Graefenthal-Prozess: Anträge verzögern das Ende, Gericht genervt

Die Transformanten nannten ihn „Sonnenblume“: Der Angeklagte auf dem Weg in den Gerichtssaal, im Hintergrund seine drei Strafverteidiger Inez Weski, Pantea Farahzadi und Dr. Rüdiger Deckers

Nach sechs Monaten Verhandlung mit 19 Sitzungstagen, nach ungezählten Stunden im Saal A 105 der Klever Schwanenburg mit rund drei Dutzend Beweisanträgen der Verteidigung erlebten die Zuschauer am vergangenen Dienstag im Prozess gegen den Propheten von Graefenthal einen seltenen Moment, in dem sich der Unmut der Kammer entlud.

Eben hatten Dr. Rüdiger Deckers und Pantea Farahzadi einige neue Beweisanträge angekündigt, die die Vorwürfe gegen ihren Mandanten, den vielfacher sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, entkräften sollten. Daraufhin entgegnete Christian Henckel, der Vorsitzende Richter der 7. großen Strafkammer des Landgerichts Kleve: „Das alles kommt reichlich spät.“

Die Anwälte hatten angekündigt, für die Ausarbeitung der neuen Schriftsätze mehrere Tage zu benötigen, was den sehr fokussierten Zeitplan der Kammer zerstört hätte. Das wollte das Gericht sich nicht bieten lassen. „Ich neige dazu, Ihnen drei Stunden Zeit zu geben, die Anträge zu stellen“, so Henckel.

Dann stellte er klar: „Nur damit das nicht in den falschen Hals gerät, ich mache das nicht meiner Person wegen, sondern des Verfahrens wegen.“ Bekanntlich blickt der Vorsitzende Richter dem Ruhestand entgegen, allerdings scheint die Kammer in erster Linie der Ansicht zu sein, dass alles Wesentliche zur Sprache gekommen ist und die Beweisaufnahme somit geschlossen werden kann.

Das sieht die Verteidigung des 59 Jahre alten Niederländers jedoch ganz anders. Sie stellte deshalb mehrere neue Beweisanträge – und kündigte für morgen, wenn die Verhandlung fortgesetzt wird, weitere an. Dr. Deckers ging sogar so weit, die vollständige Einstellung des Prozesses zu fordern, weil die Grundsätze eines fairen Verfahrens verletzt worden seien.

„Es geht im Grunde um alles“, so Dr. Deckers. „Es steht die Existenz eines Menschen auf dem Spiel, und es steht die Existenz eines ganzen Klosters auf dem Spiel. Im Fall einer Verurteilung wird die Vertreibung einer ganzen Glaubensgemeinschaft vorbereitet.“

Außerdem wollte Deckers einen aussagepsychologischen Gutachter hinzugezogen wissen, einen Fachmann, der sich dann natürlich erst einmal gründlich in die Materie einarbeiten müsste und der zudem auch mit der Belastungszeugin sprechen sollte. Es gehe darum, Motive einer möglichen Falschbelastung herauszufinden. Er habe erhebliche Bedenken, die gegen die Aussage der ehemaligen Partnerin des Propheten sprechen.

Die Frau hatte eine Liebesaffäre außerhalb der abgezirkelten Welt der Glaubensgemeinschaft „Orden der Transformanten“ angefangen und hat sich mittlerweile von der Sekte losgesagt. Die Anklage, die sich auf die Aussage der Frau stützt, sagt, dass der mittlerweile 59 Jahre alte Niederländer die Frau seit ihrem frühen Teenageralter sexuell missbraucht hat.

Die Staatsanwaltschaft nahm zu den gestrigen Anträgen keine Stellung, dafür aber Dr. Karl Haas, der das mutmaßliche Opfer als Nebenkläger vertritt. Er sah bei den Anträgen keinen Sachzusammenhang zu den angeklagten Vorwürfen, und auch der Grundsatz eines fairen Verfahrens sei zu keinem Zeitpunkt verletzt worden.

Unterdessen treibt die Kammer den Prozess mit Nachdruck auf sein Ende zu. Heute Morgen versandte das Landgericht eine Pressemitteilung, nach der schon am Donnerstag „gegebenenfalls das Plädoyer der Staatsanwaltschaft gehalten“ werden könnte. Sollte es soweit kommen, wäre die Öffentlichkeit einmal mehr von dem Verfahren ausgeschlossen.

Sollte, aus welchen Gründen auch immer, der straffe Zeitplan nicht eingehalten werden können, ließ das Gericht am Dienstag aber auch schon Plan B ausloten – alle Prozessbeteiligten sollten kurzfristig prüfen, welche weiteren Termine bis zum 17. Dezember möglich sind.

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Unterdessen gab es zwei weitere Verhandlungstage, an denen die Verteidiger neue Anträge stellten.

