Wenigstens wird man nicht verstrahlt

rd | 11. März 2012, 20:40 | 3 Kommentare

Der taz, bei deren Online-Ausgabe ich immer wieder mal hängenbleibe, weil sie selbst abgelutschtesten Themen noch eine überraschende Wendung abgewinnen kann, hat auch zum Jahrestag von Fukushima eine gute Idee gehabt: Reporter Andreas Wyputta hat dem Wunderland Kalkar einen Besuch abgestattet. Hier der lesenswerte Bericht mit einer schön sarkastischen Überschrift: Wenigstens wird man nicht verstrahlt

p.s. Morgen werde ich meine Festplatte auch noch mal nach einem epochalen Werk zum Thema absuchen… And here it is… Mein Bericht aus der Rheinischen Post vom Sommer 2003, für eine Serie zum Thema Tagesausflüge. Um mit Eigenlob nicht zu sparen: Auch heute noch ein überaus lesenswerter Bericht! Ideal für einen trüben Montag Morgen! Der macht Stimmung, da kommt Freude auf… Also:

Wie Kirmes in Tschernobyl

Das Maskottchen des vermutlich seltsamsten Freizeitparks in Deutschland sieht aus wie eine Kreuzung aus Erdnuss und Atomkern. „Kernie“ heißt diese gut gelaunte Figur denn auch. Sie begegnet einem an allen Wegesrändern und hat eine besondere Eigenschaft: Die Augen sind große schwarze Klappen, die sich eindrücken lassen – zum Müll einwerfen. Und so sehen die Besucher an einem ganz normalen Sonntag Nachmittag im „Kernwasser Wunderland“ überall lustige Kernies, aus deren Augen wie bei einer schlimmen Krankheit zerdrückte Pappbecher hervorquellen.
Man muss schon einen besonderen Humor oder kleine Kinder haben, um diesen direkt am Rhein in Kalkar gelegenen Freizeitpark zu besuchen. Er befindet sich auf dem Gelände des „Schnellen Brüters“, jener Kraftwerksruine, die die deutschen Steuerzahler vier Milliarden Euro gekostet hat. Einst fürchteten die Menschen der Region die Inbetriebnahme des Atommeilers. Die Angst vor dem strahlenden Plutonium trieb eine ganze Generation von Niederrheinern erst zu den Umweltschützern und dann ins Sozialpädagogikstudium.
Heute sind die meisten verheiratet, haben Kinder und fahren am Wochenende wieder nach Kalkar – nicht mehr, um verbissen zu demonstrieren. Sondern um entspannt zu konsumieren.
Vor acht Jahren kaufte der niederländische Freizeitparkmogul Hennie van der Most das Gelände für einen Euro. Damit erwarb er unter anderem ein ausgeschlachtetes Reaktorgebäude, einen nutzlosen Kühlturm und ein paar leer stehende Nebengebäude. Insgesamt so viel Beton, dass es für eine Autobahn von München bis Nürnberg reichen würde. Dann stellte van der Most mit visionärer Weitsicht in das mit Abstand hässlichste Gebäudeensemble am ganzen Niederrhein ein paar Karussells, eine Achterbahn, eine Wildwasserbahn, einen Trampolin, eine Schiffschaukel. Auf den Kühlturm ließ er eine Gebirgslandschaft malen.
Insgesamt wirkt jetzt alles ein bisschen wie Kirmes in Tschernobyl. Vor allem, wenn vor der skelettierten Betonhülle des Reaktors ein Kettenkarussell mit kreischenden Kindern im Kreise sich dreht.
Was früher „Schneller Brüter“ hieß, nennt sich heute also mit fast schon dadaistischer Sprachgewalt „Kernwasser-Wunderland“. Es gibt ein Hotel, Sportmöglichkeiten und reichlich Gelegenheit, Alkohol zu konsumieren. Doch das Herzstück der Anlage ist „Kernies Familienpark“, wo der Spaß durch nichts getrübt werden soll. Deshalb weisen die Betreiber auf ihrer Webseite zur Sicherheit auch darauf hin, dass das Kraftwerk nie ans Netz gegangen und das „gesamte Gebiet garantiert strahlungsfrei“ sei. Doch Angst vor dem Atom treibt mittlerweile keinen mehr um: 540.000 Besucher kamen allein im vergangenen Jahr.
Sie zahlen 16 Euro Eintritt pro Person (nur für Kinder unter zwei Jahren muss nicht bezahlt werden). Das mag auf den ersten Blick teuer erscheinen, schließlich kostet eine vierköpfige Familie der Brüter-Spaß damit 64 Euro. Doch sobald die Besucher den Einlass passiert haben, ist (fast) alles umsonst. Pommes. Cola. Limo. Eis. Kaffee. Kakao. So viel man will. Und kann.
