Günther Zins zum 70.: Die Kunst der Stunde (ab heute im Kurhaus)

Zins, Kunde, Skulptur (Foto: Janusz Grünspek)

Mit einer Ausstellung, die ab heute (unter den bekannten Regelungen) zu besuchen ist, ehrt das Museum Kurhaus Kleve einen weithin bekannten Künstler aus der eigenen Stadt – den Bildhauer Günther Zins, der gerade 70 Jahre alt geworden ist.

Konzert in eigener Sache: Zins am Saxophon bei der heutigen Eröffnung der Ausstellung (Foto: Janusz Grünspek)

Seine Kunst ist die Kunst der Stunde: Die Skulpturen laden dazu ein, über Grenzen und Begrenzung nachzudenken.

Seine Werke schmücken belebte Plätze in südkoreanischen Metropolen ebenso wie das Amtszimmer des Klever Bürgermeisters. Sie sind zu entdecken auf dem Dach der Volksbank Kleverland oder an einer unscheinbaren Hauswand in der Emmerich Innenstadt. Einmal, so schien es gar, diente eine seiner Skulpturen als Requisite in der amerikanischen Anwaltsserie Suits, doch das geometrische Werk auf der Fensterbank der Kanzlei war offenbar das Werk eines Nachahmungstäters.

Es ist das Verdienst von Günther Zins, mit seinen Winke legen Edelstahlskulpturen, die mal räumlich sind und mal diesen Raum nur vorgaukeln, eine Form gefunden zu haben, die einzigartig ist und einen perfekten Wiedererkennungswert hat. Man sieht die Kunstwerke irgendwo und weiß sofort: „Sieh’ da, ein Zins!“

In diesen Tagen feierte der Künstler seinen 70. Geburtstag. Die Arbeit, so scheint es, hat ihn jung gehalten. Behende klettert er aufs Dach der Volksbank, um seine Skulptur zu präsentieren (er hat sie im vergangenen Jahr auch eigenhändig montiert). In seinem Atelier spielt er Schlagzeug und Saxophon, der Mann ist seine eigene Jazzband – er nimmt die Tonspuren getrennt auf und mixt sie zusammen.

(Das Video zeigt einen schönen Film von Janusz Grünspek über Günther Zins.)

Hohe Energie: Zins bei der Arbeit
Ein Mann, eine Band: Zins am Schlagzeug
Der Schreibtisch des Künstlers
Pinsel spielen auch eine Rolle

Gerade entsteht eine neue Skulptur für das Museum Kurhaus, dessen Chef Harald Kunde den Jubilar mit einer eigenen Ausstellung würdigen wird. Diese ist seit dem heutigen Freitag der Öffentlichkeit zugänglich, die ersten Lockerungen des Lockdowns machen es möglich, seine Kunst auch wieder im Original zu genießen.

Leicht lässt sich eine Brücke von der Pandemie zu den Werken des Klever Künstlers schlagen. Wir leben in der Illusion, dass wir zwischen uns und dem Virus Grenzen ziehen können. Wir ziehen uns in die eigenen vier Wände zurück, und wir erleben, wie sich ganze Gesellschaften abschotten wollen aus Angst, dass das Böse eindringt.

Doch das Virus, ein paar Mikrogramm Protein, schlüpft durch die Zellmembran, als wäre sie gar nicht da.

Dass das Grenzen setzen streng genommen ein Ding der Unmöglichkeit ist, dass sich alles und jedes gegenseitig durchdringt, dass sogar der Raum, in dem wir uns bewegen, womöglich nur eine Illusion ist, all dies zeigt das Werk von Günther Zins seit Jahren.

Seit Jahrzehnten, um genau zu sein. Zins ist in Butzbach (Oberhessen) geboren, er studierte an der Fachhochschule für Kunst und Gestaltung in Köln Freie Malerei und experimentierte schon von Anfang an mit der Durchdringung des Raumes.

Ende der achtziger Jahre, nach einem Stipendium im Märkischen Kreis, fand er schließlich zum Stahl, der fortan sein Markenzeichen werden sollte. Seit Ende der neunziger Jahre lebt er mit seiner Frau Isa in der Frankenstraße in Kleve. Früher hatte er sein Atelier im Bensdorf-Komplex, mittlerweile ist es im Pannier-Gelände an der Ackerstraße. Er fährt mit dem Fahrrad dorthin.

