Ausgerechnet im Beuys-Jahr: Van-der-Grinten-Haus steht zum Verkauf

Hat Beuys hier einen Kaffee getrunken, bevor er aufs Feld ging? (Foto: Immowelt)

Die Immobilien-Anzeige ist überschrieben mit den Worten „Interessantes Haus mit Geschichte und vielen Möglichkeiten“, und das ist vielleicht die charmantes Untertreibung des Jahres. Denn das Objekt an der Nimweger Straße, das für 415.000 Euro von der Volksbank Kleverland und auf dem Portal Immowelt zum Verkauf angeboten wird, ist für viele Menschen einer der zentralen Orte der modernen Kunst: Es handelt sich um das Hofgebäude der Familie van der Grinten in Kranenburg – jener Ort, an dem Joseph Beuys die schwerste Krise seines Lebens überwand und seine erste legendäre Ausstellung abhielt.

Das Anwesen hat 450 m² Wohnfläche, die sich auf 15 Zimmer verteilen. „Wenn dieses Haus sprechen könnte, es hätte bestimmt vieles zu erzählen“, heißt es in der Anzeige. Vieles erzählt wiederum hatte Franz Joseph van der Grinten in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Zum Beispiel, dass Beuys dort mitunter kaum sein Zimmer verließ oder dass er erste Zeichnungen für ein paar Zigaretten anfertigte.

In der Zeitschrift Art (April-Ausgabe) berichtet Autor Till Briegleb auch über die Ausstellung, die Beuys 1963 (als er schon nicht mehr dort wohnte) dort zeigte: „In einem Teil des Stalls, in dem nebenan noch die Schweine grunzten, hatten die ambitionierten Bauernsöhne [Hans und Franz Joseph van der Grinten] zudem die unter Biografen als legendär behandelte ‚Stallausstellung‘ eingerichtet, die schon stark von Beuys‘ Fluxus-Phase beeinflusst war. Diese wurde prompt auf dem Kranenburger Karnevalsumzug durch ein Beuys-Double zwischen Scheunen-Gerümpel verspottet. Parole: ‚Was vorne ist oder hinten, weiß man nur bei v. d. Grinten.‘“

1957 hatte der an einer Depression erkrankte Beuys für einige Monate in dem Hofgebäude gewohnt, wurde von Mutter van der Grinten bekocht und widmete sich an besseren Tagen der Feldarbeit. Er wurde wieder gesund, und hinterher wurde die Zeit in Kranenburg als das mystische Reinigungserlebnis verklärt, aus dem, wie Briegleb schreibt, „der eigentliche Beuys befreit von alten Lasten geboren wurde“.

Wer immer also das Haus am Ortsausgang von Kranenburg kauft, erwirbt nicht nur Beton und Mörtel, sondern auch einen Sehnsuchtsort der modernen Kunst. Davon allerdings ist in dem behindertengerecht umgebauten Gebäude nichts mehr zu sehen.



Das Magazin Der KLEVER berichtet in seiner neuen Ausgabe über den Künstler aus Kleve, der am 12. Mai 100 Jahre alt geworden wäre.

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8 Kommentare

  1. 8

    Es gibt psychologische Mechanismen, die dazu führen, dass Biografisches anders erzählt wird als es sich zugetragen hat. Ich habe dafür Verständnis, wenn es niemanden schadet. Oft erfüllt es Funktionen der Selbstwertstabilisierung, des Selbstschutzes bei Traumata u.a. oder dient als Narrativ bei Veränderungen des Selbstbildes (als Initiation für einen neuen Lebensabschnitt). Letzteres wird von manchen, die sich näher mit ihm beschäftigt haben, bei Beuys angenommen.

    Es ist Ihr gutes Recht, das anders zu sehen.

     
  2. 7

    @ „Niederrheinerin“:

    Da möchte ich Ihnen heftig widersprechen!

    Bewusst die Unwahrheit zu sagen,
    das nennt man allgemein „lügen“.

    Wenn man sich nicht mehr genau erinnern kann,
    sollte man das auch so sagen.
    Das ist ja nichts Schlimmes,
    man sollte nur nicht darum herumreden.
    Man kann sich auch mal irren;
    dann sollte man das bei der nächsten Gelegenheit richtigstellen.

    Das alles gilt allgemein für alle Menschen,
    und deshalb gilt es auch für Joseph Beuys.

    Weil man ein Künstler ist
    – und zwar nicht irgendein Künstler,
    sondern ein weltbekannter und weltberühmter –
    und vielleicht überdurchschnittlich viel Phantasie hat,
    deshalb hat man noch lange nicht das Recht,
    seine eigene Lebensgeschichte
    mit viel Phantasie zu verändern, auszuschmücken und aufzuhübschen.

