm ist, es dürfte bis Kleve zu hören und zu sehen sein: Die Musikcombo Rammstein, erfolgreichstes Exportprodukt des Landes seit Goethe, gastiert am 24. Juni 2020 um 19 Uhr im Goffertpark Nimwegen. Die Show ist pyrotechnisch und musikalisch anspruchsvoll, um es mal milde auszudrücken. Der Sänger geht mit einem Flammenwerfer auf sein Bandmitglied los, ein Lied behandelt in seinen Versen den berühmten Fall des Kannibalen Armin M. Das alles ist nicht jedermanns Geschmack, aber Rammstein ist auf jeden Fall unique und weltberühmt. 

Wer das Glück hatte, aus Kleve zu stammen und eines der Tickets zu ergattern, kann also mit dem Rad oder dem Schnellbus 58 zu einem Weltereignis fahren, wann hat man das schon mal? Viele dürfte es allerdings nicht sein, die ganze Europe Stadium Tour war binnen weniger Stunden ausverkauft (von wenigen Plätzen in Osteuropa einmal abgesehen), nachdem der Vorverkauf am Freitag Vormittag gestartet war.

  Eine schöne Würdigung der Bühnenshow und der (auch textlich) bemerkenswerten Songs findet sich im britischen Guardian (die Zeitung ist halt einfach so gut, dass einem die Tränen kommen, wenn man sie mit deutschen Blättern vergleicht). Hier der Link: Rammstein: pure panto from German shock rockers