Wenn das Lichtbogenschweißgerät ruht, wird schon mal musiziert, oder aber der Künstler setzt sich an seinen Schreibtisch und liest zur Inspiration Franz Kafka. „Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht aus“, schreibt Kafka in seinem Roman „Der Prozess“. Das aber passt auch zu Günther Zins – das Wissen, dass nichts so sicher ist, wie es scheint.

„Die Linie ist das alleinige Material des Künstlers Zins, sie ist das Instrument, dem er verschiedenste Töne und Stimmungen, Sprachen und Kräfte entlockt“, so sah der ehemalige Klever Museumsdirektor Guido de Werd den Künstler.

Die Linie kann Grenzen ziehen, oder Punkte verbinden. Es kommt darauf an, wie man sie sieht. Wie man sie sehen will. Dem Mann, der das Wesen der Linie auf den Punkt gebracht hat, einen herzlichen Glückwunsch!

(Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Ausgabe 2021-1 des Magazins Der KLEVER erschienen, das im hiesigen Buch- und Zeitschriftenhandel zum Preis von 3,50 Euro erhältlich ist.)

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16 Kommentare

  1. 16

    @15. rd

    In dem Beitrag
    „Landgericht Kleve verurteilt Raser wegen Mordes: 5 Sekunden Autorennen, lebenslang Haft“

    Veröffentlicht am 18. Februar 2020, 00:20 Uhr
    Von rd

    schreibt „Klaus“ im Post Nr. 21. (Ich habe mich auf den letzten Satz bezogen.):

    „Klaus
    18. Februar 2020 um 15:33 Uhr
    @19. rd
    Das ist sein Recht und führt hoffentlich zu einer Bestätigung des Urteils und einer noch intensiveren Berichtserstattung über diese Straftat und ihre Folgen.

    @4. rd
    “Wer um alles in der Welt braucht 612 PS und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,4 Sekunden?”
    Ich frage mich auch immer, warum die Volksbank Kleverland ein ähnliches Auto im Fuhrpark hat.“

     
  2. 14

    @noeb
    https://www.kleveblog.de/landgericht-kleve-verurteilt-raser-wegen-mordes-5-sekunden-autorennen-lebenslang-haft/#comment-338589

    Falls das zutrifft, was in diesem Post über ein Fahrzeug der Volksbank steht, dann ist es das und die Vinothek, die Volksbankkunden nicht bezahlen sollten. Ein Kunstobjekt am Gebäude ob es mir gefällt oder nicht ist zumindest nicht unanständig, wenn es im Besitz einer Volksbank ist. Wieviel man als angemessenen Preis ansieht ist noch eine andere Frage, steht aber nicht zur Debatte, denn der Preis ist wahrscheinlich nicht bekannt.

     
  3. 13

    Was den Hype auf dem Kunstmarkt angeht wie z.B. 41 Millionen Euro für ein abstraktes Gemälde von Gerhard Richter im Jahr 2015

    https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gemaelde-von-gerhard-richter-zum-rekordpreis-versteigert-a-1017832-amp.html

    denke ich, dass dies weit jenseits eines Wertes ist, dass dieses Gemälde während seiner Lebenszeit (wie lang ist die bei Ölgemälden?) auf Dauer haben wird. Das kann natürlich auch über die Jahrhunderte schwanken je nach dem wie die Gesellschaft sich entwickelt. Kunstwerke in der Liga sind Spekulationsobjekte. Tulpen heutzutage für jeden erschwinglich waren auch mal Spekulationsobjekte.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Tulpenmanie

     
  4. 12

    @noeb Wenn der Azubi oder sonst jemand, der mit einem WIG-Schweißgerät umgehen kann, sich diese Skulptur z.B. auf dem Dach der Volksbank oder die auftauchenden oder versinkenden Würfel an einer Hauswand ausgedacht und zusammengeschweißt hätte, wäre das nach meinem Dafürhalten genauso Kunst wie als wenn es von einem Künstler gemacht worden wäre. Das es in den Augen vieler Menschen keine Kunst wäre, wenn ein Azubi statt eines Künstlers die Skulptur ersonnen und gebaut hätte, ist wohl ziemlich wahrscheinlich.

