Von der Kavariner- zur Krohnestraße

rd | 06. Dezember 2012, 01:00 | 14 Kommentare

Einst arbeitete er im Rathaus an der Kavarinerstraße, jetzt sitzt er im Gefängnis an der Krohnestraße in Untersuchungshaft – der Mitarbeiter der Stadt Kleve, der im Verdacht steht, gewissermaßen unter den Augen des Kämmerers Willibrord Haas bzw. des Fachbereichsleiters Liegenschaften und Bilanzen Klaus Keysers über einen Zeitraum von mehreren Jahren eine mittlere sechsstellige Summe beiseite geschafft zu haben. Hatte die Staatsanwaltschaft Angst, dass der Mann sich absetzt? Immerhin war der Verdächtige vor kurzem noch in Osteuropa unterwegs, und an den Klever Tresen waberten schon Gerüchte von Südamerika herum. Oder ist es doch nur die Höhe der zu erwartenden Strafe, die diesen Schritt nach sich zog?

Der Fall an sich gestaltet sich von Tag zu Tag mysteriöser. Dem aktuellen Artikel der Rheinischen Post (Ehemaliger Mitarbeiter der Stadt Kleve sitzt in U-Haft) ist zu entnehmen, dass der Mann am Ende offenbar der einzige war, der das zentrale Computerprogramm noch zu bedienen in der Lage war – so konnte natürlich auch niemand mehr kontrollieren. Aber ist das möglich? In der Kämmerei der Verwaltung einer Stadt von 50.000 Einwohnern, die sich den Fortschritt auf die Fahnen geschrieben hat, gibt es nur einen Kollegen, der die Technik versteht? Was machen die anderen dann mit ihren Computern?

Immerhin wurde unmittelbar nach Bekanntwerden des Falles (nach Informationen von kleveblog) von der Stadt ein Gutachter damit beauftragt, mögliche Fehler in der Organisation aufzuspüren. Das Ergebnis gab der Stadt offenbar Rückendeckung. Kämmerer Willibrord Haas mochte auf Anfrage jedoch nichts dazu sagen: »Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind noch nicht abgeschlossen. Die Stadt Kleve sieht sich aus ermittlungstaktischen Gründen nicht in der Lage, zu möglichen strafrechtlichen oder sonstigen Fragen Stellung zu nehmen.«

Unterdessen sickerte im Lokal Inge’s Bodega aus Verwaltungskreisen durch, dass der Fall offenbar nur deshalb aufflog, weil eine gewissenhafte Mitarbeiterin der Sparkasse Kleve bei der Stadt eine Rückversicherung einholte, weil ihr einige Überweisungen spanisch vorkamen. Doch auch dafür gibt es natürlich keine offizielle Bestätigung – Bankgeheimnis!

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14 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 14. Nicht außerhalb der Kernarbeitszeit

    Wenn viel Geld zu bekommen ist, dann gibt es Menschen, die gerne dazu bereit sind, äußerste Mittel einzusetzen, um das Geld in den Besitz zu bringen. Ich habe gehört, dass es auch in der Welt der Projektentwickler nicht selten vorkommt, dass man Mitarbeiter von Verwaltungen oder Politiker in Schlüsselpositionen kauft.

    Was wird z.B. in Kleve getan, um dieses Risiko (vor allem im Zusammenhang mit dem Einkaufszentrum, dem VoBa- oder Hotel-Neubau) zu minimieren? Kann man das überhaupt lückenlos kontrollieren?

     
  2. 13. Nicht außerhalb der Kernarbeitszeit

    Überraschend, wenn man mit dem Stock vorne links unterm Strauch -da wo es ständig raschelt- stochert und es dann plötzlich rechts hinten klein quiekt.

     
  3. 12. WissenistMacht

    Ich glaube bei dieser gewissenlosen Person die auch noch ein anderes öffenliches Amt trug ist alles möglich. Er hat sich (…) immer wieder durchgemogelt und das Vertrauen anderer erschlichen. Auch in seinem anderen Amt hat er versucht alles in seinen Händen zu halten und keinen in seine finanziellen Machenschaften hinein sehen lassen. Ich hoffe er sitzt lange im Knast.
    Ich verabscheue eine solche Person! Nur schade, dass ich Ihn kenne!

     
  4. 11. Fisch

    @8. bratz
    Meinst Du…”Nur die Harten kommen in den Garten”?

    Eigentlich sollte man aus eigenem Interesse nie aufhören zu lernen und zu erlernen.

     
  5. 10. Bonum

    Vorgänger-Software: KIRP
    Später: SAP

     
  6. 9. Ohmeingott

    1899 -> SAP

     
  7. 8. bratz

    @Fisch
    “Wenn es sein muss, auch nach der regulären Arbeitszeit oder am Wochenende, ohne zusätzliche Bezahlung”

    Willst Du die städtischen Mitarbeiter zu Tode erschrecken?

     
  8. 7. Fisch

    Da würde nun wieder das, in der freien Marktwirtschaft unumgängliche Thema, Weiterbildungen und Fachschulungen für die Mitarbeiter greifen.
    Wenn es sein muss, auch nach der regulären Arbeitszeit oder am Wochenende, ohne zusätzliche Bezahlung.

