Die, nun ja, ergiebigen Regenfälle, die Kleve unlängst heimgesucht haben, führten einmal mehr zu einem Stresstest für die Kaskade, die das gesamte Oberflächenwasser aus der Oberstadt in den Kermisdahl ableitet. Ein Augenzeuge, der aus der Ferne auf das Bauwerk am Hang der Endmoräne blickte, machte ein kurzes Video, dessen Screenshot oben zu sehen ist. Der Betrachter erkennt einen Sturzbach herabrauschenden Wassers, das Bauerwerk geht in den Fluten unter, und eine Passage am Uferweg dürfte ein lebensgefährliches bzw. unmögliches Unterfangen sein.
Die bange Frage, die sich jeder Klever angesichts des Bildes stellt: Hält die Kaskade das überhaupt noch aus? Zumal fast auf den Tag genau vor neun Jahren der Hang nördlich der Kaskade zu weiten Teilen abrutschte. Damals krachten rund 500 Kubikmeter Sand (rund 30 Lastwagenladungen) in die Tiefe. In der Folge waren langwierige Sicherungsarbeiten erforderlich, um den Sandhügel, auf dem Kleve zu großen Teilen errichtet ist, vor weiteren Schäden zu sichern. Erst nach zwei Jahren konnten die Bauarbeiten abgeschlossen werden.
Den Wasserschwall vom Wochenanfang überstand die Endmoräne unbeschadet, insofern waren die Sicherungsarbeiten erfolgreich. Mindestens zwei Jahre muss die Kaskade noch ihren Dienst verrichten, dann wird sie durch eine modernere Technik der Wasserableitung ersetzt. Ein sogenannter Wirbelfallschacht soll ab ca. 2028 die Aufgabe der Kaskade übernehmen. Die vorbereitenden Maßnahmen dafür können die Klever schon in unmittelbarer Nachbarschaft der Sternbuschklinik sehen, wo ein kleines Waldstück gerodet wurde. Dort soll der Wirbelfallschacht starten, außerdem soll dort ein Regenklärbecken errichtet werden. Im Zuge der dazu erforderlichen Kanalbauarbeiten wird es auch noch in diesem Jahr zu Verkehrsbeeinträchtigungen auf der Nassauerallee kommen.


„Hält die Kaskade das noch aus?“ – Eine bange Frage als willkommene Ablenkung
Es ist das typische Klever Dilemma: Während man sich angesichts historischer Wasserbauwerke in nostalgischer Sorge um die Kaskade verzehrt, bleibt die echte Gefahr fast unbeachtet. Denn während die Standsicherheit der Kaskade bloße Spekulation ist, liegt für die Schleuse Brienen bereits das baugutachterliche Urteil vor: „latente Gefährdung“.
Die Experten sind deutlich: Bis 2027 mag das mit „Ach und Krach“ gutgehen – vorausgesetzt, Wasserstände werden penibel eingehalten und ein permanentes Monitoring schlägt rechtzeitig Alarm. Doch was kommt danach? Nach 2027 erlischt laut Expertise faktisch das Haltbarkeitsdatum der Standsicherheit.
Das klingt zunächst nach einem Problem, das sich durch den geplanten Teilabriss im Zuge der Deicherneuerung von selbst löst. Doch der Teufel steckt im Zeitplan. Weder der Deichverband Xanten-Kleve (DVXK) noch die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) werden bis Ende 2027 auch nur annähernd so weit sein, das Bauwerk zu sichern. Im Gegenteil: Durch die quälend langen Planfeststellungsverfahren der Bezirksregierung Düsseldorf rückt der Kollaps-Termin bedrohlich näher.
Das Problem: Der Umlaufkanal der Schleuse ist systemrelevant. Er muss den Wasserabschlag aus dem Spoykanal in den Altrhein bis zur letzten Sekunde garantieren. Erst wenn das neue Durchlassbauwerk am neuen Schöpfwerk steht, kann der Umlaufkanal resp. die Schleuse in den Ruhestand. Da der DVXK aber erst 2027 mit dem Bau des Schöpfwerks beginnen will – bei einer kalkulierten Bauzeit von zwei Jahren – klafft hier eine gefährliche Sicherheitslücke.
Bisher hüllt sich die Behörde dazu in Schweigen. Lösungen? Fehlanzeige. Und die Stadt Kleve? Die übt sich in der Paradedisziplin deutscher Bürokratie: dem Versteckspiel hinter Zuständigkeiten. Man sieht sich nicht in der Pflicht – formaljuristisch korrekt, politisch jedoch riskant. Denn im Rathaus sollte man sehr wohl ein Interesse daran haben, wie Hab und Gut im Hinterland geschützt werden, wenn das marode Bauwerk nachgibt.
Aber am Ende ist das wohl egal. Das Thema Schleuse ist mürbe diskutiert, die Luft ist raus. Da kommt die Kaskade als emotionales Ablenkungsmanöver gerade recht.