    Die grundsätzliche Frage ob etwas Kunst ist oder nicht, habe ich für mich persönlich mit exakt den gleichen Argumenten, wie Sie sie in Ihren Posts angeführt haben, beantwortet. Bis mir aufgefallen ist, dass ich vermutlich zu hohe Ansprüche habe. Der Massstab war Leonardo da Vinci, Michelangelo, Rembrandt oder mindestens Claude Monet, Max Beckmann und ähnliche Koryphäen. Das waren alles Künstler, aber es waren vor allem Genies. Wenn ich sämtliche Kunstwerke an deren Werken messe, dann wären alle, die dieses Niveau nicht erreichen, keine Kunst. Es muss also irgendwie noch andere Kriterien geben.
    Wenn man Lady Gaga in ihrer Eigenschaft als Songwriterin mit Johann Sebastian Bach vergleicht, ist klar das die Kompositionen der Künstlerin nicht ansatzweise die Genialität der Bach‘schen Werke haben. Es mag auch bessere Sängerinnen und Schauspielerinnen als Lady Gaga geben und gegeben haben. Dennoch ist sie aus meiner Sicht eine große Künstlerin. Ob sie wie Bach auch Jahrhunderte nach ihrem Tod in der Musik eine Rolle spielen wird, wird sich zeigen. Ich glaube es aber nicht. Das Ganze geht natürlich noch ein paar Nummern kleiner. Relativ unbekannte Musiker oder Musikbands können Musikstücke machen, die musikalisch ein Niveau erreichen, das über das von Hobbymusikern bzw. Hobbykomponisten hinausgeht. Das wäre für mich Kunst. Ist aber nicht unbedingt vergleichbar mit Lady Gaga, Madonna Elvis Presley usw. und schon gar nicht mit Genies wie Bach, Beethoven und Mozart. Subjektiv gesehen ist für mich Kunst, wenn jemand gestalterisch auf verschiedene Arten oder auch musikalisch etwas erschafft, was Menschen mit durchschnittlichen künstlerischen oder musikalischen Fähigkeiten nicht oder nur ein kleiner Teil von ihnen erschaffen könnte oder sich nicht ausgedacht hätte. Aus meiner Sicht ist das erfüllt.

     
  5. 11

    @rd: das sehe ich auch so. Dazu kommt noch, dass der Künstler (oder Autor, Fotograf,…) ja nicht nur plant und denkt, sondern auch von seiner Zeit beeinflusst wird. Das im Nachhinein zu sehen, finde ich sehr spannend.

    Aber die Würfel und sonstigen Gebilde bleiben für mich überbewertet. Zu viel “hipe”. In Holland reicht das als Deko für einen Kreisverkehr. Aber jedem das Seine.

     
  6. 10

    @noeb Aber das ist ja gerade das Schöne: Man KANN Dinge hineininterpretieren, MUSS aber nicht. Man KANN auch ganz was anderes hineininterpretieren, als der Künstler sich gedacht hat. Der Künstler kann ja nicht mehr beeinflussen, wie das Werk zu wirken hat. Es handelt sich um Kunst und nicht um eine Gebrauchsanleitung. Oder, um es noch abstrakter auszudrücken: Kunst spielt immer mit der Tatsache, dass eine perfekte Kommunikation nicht möglich ist, sondern dass es immer einen Bedeutungsüberschuss gibt, was einem Ansporn sein sollte, auch all das zu hinterfragen, wo diese Eindeutigkeit postuliert wird. (Klingt jetzt fast ein wenig querdenkerisch. Ist aber eher aufklärerisch und nicht sektiererisch gemeint.)

     
  7. 9

    @rd: ja, das ist auch richtig so. Ich halte mich durchaus für aufgeschlossen, aber ich rege mich immer auf, wenn die Kunst nur darin besteht, etwas möglichst originelles oder skandalöses zu produzieren (siehe ESC). Es ist ja ok, wenn man einmal ein monochrom blaues Bild abliefert, einmal mit Fett rumschmiert oder halt einen harmlosen Würfel auf die Spitze stellt. Aber dann ist auch gut. Wir haben es gesehen. Käme es uns nicht heute lächerlich vor, wenn wieder jemand Nagelbilder hämmert? Kunst hat halt seine Zeit.