    Wer z.B. bedient den PC mit “Geheimprogramm” in der Urlaubszeit oder im Krankheitsfall?
    Macht man dann “Betriebsferien” oder “Störfall”?

    Es ist völlig unüblich und ausgeschlossen, dass in einem Finanzgebinde dieser Größenordnung ausschließlich nur eine Person so eine Fugnis ohne Kontrolle hat.
    Es ist nun mal kein “Ein-Mann-Betrieb”.

     
  9. 6. ralf.daute

    1899 = SAP?

     
  10. 5. Insider

    Außerdem sollte man nicht nur die Person zur Rechenschaft ziehen, die das Geld zur Seite geschafft hat, sondern auch die, die es jahrelang geduldet haben. Wer ist dafür verantwortlich, dass diese Person nicht kontrolliert wurde? In der Wirtschaft müssen auch die Hohen ihren Hut nehmen, wenn was schief läuft. Aber in diesem Fall hat wohl nicht mal der o.g. Leiter Herr Keysers etwas zu befürchten – unverschämtheit!

     
  11. 4. Insider

    Die eigentliche Verwaltung ist schon vor Jahren auf die Software des Herrn 1899 umgestiegen. Aber der Betrieb, für den der Herr zuständig war, lief noch über die Vorgänger-Software. Warum auch immer ….. jedenfalls sind die Kollegen, die damit umgehen konnten, nach und nach “rausgewachsen”. Da hat er wohl seine Chance gesehen.

    Sowas darf nicht passieren …. weiß doch jeder!!!

     
  12. 3. bratz

    „Daß die Menschheit in diesem höchst instabilen und gefährlichen Zustand lebt und abhängig ist von einer Technik, die sie kaum noch durchschaut, ist keine zwangsläufige Folge der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung – es ist eine Folge des moralischen und politischen Entwicklungsstandes der Gesellschaft.“
    Joseph Weizenbaum (*1923), östr.-amerik. Mathematiker u. Informatiker am Massachusetts Institute of Technology (MIT)

     
  13. 2. obi

    Und da ist er wieder.

    DER GUTACHTER.

    Ohne diese Spezies geht in dieser Verwaltung anscheinend garnichts mehr.

    Verkehrsgutachter, Einzelhandelsgutachter, Personalgutachter, Museumsgutachter, Rechtsgutachter, Schulgutachter, Organisationsgutachter, Fahrradgutachter, Schwimmbadgutachter, etc.

    Können wir auch noch irgend etwas selber in Kleve? Hat mal einer kontrolliert wie sich die Beratungskosten in den letzten Jahren entwickelt haben?

    PS.
    Unabhängig von jeder Software, die für den Zahlungsverkehr genutzt wird, ist das VIER-AUGEN-PRINZIP bei der Eingabe und Pflege von Kontenverbindungen der Zahlungsempfänger ein ungeschriebenes Gesetz.

     
  14. 1. Max Knippert

    In der Rp vom 31.03.2012 stand seinerzeit “Die Stadt Kleve soll in diesem Fall selbst die “Unregelmäßigkeiten” entdeckt haben”. Aber auch schon zu dieser Zeit wussten wohl die meisten das es der Sparkasse zu danken ist das nicht noch mehr Schaden entstanden ist. Aber es hört sich natürlich besser an selbst als Problemlöser dazustehen! Und das es nur einen gibt der den Rechner bedienen kann verstehe ich nur allzu gut. Bei uns macht das auch meine Frau und ich vermisse gefühlt auch gut 428000€.

    @Ralf; eine Frage an den Beobachter Nr.1

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    Was ist aus den Vorwürfen an Josef Tunnissen, Wilhelm Wienemann, Franz Mohn und Frank Hübner geworden?

    “28.Februar 2006: Staatsanwalt ermittelt gegen Volksbank-Kleverland-Bosse

    Die Staatsanwaltschaft Kleve hat Ermittlungen wegen “Untreue zum Nachteil fremden Vermögens” gegen vier ehemalige Vorstandsmitglieder der Volksbank Kleverland eingeleitet. Das erklärte gestern Oberstaatsanwalt Reinhard Vogel. Der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Kleve teilte auf Anfrag der PR ferner mit, dass die Behörde nicht wegen einer Strafanzeige, sondern nach einer “Eingabe eines Mitgliedes der Vertreterversammlung der Volksbank Kleverland” aktiv geworden ist. Das Verfahren trifft die früheren Vorstandsmitglieder Josef Tunnissen, Wilhelm Wienemann, Franz Mohn und Frank Hübner. Der Verlust des Geldinstitutes hat nach PR-Informationen 2004 bei 38,2 Millionen Euro gelegen. Dafür hat es eine Bürgschaftszusage des Bundesverbandes der Volks-u. Raiffeisenbanken gegeben. Die vier Spitzenleute müssten mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen und möglicherweise haften, hatte der Prüfer Dr. Lutz Batereau beim Treffen der Anteilseigner vor knapp drei Monaten angekündigt.

    Quelle: “Rheinische Post” vom 22.02.2006″