Kirschen

Rote Begierde

Der des Internets kundige Leser wird wissen, dass mit dieser Ein-Wort-Überschrift bei Google kein Blumentopf zu gewinnen ist, es fehlen sowohl ein kräftiges Verb wie auch ein gefühlstriefendes Adjektiv („fürchterlich“, „unglaublich“ etc.), um im Ranking nach oben katapultiert zu werden, aber all dies spielt ohnehin keine Rolle mehr, weil die Künstliche Intelligenz auch diesen Artikel auspressen wird wie Obst in einem Smoothiemaker und sodann etwas scheinbar Eigenes daraus fabriziert, das nichts mehr gemein hat mit dem, was hier im Folgenden steht und außerdem auch gar nicht mehr via Link auf diese Seite führen wird, sodass mir letztlich – wie eigentlich schon immer – die Überschrift genauso egal sein kann wie die sättigende Verwendung von Schlüsselwörtern und ich somit einfach drauflosschreiben kann (was in dem Fall zwar ein Diktieren ist, aber sei’s drum), und, obwohl ich gestehen muss, dass meine Beziehung zu Kirschen eine weniger intensive ist als zu vielen anderen Hervorbringungen meines Gartens (und von Gärten im Allgemeinen), kann ich vermutlich auch trotz dieses Geständnisses sicher sein, dass dieser Beitrag seine Leser findet, allein schon deshalb, weil viele dieser Leser immer noch nach dem Ende des Satzes suchen, welches aber noch eine Weile auf sich warten lassen wird, weil eine feuilletonistisch-psychologisierende Plauderei über die Kirsche als solche natürlich in der lange zurückliegenden Kindheit ihren Anfang nehmen muss, in einer Zeit also, in der mein Bruder und ich im Sommer auf den Baum an den Kaninchenställen klettern mussten, um die Früchte zu ernten, denen ich damals aus der von den Eltern geschürten Angst, einen Kern zu verschlucken, mit sehr viel Respekt begegnete und somit vielleicht nie die laszive Haltung zu dieser Frucht zu entwickeln imstande war, wie andere Menschen sie kennen (das Kirschen-Emoji ? wird in der digitalen Kommunikation häufig als Metapher für weibliche Brüste, das Gesäß oder männliche Hoden verwendet), und, das sei an dieser Stelle auch noch hinzugefügt, direkt neben dem Kirschbaum unserer Familie (Kieferneck) hatte der Nachbar Tumpach (Südhang) einen viel größeren Kirschbaum, dessen reichen Ertrag er vor den gefräßigen Spatzen verteidigte, indem er sie ab und somit einmal Luftgewehr vom Baum schoss (die von den Treffern zu Tode erschrecken Vögel fielen auch in unseren Garten), sodass die Kirsche für mich vielleicht auch in dieser Hinsicht keine Frucht der Leidenschaft und Liebe war sondern eine, die zum Tode führen konnte und deshalb in meinen frühen Jahren eigentlich nie die Anerkennung bekam, die sie eigentlich verdient hätte, denn nie ging es um den Wohlgeschmack, sondern – beispielsweise wenn am Sonntag ein selbst gebackener Kirschboden verspeist werden sollte – immer darum, ob nicht in dem Kuchen das Drama eines übersehenen Kirschkerns verborgen ist, was im Großen und Ganzen dazu führte, dass ich die Kirschen erst wieder entdeckte, als die Industrie sich ihrer angenommen hatte und in Form von Mon-Chéri-Pralinen einen scheinbar ungefährlichen Genuss der Frucht bot und darüber hinaus einen von der Erwachsenenwelt geduldeten Zugang zum Alkohol (eine Praline enthält etwa 1,3 Milliliter Kirschlikör), was den Schnuppteller zu Weihnachten erheblich aufwertete, ansonsten aber verschwand die Frucht für viele Jahre aus meinem Leben zugunsten von Erd- und Himbeeren und kehrte erst wieder, als ich im Garten meinen Heims am Grünen Heideberg einen Kirschbaum vorfand, der es mir jedoch in den vielen Jahren, in denen ich nun schon dort den Baum habe blühen und im Juni Früchte tragen sehen, abgesehen von einzelnen Exemplaren, nie vergönnte eine Ernte einzubringen, weil die Vögel einfach schneller waren und schon die unreifen Exemplare genussvoll verspeisten (was machten uns unsere Eltern Angst, dass der Verzehr unreifer Kirschen zu Bauchschmerzen führe!) und ich anders als Nachbar Tumpach wenig Neigungen verspürte, das Feuer auf die Vögel im Baum zu eröffnen, so das ich klaglos eine Missernte nach der anderen akzeptierte, die Natur ist eben stärker, wenn man sie nicht mit Gewalt in eine Band zwängt, doch diese Serie von Ausfällen fand in diesem Jahr ein überraschendes Ende, entweder, weil es weniger Vögel gibt, oder weil diese alle Bauchschmerzen haben oder aber, weil der Baum so reichlich trägt, dass es die gesammelte Avifauna überfordert und ich nunmehr binnen einer halben Stunde heute bereits eine ganze Schale Kirchen ernten konnte und sich mir nun die leninsche Frage aller Fragen stellt: Was tun?