    Wäre so ein Würfel eigentlich auch Kunst, wenn ihn ein Schlosser-Azubi an einem verregneten Nachmittag exakt gleich zusammengeschweißt hätte? Na also, wir interpretieren da Dinge rein, die sich kein Künstler gedacht hat oder sich nur für uns hat einfallen lassen.

     
  8. 8

    Schön, dass sich hier in der Tat eine Kunstdiskussion entwickelt. Das Gartenstuhlargument zählt aber nicht. Es kommt eben darauf an, was man damit verbindet. Bei mir zu Hause gibt es z. B. eine kleine Skulptur aus einem alten Fahrradsattel und einen alten Fahrradlenker, die zwar streng genommen ein Plagiat ist, mich aber bei jedem Anblick aufs Neue daran erfreut, dass Genialität und Einfachheit manchmal eng beieinander liegen.

     
  9. 7

    @6: meinen Sie nicht, dass sich ähnlich sinnfreie Interpretationen auch für meine Gartenstühle und jeden anderen x-beliebigen Gegenstand anstellen lassen? Meine Gartenstühle verbinden drinnen mit draußen, entlassen mich aus einem geschlossenen Raum in die Weite meines Gartens. Und wenn ich um sie herumlaufe, Sie glauben gar nicht was die für einen Schattenwurf haben…

    Für mich bleibt das Nonsens. Die Kunst liegt in diesem Fall für mich nur in der Vermarktung. Wer daran Spaß hat, soll Würfel basteln, aber ich möchte das weder als Volksbankkunde noch als Steuerzahler finanzieren.

     
  10. 6

    @3. günter ververs Die statischen weil fest montierten Würfel, Quader etc. können in mehrfacher Hinsicht mit Bewegung zu tun haben.

    https://www.guentherzins.de/wp-content/gallery/bildergalerie/auftauchende-eckenwuerfel-2011-edelstahl-niederrheinwerke-viersen-galerie-alte-lateinschule.jpg

    Mehrere Würfel wandern hintereinander die Hauswand hoch oder runter und „sinken“ unterschiedlich tief und in verschiedenen Winkeln in die Hauswand ein. Oder ein Würfel wandert die Hauswand hoch oder runter und die übrigen Würfel stellen die früheren Positionen des Würfels da. Ein Auftauchen oder Versinken je nach angenommener Bewegungsrichtung (Hauswand hoch oder runter) wird durch die Verkürzung oder teilweise das Weglassen von Würfelkanten suggeriert.
    Wenn der Betrachter sich bewegt während er auf die Würfel guckt, eröffnen sich nicht nur verschiedene Perspektiven auf die Würfel, sondern die Perspektive auf die Würfel bewegt sich. Oder es ist dunkel und die Würfel werden mit einem Scheinwerfer angestrahlt. Wird der Scheinwerfer bewegt, dann kann der Betrachter den sich bewegenden Schatten der Würfel sehen.

    Momentaufnahme einer Bewegung:
    https://www.guentherzins.de/wp-content/gallery/bildergalerie/rollende-wuerfel-edelstahl-hummelo-niederlande.jpg

    Festmontiert, ruhend, balancierend, bewegt?! Fällt aber nicht runter
    https://www.guentherzins.de/wp-content/gallery/bildergalerie/balancierender-wuerfel-mit-stange.jpg

    Nach dem teilweise böigen Wind in den letzten Tagen haben Würfel und Stab alle Hände voll zu tun gehabt die Balance zu halten.

