Klever Konditor (61) von Agentur für Arbeit in die Wüste gejagt

rd | 23. Februar 2011, 09:26 | 21 Kommentare

Kurz vor der Rente nach Arabien? Josef Ries ist da anderer Meinung

Die meiste Zeit seines Lebens hat Josef Ries aus Schneppenbaum nicht weiter als sieben Kilometer von seinem Wohnort entfernt als Konditor bei Café Tesch gearbeitet. Doch als das Café nach 37 Jahren geschlossen wurde, verlor er seine Stelle – jetzt soll der 61-Jährige auf Geheiß der Agentur für Arbeit seine Heimat verlassen und in Saudi-Arabien arbeiten: »Bewerben Sie sich bitte umgehend.«

Ries ist Realist genug, um zu wissen, dass in seinem Alter die Tür zum Arbeitsmarkt nicht gerade sperrangelweit offen steht. Deshalb hilft er derzeit bei der gemeinnützigen Einrichtung FAIRTeiler in Bedburg-Hau und arbeitet gegen ein geringes Entgelt für die Caritas in Kevelaer. Und er besuchte auf Anraten der Agentur für Arbeit eine »Maßnahme«, um vielleicht doch noch im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. »Ich lernte, wie ich mich richtig bewerben soll«, berichtet Ries.

Ries suchte im Internet nach freien Stellen, und er verschickte in den Wochen und Monaten seiner Erwerbslosigkeit mehr als 30 Bewerbungen. Natürlich würde er am liebsten in Kleve arbeiten, doch dass Abstriche zu machen sind, ist ihm klar. Zweieinhalb Stunden tägliche Fahrtzeit sind laut Gesetz zumutbar, und auch das stellte für Ries kein Problem dar: »Ich habe mich im Umkreis von 100 Kilometern beworben.« Immerhin, einer der Angeschriebenen meldete sich telefonisch. Er passe altersmäßig nicht in das Team, erfuhr Ries. Von allen anderen Bewerbungen gab es nicht einmal eine Absage.

»Ich mache mir nichts vor«, so Ries. »Es ist halt schwer, in meinem Alter noch einen Job zu finden.« Doch in der vergangenen Woche bekam er per Post gleich drei Stellenangebote – doch die Freude darüber wich binnen Sekunden völliger Fassungslosigkeit. »Die wollen mich nach Arabien schicken«, sagt Ries. »Das ist doch der Knaller, wie soll ich damit denn fertig werden?«

Gute Frage. Es klingt wie ein Alptraum aus 1001 Nacht, was dem Schneppenbaumer kurz vor der Rente zugemutet wird: Unter der Referenznummer 10000-1066158573-S freut sich der Sachbearbeiter, Ries einen Arbeitsplatz in der Konditorei Al Nukhba, Al Takhassusi Str., Riad, Saudi-Arabien, vorschlagen zu können – exakt 4545 Kilometer von Schneppenbaum entfernt. »Bewerben Sie sich bitte umgehend per E-Mail mit folgenden Anlagen: Bewerbung auf Englisch mit Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnissen.« Josef Ries konsterniert: »Ich kann ja nicht einmal Englisch.« Was in der Konditorei Tesch in den vergangenen 37 Jahren auch nicht weiter negativ aufgefallen war.

Auch die beiden anderen Angebote hatten es in sich. Der zweite Vordruck – gleicher Text, andere Stelle – offerierte eine Beschäftigung im Emirat Qatar, in einer in dem arabischen Wüstenstaat gelegenen Filiale von Feinkost Käfer. Diese ist allerdings so weit weg, dass nicht einmal Google eine Route berechnen kann. Demgegenüber erschien dem Konditor aus Schneppenbaum das Angebot Nr. 3 fast bodenständig – ein »gehobenes Hotel« auf der griechischen Insel Kos.

Gleichwohl war Josef Ries geschockt: »Es kann es einfach nicht glauben, dass mir kurz vor der Rente noch solche Beschäftigungsvorschläge gemacht werden. Das ist doch eine Unverschämtheit!« Es ist der fehlende Respekt vor seiner Lebensleistung als Konditor, der in solchen Briefen zum Ausdruck kommt – und der Ries auf die Palme bringt.

Und das sagt Michael Niel, Sprecher des Arbeitsagentur Wesel: »Das Angebot stammt von der Zentralen Auslandsvermittlung und hängt damit zusammen, dass Herr Ries sich auch nach Arbeitsmöglichkeiten in den Niederlanden erkundigt hat. Ich habe mit den dafür zuständigen Kollegen in Dortmund gesprochen, die versichert haben, dass er dieses Angebot ablehnen kann, ohne Kosequenzen befürchten zu müssen. Wir verlangen von unseren Kunden nichts Unmögliches, das Angebot muss zumutbar sein. So einen Fall habe ich noch nicht erlebt.«

(Diesen Artikel habe ich auch für die RP geschrieben.)

