Unterschätzte Orte: Café Tesch

rd | 05. Februar 2009, 09:47 | 10 Kommentare

Himbeer-Reis gekippt, Capuccino ohne Sahne: Willkommen auf dem altrosa Planeten!

Himbeer-Reis gekippt, Capuccino ohne Sahne: Willkommen auf dem altrosa Planeten!


Im britischen Fernsehen gab’s mal eine Krimiserie, in der ein Kommissar aus dem heutigen Manchester bei einem Autounfall verletzt wird, ins Koma fällt und in diesem beklagenswerten Zustand die 70-er Jahre halluziniert und in dieser Zeit spielende Kriminalfälle aus der gleichen Stadt löst. So lange ist es noch nicht her, doch die dort/damals tätigen Ordnungshüter verabreichen potenziellen Verdächtigen lieber erst mal eine Tracht Prügel, um die Aufklärung zu beschleunigen. Spurensicherung betrachten sie als was für Verlierer. Es war eine fremde Welt, so fremd, dass die Autoren für ihr Werk den genialen Titel Life on Mars fanden (übrigens, wie mir Gewährsleute berichten, läuft in den USA gerade ein Aufguss dieser Idee an, der in New York spielt, mit Harvey Keitel und anderen Berühmtheiten).

Wie ich drauf komme? Nun, ich war am Sonntag im Café Tesch, Königsallee, Kleve. Nein, ich habe nicht nur huschhusch am Tresen ein paar Stücke Kuchen eingekauft und bin wieder entschwunden, nein, ich habe mich in das Café selbst gesetzt. Es war schön und zugleich fast herzzerreißend traurig, als ich am Nebentisch mithören musste, wie der neben mir einzige Gast die Frau Inhabers zu sich zog und ihr berichtete, dass er eigentlich an diesem Tag seine Eiserne Hochzeit (65 Jahre verheiratet!) feiern würde, wenn denn seine Frau nicht vor drei Jahren gestorben wäre. Die aus Asien stammende Gattin des Inhabers spendete mit der diesen Landstrichen eigenen, unnachahmlichen Kombination aus Herzlichkeit und Pragmatismus Trost. Es war also schön, aber es war – Life on Mars.

Das fängt gleich damit an, dass der Gast in eine Welt eintritt, die in ein mattes Altrosa getaucht ist. Kein Leder, und keine dunklen Holztische oder ähnliche Mätzchen, wie sie in den Macchiatotempeln von heute üblich sind. Der Blick aus dem Fenster zeigt einen Garten, wie ihn Zahnärzte vor ca. 35 Jahren in ihren Privathäusern von fachkundigen Gärtnern gestalten ließen. Und ein kurzes Studium der die Karte lehrt den Besucher die wichtigste Komponente der Mut – Demut. Hier hören die Kaffeespezialitäten noch kurz hinterm Capuccino auf, und, als wäre das nicht schon souveräne Gegenwartsverachtung genug, fragt die Kellnerin, ob dieser mit Milchschaum oder mit Sahne zubereitet werden soll. Willkommen auf dem altrosa Planeten!

Ich hatte mich entschieden, in Abwandlung eines alten Schlagers (Chansons?) Himbeer-Reis zum Frühstück zu genießen. Das Stück schmeckt ausgezeichnet und lässt mich spontan an einige hundert Sonntagnachmittage in der Gaststätte Schmidthausen in Keeken denken, wo eine vergleichbare Qualität auf den Tisch kam (und kommt). Allerdings werden die Stücke bei Tesch gekippt und mit eingesteckter Gabel serviert, war das in den 70-ern so üblich?

Wer Himbeer-Reis nicht so gut verträgt, hat die rekordverdächtige Auswahl aus weiteren 33 Tortengattungen: Flockensahne; Moccasahne, Nusssahne, Moccacreme, Käsesahne, Erdbeersahne, Grillage, Mandel-Trüffel, Schokoladensahne, Gewürzapfel, Apfelsahne, Holländer-Kirsch, Schottenkirsch, Pralinentorte, Ananassahne, Preiselbeersahne, Orangeneistorte, Walnusssahne, Joghurt-Beeren, Schwarzwälder, Mandarinensahne, Jamaika, Marzipan, Orangen-Marzipan, Zitronenweincreme, Gemischter Obstboden, Stachelbeerboden, Kirschboden, Pfirsichboden, Kirschrahm, Gebackener Käsekuchen, Schwäbischer Rahmapfel (Preise zwischen 1,90 und 2,40 €/Stück) sowie zwei Sorten Diabetiker-Kuchen.

So macht das Leben auf dem Mars Spaß!