Aus dem Familienalbum (ca. 1970, von rechts: Bruder, Autor, Kohl, Kaninchenschal, Fragmente des Kirschbaums)

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8 Kommentare

  1. 8

    🍒Symbol der Verlockung +Vergänglichkeit .😳 🙄 Frucht des Paradies mit 🤏🏼Verfalldatum wie das der Jugend 😎 ,incl. der 🍒 aus 💘 „Nachbars Garten“. 🤫 😎

  2. 7

    Weder grammatikalisch noch filosofisch kann @rd’s Problem gelöst werden, nur praktisch.

    Lad.Mich.Ein

  3. 6

    KirschPlotzer :

    7 VollKornBrötchen ( ca. 2 Tage alt, trocken )
    ODER
    1 Packung Brandt VollKornZwieBack
          zerbröseln,
          ( eventuell die feinsten Krümmel zurückHalten ( s.u. ), )
          in eine Schüssel geben und mit
    1/2l (warmer) Milch
          übergießen,
          ziehen lassen.
          DerWeil
    750g SüßKirschen ( am besten die fast schwarzen )
          waschen und abtropfen lassen.
          NICHT entKernen, denn sonst zieht zu viel Saft aus den Kirschen in den Teig
          und es gibt ein furchtBares Gematsche.
    180g Honig mit
    120g Butter
          schaumigRühren.
    1er unbehandelten Zitrone die Schale abreiben.
    5 Eier trennen,
          das EiGELB, die geriebene ZitronenSchale und
    80g gemahlene Mandeln sowie
    2 TeeLöffel Zimt,
    1 Prise Salz und
    2cl KirschWasser
          in den Honig-ButterSchaum einRühren.
          Den Brötchen- bzw. ZwieBack-Papp samt den Kirschen
          in die SchaumMasse einarbeiten.
         
          Eine AuflaufForm mit
    2 EL Butter
          einfetten und mit
    PanierMehl / SemmelBröseln / den feinen Krümmeln der Brötchen / des ZwieBacks
          ringsUm ausStreuen.

          Schließlich die EiKLAR zu Schaum schlagen
          und in den gesammelten Papp unterRühren.
        Das ganze in die pannierte Form geben.

          Bei 200°C ca. 75 Minuten backen.

    guten Appetit !

  4. 5

    Die Frage, die ich mir schon seit vielen Jahren stelle: warum kommen im Sommer die Kirschen (fast) immer aus der Türkei, es sei denn, man kauft selbige für ein kleines Vermögen als Bio Ware? Gibt es in diesem Land zu wenig Kirschbäume?

  5. 3

    Die schlauen Vögel wissen natürlich, dass in ihrer Sommerlieblingsspeise Kirschen, auch zusätzliche Proteine in Form von Würmern, zum voreiligen Fressen einladen. 😉

  6. 2

    Wieso ist es Nachbar Tumpach erlaubt in einem Wohngebiet mit dem Luftgewehr rumzuballern? Ich hätte als Mutter von kleinen Kindern die heiße Kirschpfanne nach dem geworfen.

  7. 1

    Falls erlaubt ist als Slavist etwas hinzufügen. Lenin bezieht mit seiner Frage auf den Roman „Was tun?“, der ihn nach seinen Worten „sehr tief umgepflügt hat und eine Sache ist, die eine Gymnastik für das ganze Leben darstellt.“ Der Roman selbst „Что де́лать?“ (Was tun?) stammt von dem russ. Philosophen, Journalisten und Literaturkritiker, Nikolaj Tschernschevskij aus dem Jahr 1862 als er in dem Petersburger Gefängnis der Petropavlosk-Festung sass. Der Roman hatte enorme Wirkung und die Frage stellte man sich seit 100 Jahren. Wie wandeln wir die Gesellschaft um, welche Philosophie ist die beste, wie müssen wir auf den Westen reagieren? usw. usw. Konfusion, Zweifel, Unsicherheit, aber keine Antwort bis heute auf diese Frage.