Jetzt sterben selbst die digitalen Medien: Lokalkompass wird eingestellt

Zeit zu gehen

Wer heute, Donnerstag, 26.03., die Seite Lokalkompass Kleve aufruft, findet zunächst in der Rubrik Blaulicht drei Unfallmeldungen, es folgen drei Politikmeldungen, allesamt von den Grünen, sodann wird ein Schnappschuss gezeigt („Heute im Forstgarten Kleve“), bevor die Kultur zum Zuge kommt mit der Besprechung eines Buchs über die Klever Stadtgeschichte, das vor acht Jahren erschienen ist. Schon diese Zufallszusammenstellung zeigt, das der Lokalkompass genau das war, wofür auch der antiquiert wirkende Name stand – eine Art digitaler Lokalzeitung.

Jeder, der etwas für mitteilenswert hielt, durfte sich anmelden und Berichte und/oder Fotos hochladen, und davon machten die Nutzer auch regen Gebrauch, denn der Lokalkompass hielt (digitalen) Raum für all das bereit, was bei den wirklichen Lokalzeitungen nicht mehr wirklich erwünscht war, weil es Arbeit machte, aber keine Klicks brachte. Protokolle der Jahreshauptversammlungen von Schützenvereinen, Berichte von Initiativgruppen über ihre Arbeit, Ankündigungen kultureller Ereignisse, all das fand im Lokalkompass einen verlässlichen Abnehmer, der im Gegenzug die Reichweite lieferte, die die Homepage des eigenen Vereins beispielsweise nicht hatte.

Der Lokalkompass, der digitale Nachfolger der „Käseblättchen“ aus der Funke Mediengruppe, war kostenlos, der Kompromiss war, dass die Nutzer Werbung über sich ergehen lassen mussten, allerdings vergleichsweise in behutsamer Dosierung – die Seite selbst vermeldet, dass ihr 2271 Personen folgen. Zu wenig! Offenbar hat sich selbst dieses schon sehr basale Geschäftsmodell nicht mehr so getragen, wie die Verlagsmanager es gerne gehabt hätten. Jedenfalls steht nur vor den Meldungen am Kopf der Seite eine Mitteilung mit der Überschrift: „Wir sagen Danke! Zeit, Abschied zu nehmen“.

Im Text heißt es: „Seit dem Start im Jahr 2010 haben rund 160.000 Bürgerreporter in Deutschlands größter Bürgerreporter-Community lokalkompass.de ihre digitale Heimat gefunden. Nun wird die Plattform zum 31.3.2026 leider aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Der Aufwand, um die Plattform gesetzeskonform zu betreiben, steigt von Jahr zu Jahr, die Einnahmen nicht in gleichem Maße. Hiervon unabhängig liegt unser Fokus weiter auf dem Kerngeschäft, den gedruckten Ausgaben, die Woche für Woche in einer Auflage von 1,7 Millionen Exemplaren an die Haushalte und Gewerbetreibenden im Kern von Nordrhein-Westfalen verteilt werden.“

Der Kreis Kleve gehört nicht zum Kern von Nordrhein-Westfalen, dort wird es also in diesem Segment nichts mehr bleiben (abgesehen natürlich von den Niederrhein Nachrichten, die jedoch nicht zur Funke Mediengruppe gehören). Die Nutzer werden in dem Artikel darauf hingewiesen, dass sie auch auf andere Plattformen (z. B. „Wir lieben…“) ausweichen können, doch bei den Plattformen ist der User natürlich nicht mehr Herr seiner eigenen Mitteilungen, sondern dem Algorithmus ausgeliefert, der darüber entscheidet, was in welcher Frequenz ausgespielt wird.

Selbst wenn der Lokalkompass nicht das wichtigste Objekt in der lokalen Medienlandschaft war, ist die Einstellung des Angebots doch ein betrüblicher Verlust, denn damit geht eine weitere Möglichkeit verloren, selbstbestimmt eine Öffentlichkeit zu schaffen. Schade!

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