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21 Kommentare - Sortierung: Neuester oben / Ältester oben
  1. 21. einer der drei Affen

    …. die Arbeitsagentur braucht sich nicht mehr bemühen.
    Josef Ries ist am Samstag, 21.12.2012 im Alter von 62 Jahren
    plötzlich und unerwartet verstorben.
    ..auch seine Rente, für die er all die Jahre gearbeitet hat und um die er sehr stark gekämpft hat wird er nun auch nicht mehr bekommen.

    ” Die Guten gehen immer zu früh ! “

     
  2. 20. Giro-User

    Fakt ist unbestritten das nicht alles rund läuft und viele Prozesse der Arbeitsagentur wenig nachvollziehbar sind. Fakt ist auch das Leute die jahrelange Übung im “Drücken vor jeglicher beruflicher Beschäftigung” haben meist ungeschoren davon kommen und dieses ein unhaltbarer Zustand ist.
    In der Einzelbetrachtung (der aus der Presse ersichtlichen Infos)des hier vorgebrachten Falles ist es jedoch auch Fakt das dem arbeitslos gemeldeten Agentur-Kunden Jobangebote unterbreitet werden die in sein Profil passen. Dieses Profil erstellt jeder Kunde für sich selbst(mit oder ohne Hilfe eines Sachbearbeiters)ist in diesem Profil die räumliche Flexibilität nicht eingeschränkt worden kommt es zu solchen (für viele unpassend wirkenden) Angeboten.
    Bei weiterer Betrachtung der veröffentlichten Infos stellt sich mir persönlich die Frage warum eine solche “Welle” gemacht wird, anstatt einfach den beigefügten Bogen (gehe davon aus das sich das Anschreiben binnen 1,5 Jahren nicht sonderlich geändert hat) auszufüllen. Hierbei kann man unter dem Punkt “Ich habe mich nicht beworben, weil…” den Vermerk anbringen das weder die Sprachlichen Voraussetzungen für die Anstellung gegeben sind noch die räumliche Flexibilität besteht und schon wäre die Sache erledigt. Wenn man dann noch das persönliche Profil entsprechend korrigiert kommen in Zukunft auch nicht mehr Stellenangebote aus fernen Ländern, die vielleicht mach anderer Arbeitssuchender nicht als Scherz sondern als Perspektive aufgefasst hätte.

     
  3. 19. kleverin

    also es ist nicht diese eine sache die einen nachdenklich machen sollte sondern die arbeitsweise im allgemeinen die vom arbeitsamt in kleve so an den tag gelegt wird.

    habe selbst dort nur schlechte erfahrungen gemacht. anträge werden zögerlich bearbeitet oder sogar garnicht!! ja richtig! die mitarbeiter dort sind äußerst unhöflich und herablassend. man kommt sich vor wie der letzte penner. so geht das nicht!

    es ist vollkommen egal wie automatisiert die vorgänge dort bearbeitet werden. am ende steht immer ein MENSCH um den es geht und daher sind solche angelegenheiten zu überprüfen und mit dem notwendigen ernst und respekt zu behandeln.

    dagegen sollte man klagen dürfen. pustekuchen! darf man nicht… seltsam geht es in deutschland zu!

     
  4. 18. der Neue

    Ich würde mich bewerben und, wenn es klappt, dort auch anfangen, vielleicht 5 Jahre, dann in Rente (wenn sonst alles passt! – eine neue Herausforderung, raus aus der Provinz in die große weite Welt, wie oft kriegt man schon so eine Chance.

     
  5. 17. tucci

    Das Arbeitsamt Kleve(Sachbearbeiter haben den knall nicht gehört. Wieso bekommen die Stellenangebote aus anderen Ländern. Soll der Mann den nochmal von vorne anfangen.Von der Kilometerzahl ist die Stelle nichtzumutbar.

     
  6. 16. Sansibar

    ja…automatismus…!Ich habe aber noch nie einen “positiven Automatismus” erlebt…man macht eigentlich nur negative Erfahrungen mit “Automatismen”(Rechnungen,Versicherungen;Kündigungen)…, das geht schnell in die Hose…
    man kann es sich auch einfach machen…

     
  7. 15. J.R.

    hallo das fernsehen ZDF hat auch schon

    angerufen.

    danke fur eure kommentare.

    gruss JR.

     
  8. 14. bommelmütze

    ja das ist doch mal globalisierung auf klever art!!!!!

    vielleicht hat der pc sich auch nur bei dem geburtsdatum vertan und statt jahrgang 50 jahrgan 90 angenommen.

     
  9. 13. KT

    @RD
    Wenn der Sachbearbeiter jetzt auch noch seinen Doktortitel abgibt, bin auch ich mit dieser Entschuldigung einverstanden.
    Gruss aus Berlin.

