Er konnte, wenn er denn wollte, donnern, poltern, zürnen, grollen, so, wie sich das für einen Menschen gehört, der sich dem Theater verschrieben hat, der in einer Schule unterrichtet, und der sich in der Politik engagiert. Und Wolfgang Paterok, dessen sonore Stimme vor Ostern für immer verstummt ist, konnte im nächsten Augenblick auch wieder der sein, der er die meiste Zeit seines Lebens war – ein eloquenter, charmanter, belesener, witziger, fröhlicher Zeitgenosse.
Wolfgang Paterok arbeitete als Lehrer am Konrad-Adenauer-Gymnasium in Kellen, unter anderem unterrichtete er Deutsch, doch schon an der Schule zeigte er drei Jahrzehnte, wo sein Herz schlug. Er gründete eine Theater-AG, die er ab 1976 fast 30 Jahre leitete. „Dabei entstanden konsequent jedes Jahr neue Inszenierungen, mit denen er nicht nur den Schülerinnen und Schülerin in seinem Kurs sondern der ganzen Schulgemeinschaft zeitgenössische Werke und Klassiker der deutschen und internationalen Literatur näher brachte: Handke, Schnitzler, Dürrenmatt, Frisch und Brecht, aber auch Christie, Blyton und Shakespeare wurden aufgeführt, um nur einige zu nennen“, so Judith Keßler in dem Nachruf, den die Schule veröffentlichte. „Pateroks Arbeit war grundlegend und wird auch heute noch im Literaturkurs fortgeführt.“

Doch die Bühne in der Aula der Schule war ihm nicht genug. 1997 gründete der Lehrer sein eigenes Theater, das er nach dem Ort, an dem die Spielstätte lag, benannte: XOX-Theater – wie die ehemalige Keksfabrik. Die Bühne befand sich im Obergeschoss eines Industriebaus, für den es keine Verwendung mehr gab. Der Weg in den Theatersaal führte über Dutzende Treppenstufen, dafür hatte man vom Foyer aus einen wunderbaren Ausblick über die Stadt. Paterok ließ Sessel einbauen und Decken auslegen, denn im Winter war es oft so kalt, dass die Aufführungen dem Theaterpublikum einiges an Leidensfähigkeit abverlangten.
Der Beliebtheit des XOX-Theaters tat all dies keinen Abbruch. Über Jahre überraschten Spielleiter Paterok und sein Team mit zeitgenössischen Bühnenstücken, die dem Klever Publikum eine andere Sicht auf die Welt eröffneten als die heiteren Boulevardschwänke, die die Stadt Kleve in die Klever Stadthalle holte. Für seinen Einsatz erhielt Wolfgang Paterok 2003 den Klever Kulturpreis. Damals sagte der Festredner: „Sie erhalten diesen Preis für Ihre Unvernunft, für Ihr Querdenken.“
2003 war Querdenken noch kein Begriff, der mit Wissenschaftsfeindlichkeit und Ignoranz in Verbindung gebracht wurde, sondern einfach besagte, dass Wolfgang Paterok ein Mensch war, der eine begründete Meinung hatte, die nicht unbedingt kompatibel war mit dem gedankenlosen oder doch zumindest gleichgültigen Mainstream.

Das zeigte sich mustergültig, als sich Paterok nach dem Ende seines parteipolitischen Engagements (in der FDP) noch einmal in der lokalen Politik engagierte – in der Bürgerinitiative Denkpause, die sich 2012/13 dem Kampf gegen ein geplantes Einkaufszentrum auf dem Minoritenplatz verschrieben hatte. Letztlich agierte die Initiative mit einem solchen Erfolg, dass der Rat der Stadt Kleve die Planungen einstimmig beendete. Nicht auszudenken, wie die Klever Innenstadt heute aussehen würde, wenn der Großbau in die Unterstadt gekommen wäre. Dass es nicht dazu kam, ist auch den zahlreichen Impulsen zu verdanken, mit denen Wolfgang Paterok in der Initiative das bürgerliche Engagement befeuerte.

In den vergangenen Jahren war es stiller um den Theaterchef und Lebemenschen geworden, die Gesundheit machte ihm zu schaffen. Er zog sich aus dem Kunstverein ARToll zurück, dessen Leitung er über viele Jahre innehatte. Und er gab im vergangenen Jahr die Leitung des von ihm gegründeten Theaters ab. Nun, da die Nachricht von seinem Tod in der Stadt die Runde macht, verneigen wir uns vor seinem Werk in der betrüblichen Gewissheit, dass seine markante Stimme in der Stadt fehlen wird.