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10 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 10. Killerplautze

    Das Cafe Tesch ist demnächst Vergangenheit.

    http://www.rp-online.de/niederrheinnord/kleve/nachrichten/kleve/Noch-bis-Maerz-im-Cafe-Tesch_aid_787620.html

    @Acheiropoietoi

    Man muss auch gönnen können.

     
  2. 9. aluschorsch

    Meine Empfehlung: Schottenkirsch!!!

     
  3. 8. Acheiropoietoi

    gähn…

    wayne?

     
  4. 7. Klaudia

    Letztens am Aschermittwoch wollte ich meine Eltern zum Frühstück einladen. Auswärts, weil ich Geburtstag hatte. Es sollte also ein bisschen nett sein und nicht mitten im Trubel, also nicht Heicks oder so. Da kam ich dann auf Cafe Tesch, da haben wir schon in der Schulzeit manche Freistunde vertrieben. Ich hab also da angerufen und um sicher zu gehen einen Tisch am Fenster reserviert und gefragt, ob sie nicht eine Kerze hätten (das musste sein), ein schlichte weiße, ja, das ist sehr okay. Als wir dann da ankamen, hatten sie nett eingedeckt mit der weißen Kerze und altrosa (!) seidigen Servietten, von denen auch eine unten um die Kerze herum drapiert war. Ich war beeindruckt. Da meine Mutter mir noch (fast) altrosafarbene Tulpen mitgebracht hatte, für die gleich eine Vase herbeigeschafft wurde, war die Sache sozusagen perfekt. Selbst mein Vater war beeindruckt. Außerdem hatten wir am Fenster einen super Blick in den besagten Garten. Die Frühstückskarte lag schon auf dem Tisch – auf der einen Seite wird das kleine und auf der anderen Seite das große Frühstück angezeigt (4,90/7,90 Euro). Man sollte sich das Große gönnen mit Kännchen Kaffee und leckerem Aufschnitt, Käse und Marmelade. Die Marmelade wird in so einem Kompottschälchen gereicht, sehr edel. Und mit ganzen Fruchtstückchen. Ha, und wie gesagt, der Blick in den Garten, ohne Regen, leicht sonnig. Das war’s.

     
  5. 6. didiman

    @ralf.daute
    Lieber Weltraumreisender ,
    bei Deinem nächsten Orbit solltest Du das Kaffeeangebot noch einmal unter die Lupe nehmen ! Du wirst ( positiv ) entsetzt sein 🙂 .
    Espresso , Cappuccino , Latte Macchiato …. was das Herz begehrt ……. Leider gibt es ” noch ” keine Karten dazu , das wird sich aber bestimmt ( lt. Chef ) in Kürze ändern .
    Zu der Frage ” Cappuccino mit Milch oder Sahne ” kann ich Dir aus langjähriger Erfahrung in der Gastronomie Deutschlands sagen , daß dies dem Ur-Rheinländer Respekt zollt , der immer noch der Meinung ist ” Enne Kapputschino is en Kaffe mit Sahne ! Un met Wein kenn ich mech och us …. tu ma en jute Erzeugerabfüllung ” 😉

     
  6. 5. Kim

    @ Ralf Daute: Ok, ich bin einfach blind. Ich schieb’s auf’s Alter. 😉

    Aber gut zu wissen. Bei meinem nächsten Besuch in Kleve sollte ich mal wieder hin.

     
  7. 4. mimmidriver

    Zu meiner Studentenzeit, als ich am Wochenende in Kleve und dann meistens abends im Whiskey war, hat mich meine Mutter öfter Samstag oder Sonntag Mittag bzw. wenn ich wieder Auto fahren konnte zu Tesch geschickt. Die besten Bienenstichs, Pflaumenkuchen oder Grillärsche in town kaufen. Habe ich fürs Wäschewaschen neben Spülmaschine ausräumen auch meistens gemacht. Einmal hatte Tesch zu und ich besorgte Kuchen in einem anderen Laden. Schmeckte natürlich nicht. Wie konntest du nur da Bienenstich kaufen? Als meine Mutter gestorben war, haben wir den Beerdigungscafe natürlich auch bei Tesch gemacht und ich erinnere mich, wie ich in diesen Garten geschaut habe. Er war friedlich. Bin seitdem nie mehr da gewesen, gehe aber demnächst wieder hin!

     
  8. 3. ralf.daute

    @Kim: So einfach ist es dann doch nicht – siehe Torte Nr. 7

     
  9. 2. Kim

    “Früher” (naja, nicht 70er, aber 80er) war Grillage bei Tesch essen einer der Höhepunkte meiner Besuche bei Oma (neben Nimm2 und Kartoffelpüree mit Erbsen *g*).

    Gibt es keinen Grillage mehr bei Tesch? Das wäre dann ein Indiz dafür, das früher tatsächlich alles besser war.

     
  10. 1. esined

    jetzt hab ich Lust auf Kuchen…