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7 Kommentare

  1. 7

    @6 Benno „Jaja, wer im Glashaus sitzt“
    fehlendes „r“, stimmt, aber für Blogs nehme ich mir nicht die Zeit des Korrekturlesens.
    Übrigens, meine Tastatur kan auch kein „h.c.“
    Herr RA Deckers hat gar nicht promoviert,ist somit kein Dr., sondern ist nur aus der Ferne (Fernuni) Ehrenhalber zum Dr. h.c. benannt worden.
    Der Gesetzgeber schreibt in den Fällen, genauso wie bei einem medizinischen Doktortitel, wenn er z.B. in Syrien erworben wurde, das bei ner Nennung mit anzugeben.

     
  2. 6

    @1: Tz….tz…tz…. wohl kein „r“ mehr auf der Tastatur („spachlich“) ?
    Jaja, wer im Glashaus sitzt…..

    Benno

    PS: meine Autokorrektur nimmt widerwillig das zitierte Wort an…

     
  3. 5

    …… und wer denkt und spricht über die verlorenen Jahre und die gefährdete Existenz des mutmaßlichen Opfers, die Frau, die sich von der Sekte losgesagt hat?

    Soll nun der Täter als Opfer dargestellt werden?

     
  4. 4

    „Es geht im Grunde um alles“, so Dr. Deckers. „Es steht die Existenz eines Menschen auf dem Spiel, und es steht die Existenz eines ganzen Klosters auf dem Spiel. Im Fall einer Verurteilung wird die Vertreibung einer ganzen Glaubensgemeinschaft vorbereitet.“
    Rüdiger Deckers, der auf Veranstaltungen der False Memory Deutschland auftritt und deren unwissenschaftlichen, opferfeindlichen Thesen vertritt und verbreitet, weist hier, vermutlich unabsichtlich, auf zwei wichtige Aspekte hin. Zum Einen, womit die Sektenführer, bzw. deren Firmen eigentlich ihr Geld verdienen und inwiefern das Wohl der Kinder und Jugendlichen, die in der Sekte leben, gewährleistet ist. Falls noch nicht geschehen, sollte das vom zuständigen Jugendamt überprüft werden. Dazu sind Jugendämter gesetzlich verpflichtet.

     
  5. 3

    Es ist gut, dass Richter Henckel den Versuchen seitens Dr. Deckers, den Prozess mit den Methoden, für die er berüchtigt ist, zu verschleppen, konsequent Grenzen setzt. Denn sollte sein Mandant schuldig sein, verbaut er ihm so die Chance, Einsicht zu zeigen und eine Strafmilderung zu erreichen.
    In der Hinsicht ist das Schicksal eines früheren Mandanten von Rüdiger Deckers, des ehemaligen Benediktinerparters „Georg“ aufschlussreich. „Pater Georg“ war des mehrfachen sex. Missbrauchs von im Ettaler Internat untergebrachten Jungen angeklagt und wurde schließlich verurteilt. Darüber wurde ausgiebig in der Presse berichtet.

     
  6. 1

    Es heisst d e m … vorgeworfen wird, Herr Daute, jetzt wede ich erst einmal prüfen, ob damit nicht der ganze Prozess neu aufgerollt werden muss.
    Und „Aussage der ehemaligen Partnerin des Propheten“ passt auch nicht zum „seit ihrem frühen Teenageralter sexuell missbraucht hat“.
    Zt.. zt… zt… rd, das sind mir aber viele Gründe für ein Revisionsbegehren.

    Jetzt mal seriös, welche Kurzweil hat man als selbsternannter Prophet denn noch zu erwarten, wenn der Prozess wie auch immer, den mal mit einem Urteil endet.
    Da macht es doch unheimlich Laune, dem Vorsitzenden schwitzen zu sehen und ihm seinen beginnenden Ruhestand zu verhageln.
    Das Gericht ist imho gut beraten, das Verfahren jetzt im geplanten und verkündeten Zeitraum zu einem Ende zu bringen.
    Wenn ich einmal die vom Angeklagten selbst zu tragenden täglichen Kosten betrachte, wird der, auch wenn er sich das nicht anmerken lässt, auf ebenso heissen, wenn nicht sogar erheblich heisseren Kohlen sitzen.
    Inez und Panthea (ein h extra macht sich hier wirklich divin, sind wir doch ganz im göttlichen Raum,) machen das ja auch nicht pro deo, um spachlich weiter in diesen Sphären zu bleiben, selbst wenn Dr. Deckers vielleicht noch als Pflichtverteidiger aus anderen Quellen bezahlt wird, aber vermutlich hat auch dieser eine Honorar-Sondervereinbarung abgeschlossen..
    Sollte allerdings die Postcodelotterie oder wer auch immer als Financier in der Rückhand fungieren, wird man von Seiten der Angeklagten sowieso in die Revision gehen.