Das hat natürlich seinen Preis – allerdings nur den, dass auf eine gewisse Esskultur, wie sie sich in den letzten tausend Jahren im Abendland etabliert zu haben schien, weitestgehend verzichtet werden muss. Die Angestellten in den Fressbuden bedienen bis zu drei Friteusen simultan. Wenn die Pommes fertig sind, werden sie in mehrere Nirosta-Tröge geschüttet. Da kann sich dann jeder bedienen. Ein automatischer Spender serviert Softeis. Zerbrochene Waffeln, die sich in cremigen Pfützen auf dem Boden davor türmen, zeigen allerdings, dass der Betrieb noch nicht ganz störungsfrei läuft.
Aber den Kindern schmeckt es natürlich. Und die Profis unter den Besuchern wissen, dass sich der Tag für die süßen Kleinen mit einem emotionalen Wechselbad aus Pommes und Attraktionen gut gliedern lässt. Es ist sogar möglich, auf das heimische Frühstück zu verzichten – Ernährungswissenschafter an dieser Stelle bitte nicht weiter lesen! – und dieses eine halbe Stunde nach der Öffnung des Parks (gegen 10.30 Uhr), wenn die Friteusen endlich heiß gelaufen sind, durch die erste Ration Pommes zu ersetzen.
Sein und Zeit. Schnell gewöhnen sich die Besucher das ziellose, fast bedächtige Freizeitparkschlendern an. Hier ist Zeit. Was ist wichtig? Das familiäre Dasein reduziert sich auf glücklicherweise lösbare Fragen wie die, ob zuerst die Wildwasserbahn oder das Riesenrad bestiegen werden soll. Selbst an einem Sonntag sind die Wartezeiten vor den Attraktionen und den Pommes-Trögen erstaunlich kurz. Lange Schlangen, die Besuche in vielen Parks zu DDR-Gedenkveranstaltungen machen, sind nur selten zu sehen.
Sehr umsichtig erscheint auch die Komplett-Bestuhlung des Geländes, denn viele Eltern wollen ihren Kreislauf einfach nicht mehr den Belastungen überhöhter Zentrifugalkräfte aussetzen. Auch in diesem Punkt wird der Besuch des „Kernwasser Wunderlands“ zu einem fast pädagogischen Erlebnis: Die Kinder gehen ihre eigenen Wege, während die Eltern im Schatten der Ruinen ihrer eigenen Schaffensperiode entspannt in Freizeitstühlen sitzen.
Stunde um Stunde verrinnt, und aus Lautsprechern, die vielleicht einmal für Störfälle größeren Ausmaßes gedacht waren, vermeldet jetzt die Freizeitparkleitung den typischen GAU des Familienausflugs: „Der kleine Marek sucht seine Eltern! Sie können ihn am Souvenirladen abholen.“ Die Vornamen wechseln, das Drama bleibt. Spätestens nach der dritten Durchsage, die in einem sehr barschen Ton vorgetragen wird, erbarmen sich die Eltern auch wieder ihrer Lieblinge.
Doch wie sehr die Kinder die Kalkarer Dauerkirmes auch genossen haben mögen, am Ausgang lassen sich Tränen häufig nicht vermeiden. „Nur noch einmal…“ flehen die Kinder. Deshalb ein Tipp: Sparen Sie sich die Wildwasserbahn für den Schluss auf. Sie ist so konstruiert, dass man den Booten völlig durchnässt entsteigt – und das ist ja wohl ein guter Grund für einen raschen Abgang: „Kinder, ihr erkältet euch sonst!“
Wer das Gelände verlässt, sieht am Ausgang noch ein kleines Schild: „Besuchen Sie auch den historischen Stadtkern von Kalkar.“ Der ist übrigens wirklich schön – und nun offenbar dazu verdammt, an der Ausfahrt von Deutschlands monströsester Industrieruine um die Gnade eines Besuchs zu betteln. Das ist irgendwie, als ob der Schwanz mit dem Hund wedelt.

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  1. 3. Jack_Rabbit

    Gratuliere,

    du hast mit deinem Artikel den Nagel auf den Kopf getroffen.

    Der Artikel ist aus 2003, beschreibt den aktuellen Zustand aber immer noch perfekt.

    Das ist tatsächlich eine beeindruckende Beobachtungsgabe.

     
  2. 2. Messerjocke

    Ralf, Du solltest nun zu den Kommentaren den “Gefällt mir”-Button einführen lassen.

    Übrigens, das mit Benachrichtige mich bei einer Antwort per E-Mail hat bei mir noch nie funktioniert!

     
  3. 1. rainer

    Hallo, hab diesen sch….artikel gelesen. man liest, hört und sieht in letzter zeit immer öffter so nen arroganten, linkskleinbürgerlichen sch…. die dümpeln + quasselen im tv bei jauch, gottschalk und anderen wirbellosen