Kreis kauft Arztvilla, um sie abzureißen

(Aktualisiert) Als kleveblog sich im März vergangenen Jahres erstmals nach den Plänen der Kreisverwaltung für die neu erworbene Immobilie an der Ecke Nassauer Allee/Fleischhauergasse erkundigte, hieß es, der Kreis plane einen Umbau des Hauses, um es danach als „Welcome Center“ für die Ausländerbehörde zu nutzen. Nun wird klar: Das Haus soll abgerissen werden.

Es war der im Kleverland sehr bekannte Architekt Hans-Otmar Wiederhold, der in den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für die Eheleute Ziems nahe der Stiftskirche eine Villa entwarf, in der sich seine Vorstellungen von moderner Architektur wiederfanden. Wiederhold konzipierte ein zweigeschossiges Gebäude mit Flachdach, zum Garten hin mit großflächigen Fenstern, mit Überhängen, mit einem freistehenden Treppenhaus, mit Zwischengeschoss, mit einem fast verspielt wirkenden Wechsel von Baumaterialien – Stein, Putz, Holz, Glas. Das Bauhaus lässt grüßen.

1965 wurde es fertiggestellt, und es diente dem Arztehepaar ein halbes Jahrhundert als Praxis und Zuhause zugleich. Als das Haus gebaut wurde, vertrauten die Bauherren auf die Zusicherung des Architekten, dass der Ölpreis „nie über neun Pfennig pro Liter“ steigen werde, und entsprechend sportlich fielen die Vorkehrungen zur Isolierung des Gebäudes aus. Mittlerweile zahlt man etwa (umgerechnet) hundertzwanzig Pfennig pro Liter.

Gleichwohl ist die Immobilie ein kleines architektonisches Juwel, und, als es auf einem Immobilienportal angeboten wurde, fand sich auch der eine oder andere private Interessent, der sich eine Nutzung des Gebäudes vorstellen konnte. Doch dann trat der Kreis Kleve auf den Plan, der schlichtweg mehr bot als alle anderen Interessenten und deswegen zu Beginn des vergangenen Jahres in den Besitz der Arztvilla gelangte.

Grün: Kreisverwaltung ursprünglich. Blau: Kreisverwaltung wachsend. Orange: Arztvilla

Die Kreisverwaltung liegt unmittelbar gegenüber, und gemäß der allgemeinen Tendenz von Verwaltungen, sich auszubreiten, hat auch diese Behörde in den vergangenen Jahren mächtig an Raum gewonnen (allerdings wuchsen auch die Aufgaben). Es gab einen Anbau, gegenüber entstanden Neubauten für das Straßenverkehrsamt und für weitere Dienststellen, und gerade erst wurde dort die neu erbaute Notrufzentrale ihrer Bestimmung übergeben.

Da passte die Villa gut ins Konzept. Auf Anfrage von kleveblog teilte Kreissprecherin Elke Sanders damals mit: „Der Kreis Kleve hat das von Ihnen genannte Haus gekauft, weil es die Möglichkeit bietet, nach entsprechendem Umbau, die Empfangsbereiche der Ausländerbehörde in den Containern zu ersetzen. Die Baumaßnahmen können voraussichtlich noch in diesem Jahr beginnen. Zum Kaufpreis kann ich keine Angaben machen.“

Im Kreistag stellte die Verwaltung das Projekt damals, wie die SPD-Politikerin Brigitte Wucherpfennig auf Facebook kommentierte, als problemlos vor. Das Gebäude sei bestens geeignet, nur geringe Umbauten seien vonnöten.

Es kam anders. Der avisierte Umbau reichte wohl doch nicht, die räumlichen Vorstellungen der Behörde zu realisieren. Im Klever Bauausschuss wurde nun bekannt, dass der Kreis Kleve das Haus deshalb abreißen und durch einen Neubau ersetzen will. Das klingt erst einmal nicht nach vollendeter Nachhaltigkeit, allerdings muss man der Verwaltung zugute halten, dass die Bausubstanz in der Tat in die Jahre gekommen ist. Auf der anderen Seite wiederum scheint es ja Interessenten gegeben zu haben, die den Wert des Hauses an sich zu schätzen gewusst haben.

Die Pläne selbst aber sorgten nun in den zuständigen Klever Ausschüssen für einige Fragen. Der Kreis glaubt, den zusätzlichen Raum zu benötigen, da gerade die Ausländerbehörde kein Homeoffice zulasse. Der Neubau solle Platz bieten für eine Einbürgerungsstelle sowie für das geplante kommunale Integrationszentrum, auch ein ansprechender Empfangsbereich sei geplant. Dies sei mit dem vorhandenen Gebäude nicht zu realisieren.

