Der klassische Fleck ist für mich Rotwein auf einem Hemdärmel, verbunden mit dem Aufschrei meiner Mutter: „Das geht nie wieder raus!“ Weitere Flecken zeichnen sich oftmals auf jeder Form von Oberbekleidung ab, sobald Nudeln mit Tomatensauce verspeist werden, selbst die besten Vorsätze verhindern dies nicht, besonders interessant fand ich sie bei einem Sachbearbeiter einer hanseatischen Bank, der mich zu Nachmittagsterminen in der Filiale in Winterhude immer mit leuchtend roten Sprenklern auf seiner gestreiften Krawatte empfing, das hatte fast schon anarchistische Vibes.
Weniger Bedeutung in meinem Leben haben Flecken auf Teppichen, Teppichböden und Fußböden. Bei einer Zeitung, für die ich mal gearbeitet hatte, gab es nach einer ausschweifenden Feier Blutspuren auf einem braunen Bodenbelag mit Ewigkeitsgarantie, und unter den Redakteuren gab es die wildesten Theorien, wodurch sie entstanden sein mochten. Die Flecken waren so etwa hüftbreit auseinander.

All diesen Flecken aber ist gemein, dass sie zu sehen waren. Man könnte sich sogar zu der Theorie versteigen, dass es die Wesenheit eines Fleckens ausmacht, sich farblich vom Untergrund abzuheben. Ein weißer Fleck auf einem weißen Hemd, ist das noch ein Fleck? Ein ehemaliger Redakteurskollege aus Hamburger Zeiten, der gerne weiße Jeans trug, hatte ab und an mit Kugelschreiberspuren zu kämpfen. Er löste das Problem, indem er die blauen Stellen mit flüssigem Tippex überpinselte. Ein Superfleck sozusagen, der aber den Ursprungsfleck annihilierte. Fleck weg!
Gut möglich übrigens, dass es sich mit der unbefleckten Empfängnis ganz ähnlich verhalten hat: Vielleicht war am Anfang doch ein Fleck, und die Verantwortliche kam auf die Idee, was Größeres drüberzutun – Gott. Das ist heute nicht mehr aufzuklären.

Doch es gibt offenbar noch eine Kategorie von Flecken, von denen ich bisher nicht einmal ahnte, dass sie existierten, ein weißer Fleck auf der Landkarte meines in vielen Jahren angesammelten wilden Wissens. Es handelt sich um den unsichtbaren Fleck! Zu verdanken habe ich diese neue Erkenntnis der Firma Dyson, die schon den beutellosen Staubsauger und einen Handtrockner erfunden hat, der den Anschein erweckt, die Hände mittels Lautstärke vom Wasser befreien zu können.
Die Erfinderabteilung des Unternehmens hat offenbar auch einen Saug- und Wischroboter auf den Markt gebracht, und durch ein Plakat im Eingangsbereich der Neuen Mitte machte mich die Marketingabteilung der Firma Dyson nun darauf aufmerksam, was das Alleinstellungsmerkmal dieses Geräts ist: „Beseitigt unsichtbare Flecken – dank modernster KI.1“
Zunächst stolperte ich über den Hinweis auf die Künstliche Intelligenz, ich fand’s ein bisschen dick aufgetragen und eigentlich kann man es ja schon nicht mehr hören. Dann noch die hochgestellte Eins als neckische Fußnote, die auf folgenden Sachverhalt verwies: „Reinigungsergebnisse können je nach Art und Schweregrad der Flecken variieren.“ Das klang ja fast so wie bei einem Beipackzettel für eine gefährliche Arznei.

Und erst dann entdeckte ich das Wort „unsichtbar“. Wenn Menschen etwas sehen, was andere nicht sehen, oder wenn sie Stimmen hören, die andere nicht hören, sind ihre Mitmenschen geneigt, entweder einen massiven Drogenkonsum zu unterstellen und/oder sofort einen Psychiater zu Rate zu ziehen, der sich des Falls annimmt. Und der Begriff der Halluzination für eine Sinnestäuschung hat ja sogar in die Welt der KI Einzug gehalten, wo sich die großen Sprachmodelle auch gerne mal was zusammenfantasieren.
Aber, wir kennen es schon aus der transatlantischen Politik (und mehr und mehr auch aus der hiesigen), der Wahnsinn ist die neue Normalität geworden, und insofern müssen wir vielleicht damit zu leben lernen, dass es weitaus mehr Flecken gibt, als wir bisher dachten. Diese – für uns – unsichtbaren Flecken werden durch den Wischroboter von Dyson sodann noch unsichtbarer gemacht, sodass es womöglich einer neuen, noch zu erfindenden Generation von Wischrobotern vorbehalten ist, auch diese doppelt unsichtbaren Flecken mittels KI zu detektieren, um die Unsichtbarkeit auf ein noch höheres Level von Unsichtbarkeit zu heben, auf das der unsichtbaren unsichtbaren Unsichtbarkeit.
Wäre es am Ende nicht einfacher, die Krawatte gleich komplett in die Tomatensauce zu tunken? Hide in plain sight, sagt der Experte. Oder sind wir Menschen verloren?


Nudeln mit Tomatensauce? Gewollter Stilbruch?