Die Zerstörung Kleves liegt gerade mal ein Dreivierteljahrhundert zurück, und ein Konzert ist eine gute Idee des Gedenkens

rd | 25. September 2019, 13:42 | 2 Kommentare
Wenn die Ansichten von heute dazwischen geschnitten sind, kommt einem alles unglaublich vor

Wir wohnen in renovierten Altbauwohnungen, holen morgens frische Brötchen, sitzen schwadronierend in Straßencafés, fahren airbaggesichert in Autos umher – und es ist gerade mal ein Dreivierteljahrhundert her, dass alles, wirklich alles in Trümmern lag. Das oben verlinkte, fünfminütige Video ist – womöglich gerade in diesen bewegten Zeiten – eine gute Erinnerung daran, wie viel Glück die Menschen haben, die heute in Deutschland leben. Der Film sollte einen daran gemahnen, dass nichts von alldem, was heute unser Alltag ist, selbstverständlich ist; dass allein im Reichswald 7500 Menschen begraben liegen, die für die Befreiung Deutschlands mit ihrem (jungen) Leben bezahlten; dass Engstirnigkeit und Kleinmut angesichts dieser Geschichte vielleicht die falschen Ratgeber sind. 

So gesehen, ist dieses Video auch als Einstimmung für die beiden Konzerte unter Federführung der Städtischen Singgemeinde Kleve geeignet. Der Chor, eines der kulturellen Aushängeschilder der Stadt, gedenkt in zwei Konzerten den Bombardierungen, die einige Monate vor den gezeigten Szenen aus dem Film (Februar 1945) die Städte Kleve und Emmerich zerstörten. Kleve wurde am 7. Oktober 1944 nach einigen vereinzelten Angriffen erstmals massiv aus der Luft attackiert, 800 Menschen starben. Am gleichen Tag starben bei der Bombardierung von Emmerich 600 Menschen, bis auf wenige Häuser wurde die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Beide Ereignisse jähren sich 2019 zum 75. Male. Am 7. Februar 1945, wenige Tage, bevor die Filmaufnahmen entstanden, wurde Kleve ein zweites Mal Ziel eines Luftangriffs.

Dazu schreibt die Städtische Singgemeinde: „Recht bald, im Oktober, ertönen in Kleve und Emmerich wieder die Trauerglocken, und mancher fragt sich nach dem Grund für die ernsten Klänge. Zumal in diesen Tagen so vieles in Frage steht, auch die Art und Weise, wie wir gemeinsam an Ereignisse in unserer Geschichte denken und zukünftig denken wollen.

An fröhliche Ereignisse erinnern wir uns gerne, aber auch die Bilder der Zerstörung aus dem zweiten Weltkrieg haben sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben; jeder kennt die Ruinenbilder aus Berlin, Dresden, Coventry, Hiroshima, dem Ruhrgebiet und eben auch aus Kleve, Emmerich und den Gemeinden am Niederrhein, auch in den Niederlanden. Zeitgenossen beschreiben den Schmerz über die Zerstörung der vertrauten Einheit von Schwanenburg und Stiftskirche, die klaffenden Lücken an der Rheinpromenade in Emmerich, das Grau in Grau der Schuttberge in den niedergeschmetterten Städten.

Wollen wir uns damit heute beschäftigen? Wollen wir versuchen, diese Ausweglosigkeit, aber auch die Aufbruchsstimmung, nachzuempfinden? Können wir die Freude nachempfinden, wenn sehr schnell nach den Angriffen Häuser und vor allem öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser und Kirchen  wieder in Funktion gesetzt werden konnten? Geht uns das etwas an, mehr als 75 Jahre später?

Zusammen können  – bestens begleitet durch das musikalische Erbe von Mauersberger, Mendelssohn-Bartholdy und Fauré – als Zuhörer und als Ausführende an dringliche, ewige Wahrheiten erinnern, in dem wir am Samstag, 5. Oktober 2019, um 19 Uhr in  der St. Aldegundis Kirche zu Emmerich und am Sonntag, 6. Oktober 2019, um 17 Uhr in der Stiftskirche in Kleve zu Gedächtniskonzerten einladen.

Wir beginnen mit drei Werken von Mendelssohn-Bartholdy, in denen Friedenshoffnung, Zuversicht, Tatkraft und Gottvertrauen in hoffnungsvolle Töne umgesetzt werden. Die dann folgende Trauerkantate von Rudolf Mauersberger; dem Kantor der Dresdner Kreuzkirche, wurde unmittelbar nach dem Bombardement der Stadt Dresden komponiert und Karsamstag 1945 in der teilzerstörten Kreuzkirche aufgeführt – kurz nachdem auf dem Altmarkt  davor viele tausend Tote verbrannt werden mussten. Seine Musik erspart uns deshalb nicht die schwarze, tiefe und scheinbar ausweglose Traurigkeit. Im Hauptwerk des Abends, dem Requiem von Fauré werden wir aufgefordert, auch beim Läuten der Totenglocken die Klänge des Friedensgeläutes nicht zu überhören.

Mit der Städtischen Singgemeinde Kleve musizieren der Chor der Eltener Stiftskirchenkonzerte,  Mitglieder des Kirchenchores St. Christophorus in Emmerich, die Camerata Louis Spohr sowie Philipp Hövelmann an der Orgel mit Gabriele Natrop-Kepser und Hans Scholing als Solisten.“

Kartenvorverkauf: Buchhandlung Hintzen, Kleve // Buchhandlung Am Markt, Goch // Buchhandlung Ressing, Emmerich oder unter www.singgemeinde-kleve.de (Karten im Vorverkauf 16 Euro (ermäßigt 10 Euro, Abendkasse 18 Euro)

Der Chor der Städtischen Singgemeinde Kleve

Im Internet finden sich noch verschiedene Filme zu den Kriegshandlungen im Raum Kleverland. Einige der Szenen aus dem oben verlinkten Film sind auch in dieser Dokumentation der britischen Armee über die Operation Veritable zu finden:



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  1. 2. Kopf schüttelnd

    @1 Husky
    Von mir einen Daumen nach unten.
    Man kann manche nur dort abholen wo sie stehen.

    Art. 120 GG

     
  2. 1. Husky

    und wenn irgendwann die AfD an die Macht kommen wird, wird es womöglich genau so wieder aussehen…