Gleichwohl gab es Kritik. Christian Nitsch (SPD) stellte die grundsätzliche Frage, ob in Zeiten des Homeoffice überhaupt zusätzlicher Platz nötig sei, Anne Fuchs (Offene Klever) befürchtete den nächsten seelenlosen Kasten („moderner Zweckbau“), und Hedwig Meyer-Wilmes (Grüne) bezweifelte ebenfalls grundsätzlich, dass ein Neubau erforderlich ist.

Im Haupt- und Finanzausschuss wurden die Pläne nun einstimmig zurück in den Fachausschuss verwiesen. Bezüglich einiger Angaben gab es Unklarheiten, außerdem wollten die Mitglieder die Pläne des Architekten für den Neubau sehen. Eine Verzögerung ergebe sich daraus nicht, hieß es. Bürgermeister Wolfgang Gebing (CDU) befürwortete das Vorhaben. Das Ausländeramt habe eine bessere Unterbringung nötig, „das wäre auch für die Stadt Kleve ein besseres Bild“.

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12 Kommentare

  1. 11

    Ach ja, die Ausländerbehörde, wo Anfragen ignoriert und unbeantwortet bleiben, wo selbst klar geregelte Anträge eine Bearbeitungszeit ab 8 Monaten haben, wo selbst einige Mitarbeiter wenig Ahnung vom AufenthG haben.
    Obwohl man lange genug Menschen, auch im Winter, in Containern bedient hat, wäre vielleicht die richtige Schulung oder Aufstockung der Mitarbeiter vorrangig.

     
  2. 10

    Man möge mir verzeihen, das Haus ist sicherlich ein Vorzeitigeexemplar der bauhausgeprägten Architektur seiner Zeit. Allerdings fällt es mir zumindest an Hand der Abbildungen oben schwer die architektonische Schönheit zu erkennen.

    Statt Katalogarchitektur könnte ein Neubau zur Abwechslung auch mal einfallsreich sein und eine Verbeugung in Richtung Bauhaus ist nicht ausgeschlossen.

     
  3. 9

    Ergänzung zu 7: und immer alles Schlecht machen… habe ich in beiden Kommentaren nicht! Ich befürworte Homeoffice wo es Sinn macht! Das habe ich auch so betont…!
    Und wenn Sie nach Neuss pendeln ist das ökologisch Mist! Ihre Situation ist somit jetzt rosa gefärbt und macht Homeoffice nicht für alle Fälle gleich gut!

     
  4. 8

    @7: klar, als Pendler ist das absolut nachvollziehbar… aber nicht als in Kleve wohnender und arbeitender. Oder in Düsseldorf wohnen und arbeiten… wer als Normalverdiener hat da die Möglichkeit in vernünftigen Bedingungen zuhause zu arbeiten…? Wir dürfen da als Maßstab nicht das EFH oder die Luxuswohnung mit 5 Zimmer für 2 Personen ansetzen…
    bezahlbarer Wohnraum, Fokus auf Kleinwohnungen und EFH als ökologisch Mist verpönen und zeitgleich ungefiltert Homeoffice fordern.

     
  5. 7

    @zzz:
    Kann man so sehen, muss man aber nicht. Ich arbeite in Neuss und das schönste Geschenk in diesem unsäglichen Schlamassel ist, dass mein Chef jetzt Home Office zulässt. Er zahlt nicht mehr Geld, aber in unserem Portemonnaie macht sich das gaaaaanz deutlich bemerkbar. Mein Chef möchte das auch über Corona hinaus beibehalten. Wir überlegen deshalb unser Auto abzustoßen und nur noch eins zu halten. Durch die gewonnene Lebenszeit, um die 2 1/2 Stunden täglich, hat sich unsere Lebensqualität so verbessert. Ich habe mehr von meiner Familie, bin entspannter und ich habe auch noch ein gutes Klima-Gefühl dabei.

    Es ist eine Eingewöhnung notwendig, aber es hat auch für viele eine positive Auswirkung. Immer alles so schlecht zu machen ist auch nicht Stand der Zeit.