    Auch ich kannte Joseph Beuys persönlich
    und kann mich zum Beispiel noch gut
    an den grünen Landes-Parteitag erinnern,
    auf dem die Reserve-Liste für die Bundestagswahl 1983 gewählt wurde
    und der weltberühmte Kandidat und Künstler
    Joseph Beuys aus dem Kreisverband Düsseldorf
    gegen den ziemlich unbekannten Kandidaten und Maurermeister
    Dieter Drabiniok aus dem Kreisverband Bottrop
    knapp verlor
    und am Boden zerstört war
    und die Welt nicht mehr verstand.

    Wir als Klever Grüne haben Joseph Beuys natürlich immer unterstützt
    und selbstverständlich auch gewählt,
    aber das reichte eben nicht immer und an diesem Tag auch nicht,
    denn der Parteitag hatte mit Otto Schily vorher schon
    einen anderen „Düsseldorfer Paradiesvogel“ auf die Reserve-Liste gewählt
    und wollte keinen zweiten mehr.

    So wie meine unmaßgebliche Wenigkeit Joseph Beuys kannte und einschätzt,
    hat er fast immer vor allem nach vorne geblickt
    und sich mit der Zukunft beschäftigt
    und es vielleicht ein wenig vernachlässigt,
    sich auch mit der Vergangenheit zu beschäftigen
    und aus dieser die richtigen Schlüsse zu ziehen und zu lernen.
    Wenn Joseph Beuys sich mal mit der Vergangenheit beschäftigte,
    fand ich das meistens eher widerwillig oder lustlos.

     
  3. 6

    Ich hab den kurzen Interviewausschnitt zitiert, weil es so skurril anmutet, wie Beuys das erzählt. Man hört quasi, dass da was nicht stimmen kann.

     
  4. 5

    @rd Finde, er hatte ein Recht auf eine kleine Legende (im Interview). Manchmal hilft es, Kriegserlebnisse besser zu verarbeiten, indem man ihnen durch ‚Änderungen‘ beim Weitererzählen eine andere Bedeutung verleiht. Es gibt Menschen, die ihre eigene (nicht ganz wahre) Version dann sogar glauben. Eine Art Selbstschutz.

    Wahnsinn, wie jung Beuys auf dem Foto von damals aussieht.

     
  5. 4

    @Niederrheinerin Er hat wohl einiges darüber erzählt. Es war eine Bruchlandung nahe des Flugplatzes, kein Absturz. Keine Tartaren weit und breit. Der Pilot ist gestorben, Beuys erlitt eine Gehirnerschütterung und wurde kurz im Lazarett behandelt. Er schrieb den Eltern des Piloten einen Brief, in dem der Verlauf (vermutlich wahrheitsgemäß) geschildert wird. Siehe Der KLEVER, 100 Dinge, Nr. 19, 22, 23.

     
  6. 3

    Beuys – ganz nah und persönlich (hier kann man Beuys teilweise auch Englisch sprechen hören, fließend):

    https://www.ardmediathek.de/video/dokumentarfilm/beuys/swr-fernsehen/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE0NTIzNDQ/

    Als ich damals unweit des Hauses van der Grinten aufgewachsen bin, wusste ich noch nichts über Beuys, außer, dass es ihn gab. Bei einer Versammlung der Grünen in Düsseldorf Anfang der 1980er habe ich ihn mal live erlebt. Aber wenn man Beuys verstehen will, muss man sich mit ihm und seiner Kunst, seinen Sichtweisen beschäftigen. Seine große Bedeutung liegt wohl auch darin, dass er so anders denken konnte als die meisten damals (und heute). Dass er ganz andere Perspektiven einnehmen konnte, was sich in seinen Werken ausdrückt. Dass er sehr nah dran war an den Menschen und am Leben und an sich selber, immer in Auseinandersetzung mit der Umwelt. Finde ich bis heute beeindruckend.

    Um seinen Flugzeugabsturz während des Zweiten Weltkriegs haben sich ja Legenden gebildet. Wie alles genau war, wird nur Beuys wissen. In dem Dokumentarfilm sagt er in einem Interview (ab 34’22“) – dazu ein Foto des unglaublich jungen Beuys mit Fliegermütze:

    Inteviewer: Hast du das erlebt, den Absturz? Oder ging das so schnell …
    Beuys: Ich habe erlebt, dass es runter ging … Ich habe noch gesagt, lasst uns alle rausspringen, abspringen
    Interviewer: Da waren andere Leute mit drin, in dem Flugzeug?
    Beuys: Ja, noch ein Mann
    Interviewer: Und der ist gestorben?
    Beuys: Der war überhaupt nicht wiederzufinden…
    (…)
    Dann sagt er, dass Tataren ihn gefunden hätten. Zu Bewusstsein sei er erst nach 12 Tagen wieder gekommen.