     
  11. 4

    ☝🏽..ich denke mal Kunst ist es in der heutigen ,sehr seltsamen, Welt ein anständiger Mensch zu sein und zu bleiben.🤔😎..🍻

     
  12. 3

    Glücklicherweise leben wir in einem Land mit einer liberalen Kunstauffassung. Sie persönlich entscheiden für sich, was Sie für Kunst halten oder nicht. Ob es Sie emotional oder intellektuell berührt oder beides. Was in einem Museum ausgestellt wird, sollte andere Kriterien erfüllen. Je intensiver Sie sich mit Kunst beschäftigen, wird sich ihr Blick und ihr Verständnis, ihre Wahrnehmung verändern. Es ist also nicht nur eine Frage des Alters sondern eben auch das Ergebnis ihrer eigenen Auseinandersetzung mit Kunst, Musik, Literatur, was auch immer. Es kommt auch nicht darauf an, ob Sie in der Lage sind, ein Werk zu entschlüsseln. Im günstigsten Fall ist ein Bild, eine Plastik so komplex, dass es viele Interpretationen zulässt. Schlussendlich ist der Betrachter auch Teil des kreativen Prozesses. Wie Sie schon in ihrem Post schildern, ist es nicht der Würfel, der sich bewegt, sondern Sie sind es, der durch die Veränderung der Position zum Objekt die Perspektive ändert und Bewegung erfahrbar macht. Diese Erfahrung können Sie auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen. Indem Sie z.B. eine Lebenssituation nicht nur aus einer Perspektive betrachten sondern versuchen, die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Kunst kann echte Lebenshilfe sein. Ich bin neugierig auf weitere Äußerungen zu Kleveblog-Beiträgen zu Kunst und Künstlern aus Kleve. Ich hatte schon den Eindruck, dass die „Schwanintelligenz“ sich zu diesen Themen etwas zurück hält und sich eher an der unsägliche Impfstoffverteilung abarbeitet. Insofern freue ich mich über Ihren, alles andere als griesgrämigen Beitrag. Meinen Beitrag bitte nicht als oberlehrerhaft betrachten.

     
  13. 2

    „Das ist Kunst?“ Diese Frage drängte sich mir als Schüler vor langer Zeit auf. Der Anlass für diese Frage war ein Besuch der Documenta in Kassel. Dazu muss ich vorwegschicken, dass ich a) nicht freiwillig dort war (Schulausflug) und b) aufgrund meines geringen Alters und der daraus resultierenden Unreife wohl noch nicht zeitgenössische Kunst zu schätzen wusste. Bis heute in Erinnerung geblieben sind mir ein Raum, der voll mit herunterhängenden Maßbändern war (diese waren gelb und hatten alle eine unterschiedlich beschriftete Skala), und ein im Freien wachsender aus Schrott gebauter Turm. Ersteres nahm ich mit Stirnrunzeln zur Kenntnis und Letzteres mit Interesse.
    Die im goldenen Zeitalter in den Niederlanden entstandenen Gemälde insbesondere die Landschaftsbilder haben es mir angetan. Ebenso wie die impressionistische Malerei. Beim Expressionismus wird es für mich schon herausfordernder. Aber auch bei dieser Kunstrichtung gibt es viele Bilder, die mich beeindrucken und deren Ästhetik für mich unbestritten ist. Lange Zeit konnte ich nicht viel mit Kunst anfangen, die meinen konservativ geprägten Sinn für Ästhetik nicht ansprach. Was ist an einem Foto interessant, das den Bereich eines Körpers mit verschwommenem grünlich gelben Hintergrund (Wiese mit gelben Blumen unscharf aufgenommen?) zeigt? Weder farblich noch vom Motiv her interessant, beschleicht mich beim Anblick eines solchen Kunstobjekts die Frage, ob es nicht einfach genügt etwas als Kunst zu definieren, unabhängig davon ob es tatsächlich eine gewisse Ästhetik hat.
    Seit dem Besuch der Documenta vor vielen Jahren bin ich zweifellos älter geworden. Ob der Alterungsprozess auch einen Reifeprozess mit einschloss, sei dahingestellt. Dennoch glaube ich inzwischen offener für Kunst geworden zu sein, die auf den ersten Blick nicht unbedingt meiner persönlichen Definition von Ästhetik entspricht. Im Gegenteil sehe ich die Bereicherung und die Herausforderung darin. Linien, oft zu einem Würfel oder Quader miteinander verbunden oder auch kreisförmig, sind im Raum positioniert. Die Position und Ausrichtung der Objekte erzeugen teilweise die Illusion einer Bewegung. Das ist der erste Eindruck der Kunstobjekte von Günther Zins. Weitere Eindrücke werden folgen.