     
  6. 6

    @5 rd: das ist ja auch völlig OK! und das unterstütze ich auch, jedoch zeigt sich vor allem in den öffentlichen Verwaltungen, dass HO einfach in großem Umfang NICHT funktioniert und das die, die vorher viel gearbeitet haben oft noch deutlich mehr arbeiten und die, die sich vorher gedrückt haben sich jetzt noch mehr drücken..
    Ausserdem ist es auch für viele – gefühlt bei schönem Arbeitsumfeld eher die Mehrheit- angenehmer, die Arbeit auf der Arbeit zu erledigen und somit sehe ich Homeoffice als Ergänzung zum jederzeit verfügbaren Büroarbeitsplatz! Wenn der Job genauso gut im HO wie im Büro gemacht werden kann, sollte der Mitarbeiter entscheiden dürfen…! Tagesformabhängig, Abhängig davon ob LebensparterIn ggf. im Wechsel den HO-Arbeitsplatz nutzt oder oder oder…
    es werden vielleicht Büroräume frei. Aber nicht im großen Stil und man sollte bei dieser aktuell politisch geführten Diskussion auch nicht vergessen, dass die “wirkliche” Arbeit in der Pflege, in der Industrie, im Handwerk usw. NICHT im Homeoffice erfolgen kann!

     
  7. 5

    @zzz Ich habe es so verstanden, dass der Anteil von Homeoffice immer auf einem höheren Niveau bleiben wird als vor der Pandemie. Mit der Folge, dass im bestehenden Bürobestand vielleicht genug Platz für die Aufgaben sein wird. Womöglich wird auch gar nicht mehr so viel Personal benötigt, wenn die Hochschule wie angekündigt den Anteil ausländischer Studierender reduziert.

     
  8. 3

    Nitsch und die Frage nach Homeoffice… Sorry, aber nehme nur ich das so wahr, das von ihm eigentlich nur Geblubber kommt….?

    Homeoffice ist ganz klar ein toller Luxus für die, die es sich leisten können!
    Die, die eine entsprechende Wohnung samt Ausstattung haben, dass sie von zuhause aus gut und gerne arbeiten können. Das sie eine entsprechend große Wohnung, ein entsprechend großes Haus haben um ungestört arbeiten zu können.
    Klar, als Single kannste natürlich auf der Bettkante am Schreibtisch hocken… Zu zweit in einer den SPD-/Grünenvorstellungen entsprechenden 2-Zimmerwohnung und nur einer im HO ist dann schon top und wenn beide im HO arbeiten müssen, wird es noch besser… Herr Nitsch zahlt seinen homeofficefähigen Mitarbeitern aber doch ganz bestimmt noch extra 300-400 € im Monat, damit man sich dann auch die passende Wohnung leisten kann… ach nee, die will er sich bestimmt sparen und statt Büroflächen noch ein paar Bewohner unterbeingen….
    und die Pflegekräfte (nicht HO-fähig) freuen sich, wenn die werten Verwaltungskollegen von der heimischen Terrasse aus arbeiten usw.

    Oder nehmen wir den/die alleinstehende(n) MitarbeiterIn… der/die freut sich total, wenn sie endlich keine sozialen Kontakte mehr auf der Arbeit haben…

    Und die, die im Büro gut zurecht kommen, kommunikativ aber im HO aufgeschmissen sind – weil es nun mal nicht jedem liegt. Auch toll !

    Ganz klar ist Homeoffice top. Aber alles im Rahmen, im Wechsel mit Präsenz nach Wünschen der Mitarbeiter usw.

    Gefühlt finden plötzlich realitätsfremde Vorstände, Politiker, Sozis und Ökos Homeoffice toll… Um das Wohl der Mitarbeiter geht es dabei aber niemandem! Und wenn Herr Nitsch dann sein erstes Altenheim in Düsseldorf eröffnet, sucht und bezahlt er den ins HO gezwungenen sicherlich die adäquate Wohnung mit modernem arbeitsplatzkonformen Büro… klar!
    Anbieter von Co-Working-Space und Co. boomen… die Leute sitzen also nur woanders IM Büro – Applaus!

     
  9. 2

    @1. Sebastian Wessels

    “Passierschein A 38” ………. Schalter 1?
    Sie können aber an Schalter 1 nach “Passierschein A39” fragen, der nach dem Rundschreiben B65, festgelegt wurde. 😉

     
  10. 1

    Es folgt stets dem Trend, für die Verwaltungen immer neue/komplexere Aufgaben zu finden bzw. zur Lösung dieser, mehr Raum zu benötigen. Es ist wie mit dem Straßenverkehr – er erhält immer mehr Raum, anstatt ihn effizienter/anders zu gestalten.

    Frage am Rande: wo erhalte ich beim Kreis Kleve den “Passierscheins A 38”?