Baureihe 218 – der RE-10-Glücksgriff, der Potenzial hat

Dein Name sei 218 451-3 (Foto: Marek Daute)

Ob mein Bruder, der Fahrradhändler, sich noch daran erinnert, weiß ich nicht, aber ich gehe mal davon aus, denn so etwas vergisst man normalerweise nicht. Er hatte in jungen Jahren, als das englische Wort Trainspotting dafür vermutlich noch nicht einmal erfunden war, das Hobby, an Bahnübergängen zu stehen und sich die vorbeifahrenden Loks anhand ihrer Nummer zu notieren. Er kannte den – verlässlichen – Fahrplan in- und auswendig und besaß am Ende ganze Blöcke voll mit diesen siebenstelligen Kombinationen (die letzte ist die Prüfziffer, die letzte Stelle der Summe, die sich ergibt, wenn die ungeraden Ziffern plus die mal zwei genommenen geraden Ziffern addiert werden), und ich garantiere, in diesen Blöcken stand hunderte Male, wenn nicht gar tausende Male die Ziffernkombination 218, die für eine Baureihe von Lokomotiven steht, die von Herstellern, deren Namen nach Kriegsgerät klingen, für die Deutsche Bahn, die damals noch Bundesbahn hieß, gebaut wurden: Krupp, Henschel, Krauss-Maffei, MaK. 218 128-7 war die Lok, der er am häufigsten notiert hatte. Die Lokomotiven waren 79 Tonnen schwer und wurden von MTU-Dieselaggregaten angetrieben, die 2500 PS Leistung und noch mehr erzeugten. 3200 Liter Diesel fasste der Tank, genug für einen kleinen Swimmingpool.

Es waren mächtige Maschinen, die da an einem vorbeidonnerten, wenn der Schrankenwärter die Schranken – zum Beispiel an der Peter-Eich-Straße – gesenkt hatte. Der Boden bebte, der Dieselruss wirbelte herum. All diese Erinnerungen indes wären vermutlich für immer untergegangen, wenn nicht seit wenigen Tagen jede fünfte Fahrt des RE 10 von Kleve nach Düsseldorf und zurück mit einer dieser betagten Lokomotiven plus dazugehörigen Waggons (Einstieg über Treppe, Türöffnung mit einem Hebel, der per Hand betätigt werden muss, Abteile) absolviert werden würde.

Das Verrückte: Die Reaktivierung der Museumslok (die bei einem Privatbesitzer gemietet wurde) ist eine Erfolgsgeschichte. Erstens fährt sie tatsächlich (abgesehen von einem kleinen Defekt gleich zu Beginn) und zweitens triggert sie das Sentimentalitätsgen vieler Fahrgäste. TikTok ist voll mit Videos des Zuges, an jedem Bahnsteig entlang der Strecke stehen Eisenbahnnostalgiker und machen Aufnahmen, während sie sich verstohlen eine rußgeschwärzte Träne aus dem Auge wischen.

Bekanntermaßen sind die Triebwagen, mit denen der Verkehr normalerweise abgewickelt wird, nahezu alle kaputt, und sie entbehren zudem jener Sexiness, wie sie ein so mächtiges Gerät wie eine Diesellok der Baureihe 218 mühelos auch noch nachmehr als fünf Jahrzehnten im Betrieb auszustrahlen imstande ist.

Demnächst sollen aber neue Wagen mit Elektroakkus kommen. Später als geplant, meine ich irgendwo gelesen zu haben. Allein schon deshalb: Sollte man nicht, um auf Nummer sicher zu gehen, vielleicht auch noch eine alte Dampflok mit H-Kennzeichen (?) reaktivieren, damit der Eisenbahnbetrieb wieder so verlässlich wird, wie er ca. von 1950-1980 war, bevor das Unternehmen zugrunde gerichtet wurde. Und warum nicht auch noch den freundlichen, bärtigen Mann aus dem Ruhestand zurückholen, der einem an einem echten Fahrkartenschalter in aller Seelenruhe in Kursbüchern blätterte und auf diese Weise Verbindungen in alle Welt zu Super-Sonderpreisen zusammenstellte, sie persönlich ausdruckte und wie ein Wertpapier einem in einem Umschlag in die Hand drückte?

Die Frage muss gestellt werden: War früher doch alles besser?

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5 Kommentare

  1. 5

    ☝🏼 Sentimental Journey ! 😁 Den 50ziger Blagen der Unterstadt rutschten die Kniestrümpfe a.d. Bahn Schranke wenn sich die Riesen Dampf Locks ( „Kriegs Lokomotiven“ Baureihe 52 ? ) mit Rädern größer wie sie, vom Bahnhof ⏩ Drehscheibe bewegten. Da vibrierte nicht nur die halbe Unterstadt . 🙄 😎

  2. 3

    Sehr schön…… vielleicht wäre es gar nicht so dumm, diesen Museumszug, (so lange es hier noch Diesel gibt) als „Alleinstellungsmerkmal“ für Kleve zu bewerben?
    Es gibt ja auch andere Bahnstrecken in Deutschland, die bewusst alte Züge mit Tourismuserfolg, einsetzen.
    Vielleicht werden die Niederländer dann sentimental und möchten dann die Strecke bis nach Nimwegen wieder reaktivieren?
    😉

  3. 2

    „War früher doch alles besser?“ – was die Bahn angeht: sicher. „Familiensilber“ zu verscherbeln war schon immer eine schlechte und zu kurz gedachte Idee. Danke an die überbezahlten und unterqualifizierten Manager und Politiker, die ein gut funktionierendes Staatsunternehmen in ein verlustreiches Wirtschaftsunternehmen transformiert haben. Systemrelevante Unternehmen gehören in Staatshand und müssen vor kurzfristig gedachtem Gewinnstreben geschützt werden.

  4. 1

    Von dem Model habe ich auch noch eine Zuhause …

    … gut verpackt seit den 79-er Jahren in einem Karton, in dem sich der Rest einer kleinen Märklin Eisenbahn befindet.