Beuys, der alte Nazi

Beuys, wie ihn seine Gegner sahen (bevor sie abgeschossen wurden)
Beuys, wie ihn seine Gegner sahen, bevor sie abgeschossen wurden (Fotograf unbekannt/Vertrieb VG Bildkunst, Bonn)

Pfingstmontag, der richtige Moment, um gelassen auf das Leben an sich und die jüngsten publizistischen Wirren rund um den Klever Superkünstler Dr. Joseph Beuys zu blicken. „Der war noch gar kein Doktor“, höre ich nun schon die Kulturbeflissenen (und das sind nicht wenige) unter meinen Lesern aufjaulen. „Stimmt“, entgegne ich entspannt, „aber dafür ein echter Vollnazi!“ Da ich nun sicher sein kann, sämtliche Leser verloren zu haben (Beuys interessiert hier eh keinen, siehe Moyland, und die restlichen, die der Ansicht sind, der Mann dürfe nur mit Samthandschuhen angefasst werden, haben nach diesem fulminant-geistlosen Einstieg ihren Kopf in die nächste Fettecke getunkt), kann ich nun ganz locker weiterplaudern.

Vorweg das wichtigste. Seit mehreren Jahrzehnten (gefühlt) deklamiert der detailversessene Heimatkenner Alfons A. Tönnissen, dass der hochverehrte Künstler das Staatliche Gymnasium in Kleve ohne Abitur verlassen habe. Wie wir aus der Geschichte der abendländischen Kunst wissen, ist der Umstand, ob ein Künstler Abitur hat oder nicht, etwa so bedeutend wie die Tatsache, ob dieser gerne Schweinekoteletts verspeist oder nicht. Gleichwohl wird diese Schlacht in den entsprechenden Klever Zirkeln erbittert geführt, mit dem vorläufigen Höhepunkt, dass der RP-Redakteur Matthias Graß im April eine Replik auf einen Leserbrief von Tönnissen veröffentlichte, obwohl dieser selbst noch gar nicht in der Zeitung veröffentlicht war. Der kam erst ins Blatt, als Graß im Urlaub war.

Doch nun bekam der Düffelhirsch plötzlich von unerwarteter Stelle Schützenhilfe. Denn soeben ist in Berlin eine neue Biografie über Joseph Beuys erschienen, die für sich in Anspruch nimmt, mit allen Mythen um den Verehrtesten aufzuräumen (Hans Peter Riegel: „Beuys. Die Biografie“. Aufbau-Verlag, 600 Seiten, 28 Euro). Mittemang steht da: Beuys habe tatsächlich kein Abitur gemacht. Noch schweigt Graß.

Wenn man der Spiegel-Rezension des Werkes >glauben schenken darf, handelt der restliche Teil des Buches im wesentlichen davon, dass Beuys ein verkappter Nazi war, abgeleitet aus der Tatsache, dass er sich auch nach dem Krieg noch mit alten Kameraden getroffen hat. Eine steile These!

Autor Hans Peter Riegel weiß natürlich genau, dass solche Zuspitzungen erstens eine wohlwollende Rezension im Spiegel einbringen, was dann zweitens zu einem nicht unerheblichen Anstieg der Verkaufszahlen führt. Die Nazi-These erscheint aber weit hergeholt. Dass gelogen wurde, ist wiederum keine echte Überraschung: Wer sich seit Jahr und Tag mit dem Wirken des Schamanen beschäftigt hat, weiß, dass der gute Mann auch seine Biografie wie ein Stück Fett betrachtet hat, das er nach seinem künstlerischen Geschmack formen kann. Why not?

Beuys‘ Werk ist grandios, aber sperrig und manchmal schwer erträglich, dafür an anderen Stellen wiederum tausendmal besser als Didi Hallervorden. Beispielhaft sei nur an die legendäre „Ja Ja Ja Nee Nee Nee“-Pressekonferenz in Düsseldorf erinnert. Das führt uns geradewegs zum jüngsten Urteil des Bundesgerichtshofs. Die höchsten deutschen Richter gaben der Museumschefin in Moyland, Bettina Paust, in einem komplett absurden Rechtsstreit letztinstanzlich recht.

Paust hatte im Museum Schloss Moyland Fotos eines Happenings zeigen wollen, das dieser vor Jahrzehnten in der legendären ZDF-Sendung „drehscheibe“ abgehalten hatte. Die in Bonn ansässige VG Bildkunst hatte als Sachwalterin der Beuys-Erben gegen die Verwendung der Bilder geklagt – mit logischen Konsequenzen, die so absurd sind, wie sie nur absurd sein können. keveblog hatte dies bereits vor Monaten in einer ausführlichen Expertise dargelegt (nachzulesen hier). Erfreulich für den gesunden Menschenverstand ist, dass sich nun auch die Richter in Karlsruhe der Argumentationslinie von kleveblog anschließen konnten.

Ob der Sieg in dieser Schlacht der Museumschefin weiterhelfen wird – keine Ahnung. Die desaströsen Besucherzahlen im Schloss dürften letztendlich die grundsätzliche Frage aufwerfen, wie sich das verschrobene Werk des Künstlers so präsentieren lässt, dass es nicht nur ein paar Freaks und gedungene Schulklassen anzieht.

Aber an dieser Aufgabe sind schon ganz andere gescheitert. Hans Peter Riegel berichtet in seiner Biografie über die berühmte Ausstellung von Beuys im New Yorker Guggenheim-Museum. Diese Retrospektive verschlang solche Unsummen von Geld, dass das Museum in ernsthafte finanzielle Nöte geriet – und der damalige Direktor mutmaßte, die Zerstörung des Guggenheim sei der geheime Plan und Kern des Beuys-Projektes in New York gewesen. In New York ist er gescheitert. In Moyland könnte er postum siegen.