     
  10. 12. ralf.daute

    @pdgeld Naja, wenn’s einen unvorbereitet trifft und das Formschreiben solche Formulierungen wie »Bewerben Sie sich bitte umgehend« enthält, kann ich verstehen, dass der Blutdruck etwas ansteigt. Der Fairness halber sollte man aber auch hinzufügen, dass der Sachbearbeiter gestern bei Herrn Ries angerufen und sich entschuldigt hat.

     
  11. 11. pdgeld

    natürlich ist das angebot absurd und das sieht ja auch das arbeitsamt so.

    ich finds eigentlich ganz witzig. mein gott, da hat irgend ein automatismus zugeschlagen weil sich herr ries mal bei unseren ausländischen nachbarn beworben hat. jetzt bekommt herr ries ANGEBOTE für wien und saudi-arabien die mit nem standard text versehen sind.

    solange so etwas keine konsequenzen für den arbeitssuchenden hat und mit einem anruf aus der welt ist kann ich da nichts schlimmes dran finden.

     
  12. 10. Insider

    Ich glaube nicht dass wirklich ein Sachbearbeiter mit Sinn und Verstand entschieden hat, dass diese Angebote für den Herrn R. in Frage kommen. Das sind Automatismen, die aus der Technik rühren. Er ist für Auslandsangebote eingetragen, wahrscheinlich kann man in der suuuuper Software nicht weiter selektieren. Daher gehen “automatisch” diese Angebote raus. Da sitzt keiner am Schreibtisch und sucht speziell Saudi-Arabien für ihn raus. Kann und will ich mir gar nicht vorstellen 🙂

     
  13. 9. peterpan

    Herr Ries, nehmen Sie nun den Termin des Bewerbungsgespräches in Riad an ?
    Würde mich freuen. Habe zu Hause alles abgeklärt. Kann mitfahren.Bin bald Rentner. Könnte den Haushalt führen.
    Ich werde mich demnächst persönlich bei Ihnen melden zwecks weiterer Abklärung.

     
  14. 8. Fotograf

    nicht falsch verstehen:: es gibt solche und solche…kein Verurteilung soll dieses sein…ich kenne durch meinen Beruf alle Facetten der Arbeitslosigkeit…die Traurigen sowie die Schönen/Guten Seiten, diesen Themas…
    Diese Geschichte des Hr. Ries ist absurd/tragisch/lächerlich/ulkig/frech/unverschämt/Quatsch/Horror…

     
  15. 7. Fotograf

    einfach nur frech …
    es gibt tausende “Rumhocker” mitte 20, welche den lieben langen Tag vor der Glotze liegen und nicht solche irrsinnigen Angebote bekommen( nee, vor 9 Uhr steh ich nicht auf – O-Ton in einer Fernsehsendung eines Arbeitslosen)
    Einen Menschen, der X Jahre in die Rentenkasse gezahlt hat, der “soll” Ersatzweise für “Schmarotzer” in die Wüste gejagt werden um dort Schwarzwälderkirsch zu backen…
    Hurra Deutschland…Sozialstaat(ja, wo laufen Sie denn?-der Sozialstaat ist für die Antisozialen ein Paradies)…für den Ehrenmann ein “Szenario”

     
  16. 6. J.R.

    lieber peterpan wenn es soweit kommt, nehme ich dich mit.

    gruss J:R:

     
  17. 5. Igname pilé

    Das ist schon so verrückt, dass man lachen möchte. Aber dahinter steckt nun wirklich die reale Entscheidung eines Menschens, der es tatsächlich für möglich hält, dass der Herr Ries sich in Arabien bewerben soll. Was da für ein Gefühl der Angst und Sorge ausgelöst wird, kann ich nur ahnen. Denn schliesslich gilt ja der Grundsatz, wer sich nicht bewirbt, muss mit Konsequenzen rechnen. Dass dies anscheinend für den verantwortlichen Sachbearbeiter zunächst als zumutbar erschien, finde ich bedenklich…

     
  18. 4. Insider

    Ich finde er sollte es auf ein Bewerbungsgespräch ankommen lassen. “Reisekosten” zu solchen Gesprächen übernimmt nämlich die Agentur. Vll kann er ja noch ein langes Wochenende auf Kos rausschlagen 🙂

     
  19. 3. peterpan

    Lieber Herr Ries.

    würde mich gerne anschließen. Das Wetter ist hier eh schlecht. Die Sonne täte mir auch mal wieder gut. würde mitreisen. Bitte um Antwort.

     
  20. 2. Beobachter

    Manch einen jungen Menschen würde dieses Angebot wohl freuen, dem “alten Herrn” gegenüber ist das eine Unverschämtheit. Das zeigt mal wieder den “Automatismus” bei den Behörden …

     
  21. 1. sandokan

    …nix für ungut… aber mir fällt da noch der ein oder andere Lehrer ( Ex- Lehrer) ein den man in die Wüste schicken sollte…