Public Viewing zu Ende, nur die Grilloffensive ist noch „on fire“

Grill-Offensive (Foto: J. Kruse)

Während unsereins neidvoll nach Frankreich blickt, während England immerhin noch einen Harry Kane hat, der ein Spiel dreht, und während selbst die hochgelobten Belgier in der 86. und 89. Minute noch imstande sind, einen Zwei-Tore-Rückstand gegen den Senegal auszugleichen und dann in der 120+5. Minute per Foulelfmeter in die nächste Runde einziehen, während der Kanzler jetzt nach seiner peinlichen Kurznachricht von einem „Büroversagen“ spricht (und als symbolischen Akt der Gängelung des arbeitenden Volkes die telefonische Krankschreibung abschafft – was soll das?), während also all das geschieht, muss vermeldet werden, dass mit dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft auch das Public Viewing auf dem Campus der Hochschule Rhein-Waal in Kleve zu Ende ist.

Immerhin nicht sofort abgehängt

„Heute ist es bis zur EM 2028 wirklich vorbei“, berichtet Tim Verfondern, der Organisator des Events. „Wir haben bereits nahezu alles zurückgebaut.“ Schade eigentlich, unsereins hätte sich zumindest vorstellen können, zumindest die beiden Halbfinalspiele und das Endspiel ebenfalls in größerer Gemeinschaft zu verfolgen, zumal dann vermutlich Teams aufeinandertreffen werden, die im Großen und Ganzen wissen, was sie tun, während sie auf dem Feld stehen. Wie schon in einem Kommentar geschrieben, Frankreich war in der Lage, gegen Schweden, bestimmt kein schlechter Gegner, allein in der ersten Halbzeit 14mal aufs Tor zu schießen. Mexiko soll auch sehr gut sein.

Zurück zum Public Viewing: Zum vierten Spiel der deutschen Mannschaft kamen noch weniger als zum (sportlich bedeutungslosen) dritten Spiel, was einerseits der späten Anstoßzeit geschuldet sein könnte und andererseits aber auch als Indiz dafür dienen könnte, dass diese Mannschaft sich zu keinem Zeitpunkt in die Herzen ihrer Fans gedribbelt hatte. Tim Verfondern reiht sich ins Team der Kritiker ein: „Knapp 700 motivierte Fans sahen das leidige Ausscheiden der Deutschen Elf und waren natürlich zurecht enttäuscht, denn dieses Gekicke reicht einfach nicht aus. Sowohl gegen Ecuador als auch gegen Paraguay hatte man eher das Gefühl Standfußball à la TipKick zu sehen. Ich denke es braucht in Zukunft eine Mannschaft, die vor allem auch auf mentaler Basis getragen wird – auch von den Fans. Wir brauchen wieder Schlachtrufe, ein WIR-Gefühl, das uns vereint und einen Trainer, der aus möglichen Einzelleistungen eine Gruppenleistung hervorbringt.“

Preisnachlassverdachtsfall

Unterdessen schwindet das zuvor allgegenwärtige Schwarz-Rot-Gold aus den Regalen der Supermärkte und den zuvor liebevoll dekorierten Gaststätten und Wohnzimmern. Immerhin hing gestern nach an der Hagschen Straßen eine überdimensionale Deutschlandfahne an einer Hausfassade, der Beweis, dass es nicht nur Schönwetterfans gibt. Doch die Badeschlappen mit schwarz-rot-goldener Zierleiste bei Tchibo sahen schon beträchtlich nach einem Ladenhüter und Preisnachlass aus. Und die Netto-Grillkohle „Grill Offensive“ war die ganze Zeit mehr „on fire“ als das Team, das dafür Pate stand (übrigens offenbar schon so weit im Voraus produziert, dass der Torwartwechsel zu Neuer auf der Verpackung nicht mehr untergebracht werden konnte, aber den dort gezeigten Torhüter kenne ich überhaupt nicht, was vermutlich auch kein gutes Zeichen ist. Aber von den deutschen Spielern hörte ich viele Namen zum ersten Mal. Nun bin ich zwar auch kein 150-prozentiger Afficionado des deutschen Fußballs, früher aber – muss ich gestehen – waren mir die Leute, die auf dem Feld stehen, immerhin ein Begriff).

Aber so, wie die Grillkohle in meinem Garten verlässlich zu Asche wird, aus der dann der Dünger für das kleine Tomatenbeet wird, so kann es ja auch sein, dass aus der Asche des deutschen Fußballs etwas Neues (ohne Neuer) entsteht, das besser ist als das Gewesene.

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3 Kommentare

  1. 3

    Ralf wen wundert es denn, dass einer wie Merz, der nie richtig gearbeitet hat, die Arbeitnehmer weiter und weiter vorführt und vernünftige Privilegien einschneidet und abschafft.

    Zum Thema WM: ich finde es toll, die Fans der verschiedenen Länder zu sehen… Wie sie ihre Mannschaften unterstützen und einfach eine gute Zeit haben, trotz der politischen Umstände in den USA. Norwegen, Schottland, Niederlande, Japan… um ein paar (auch bereits ausgeschiedene) zu nennen.

    Wieso man aber das Public Viewing bereits abbaut erschließt sich mir nicht. Genügend spannende Spiele erwarten uns noch…. Wenn auch zu ungünstigen Zeiten.

  2. 2

    …alles halb so schlimm, wenn nicht immer dieses großkotzige Gerede („wir wollen dort wieder Weltmeister werden“) und diese völlig überzogene Selbstüberschätzung stattfinden würde.
    Klar, man möchte etwas erreichen, aber ich nehme nicht an, dass Kap Verde mit dem Ziel zur WM gefahren ist, um dort Weltmeister zu werden und das nicht überall herumposaunt hat. Immer schön auf dem Teppich bleiben!
    Vielleicht wird das Halbfinale 2038 mal wieder erreicht, wäre doch mal ein wieder ein reeles Ziel…

  3. 1

    Das Bild gefällt mir:

    Eine echte deutsche Fußball-Schlappe (reduziert)

    Traurig, dass eine Stadt, die sich rühmt weltoffen zu sein und eine internationale Hochschule hat, nach dem Ausscheiden der Mannschaft das gemeinsame Fussballspasserlebnis kippt.

    Klar: Holland auch raus, damit keine holländischen Freunde mehr dabei.

    Vielleicht gibt es aber auch einfach nur Fußballfreunde, die gute Spiele sehen wollen.

    War es dann wohl doch eher der Kommerzgedanke, der hier gesiegt hat?
    Hoffentlich!!