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74 Kommentare

  1. 73

    Ertappt
    Was macht man angesichts eines vorgeblich faktenreichen Buches? Entweder man glaubt dem Autor blind, weil man die zahlreich vorgetragenen Belege kaum auf ihre sachliche Richtigkeit und nur schwer auf ihre korrekte Bewertung und Einordnung pr

     
  2. 70

    Zur Reaktion von Hans Peter Riegel auf meinen Text:

    Nein, ich habe mich zu bedanken, lieber Hans Peter Riegel, dass Sie meinen Text f

     
  3. 65

    @Hans-Peter Riegel.

    Ja so kanns gehn wenn man Jehova sagt.
    Vor allem umzingelt von steinbewaffneten Wort, Bild, Fett und Offenbarungssch

     
  4. 57

    Man kann von Beuys und seinem Lebenswerk halten, was man will, was ihm – wie auch dieser Blog zeigt – immer wieder einmalig gelingt, ist, sich zum medialen und allgemeinen Gespr

     
  5. 52

    @rd: schade, dass mein Comment von heute Nachmittag hier nicht erscheint, obwohl da ja nun wirklich nichts Schlimmes drin stand!

     
  6. 51

    das ist ja wirklich unglaublich wie knapp ihre zeit ist herr Riegel. wollen sie die welt nicht noch 2-3 mal dar

     
  7. 46

    Lassen Sie sich von den hiesigen Kommentatoren nicht entmutigen, Herr Riegel. Ihr Buch, das zu Recht mit vielen bisherigen Halbwahrheiten kritisch umgeht, ist in jedem Falle eine Bereicherung, weil es dazu anregt, verschiedene Dinge nochmal kritisch zu hinterfragen.
    Dies Schlussfolgerungen der Presse und auch mancher Schreiberlinge hier empfinde ich als polemisierend und undifferenziert. Aber letztlich werde ich mir anhand der Lekt

     
  8. 42

    „Beuys war das Gegenteil von links” sagt Hans-Peter Riegel und das (bisher) ungestraft-man sollte ihm zumindest mal die Bilder erkl

     
  9. 39

    @django!

    ha ha ha, sehr geil, endlich mal jemand mit gutem Humor hier bei den Piefern, you made my day!

     
  10. 38

    Sorry, aber diese ewige Abgedroschene Nazi-Kacke wird nach 70 Jahren langweilig.
    Auch sollte man sich mal auf den geistigen Zustand untersuchen lassen wenn man Beuys als Nazi bezeichnet.
    Es wird langsam L

     
  11. 36

    @ wolfgang Look 31.

    Sehr geehrter Herr Look,

    wo haben Sie das denn her, dass Hess seinen letzten Flug nach astrologischen Daten terminiert hat?
    Es ist eine akrobatische Vermutung, sonst nichts.
    Hitler hat sich

     
  12. 34

    ich nochmal, weil ich noch 5 min Zeit habe! Es ist doch so: der eine schreibt ein Buch, will verdienen, die anderen sollen es kaufen, RD will auch irgendwas, zumindest Lokalkolorit oder einfach nur ab und zu Unterhaltung moderieren und Jupp hatte kein Abitur, konnte nicht so gut singen und auch keine Gitarre spielen, also Kunst, er wollte ja auch

     
  13. 32

    die mit den dicken Dingern sang doch auch „Beuys, Beuys, Beuys“ und die hatte auch kein Abitur! So what? „Beuys will be Beuys“ hat auch mal jemand gesungen, wahrscheinlich in Anspielung auf irgendwelche Schwulit

     
  14. 29

    Habe Pfingsten mit dem Buch verbracht. Es liest sich so, wie das Cover gestaltet ist, einseitig und langweilig.

     
  15. 28

    Sehr geehrter Herr Riegel,

    es ist richtig, ich habe Ihr Buch noch nicht gelesen. Meine Beitr

     
  16. 25

    @ Hans Peter Riegel 23.

    Sehr geehrter Herr Riegel,

    ich glaube Beuys war zu intelligent um auf eine „spezifische v

     
  17. 18

    @ Hans Peter Riegel 15.

    Sehr geehrter Herr Riegel,

    Ich komme mit einem Satz Ihrer Ausf

     
  18. 17

    @ Benno 8.

    Lieber Benno,
    eine kleine Korrektur,
    das Schloss Moyland ist nicht f

     
  19. 11

    ich glaub da landet der Stuka in der Badewanne – Eva – die Klever machen alles kaputt

     
  20. 8

    @ Rainer Hoymann: Gute Idee! Letzten Mittwoch lief im WDR-Fersehen die Hitliste des Westens, Thema diesmal die sch

     
  21. 7

    Ich bin kein Experte. Aber ICH finde das Museum Schloss Moyland schlicht und einfach provinziell.
    Da hilft auch nicht, unser verehrter oder nicht verehrter Jopseph Beuys weiter.

    Ja klar, die Nazivergangen muss jetzt auch herhalten, um Joseph Beuys zu demontieren.
    Mit G

     
  22. 6

    Habe den Artikel im Spiegel auch schon hinter mir. Dieses Kleve, diese Provinzstadt! Leider wahr…

     
  23. 3

    Hm. Vielleicht liegt das Problem Moylands darin, dass es einfach nicht dahinterkommt, wie andere H