Chateau und Rosenkohl

rd | 04. November 2008, 15:11 | 8 Kommentare

Ich wähnte mich schon leicht underdressed & undershaved, aber dann erblickte ich Gastgeber Uwe Dönisch-Seidel, dessen Gesichtshaare am Sonntag Abend noch etwas üppiger sprießten als bei mir, der ich für diesen Top-Termin sogar meine neue Freundin, Kommissarin Lund aus Kopenhagen, versetzt hatte. Ich denke, sie wird nächsten Sonntag schon wieder angekrochen kommen. Dänen!

Uwe Dönisch-Seidel war, wie nicht zuletzt die mehrfache nonchalante Benutzung des Wortes Steuerfahndung bewies, der launige Conferencier eines “Wine & Dine” genannten Abends im Hotel Cleve, dem ich allein schon deshalb nicht entsagen konnte, weil meine Freunde wissen, dass ich den lieben langen Tag herumjammere, wo man hier in der Stadt überhaupt noch gut essen gehen könne, um dann nach langen Erwägungen erneut im Akropolis (Kategorie: Fleisch, ehrlich) zu landen. Auch das Akropolis wurde nun also von mir hintergangen.

Das Beste aber war, dass hinter der ganzen Veranstaltung meine ehemalige Oberstufenkameradin Barbara Schroeder steckte, die gleich nach dem Abitur in den Westen rübermachte (in diesem Fall Bordeaux). Dort reüssierte sie nicht nur als Malerin mit einem ganzen speziellen Blick für Gemüse (aber nicht nur das), sondern genießt mittlerweile auch als Weinjournalistin einen formidablen Ruf. Nun betreibt sie außerdem mit ihrem Mann, einem Doktor der Önologie, noch ein kleines Weingut, das die Getränkeversorgung des Abends in seine kompetenten Hände nahm. Für 49 Euro gab es also:

  • Gänseleber-Terrine an Waldfruchtkaviar
  • Ochsenschwanz gefüllt mit Brezelknödeln
  • Hirschrücken auf sautierten Rosenkohlblättern
  • Schwarzkirsch-Chili-Eis an Jahrgangsschokoladen
  • sowie diverse Champagner und Chateau Grand Maison Cotes de Bourgs

Ein Programm, das für Waldmenschen wie mich noch den zusätzlichen Pluspunkt hatte, dass Mme Schroeder, tres elegant, wohltemperiert erläuterte, warum unsereins den Wein nicht allein nach seinen bewusstseinseintrübenden Effekten beurteilen sollte. Stichwort Tannin. Außerdem erfuhr ich von Uwe Dönisch-Seidel, dass Rosenkohl besser gelingt, wenn er im Laufe der Zubereitung einmal kurz ins Eisfach gelegt wird. Das ist für mich schon deshalb praktisch, weil mein Eisfach meistens komplett leer ist. Ich muss also nicht umräumen.

Gibt es Fleisch, so pflege ich, in der Regel unbemerkt von meinen Tischnachbarn, einmal innezuhalten und darüber zu meditieren, ob das als Speise aufgetischte Tier einen sinnlosen Tod gestorben ist oder nicht. Beim Hirsch war zu sagen: Der Jäger hat ein gutes Werk getan!

Doch der Chateau hatte es in sich. Une assemblage tres délicieuse, wie der Fachmann sagen würde. Der gute Tropfen machte mich im weiteren Verlauf des Abends sehr locker, aber UDS und hoffentlich auch die anderen Tischnachbarn werden bezeugen, dass ich mich nicht daneben benommen habe und eventuell sogar mit der einen oder anderen Bemerkung für etwas Heiterkeit gesorgt habe, ohne ins Peinliche oder Zotige abzudriften.

Natürlich war ich am Ende mal wieder einer der letzten Gäste, aber es war nicht so wie vor vielen Jahren in Hamburg, als eine Gastgeberin mich freundlich hinauskomplimentieren wollte, indem sie mir stundenlange Videos eines Segeltörns in der Nordsee zeigte, ich aber jeden Wechsel der Wind- oder Fahrtrichtung voller Entzücken kommentierte.

Insgesamt also ein gelungener Abend, der noch lange nachklingen kann, sofern man die Gelegenheit ergriff, am Ende die Produkte des kleinen Weinguts aus Südfrankreich zu ordern. Wer das verpasst hat: Uwe Dönisch-Seidel, als ehemaliger Galerist seit vielen Jahren ein guter Freund der Künstlerin, vermittelt den Vertrieb.

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8 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 8. Flaccus

    GELL? sag ich doch. Das Akropolis ist halt ehrlich ,o)

     
  2. 7. pB

    @uds: tatsächlich gestern zum ersten Mal (ungekreuzterweise) Rosenkohl gekocht – nach obiger Anleitung! Ca. 7 Min. gekocht, abgekühlt im Eiswasser und noch mal “kurz” aufgekocht! Knackig, grün und einfach nur perfekt. Vielen Dank für die Anregung. Aus den Erfahrungen meiner Kindheit und Kochweise meiner Mama – hatte ich bisher Rosenkohl von meiner Speisekarte gestrichen!

     
  3. 6. janssen

    kann man da unten inzwischen mal wieder anständig essen gehn oder ist der laden immer noch so schlecht wie sein ruf in letzter zeit?

     
  4. 5. rainer

    Jahrgangsschokolade gibt es nicht, kakaobohnen werden nicht nach jahrgang gehandelt. die verzweifelten versuche “kohlsorte – eiswasser – farbe -bissfest – nochmal schönere farbe usw”, hab ich über. rosenkohl und kappes sind keine delikatessen. scharzbrot mit margarine, halbfettem quark und zuckerrübensirup, das ist eine delikatesse

     
  5. 4. Alfons

    @pB&UDS: Der Rosenkohl wird dann gleichmäßiger und schneller gar.

     
  6. 3. UDS

    pB:”Sagt der Rosenkohl zum Koch:’Sie können mich mal kreuzweise!'” und schon war es passiert.
    Keine Ahnung, habe noch nie davon gehört. Werde demnächst in einem heroischen Selbstversuch gekreuzte und ungekreuzte nebeneinander probieren. Bisher hat das fehlende anschlitzen meinen Rosenkohlgenuss nicht geschmälert.

     
  7. 2. pB

    @UDS: Ich dachte, dass es beim Rosenkohl ganz wichtig ist, den Ansatz kreuzweise anzuschlitzen (falls, ja – warum eigentlich? – falls nein – warum nicht)?

     
  8. 1. UDS

    Zum Rosenkohl: Bitte nicht ins Kühlfach, auch wenn es immer leer ist, sondern die äußeren Blätter der Rosenkohlröschen abtrennen die kleinen grünen Früchtchen in kochendes Wasser geben. Nur wenige Minuten volle Kanne kochen lassen, dann mit einem Schaumlöffel herausnehmen oder abgießen und den Rosenkohl in Eiswasser geben. Das hält die schöne grüne Farbe. Dann den Rosenkohl abtropfen lassen und in einem Topf mit Wasser wieder zum Kochen bringen. Herausnehmen, wenn sie noch bissfest sind, nicht vermatschen lassen! Wieder abtropfen lassen, Butter in einer Pfanne erhitzen und den Rosenkohl anbräunen, evtl mit etwas Paprikapulver nachhelfen, salzen, pfeffern, fertig. Dazu natürlich Grand maison!